Interview

5 spektakuläre Kielverluste: Der Welt-Seglerverband reagiert

Immer wieder verlieren Yachten ihren Kiel. Die Ursachen sind vielfältig. Der Welt-Seglerverband will Vorgaben verschärfen und mehr überwachen

Lars Bolle am 27.02.2018
Prodigy2 Kielverlust Baltrum Kähler Werft Hooksiel 2017 HPe_IMG_6178 - Kielabrisszone von unten - Bolzen ohne durchgehende Metallflächen im dünnen Laminat
Holger Peterson

Kielverluste sind selten. Doch sie passieren, sowohl bei Regatta- als auch bei Serienyachten – und dann häufig mit dramatischen Folgen. Erst am vergangenen Wochenende sind bei Fremantle/Australien zwei Segler gestorben, nachdem ihre Yacht in Winden um 25 Knoten gekentert ist. Dem Unglück war ein Kielverlust vorausgegangen. Weitere vier Fälle haben wir in der folgenden Galerie zusammengestellt.

Fotostrecke: Spektakuläre Kielverluste – eine Auswahl

Wegen dieser wiederholten Kielverluste hat der Welt-Seglerverband World Sailing eine Initiative ins Leben gerufen, die helfen soll, zunächst bei Regattayachten das Risiko eines solchen Unfalls zu verringern. Eine Expertengruppe erarbeitete Vorschläge, die bis zum Jahr 2020 als verpflichtende Vorgaben umgesetzt werden sollen. Als Berater wurde Hasso Hoffmeister vom DNV GL (ehemals Germanischer Lloyd) hinzugezogen.

Die YACHT sprach mit Hoffmeister über die Ursachen von Kielverlusten sowohl bei Fahrten- als auch bei Regattayachten, über die konkreten Ziele des Welt-Seglerverbandes und wie sich dessen Initiative auf das Fahrtensegeln auswirken könnte.

YACHT: Herr Hoffmeister, der Kiel einer Yacht darf nicht abfallen. Dennoch passiert es immer wieder. Was sind die Ursachen?
Hasso Hoffmeister: Dabei spielt einerseits die Handhabung der Yacht eine Rolle, also Grundberührungen, aber auch die Konstruktion und Fertigung, Alterung und mangelnde Wartung.

Hasso Hoffmeister Germanischer Llyod DNV-GL

Hasso Hoffmeister

Seit 1996 sind alle Freizeityachten, die in der Europäischen Union auf den Markt kommen, zertifizierungspflichtig. Sie müssen vielfältige ISO-Normen erfüllen, das gilt auch für die Kiele. Gerade Konstruktionsmängel dürfte es doch nicht geben, wenn eine Yacht zertifiziert wurde, beispielsweise von Ihnen.
Bei Yachten über zwölf Meter Länge wird diese Zertifizierung von einer Zertifizierungsstelle wie dem DNV GL durchgeführt, unterhalb dieser Größe findet eine Eigenzertifizierung statt, da gibt es keine Kontrolle von einer unabhängigen Stelle. Da bestätigt nur der Hersteller mit seiner Unterschrift, dass die Yacht der ISO-Norm entspricht.

Die Prüfung der größeren Yachten erfolgt zunächst nur anhand von Konstruktionsplänen.

Der Konstrukteur reicht bei uns Zeichnungen ein, in denen die Kielkonstruktion sowie dessen Befestigung am Rumpf mehr oder weniger gut beschrieben ist. Anhand dieser Pläne, vor allem der begleitenden Baubeschreibungen sehen wir auf den ersten Blick, ob sich ein Konstrukteur Gedanken gemacht hat, ob er besorgt ist, dass sein Plan auch wirklich wie vorgesehen realisiert wird oder eben nicht. Dann steht da vielleicht nur "Werftstandard".
Wir rechnen die Angaben am Computer nach, und wenn alles stimmt, bekommt die Zeichnung unseren Stempel. Ist das nicht der Fall, bekommt sie Anmerkungen, und dann muss entsprechend geändert werden. Zusätzlich findet noch eine stichprobenartige Bauaufsicht beim Prototypen statt, die aber im Vergleich zu einer Komplettzerti­fizierung eher rudimentär ist. Bei Regattayachten entfällt sogar diese, da wird also ausschließlich anhand von Zeichnungen geprüft.

Reicht dieses Verfahren aus?
Bei keiner von uns zertifizierten Yacht ist bisher ein Kiel abgefallen – was aber keine Garantie ist, dass es nicht trotzdem passieren kann. Wir prüfen ja nur das Strukturdesign.

Über die Ausführung in der Werft oder beim Produzenten des Kiels haben wir keine durchgehende Kontrolle, da wir nach dem Prototypen in der Serienproduktion nicht mehr involviert sind.

Das sind die Pläne des Welt-Seglerverbandes:

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Lars Bolle am 27.02.2018

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