Blauwasser-Blog

Vom Bodenseeboot zur Blauwasseryacht

Friederike und Martin Finkbeiner wollen um die Welt. Für sie ist es das erste Mal, er hat schon eine Runde hinter sich. Hier berichtet er über den (Neu-)Anfang

Martin Finkbeiner am 25.07.2018
Aracanga
Martin Finkbeiner

Wer einmal auf Langfahrt war, kennt das. Es ist ein Virus, für den es keine Genesung gibt außer weitermachen. Mir geht es ähnlich. 2010 bin ich als 25-Jähriger mit dem Boot meiner Eltern losgezogen, um binnen drei Jahren die Welt zu umsegeln. Und um danach "was Vernünftiges" zu machen.

Finkbeiners

Martin Finkbeiner will's noch einmal wissen. Nach seiner dreijährigen Weltumsegelung von 2010 bis 2013 hat er diesmal gemeinsam mit seiner Frau Friederike die Leinen losgeworfen

Fünf Jahre hat diese Vernunft angehalten – wobei mir schon lange vor der Heimkehr klar war, dass das Ende der einen Reise der Beginn neuer Planungen ist und "Vernunft" im landläufigen Sinne nicht meine Stärke ist.

Nach dem Törn ist vor dem Törn. Jetzt geht es wieder los, diesmal zusammen mit meiner Frau Friederike und mit deutlich kleinerem Boot.

Sommer 2016. Im Internet wird eine Segelyacht angeboten, die uns von den Bildern her zunächst nicht ganz überzeugt und auch nicht genau das ist, wonach wir suchen. Aber sie steht am Bodensee und somit nur eine Autostunde von uns entfernt. Darum vereinbaren wir trotzdem einen Besichtigungstermin.

Wir suchen nach einer kleinen Blauwasseryacht zwischen neun und zehn Meter Länge. Wir besichtigen ein Bodenseeboot ohne Wassertanks, Navigations- oder Sicherheitsausrüstung. Nicht einmal eine Bilgenpumpe gibt es. Aber: Die Yacht ist sehr solide gebaut, bringt die Grundanforderungen eines seegängigen Bootes mit und passt gut in unser Budget. Und, im Gegensatz zur Anzeige, sie gefällt uns dann doch sehr gut. Nach einer zweiten Besichtigung, in der wir die Kleine bis in jeden letzten Winkel inspizieren, ist klar: Das Boot wird gekauft und konsequent aus- und umgebaut.

Finkbeiners

Mit der Arbeit an ihrer "Aracanga" haben die Finkbeiners viele Stunden in der Bootshalle zugebracht

Der Umbau einer relativ "nackten" Yacht gibt uns den großen Vorteil, dass wir sie von Masttopp bis Kielsohle kennenlernen und wirklich nur das verbauen, was uns notwendig und sinnvoll erscheint. Und da die Erfahrung meiner ersten Weltumsegelung zeigt, dass alles, was kaputtgehen kann, auch irgendwann kaputtgeht und zu viel Technik und Elektronik nicht unbedingt ein Plus an Sicherheit bedeuten muss, konzentrieren wir uns auf das Wesentliche: nur Hand- und Fußpumpen (abgesehen von einer elektrischen Bilgenpumpe), keine aufwendige Elektronik, solide neue Segel, Stagen und Wanten, ein griffiger Decksbelag, eine Aries-Windfahnensteuerung, ein Langzeit-Antifouling, das die nächsten zehn Jahre halten sollte, und ein leicht überdimensioniertes Ankergeschirr.

Aracanga

Geschafft, die "Aracanga" kommt ins Wasser. Die Reise beginnt

Um unser Budget nicht über die Maßen zu strapazieren, versuchen wir, wo möglich gebraucht einzukaufen und speichern wichtige Ausrüstungsgegenstände als Suchaufträge in Onlineplattformen, was uns mehrere tausend Euro gespart hat. Das Boot mitsamt der gesamten Ausrüstung hat somit nur ca. 20.000 Euro gekostet, wobei wir an essentiellen Dingen wie der gesamten Sicherheitsausrüstung oder dem stehenden Gut nicht geknausert haben. Hier haben wir sämtliche Ausgaben für das Boot aufgelistet.

Wir sind keine Großverdiener und haben auch nicht fett geerbt.

Wir planen die Segelreise nach unseren finanziellen Mitteln und halten die Kosten im Rahmen. Ganz nach dem Motto: "Keep it simple". Die letzten Jahre haben wir alles auf die Seite gelegt und konsequent auf teure Hobbys, Ausgehen und Shopping verzichtet. Ein Gehalt sparen wir, vom anderen leben wir und decken die laufenden Ausbaukosten. Zwei Jahre nach dem Kauf des Bootes wollten wir in See stechen. Jetzt ist es zwei Jahre später.

Zeit- und Routenplanung sind noch offen und flexibel.

Im Winter soll es über den Atlantik gehen, aber bis dorthin und ab dort steht alles offen. Die Erfahrung zeigt, dass die spontanen Abstecher meist die schönsten sind und eine zu detaillierte Routenplanung manch schönes Erlebnis verhindert und manch interessantes Revier, das man vielleicht gar nicht auf dem Schirm hat, vorenthält.

Wobei, der erste Monat der Reise ist sehr genau festgelegt, denn es geht nur ein in eine Richtung: binnen mit gelegtem Mast auf den Kanälen und Flüssen durch Frankreich ins Mittelmeer. Für die weitere Routenplanung haben wir ein sehr einfaches Motto, das sich auch auf der letzten Reise bewährt hat:

Wir möchten in erster Linie dorthin segeln, wo wenige andere hinsegeln.

Das sind meist Plätze, an denen es wenig Infrastruktur für Segler gibt. Auf diese Weise habe ich Orte wie die Osterinsel, Pitcairn oder Mikronesien kennengelernt. Man kann es auch vereinfacht ausdrücken: Orte, an denen es kein W-Lan gibt. W-Lan heißt teure Marinas und Internetcafés, viele Segler und Touristen statt Einheimische, Smartphone statt echtem Beisammensein.

Kein W-Lan heißt traditionelle Feste mit den Locals, einladen und eingeladen werden und Snailmail statt E-Mail. In Mikronesien habe ich kaum eine Insel ohne Briefe für die Nachbarinsel verlassen und somit an jedem Ort sofort neue Freunde kennengelernt. Es gibt nichts Schöneres, als zu traditionellen Feiern und Essen eingeladen zu werden und im Gegenzug zu Käsespätzle oder Semmelknödel an Bord zu bitten. Viele Menschen planen ihre Reisen nach den Hotspots dieser Welt und bringen sich selbst um die schönsten Erlebnisse.

In einem halben Jahr in der Inselwelt Mikronesiens bin ich drei anderen Yachten begegnet, in einer Woche Tahiti 300.

Das Boot ist abfahrtbereit. Viel Arbeit steckt darin. Optisch und technisch erinnert wenig an das Bodenseeboot von vor zwei Jahren. Auch wir sind bereit. Trotzdem, ein Abschied für so lange Zeit ist mit einem lachenden und einem weinenden Auge verbunden, und beim Beginn des großen Abenteuers liegt neben großer Vorfreude auch ein bisschen Wehmut in der Luft.

Ahoi.blog

Martin Finkbeiner am 25.07.2018

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