Blauwasser-Blog

Viel Wind, wenig Wind – und eine lange To-do-Liste

Friederike und Martin Finkbeiner sind seit Juli unterwegs. Nach teils mühsamer Überfahrt haben sie die Kanaren erreicht – und dort eine Menge zu tun

Martin Finkbeiner am 28.11.2018
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M. Finkbeiner

Zunächst ging es für die Finkbeiners vom Bodensee beziehungsweise dem Rhein über die französischen Kanäle bis Marseille – davon mangels Wasser in den Kanälen ein gutes Stück auch per Lkw über Land – und dann weiter übers Mittelmeer nach Gibraltar. Während die klassische Route weiter über Madeira auf die kanarischen Inseln führen würde, segelten die beiden entlang der marokkanischen Küste weiter nach Süden. Von der afrikanischen Atlantikküste ging es schließlich hinüber zu den Kanaren. Hier ihr aktueller Bericht:

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Die "Aracanga" (rotes Boot) im Ankerfeld vor La Graciosa

Die "Aracanga" hat ihre erste längere Überfahrt hinter sich: 520 Seemeilen von Rabat in Marokko auf die kleine Kanareninsel La Graciosa. Das kleine, rote Boot hat sich, auch wenn es zeitweise eine schaukelige Angelegenheit war, selbst bei Starkwind bestens bewährt. Nach inzwischen einem guten Monat auf den östlichen Kanarischen Inseln werden dieser Tage wieder die Segel gesetzt. Das nächste Ziel heißt Kapverden und liegt 800 Seemeilen im Süden. Doch zurück zu den vergangenen vier Wochen.

Die Kanaren sind ein "Arbeitsstopp" für uns. Auf dem äußersten Vorposten Europas findet man beste Versorgungsmöglichkeiten, sowohl was Lebensmittel als auch Ausrüstungs- und Ersatzteile angeht. So hat die "Aracanga" jetzt nicht nur einen neuen Bügelanker, auch das AIS funktioniert wieder, und am Heck hängt ein brandneues, kleines Dingi.

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Riggcheck

Der Anker ist nicht wirklich neu, den haben wir gebraucht in Las Palmas di Gran Canaria gefunden. Unser 20-kg-Bruceanker, der bisher unseren Bugbeschlag ziert, wird jetzt zum Zweitanker degradiert. Der Bügelanker hat den weiteren Vorteil, dass er aufgrund des spitzen Winkels zwischen Fluke und Schaft deutlich besser im Bugbeschlag sitzt und, wenn der Bug von oben in eine Welle eintaucht, kein Spiel hat.

Erst-, Zweit- und Drittanker

Und unser Plattenanker – na ja, der wird jetzt wohl zum Drittanker. Die Erfahrung zeigt, dass es nicht verkehrt ist, mehrere Anker auch als Ersatz an Bord zu haben. Bei meiner Weltumsegelung von 2010 bis 2013 war der Schaft des Hauptankers nach einer Woche auf der Osterinsel um 90 Grad verbogen, und den Zweitanker mussten wir – mitsamt 100 Meter Kette – vor Pitcairn kappen.

Glücklicherweise haben wir ihn damals wieder zurückbekommen, sonst wären wir ohne Anker und ohne Kette durch den Südpazifik unterwegs gewesen. So etwas passiert uns diesmal nicht. Neben 60 Meter Kette haben wir 40 Meter Bleileine sowie eine 120 Meter lange 25-mm-Schlepp- oder Ankertrosse an Bord.

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Kopfüber den Motor warten

Was sich nicht bewährt hat, ist unser Beiboot. Das einzig Positive daran ist seine Farbe – gelb. Ansonsten haben wir uns vor der Abfahrt leider vom Preis blenden lassen. Ich kann jedem, der für längere Zeit segelnd unterwegs sein möchte, nur raten, ein solides Dingi mitzunehmen. Da wir die verbleibende Lebenserwartung unseres Beiboots eher in Wochen als in Monaten vermuten und an unseren nächsten geplanten Zielen – Kapverden, Senegal, Gambia und dann Brasilien, Französisch-Guyana und Surinam – nicht davon ausgehen, Ersatz zu bekommen, haben wir in den sauren Apfel gebissen und uns hier ein Beiboot gekauft, das unseren Anforderungen entspricht.

Unsere Anforderungen an ein Dingi:

– Aufblasbarer Boden und Kiel wegen der besseren Fahreigenschaften als bei einem Lattenboden und des geringeren Packmaßes als bei einem Festboden.

– 2 bis 2,5 Meter Länge, sodass wir es zusammengerollt noch in die Backskiste bekommen.

-– Großer Schlauchdurchmesser, sodass man auch einen Großeinkauf unterbringt, ohne unterzugehen.

– Robustes Material und gute Verarbeitung.

– Trotzdem sollte es noch irgendwie bezahlbar bleiben.

Mal sehen, ob wir eine gute Wahl getroffen haben, fürs Erste sind wir jedenfalls sehr glücklich mit unserem neuen Beiboot. Außer mit der Farbe – Grau ist halt doch sehr langweilig.

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Das alte, gelbe und das neue, graue Dingi

Ansonsten hatten wir eine ganze To-do-Liste hier auf den Kanaren abzuarbeiten, und zum ersten Mal seit Beginn der Reise ist jeder Punkt auf dieser Liste abgestrichen: Unser defektes aktives AIS ist ausgetauscht und funktioniert wieder, die Maschine ist gewartet, was einige akrobatische Einlagen kopfüber in der Backskiste erfordert hat, das Rigg ist gecheckt und viel Kleinkram erledigt.

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Die fast komplett abgehakte To-do-Liste

Wobei so manche "Kleinigkeit", wie zum Beispiel eine 12-Volt- und USB-Dose unter die Sprayhood zu legen, sich als sehr zeitintensiv entpuppt und einen ganzen Tag in Anspruch nimmt – mitsamt dem zweimaligen Ein- und Ausräumen sämtlicher Lebensmittelvorräte und der damit verbundenen totalen Verwüstung der zuvor so schön aufgeräumten Kajüte.

Eine Woche Urlaub auf Graciosa

Von den Kanaren gibt es Cruising Guides, "Geheimtipps" und Revierinformationen in großer Zahl. Daher lassen wir das hier außen vor und beschränken uns darauf, unseren "Lieblingsplatz" als "Geheimtipp" anzupreisen: die Insel "La Graciosa" ganz im Nordosten mit seiner wunderschönen Ankerbucht direkt unter dem Vulkankegel. Fünf Nächte liegen wir hier vor Anker bei bis zu 35 Knoten Wind und lassen die Seele baumeln.

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La Graciosa vom Ankerplatz aus gesehen

Für La Graciosa benötigt man ein spezielles Permit, das aber in unserem Fall nie kontrolliert wurde. Wir haben es zwar beantragt, aber keine Antwort darauf erhalten und auch niemanden getroffen, dessen Antrag beantwortet wurde.

Um nach La Graciosa zu gelangen, müssen wir zunächst ein kleines Stück Atlantik überqueren, für die "Aracanga" und für Riki die bislang längste Überfahrt.

Genau eine Woche benötigen wir für die 500 Seemeilen von Marokko auf die Kanaren. Nicht gerade ein Geschwindigkeitsrekord, aber einen großen Teil der Zeit verbringen wir damit, uns bei sehr wenig Wind mit Schneckentempo nach Süden zu bewegen. Den restlichen, kleineren Teil der Zeit frischt der Wind ordentlich auf und sorgt mit 30 Knoten – in Böen bis zu 40 Knoten – für ruppige Segelbedingungen.

Andere Boote legen dieselbe Strecke in nur drei Nächten zurück, allerdings in erster Linie unter Maschine. Wir bemühen die Maschine nur zum Ablegen und zum Ankern, ansonsten sind wir ausschließlich unter Segeln unterwegs.

Abschied von Marokko

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Friederike und Martin Finkbeiner

Los geht es an einem Samstag in Rabat bei wenig Wind. Das Ausklarieren nimmt einige Zeit in Anspruch, denn nachdem der Hafen wegen der hohen Welle mehrere Tage gesperrt war, möchte jeder das gute Wetter nutzen, um weiterzusegeln. Zoll und Grenzpolizei sind mit dem ungewohnt hohen Arbeitspensum sichtlich gefordert. Um 11 Uhr wollen wir ablegen und pünktlich mit der Flut aus dem Fluss Bou Regreg raus aufs Meer segeln. Das Boot ist bereit, die letzten marokkanischen Dirham in Schokoriegel für die Nachtwachen investiert und die Crew voller Vorfreude, endlich wieder Segel zu setzen. Nur am Zollsteg geht nichts voran. Schließlich ist es 14 Uhr, bis endlich unsere Pässe gestempelt und jedes Dokument mit drei Durchschlägen, Stempeln und Unterschriften versehen ist. Ordnung muss sein...

Vor uns das Lotsenboot und hinter uns unsere Freunde vom "Streuner", geht es dann die eine Seemeile den Fluss hinunter und zwischen den Molenköpfen hindurch auf den Atlantik. In der Flussmündung steht noch immer eine beachtliche Welle von knapp zwei Metern, die sich allerdings nicht mehr bricht und somit noch beeindruckend, aber nicht mehr gefährlich für uns ist.

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Die "Aracanga" unterwegs

Vom "Streuner" sehen wir teilweise nur noch die obere Hälfte vom Mast, der Rest des Bootes scheint wie von den Wellenbergen verschluckt. Nach einer halben Stunde unter Maschine, um der Brandung und den Fischerbooten am Ufer zu entgehen, werden dann Segel gesetzt und zunächst Kurs nach Südwest abgesetzt. Bis zum Abend wollten wir etwas Abstand zum Ufer gewinnen, da die meisten Fischerboote innerhalb der 100-Meter-Tiefenlinie unterwegs sind.

Trotzdem entpuppt sich die erste Nacht als Zick-Zack-Fahrt zwischen Fischerbooten, außerhalb der 100-Meter-Tiefe findet man zwar kaum mehr kleine Fischerboote, dafür sind dort die deutlich größeren Trawler unterwegs, die uns einige Nerven kosten.

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Die "Aracanga" auf See

Die Nachtwachen an Bord teilen wir so auf, dass jeder sieben Stunden wach ist und sieben Stunden schlafen kann. Die erste Wache geht von 19 bis 02 Uhr und die zweite Wache von 02 bis 09 Uhr morgens. Das ist zwar, verglichen mit den sonst üblichen Drei- oder Vier-Stunden-Schichten, ungewöhnlich lang, allerdings wird man dafür nur einmal aus dem Schlaf gerissen. Für uns hat sich dieser lange Wachrhythmus als sehr gut erwiesen.

Abgesehen von zwei Tagen und Nächten haben wir ruhiges Wetter und sind sehr langsam unterwegs, meist mit Geschwindigkeiten zwischen einem und drei Knoten. Entlang der Küste Afrikas ist viel Schiffsverkehr. Jeden Tag und jede Nacht sehen wir andere Schiffe, meist große Frachter auf dem Weg vom Kap der Guten Hoffnung nach Europa oder andersrum.

Bestimmungsbücher für Wale, Seevögel und Haie

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Die "Aracanga" zwischen den Kanarischen Inseln

Delfine sichten wir auf dieser Überfahrt kaum, dafür haben wir zwei Begegnungen mit Walen. Eine Schule von ca. zehn Zwergwalen, die so groß wie unser Boot werden können, ist neugierig und kommt ziemlich nah ran. Die Tiere begleiten uns ca. eine Minute, bevor sie wieder abtauchen. Zwergwale sind die kleinsten und am weitesten verbeitesten Furchenwale und ernähren sich ausschließlich von Plankton. Vor der Abfahrt haben wir uns drei Bestimmungsbücher gekauft, für Wale und Delfine, für Seevögel und für Fische und Haie. Die drei Bücher haben sich schon jetzt als Gold wert erwiesen.

Wind und Wetter kann man entweder in Beaufort und Wellenhöhe messen, oder aber in kulinarischen Abstufungen: Es gibt Gourmetwetter, Warme-Küche-Wetter, Konservenwetter und Kalte-Küche-Wetter. Wir haben fünf Tage Gourmet- und Warme-Küche-Wetter, einen Tag Konservenwetter und einen Tag Kalte-Küche-Wetter.

Gourmetwettertage sind die Tage, an denen es zum frisch gekochten Essen noch einen Salat oder eine Nachspeise oder frisch gefangenen Fisch gibt. An Warme-Küche-Wetter-Tagen kann man noch gut kochen, es werden allerdings keine Experimente mehr gemacht. An solchen Tagen stehen Spaghetti mit Tomatensauce, Couscous mit Gemüse oder Kartoffeln auf dem Speiseplan.

Konservenwetter ist selbsterklärend, es gibt entweder die aufgewärmten Reste vom Vortag oder eben Fertiggerichte, mit etwas Glück gibt es noch selbst Eingekochtes. An Kalte-Küche-Tagen werden die eisernen Reserven an Knäckebrot, Zwieback und Pumpernickel angegriffen. Letzteres haben wir auf dieser Überfahrt für ca. 24 Stunden.

Konservenwetter in der Nacht

In der ersten Nachthälfte ist noch angenehmes Segelwetter, gegen drei Uhr morgens nimmt der Wind von 10 auf 30 Knoten zu und dreht natürlich auf die Nase. Also ist Reffen angesagt, die große Genua wird gegen die kleine Fock getauscht und das Großsegel ins zweite Reff gebunden.

Als der Wind am Morgen noch einmal auf ca. 35 Knoten zulegt und in Böen bis zu 40 Knoten drin sind, nehmen wir auch die Fock weg und sind nur unter doppelt gerefftem Großsegel weiter hart am Wind nach Südwest unterwegs. Viele Wellen kommen über Deck, und blöderweise findet das Salzwasser den Weg durch die Dichtung des Vorluks nach unten. Halb so schlimm, während der Überfahrten schlafen wir sowieso in der Hundekoje, da es dort deutlich ruhiger ist als im Bug. Die To-do-Liste für die Kanaren wird um einen Punkt erweitert: Luk abdichten.

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Ankern im Hafen von Las Palmas di Gran Canaria

Genau eine Woche nach unserem Start in Rabat tauchen im Morgengrauen die Inseln Alegranza, Graciosa und Lanzarote vor uns auf, und ein paar Stunden später ist der Anker in besagter, wunderschöner Bucht in der schmalen Straße zwischen Graciosa und Lanzarote fest.

Unser Cruising Guide "Atlantic Islands" sagt über die Insel: "When you arrive at Graciosa, you can take off your shoes and forget the world."

Vor uns liegt ein wunderschöner Sandstrand und ein roter Vulkan. Auf der Insel gibt es keine befestigten Straßen und nur eine kleine Ortschaft. Am Abend, kurz nach Einbruch der Dunkelheit, kommen auch unsere Freunde Karin und André vom "Streuner" an und ankern, unterstützt von unserem großen Suchscheinwerfer, wenige Meter neben uns.

Weitere Infos, Bilder und Artikel zur Reise der „Aracanga“ unter Ahoi.blog.

Martin Finkbeiner am 28.11.2018

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