Blauwasser-Blog

Besser spät als nie: nach 37 Jahren zum ersten Mal am Meer

Nach fast 40 Jahren am Bodensee hat die "Aracanga" von Friederike und Martin Finkbeiner erstmals Salzwasser unterm Kiel. Von Südfrankreich geht es gen Gibraltar

Martin Finkbeiner am 21.09.2018
Arcacanga im Mittelmeer
M. Finkbeiner

"Aracanga" im Mittelmeer

Es ist bald Ende September, und wir liegen seit kurzem in La Linea, Gibraltar. Ein Auge sieht ständig in den Himmel, das andere auf die Wind- und Wettervorhersagen. So langsam zieht der Herbst auf, und gefühlt ist es an der Zeit, das Mittelmeer hinter uns zu lassen und in den Atlantik zu segeln.

Die schier unüberschaubare Anzahl kostenloser und kostenpflichtiger Windapps und Wetter-Webseiten macht die Entscheidung des Auslaufens nicht einfacher. Es ist schwer, ein klares Bild der aktuellen Wettersituation zu bekommen, da sich die Vorhersagemodelle selten decken.

Arcacanga im Mittelmeer

Die "Aracanga" vor Anker

Das Mittelmeer mit seinen massiven, begrenzenden Landmassen und den vielen lokalen Wetter- und Windphänomenen lässt eine Prognose kaum zu, zu vielfältig sind die Einflüsse von allen Seiten. Wir haben das Gefühl und die Erfahrung gemacht, dass jede Vorhersage, die über 24 Stunden hinausgeht, mit Vorsicht zu genießen.

Und wir werden immer wieder daran erinnert, dass ein Blick in den Himmel manchmal mehr verrät als der aufs Smartphone.

Nicht umsonst sagen viele Weltumsegler, dass ihre anspruchsvollsten Etappen die durch das Mittelmeer waren.

Unser erster Stopp im Mittelmeer ist Mallorca. Die Balearen sind von zu Hause per Flieger gut und günstig zu erreichen. Somit bekommen wir hier noch einmal Besuch von Freunden und Familie und genießen die gemeinsame Zeit. Für uns heißt Besuch natürlich auch, auf Termin zu segeln – beziehungsweise zu motoren, denn auf der Überfahrt von Port St. Louis auf die Inseln haben wir über den großen Teil der Strecke nur wenig oder gar keinen Wind.

Ein befreundeter Segler hat mir einmal gesagt, wenn du Besuch erwartest, darfst du nie sowohl Ort als auch Zeit von vornherein festlegen. Ansonsten läufst du Gefahr, auch bei Sturm oder Flaute auszulaufen.

Leichter gesagt als getan. Also bekommt unsere Maschine nach der Kanalfahrt durch Frankreich wieder einmal die Chance, uns von ihrer Zuverlässigkeit zu überzeugen. Sanftes Plätschern am Rumpf wechselt sich mit dem Dröhnen des Motor ab, und drei Nächte und knapp vier Tage später ist der Anker fest im sandigen Grund von Port de Sóller eingegraben.

Die nächsten Tage ziehen ganz entspannt vorbei. Obwohl wir zu diesem Zeitpunkt erst seit etwas über einem Monat unterwegs sind, ist es schön, Zeit mit Freunden und Familie zu verbringen. Unser dreijähriger Neffe wäre am liebsten gleich an Bord eingezogen: "Boah, ihr habt sogar ein Kinderklo!" Die Pumptoilette im Kindergartenformat hat es ihm besonders angetan.

Arcacanga im Mittelmeer

"Arcacanga" vor den Islas Iletas

In zwei Etappen segeln wir gemeinsam nach Westen um die Insel bis Palma, wo wieder einmal Abschiednehmen angesagt ist. Wieder zu zweit geht es weiter in die benachbarte Ankerbucht bei den Islas Ilettas, um ein gutes Wetterfenster für die Tour nach Cartagena abzuwarten.

Über die Balearen wurde schon so viel geschrieben, dass wir uns darauf beschränken, die Inseln mit ihren beeindruckenden Felsformationen, schönen Stränden, glasklarem Wasser und der mediterranen Küche jedem als Törnziel zu empfehlen. Einzige Einschränkung: Wenn möglich, sollte man in der Vor- oder Nachsaison kommen, denn im August ist das Ballermann-Feeling in fast jeder Ankerbucht inklusive.

Heißer Ritt von Mallorca nach Cartagena

Die zweite Überfahrt, von den Balearen nach Cartagena, ist das Kontrastprogramm zur vorhergegangenen Tour. Die Grib-Files hatten Recht mit der Windrichtung; was Windstärke und Welle angeht, lagen sie allerdings weit daneben. Zwar hat die Welle nur etwas über zwei Meter, aber die sehr kurze Frequenz schüttelt uns ordentlich durch. Dazu 30 Knoten Wind – zwar noch lange kein Sturm, aber zumindest Kalte-Küche-Wetter.

Los geht es mit voller Besegelung, aber kurz darauf rollen wir die Genau weg und setzen stattdessen unsere Stagreiterfock. Dann wird das Groß gerefft, erst ein-, dann zweifach. Am Schluss bleibt für den Rest der Überfahrt nur noch die Fock stehen.

Es war auf jeden Fall die richtige Entscheidung, vor der Reise unser Rigg so zu modifizieren, dass die Rollgenua auf den neuen Bugspriet wandert und am Bugbeschlag eine stabile, reffbare Stagreiterfock seine Dienste tut.

Die Logge zeigt, abgesehen von ein paar kurzen, gewittrigen Flauten, selten unter fünf Knoten an und kratzt regelmäßig am zweistelligen Bereich, max. Speed: 9,8 Knoten. Nicht schlecht für unsere 30 Fuß.

Wenn man der Überfahrt etwas Positives abgewinnen möchte, dann, dass sie das Vertrauen in unser kleines Boot bestätigt und kein Tropfen Salzwasser seinen Weg ins Cockpit gefunden hat. Mit zwei Tagen und Nächten war das keine lange Überfahrt, aber wir sind k. o. und froh, als die Leinen in Cartagena fest sind.

Arcacanga im Mittelmeer

Martin Finkbeiner auf seiner "Arcacanga" auf dem Weg von den Balearen nach Cartagena

Cartagena ist eine tolle, geschichtsträchtige Stadt. Sie wurde vom karthagischen Feldherren Hasdrubal, dem Vater des in Rom gefürchteten Hannibals, gegründet und beheimatet seit Jahrtausenden Handels- und Kriegsschiffe aller seefahrenden Mittelmeervölker. Cartagena ist bis heute ein wichtiger Seehafen und für uns der erste, in dem wir auf einige andere Langfahrtsegler treffen. Manche sind hier, um hier zu überwintern, andere wie wir auf dem Weg in Richtung Atlantik.

Arcacanga im Mittelmeer

Häuserfassade in Cartagena

Vom Hafen ins Zentrum sind es keine fünf Minuten. Die Stadt ist bunt und schön, und ein Bier mit einer Tapas dazu kostet 2 Euro, ein Cappuccino 1,50. Was will man mehr? An vielen Häusern sieht man, dass die alten Fassaden mit großem Aufwand erhalten werden und dahinter Wand an Wand neue Häuser entstehen. Die Mischung aus richtig alten, langsam verfallenden Fassaden, neu renovierten Häuserfronten und mancher Bausünde mit gut gemachten Graffitis dazwischen verleiht Cartagena einen tollen Charme. Mittendrin findet man die römischen Ausgrabungen mit einem beeindruckenden alten Theater, für dessen Freilegung der ein oder andere Häuserblock weichen musste.

Der Herbst treibt uns Richtung Gibraltar

Auch wenn man es hier und in den nahe gelegenen Ankerbuchten gut und gerne länger aushalten könnte, für uns ist es an der Zeit, das Mittelmeer vor dem Herbst zu verlassen und in Richtung Gibraltar aufzubrechen. Es war entspannend, ein paar Tage in der Marina zu liegen, gerade nach der ungemütlichen Überfahrt von Mallorca hier her. Aber wir spüren auch, dass wir im Hafen schnell gemütlich werden.

Es ist wenig verwunderlich, dass man in fast jedem Hafen jemanden findet, der seit Jahren jeden Tag aufs Neue morgen lossegeln möchte.

Nächste Überfahrt, erneut ein Kontrastprogramm: schönes Raumwindsegeln bei 15 bis 20 Knoten, mehr Dünung als Welle, zwar noch hoch, aber deutlich länger und angenehmer. Nur um das Cabo de Gata – das Kap, bevor man in den Alboran und somit den westlichsten Teil des Mittelmeers segelt – ist es etwas ungemütlich. Aber das ist hier auch selten anders zu erwarten.

Arcacanga im Mittelmeer

Besuch von Delphinen

Fast die komplette Überfahrt werden wir von Delphinen begleitet, die oft mit unserer Bugwelle spielen und nachts lange, glitzernde Spuren von Meeresleuchten hinter sich her ziehen. Auch eine Schule Grindwale zieht nicht weit von unserem Boot entfernt seine Bahn durchs Meer.

Gegen Ende der dreitägigen Überfahrt erwischt uns dann die Flaute. Für die letzten Meilen darf wieder einmal der Diesel ran. Bei entspannter Marschfahrt schieben die zehn PS unsere etwas über vier Tonnen schwere "Aracanga" mit 4,5 Knoten und einem Verbrauch von knapp über einem halben Liter die Stunde an.

Ständiges Thema auf der Fahrt durch das Alboranmeer sind die von Marokko kommenden Flüchtlingsboote. Einmal die Stunde wird man durch einen Pan-Pan-Ruf auf Kanal 16 dazu angehalten, besonders aufmerksam zu sein.

Während bei uns über Obergrenzen und Quoten diskutiert werden, sterben hier draußen jeden Tag Menschen.

Arcacanga im Mittelmeer

Treibende Rettungsweste im Mittelmeer

Wir haben zwar keine Boote gesichtet, aber eine auf dem Wasser treibende, leere Schwimmweste hat uns wie ein Mahnmal das Elend vor Augen geführt, das wir mit unseren tollen Segelyachten, vollgestopft mit PLBs, Epirbs und Rettungsinseln, gar nicht nachvollziehen können. Ob sinkende Segelyacht oder Flüchtlingsboot in Not – Hilfe zu leisten ist zu Recht das oberste Gebot guter Seemannschaft.

Der Unterschied ist, dass man im einen Fall bei unterlassener Hilfeleistung vor Gericht landet und im anderen Fall bei Hilfeleistung Gefahr läuft, als Schlepper verurteilt zu werden...

Am Ausgang des Mittelmeers

Gegen 1 Uhr in der Früh sehen wir dann bei dunstigem Wetter und schwachem Mondschein Gibraltar. Gigantisch ragt der 426 Meter hohe Felsen wie ein verlorener Hinkelstein in die Höhe. Leider ist die Freude nur kurz, denn eine halbe Stunde später sehen wir gar nichts mehr, nicht einmal den Bug unseres Bootes. Dichter Nebel und Dutzende Tanker und Frachter um uns herum sorgen für eine gespenstische Stimmung und den Entschluss, unser passives AIS einzutauschen und uns doch noch ein aktives Pendant zu gönnen.

Arcacanga im Mittelmeer

Gibraltar

Eine knappe Stunde später lichtet sich der Nebel, und um fünf Uhr morgens schaukelt die "Aracanga" sanft im Hafen von La Linea auf der spanischen Seite von Gibraltar. Auf der britischen Seite hat man uns trotz freier Liegeplätze eine Stunde vorher während des Anlegens weggeschickt: "Wir sind ausgebucht." Es klang aber eher nach "Euer Boot ist zu klein".

Ein paar Tage werden wir nun in Gibraltar bleiben, bevor dann das nächste Abenteuer ansteht: der Atlantik. Je nach Wind und Wetter möchten wir an der marokkanischen Küste den ein- oder anderen Stopp einlegen und via Gambia auf die Kapverden segeln, um von dort aus dann im Dezember oder Januar den Sprung über den Atlantik zu wagen.

Weitere Infos, Bilder und Artikel zur Reise der „Aracanga“ unter Ahoi.blog

Martin Finkbeiner am 21.09.2018
YACHT Leserumfrage 2018

Fotostrecken

Neueste Downloads

Yachttests


Reise-Reportagen


Ausrüstung


Gebrauchtboottests


Neue Videos


Aktuelle Artikel bei YACHT online