Patagonien, Chile

Zu Besuch beim eisigen Papst

Die Crew der "Iron Lady" hat auf ihrem Kurs durch die Kanäle Patagoniens und Feuerlands den gewaltigen Gletscher Pius XI. angesteuert

Michael Wnuk am 18.04.2012
"Iron Lady"

"Iron Lady" am Gletscher Pius XI

„Hast du das gesehen?“ Pause. „Wow! Das war was!“ O-Ton Maya. Wir sitzen im Dingi, und keine hundert Meter vor uns kalbt der Gletscher. Eine riesige Wand Eis stürzt ins Wasser. Die Kamera läuft. Unvergessliche Momentaufnahmen. Unvergessliche Erfahrungen für eine Sechsjährige. Auch mein Herz macht einen Sprung.

Wir haben den Gletscher Pius XI. im Zentrum der patagonischen Kanäle erreicht. Glück, wir haben richtig Glück gehabt. Der Weg durch den Seno Eyre mit ordentlich Gegenwind, 20 Meilen gegen eine und noch eine und noch eine Regenfront schafft uns ordentlich. Doch es lohnt sich.

Am folgenden Tag lichtet sich der Himmel. Erst spärlich, dann offenherzig zeigt er sich, die Sonne gibt uns das hier seltene Licht, um diesen beeindruckenden Gletscher zu erfahren. Die 50 Meter hohe, drei Meilen lange Gletscherfront mit dem kalbenden Eis zeigt uns ihre ganze Schönheit.

„Du musst zum Pius XI.! Mit deinen Kindern. Du musst warten, bis du Sonne bekommst. Das sind unvergessliche Momente für deine Kinder!“, der französischen Chartersegler Jean Pierre steht vor nicht mal vier Wochen, schon etwas angeheitert, im Pub Dublin neben mir an der Bar. „Du musst dahin.“

Fotostrecke: "Iron Lady" im Eis

Am Morgen verlassen wir die Caleta (Bucht) Kletterbaum. Wir haben mal wieder einer Bucht, einem selbstgefundenen Ankerplatz, mit zwei Landleinen, einen eigenen Namen gegeben, weil die Kinder die Bäume so toll zum Klettern fanden. Die Einsamkeit, der ständige Regen ist anstrengend, die Nächte in der Nähe der Gletscher sind eisig, und literweise sammelt sich das Kondenswasser der Nacht von vier schlafenden Körpern in der Bilge.

Wir haben ein Problem mit Schimmel, wir bekommen die Feuchtigkeit nicht aus dem Boot. Gut, dass wir viel Motoren müssen, denn dann läuft wenigstens die ganze Zeit die Motorheizung. Wir wussten, dass die Feuchtigkeit ein Problem sein wird, aber nicht in dem Maße.

Den Bug voraus, schiebt sich die "Lady" langsam dem Gletscher entgegen, das rote Dingi ziehen wir hinter uns her. Langsam tasten wir uns vor, bis an die Gletscherwand. Nathalie sitzt mit Lena im Dingi und fotografiert: Maya und ich im Cockpit unter Segeln.

Plötzlich segeln wir nicht mehr weiter. Karten gibt es dreißig Meter vor der Eiswand nicht mehr, aber die klebrige Masse von Steinschlamm, den der Gletscher vor sich herschiebt. Aus lauter Faszination vor der Gletscherwand vergessen Maya und ich das Echolot. „Ein Meter, Papa! Ein Meter!“ Shit, wir sitzen fest, sind doch etwas zu nah rangesegelt. Maya fängt an panisch zu kreischen. Ich rufe Nathalie. „Los, drück uns mit dem Dingi hier raus.“ Die Segel drücken uns weiter in den Schlamm. Es ist Hochwasser. Nicht dass wir hier nicht mehr rauskommen. Mit Vollgas zurück dauert es einige Minuten, bis sich 11 Tonnen Stahl wieder in die richtige Richtung bewegen. Wir holen die Segel runter und atmen auf, als wir wieder im tiefen Wasser sind. Konnte ja auch keiner wissen, dass die Kante des Schlamms in nur ein paar Sekunden von 12 auf 1 Meter ansteigt.

In einiger Entfernung ankern wir vor dem Gletscher. „Schau mal aus dem Fenster. Hast du schon mal so einen Ausblick beim Kochen gehabt?“ Wir trinken Rumpunsch mit Eis aus dem Wasser, Maya und Lena Orangensaft. So hatten wir uns das nur in den entferntesten Träumen vorgestellt. Nach dem Dauerregen der letzten Woche seit Puerto Natales, dem winterlichen Gegenwind und den Strapazen der letzten Meilen, solch ein Sonnenloch geschenkt zu bekommen.

Nach dem Mittagessen trauen wir uns noch einmal an die Gletscherwand. Der Gletscher kalbt, ohrenbetäubend fallen Tonnen von Eis ins Wasser, die "Lady" mitten drin. Die Endorphine steigen, wir in den Mast, auf den Bug, Foto für Foto fürs Familienalbum und noch viel mehr Fotos ins Gehirn auf die leere Festplatte unserer Kinder. Der Franzose an der Bar hatte Recht. Es war den Umweg wert.

Das Eis knackt um uns herum, es teilt sich. Kleine Stücke, große Berge teilen sich. Es ist auch mit den aufregendsten Worten nicht zu beschreiben, was wir heute hier erleben. Ein unbeschreibliches Erlebnis der dritten Art. Fernab von jeglicher Zivilisation, eins mit der Natur Patagoniens.

Irgendwann beschließt Gott, dass es jetzt reicht. Unzählige Segler kommen hierher, sie sehen den Gletscher Pius XI. nur wolkenverhangen und gelangen bei Winden um die 35 Knoten nicht in seine Nähe. Wir haben es geschafft. Jetzt kommt eine schwarze Wand auf uns zu. „Genug!“, wir segeln in die Caleta Sally, ein sicherer Ankerplatz für die Nacht.

Doch es sollte nicht reichen. Wie jeden Tag begleiten uns ein halbes Dutzend von chilenischen und Australdelphinen. Beim Legen der Landleinen springen sie aus dem Wasser, tanzen ums Dingi herum. „Die Jungs warten doch nur! Los, pack deine Töchter ins Boot und gib’s ihnen!“, Nathalie steht hinter der Reling. Gesagt, getan, sprinten wir mit dem Außenborder durch die Bucht, fliegen über das Wasser und die Delphine fast ins Dingi hinein. Maya und Lena jauchzen vor Freude. „Noch mal, Papa. Noch eine Runde, Papa!“

Kann man da nein sagen? Natürlich nicht, und beim Ins-Bett-Bringen gibt es nur ein Thema: die Delphine.

Michael Wnuk am 18.04.2012

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