Blauwasser

Willkommen im Arbeitsparadies Trinidad

Die Crew der "Marlin" nimmt ihr neues Schiff in Besitz und erledigt in einem karibischen Boatyard letzte Arbeiten für den großen Törn

Nathalie Müller am 13.05.2013
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"Marlin" bekommt einen neuen Unterwasseranstrich

Trinidad, Chaguaramas. Die Hurrikanzeit rückt näher, auf den Schiffen vor Anker und in den zahlreichen Marinas der Bucht herrscht Geschäftigkeit. Segel abschlagen, Polster einmotten, Schränke auswaschen, verderbliche Lebensmittel verteilen, den Krantermin organisieren und den Flug nach Hause buchen. Alltag für die vielen Amerikaner und Kanadier, die hier tagtäglich mit der gelben Q-Flagge nach einer Saison in den Windward oder Leeward Islands eintreffen. Den Sommer verbringen sie lieber zu Hause bei der Familie, das Schiff sicher aufgebockt in Trinidad, außerhalb des Hurrikangürtels.

Für uns dagegen ist Trinidad keine sichere Zuflucht für die nächsten Monate, sondern wie schon vor zwölf Jahren mit der Iron Lady ein perfekter Ort für Reparaturen. Für fast jedes Problem scheint es hier eine Lösung zu geben, Ersatzteile können problemlos direkt an den Zoll geliefert werden, es gibt Schreiner, Dieselmechaniker, Hydraulikspezialstien, Lackierer, Drehereien, … Kurzum: Alles, was wir zum gegenwärtigen Zeitpunkt brauchen. Schiffsausrüster, die Pfennigartikel neu verpacken, mit der Aufschrift "Marine" versehen und für das Zehnfache verkaufen, findet man einen nach dem anderen am Straßenrand. Allerdings vertreiben sie auch Unentbehrliches, machen das Leben und die Jagd nach dem Fehlenden einfacher.

Prioritäten müssen gesetzt werden, die Wunschliste ist lang, das Budget nach dem Schiffskauf schmal. Ja, wir wussten vorher, dass für das Unterwasserschiff eines 60-Fuß-Bootes mehr Farbe benötigt wird als für ein 38-Fuß-Boot. Trotzdem verkalkulieren wir uns immer wieder. Kaufen zu kurze Kabel, zu wenig Canvas, unterdimensionierte Leinen, zu wenig Farbe. Man muss in solch ein Schiff erst reinwachsen. Wie gut, dass wir immerhin die Regel kennen, dass man doppelt so viel ausgibt, wie man anfänglich denkt.

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Prioritätenliste: Ganz oben, wenn auch nicht notwendig für die Seetüchtigkeit, steht der neue Look der Dame aus Aluminium. Eine "Stepalah" in angegrautem Weiß mit gelbem Streifen will keiner von uns. Ein bisschen Eitelkeit darf ruhig sein, und so werden 60 Fuß professionell holländisch gespachteltes Aluminium in zehn Tagen von Allan und seinen Leuten rot gespritzt. Feuerwehrrot. Wir verbringen die Zeit mit wichtigen Terminen und ein paar Jobs in Deutschland, doch kaum sind wir wieder da, stürzen wir uns in die Arbeit. Die Kinder holen ihre Roller aus der Backskiste, um die Gegend zu erkunden, wir die Roller, um das Antifouling zu streichen. Zufrieden steigt Micha in seinen neuen, eigens in Deutschland gekauften Blaumann, zieht zweimal am Reißverschluß und – kaputt. Na prima, auch keine bessere Qualität als in Chile, wo er ganze vier Stück in zwei Monaten verschlissen hat. Zumindest ist es wärmer, viel wärmer, um nicht sogar zu sagen heiß. Was liegt näher, als den Blaumann gegen kurze Hosen und Unterhemden zu tauschen und die Schleifscheiben auf die Maschine zu kletten. Zentimeter für Zentimeter überprüfen wir den Rumpf und sind zufrieden. Ein paar Macken am Bug finden wir, Folge einer Grundberührung irgendwo auf der Nordsee, aber keine Elektrolyse, keine Problemstellen, keinen Lochfrass. Selbst die Anoden sind nach genauer Inspektion noch vollkommen in Ordnung. Primer, ein bisschen Spachtel und vier Gallonen Antifouling später ist die "Marlin" bereit, wieder ins Wasser zu gehen.

Schiff schwimmt, Schiff ist rot und schick, aber segelklar? Noch lange nicht.

Nächster Punkt, wenn nicht sogar der wichtigste, ist der Autopilot. Micha verschwindet mit Schweißtuch und Schraubendreher im Motorraum und taucht ein paar Stunden später mit den Zahnrädern des Getriebes wieder auf. Die mechanische Belastung durch das Schlagen des Ruders über Jahre dort im Fluss hat den Federstiften zur Arretierung der Zahnräder ganz schön zugesetzt. Micha ist mittlerweile ein wahrer Profi im Finden von Werkstätten, kein Teil, was er nicht von irgendwem ersetzt, sonderangefertigt oder aus dem Müll gekramt bekommt. In diesem Fall leider kein Müll, sondern Sonderanfertigung. Ebenfalls Sonderanfertigung ist die neue Gräting für den Cockpitboden und das Pilothouse. Gehört wiederum in die Kategorie Eitelkeit. Die Kinder beschweren sich, gehen doch die Kleinteile von Playmobil in den Löchern verloren, wir freuen uns, denn auch der normale Borddreck einer vierköpfigen Familie verschwindet dort. Hatten wir schon auf der Lady, hat sich bewährt.

Was fehlt uns denn noch, ach ja, Strom? Den hatten wir natürlich an Land, aus der Steckdose, im Preis inbegriffen, doch vor Anker hilft das wenig. Wir verbringen einen weiteren Tag mit den Beamten vom Zoll am Flughafen und hier in Chaguaramas, um unsere Europalette mit Ersatzteilen und Ausrüstung zu bekommen. Es ist wie Weihnachten und Geburtstag zusammen, solange man nicht darüber nachdenkt, dass die Kosten vom eigenen Konto bezahlt werden. Jede Menge Arbeit für Micha. Vier Solarpaneele, ein Windgenerator und der Austauschmotor für den Fischer-Panda werden erst in der großen Backskistengarage verstaut und schließlich nach und nach auf den Geräteträger montiert. Nur der Austauschmotor steht weiterhim am Heck, wurde er doch in einer tollen Holzkiste geliefert, die derzeit von der gesamten Crew als perfekter Pausensitz genutzt wird.

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Erneuerbare Energien: Wind, Sonne und Yoga

Schatten haben wir auch, dank eines Biminis. Die Kabine der Kinder, die unter jahrelangem Wassereintritt gelitten hat, strahlt in frischem Weiß, wir haben zwei Maststufen, ein Ankerlicht, einen funktonierenden Windmesser, ein zuverlässiges Echolot, ein frisches GPS ohne blindes Display und mittlerweile sogar die Minimalausstattung einer Kombüse mit Kartoffelschäler, Kaffeebechern und Auflaufform. Sogar einen Mülleimer haben wir, der viel Geld gekostet hat, weil der Skipper Trinidad-Dollar mit US-Dollar verwechselt hat. Unser neues AIS hilft Kollisionen vorzubeugen, und mit den beiden Handfunkgeräten könnten wir uns zivilisiert in Zimmerlautstärke vom Bug zum Heck unterhalten, wenn wir es täten. Was wir natürlich nicht tun, denn das wäre ja irgendwie peinlich. Stattdessen rufen wir lieber und werden häufig nicht verstanden, das System gilt es also noch zu verbessern. Eine Kurzwellenantenne haben wir auch, "Shakespeare", ganz schick schwingt sie hinten am Heckkorb und zeigt allen, "Hey, hier sind Amateuerfunker zu Hause!" Ist aber derzeit eine Attrappe, denn das Funkgerät fehlt noch. Dafür sitzt die W-Lan-Antenne auf dem Mast, die Rettungsinsel wird heute frisch gewartet geliefert, und vielleicht ist sogar die letzte Maßanfertigung – eine größere Scheibe für den Motor zur besseren Ausnutzung der Lichtmaschine – jetzt so weit.

Vier Wochen sind wir jetzt wieder auf dem Schiff und mit Reparaturen, Verbesserungen und Instandsetzung beschäftigt. Längst nicht alles haben wir hier aufgezählt – doch wenn ich mir rückblickend unsere Liste anschaue, haben wir ganz schön was geschafft. Das Dornröschen aus dem Tropenfluss hat sich tatsächlich zu einem richtigen Fahrtenschiff gemausert, und mit jedem Tag macht es mehr Spass, auf ihr zu leben. Auch im Inneren fühlen wir uns, wenn es mal einen Tag gelingt, das Chaos zu beseitigen, richtig wohl. Der Messeausstellungscharkter ist passé, hier wird gelebt. Höchste Zeit, segeln zu gehen und die Früchte der vergangenen Wochen zu ernten. Grenada und die Grenadinen stehen auf dem Plan. Gewürzinseln, weiße Strände und Korallenriffe. Leinen los!

Nathalie Müller am 13.05.2013

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