Piriapolis, Uruguay

Trick or Treat? Süßes oder Saures?

Der neue Blogeintrag von Bord der "Iron Lady". Nathalie Müller und Michael Wnuk berichten über schöne Tage und schwierige Entscheidungen

Pascal Schürmann am 25.11.2011
BugIronLady

Die "Iron Lady" auf See

Während in Deutschland die Martinslaternen gebastelt werden und die ersten Printen und Dominosteine die Wühltische der Supermärkte bevölkern, heißt es in Argentinien "Trick or Treat? Süßes oder Saures?" Halloween bestimmt die Auslagen der Geschäfte, Spinnweben hängen in jedem Schaufenster, Gruselmasken und falsche Zähne. Und auch über uns schwebt die Geschmacksfrage. Allerdings heißt die nicht Süßes oder Saures, sondern süß oder salzig.

Das Delta des Rio de La Plata, wo sich der Rio Parana und der Rio Uruguay vereinigen, ist das Dorado des Wassersportlers von Buenos Aires. Hunderte Fluss- und Kanalkilometer, verzweigt, verwinkelt, an deren Ufern sich Privatresidenz an Hotel oder Restaurant reiht, künstliche Sandstrände oder natürliche Flüsse durch undurchdringlichen Urwald, all das gibt es zu entdecken.

Doch für uns gibt es zwei Haken an der Sache. Der erste heißt Tiefgang. Die lauschigen Plätze und romantischen Ankerstellen in den Bocas falsa, den falschen Mündungen, sind nicht für unsere 1,90 Meter Tiefgang gemacht. Viele Flusseinfahrten sind versandet, die Karten aus dem letzten Jahr so aktuell wie die Zeitung von gestern. Mehr als einmal gräbt sich der Kiel unserer „Lady“ in den schlammigen Untergrund, während der Adrenalinspiegel der Crew gen Himmel steigt. Wer weiß schon, wann das Wasser wieder steigt und der Fluss unser Schiff freigibt, falls wir wirklich steckenbleiben?

Der zweite Haken heißt Nebensaison. Es ist Frühling in Argentinien, die großen Ferien beginnen Mitte Dezember, und noch werden die Schiffe langsam aus dem Winterlager geholt. Sämtliche Restaurants und damit Anlegeplätze im Delta haben geschlossen. „Betreten verboten!“, bekommen wir immer wieder zu hören. Ein paar Tage genießen wir die Natur, unternehmen Dingifahrten in die Nebenflüsse, beobachten Vögel und bewundern die blühende Flora des Deltas, doch dann ist es genug. Unser Schiff braucht endlich wieder Wasser unter dem Kiel, salziges statt süßes, doch bevor das geschehen kann, müssen wir ein letztes Mal in die Großstadt.

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Yachten in Barlovento

Club Barlovento heißt der klassische Liegeplatz für Fahrtensegler in Buenos Aires. Am Ufer des Rio de La Plata reiht sich ein Club an den nächsten, doch die meisten sind eher zurückhaltend, was die Gastfreundlichkeit ausländischen Schiffen gegenüber angeht. In Barlovento ist das anders.

Man munkelt, dass dies vor allem damit zu tun hat, dass die Liegplätze derzeit ein Streitpunkt zwischen der Kommune und dem Club sind und daher nicht langfristig an Einheimische verpachtet werden können. Dann doch besser an die Fahrtensegler, denken sich die Clubmitglieder, die sowieso nach spätestens einer Saison weiterziehen. Aus welchem Grund auch immer, uns soll es recht sein, wir nehmen eine Muring zwischen der deutschen Yacht „Polarwind“ und der holländischen Yacht „Skua“ auf und beginnen, unsere To-do-Liste abzuarbeiten.

Ganz oben steht das Unwort unserer ersten Reise: Kuchenbude. Wie oft haben wir uns über dieses Zelt aus Canvas und Plastikfenster lustig gemacht, das viele deutsche und holländische Segler über ihr Cockpit spannen, um auch bei 10 Grad Außentemperatur noch im Cockpit sitzen zu können. Leicht reden hatten wir, mit der Aussicht auf mehrere Jahre Segeln auf der Barfußroute. Jetzt steht Patagonien auf dem Plan, die Fotos in unserem Reiseführer zeigen zwar alle strahlenden Sonnenschein, doch uns ist klar, dass dies nur die Kehrseite der Medaille ist.

Nach einigen Telefonaten und Erkundigungen kommt schließlich Patrizo von Yacht Canvas an Bord. Er redet viel, wir auch, nerven mit kritischen Fragen nach Material, Design und dem Wichtigsten: dem Preis.

Kuchenbude für IronLady

Eine Kuchenbude von Patrizio für die "Iron Lady"

Der Argentinier kritzelt Ziffer um Ziffer auf ein Blatt Papier und schreibt letztendlich genau die Summe unter den Schlussstrich, die wir für dieses Projekt veranschlagt haben. Handschlag, am nächsten Morgen geht es los. Zwei Wochen lang teilen wir mit Patrizio und seinem Gehilfen unser Cockpit. Maß nehmen, Edelstahl biegen, Muster aus Folie schneiden, anprobieren, meckern, verbessern. Wir sind keine einfachen Kunden, aber wir geben auch nicht oft eine vierstellige Summe auf einen Schlag aus. Wenn uns die Bude in Patagonien um die Ohren fliegt, ist Patrizio mit seiner Nähmaschine über 2000 Kilometer entfernt. Auf Schwedisch heißt dieses wenig sportliche Cockpitzelt übersetzt übrigens Wodkahütte. Sind wenigstens ehrlich, die Schweden.

Während Patrizio näht, arbeiten wir weitere Punkte ab: Fensterrahmenverkleidungen restaurieren, Nähprojekte, Elektronik fit machen, Bordapotheke auffüllen, Kartenmaterial, Revierführer und Tierbücher besorgen.

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Die Töchter finden schnell Anschluss an andere Kinder

Abends, kurz vor Sonnenuntergang, ist es meist windstill im Hafen, und während unsere Kinder sich im Paddeln des Dingis üben, sitzen wir mit den anderen Fahrtenseglern im Cockpit mit einem Glas Malbec und fachsimpeln über das neue Revier, das wir alle nur aus Büchern und Erzählungen kennen. Welche Heizung, wie viele Leinen als Festmacher, Polypropylen, ja oder nein, auf der Rolle oder in der Tonne? Ist unser Motor stark genug, und haben wir die richtigen Klamotten?

Eine Mail unserer Freunde, die dieses Revier jahrelang bereist haben, in der sie uns versichern, dass Gummistiefel und dicke Socken ausreichend sind, beruhigt mich zumindest in dem letzten Punkt. Wir sind uns immer noch nicht ganz sicher, ob wir den Sprung in dieses windreiche Revier wagen sollen.

Seit Carmelo haben wir zudem Crew an Bord. Marcia ist eine deutschstämmige Brasilianerin aus dem Süden des Landes, die wir vor einem halben Jahr auf der Suche nach einem Aupair für Deutschland kennengelernt hatten. Durch Zufall ergab es sich, dass Marcia bis zum Beginn ihres nächsten Jobs im Januar ungebunden ist und Lust hat zu reisen. Wir haben noch eine kleine Seekoje anzubieten und lassen uns auf das Abenteuer Hand gegen Koje ein.

Ein Gemisch aus Spanisch und Englisch wird zur Hauptverkehrssprache an Bord, die Kinde profitieren ungemein von diesem Sprachenwechsel, stellen sich problemlos auf Englisch um, das sie bereits im Kindergarten gelernt haben und lernen ihre ersten Brocken Spanisch.

Auch wir profitieren vom Babysitter an Bord und bekommen nun endlich Gelegenheit, das wahre Buenos Aires kennenzulernen, sprich das Nachtleben nach 23 Uhr. Doch Marcia ist Segelanfängerin, hat zwar als Kind viel Zeit mit ihrem Vater auf dessen Boot verbracht, aber außer ein paar vergilbten Familienfotos kaum noch Erinnerung daran. Bevor wir sie mit nach Patagonien nehmen, sollten wir ein paar Törns mit Wind hinter uns gebracht haben, denn weitere Passagiere können wir auf dem Weg nach Patagonien nicht gebrauchen.

Die ersten Yachten verlassen Barlovento in der ersten Novemberwoche Richtung Süden. Die Fahrtenseglergemeinde holt die Tröten raus, keiner lässt sich das Spektakel entgehen,  diesen Extra-Kick Energie, der sich aus der puren Lust ergibt, direkt hinterherfahren zu wollen.

Auch wir legen den vierten Gang ein und halten ein Auge auf den Wetterbericht. Der Rio de La Plata ist ein trickreiches Gewässer und die lokalen Winde meist nicht günstig, um diesem breiten Fluss zu entkommen. Doch eine Woche später sind tatsächlich stabile westliche Winde für 24 Stunden vorhergesagt.

Einerseits fällt es uns der Abschied schwer, nicht zu wissen, ob wir jemals wiederkommen werden. Ob wir die Freunde, die wir hier gewonnen haben, wiedersehen werden. Doch wir sind nicht gekommen, um zu bleiben. Wir stehen ganz am Anfang unserer Reise.

In Windeseile erledigen wir alle verbliebenen Großstadtbesorgungen und lösen etwas verspätet, aber immerhin rechtzeitig die Leinen, um noch 12 Stunden von dem achterlichen Wind zu profitieren. 20 Meilen durch das Delta, dann sind wir auf dem Fluss, es bläst mit 20 Knoten, die Sonne scheint, die Strömung schiebt und die „Iron Lady“ bewegt sich mit 7 Knoten Richtung offene See.

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Familienglück an Bord: Nathalie Müller mit den Töchtern

Micha und ich strahlen, der Rest der Crew schaut umso angespannter, je wackeliger der Kurs wird. Die altbewährte Familienkuschelecke wird aufgebaut, die Musik aufgedreht, und innerhalb von Minuten ist eine Pyjamaparty bei Sonnenuntergang im Gange, bei der bis zum Kekseessen im Bett alles erlaubt ist, was sonst nicht geht. „Segeln ist toll“, stellt Maya krümelnd fest, keine halbe Stunde später sind beide im Tiefschlaf versunken.

Auch Marcia schläft, nachdem sie – ganz brasilianisch – eine Seekrankheitstablette eingeworfen hat. Die nimmt man in Brasilien auch prophylaktisch gegen einen Kater nach übermäßigem Alkoholgenuss. Die Pillen gehören demnach in jede Handtasche. Wir sind davon nicht gerade begeistert, haben aber ja noch den Trip nach Mar del Plata, um sie von den sanfteren Methoden der Seekrankheitsbekämpfung zu überzeugen.

Micha und ich legen nachts Kurs auf Piriapolis an. Colonia, Riachuleo, mögliche Ziele lassen wir an Backbord liegen. Salzwasser brauchen wir, mit jedem Meter Wassertiefe, den die „Lady“ mehr unter dem Kiel hat, fühlen wir uns wohler. Die Strömung schiebt mit, wir können gar nicht anders, als immer weiter zu fahren.

Nachts verlässt uns der Wind. Wir schmeißen Johann, unseren Diesel, an und geben Gas, denn nach der Flaute gibt es eine Vorhersage für 5 Tage Ostwind. Vorher wollen wir in Piriapolis sein. Kurz vor Sonnenuntergang am Folgetag machen wir in dem kleinen Atlantikhafen fest.

Mittelmeerstimmung. Sandstrand, ein paar kleine Hotels, Strandpromenade, Fischerboote in den Häfen und kreischende Möwen über uns. Kein Vogelzwitschern am Morgen, dafür der pfeifende Wind und die klappernden Masten. Statt Piniennadeln nun wieder Sand auf dem Vordeck. Und der Blick auf den Horizont von der Hafenmole bei Sonnenuntergang. Wie haben wir das vermisst! Uns scheint, als würde das Abenteuer erst jetzt richtig starten.

Salziges statt Süßes!

Pascal Schürmann am 25.11.2011

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