Feuerland, Chile

Sturmfahrt am Rande des Pazifiks

Der neue Blogeintrag der "Iron Lady". Nathalie Müller und Michael Wnuk berichten über die grandiose Welt der Gletscher und Fjorde Feuerlands

Nathalie Müller am 27.03.2012
"Iron Lady"

"Die "Iron Lady" in stürmischer See

Nachtfahrt im Estrecho de Magallanes. Kaum ein Licht. In Europa wäre an jeder Ecke eine Tonne. Es ist Neumond, stockfinster draußen, wir verlassen uns auf die Karten, das Radar und einen Track von einem anderen Boot, das hier durchgegangen ist. Eine Linie auf dem Bildschirm, die uns die Sicherheit gibt, als wenn wir selbst schon einmal hier gewesen wären.

An Steuerbord liegt das Festland, der südamerikanische Kontinent, an Backbord die Inselwelt Feuerlands, durch die wir die letzten drei Monate gekreuzt sind. Angefangen vom letzten großen Atlantikschlag von Puerto Deseado zu unserem ersten Landfall auf den Islas Estados, über die Kreuzung der Lemaire-Straße, der Rundung Kap Hoorns bis zu unserem Besuch bei den spektakulären Gletscher der Darwin Cordilliera. Momente, die zu den Höhepunkten eines jeden Fahrtenseglers gehören.

Unsere Fotos sind unsere lebendigste Erinnerung, und die Kamera liegt immer im Cockpit. Das Licht hier wechselt in jedem Moment. Grade noch Herbst, ist eine halbe Stunde später Sonne und Frühling.

Und jetzt? Unser neuer Kurs lautet Nord-Nord-West. Ziel ist Valdivia an der chilenischen Küste, 1.300 Meilen weiter nach Norden. Die vorherrschende Windrichtung ist ebenfalls Nord-Nord-West. Also genau gegenan. Nur selten unterbrochen von etwas West oder Süd-West.

Aus der "Iron Lady" ist ein Motorsegler geworden. Außer den 500 Litern Diesel im Tank fahren wir 250 Liter in Kanistern in der Backskiste und an Deck. Standardausrüstung einer Yacht in den chilenischen Kanälen sind zudem ein festes Deckshaus oder eine große Sprayhood, lange Landleinen und besagte Dieselkanister. 

Nach nunmehr drei Wochen Kanalfahrt wissen wir, warum. Die Fahrt in den Kanälen ist anders als alles, was wir bisher erlebt haben. In Tagesfahrten hangeln wir uns von schützender Bucht zu schützender Bucht. Die Szenerie ist beeindruckend, hohe Berge rechts und links, die ebenso beeindruckende Fallwinde, genannt Williwaws, über das Wasser schicken.

Der Wind kommt immer von vorn, die Welle vom Kanal. Es hilft nur selten, die andere Seite des Kanals aufzusuchen, denn der Wind kommt immer noch von vorn, die Welle nun lediglich von der anderen Seite. In der Mitte kommen Wind und Welle von vorn, was keine Alternative darstellt.

Immer wieder gilt es offene Buchten zu queren, die nur durch ein paar Felsbrocken von den tosenden Weiten des Südpazifiks getrennt sind. Die Luft scheint salziger, der Ozean zum Greifen nahe. An den Felsen brechen sich die Wellen.

In den ersten Tagen fühlen wir uns entmutigt, liegen vertäut wie eine Spinne im Netz in einer kleinen Ankerbucht am westlichen Ende des Beagle-Kanals und können uns nicht entschließen, in eine Vorhersage von 25 bis 30 Knoten Wind mit Böen um 40 auszulaufen. Doch nach zwei Tagen Sturm mit 40 Knoten, in denen die "Lady" an ihren Leinen zerrt und der Wind in den Wanten heult, müssen wir feststellen, dass 25 Knoten Wind auf die Nase eine gute Vorhersage ist. 

Fotostrecke: "Iron Lady" auf Kurs Kap Hoorn

Wir laufen aus. 15 Meilen Nord-West gutgemacht, 25 Meilen gesegelt, drei Squalls pro Stunde abgewettert. Am nächsten Tag dasselbe. Unsere neue Routine: Morgens die Landleinen eingeholt, alles vertäut, am Nachmittag Ankerfall, Landleinen ausgebracht. Jeden Tag aufs Neue. Abends vertilgt die gesamte Familie riesige Töpfe mit Linseneintopf oder Chili con Carne und literweise heißen Tee.

Unser Energieverbrauch ist hoch, Johann, unser Motor, genauso hungrig wie wir. Morgens sind die Fenster nicht nur außen vom Regen, sondern auch innen von der Kondensation nass. Die Heizung läuft jeden Tag, um ein bisschen trockene Wärme ins Schiff zu bekommen.

Auch die Vegetation ändert sich. Statt der dichten Laubwälder und sanft bewachsenen Hügel des Beagle-Kanals stehen nur noch windgepeitschte, schiefe Sträucher auf den sonst kahlgefegten Hügeln. Ab und an finden die Kinder Calafatebeeren, kaum mehr als eine Kaffeetasse voll, die zu Marmelade verarbeitet werden. 

Die Felsen sind mit einer dicken Schicht Moos bewachsen. Bei jedem Schritt an Land sinkt man ein, ein Laufen wie auf Luftmatratzen. Keine Tiere an Land, keine Insekten, keine Säugetiere. Das Leben hier unten findet im Wasser statt. Seelöwen, Albatrosse, Delfine, Wale, Kormorane, Pinguine sind unsere ständigen Begleiter und erinnern uns immer wieder im richtigen Moment daran, warum wir nicht gerade mit einem Rumpunsch samt buntem Schirmchen unter einer Kokospalme in der Karibik liegen.

Knapp drei Wochen haben wir für 160 Seemeilen Luftlinie gebraucht, Eine Distanz, die wir auf offener See in 36 Stunden zurücklegen, doch einer der härtesten Abschnitte der Reise nach Norden liegt hinter uns. Wir nutzen die Schwachwindphase, um den Estrecho de Magallanes in einem Rutsch zu queren. Nachtfahrt. Morgen früh erreichen wir den Paso del Mar, die Mündung des Kanals in den Pazifik. Dann heißt es Abbiegen in die Kanalwelt des Kontinentes und "Lebe wohl, Feuerland!"

Man sagt, wer Calafatebeeren isst, kommt zurück. Ob das auch für die Marmelade gilt?

Nathalie Müller am 27.03.2012

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