Desado, Argentinien

Pinguine vor der Küste Patagoniens

Der neue Blogeintrag der "Iron Lady". Nathalie Müller und Michael Wnuk berichten über die Fahrt gen Feuerland und tierische Beobachtungen

Nathalie Müller am 01.03.2012
Iron Lady

"Iron Lady" mit Kurs Feuerland

Mar del Plata liegt achteraus, und mit den letzten Lichtern der Großstadt verschwindet auch das ruppige Gegenansegeln der ersten Stunden. Erschöpft sitzen wir im Cockpit, die Kinder liegen nach einer Dosis Antiseekrankheitssirup im Bett und schlafen tief und fest. Die Vorbereitungen liegen uns buchstäblich in den Knochen, doch bis zu 7 Knoten Fahrt raumschots entschädigen uns. Der Wind steht durch, wir fliegen unserem ersten Ziel, der Bahia San Blas, entgegen.

Die Kinder kämpfen am nächsten Morgen noch etwas gegen die Seekrankheit, doch schon das Mittagessen bleibt da, wo es hingehört. Schönes Segeln, Micha und ich sitzen draußen in der Sonne und genießen das Blau des Atlantiks, das Schäumen des Kielwassers, aus dem Schiffsinnern hört man Musik und das Juchzen der Kinder, die in der Familienecke auf den Betten springen. Wir sind glücklich, richtig glücklich, und fast ein bisschen traurig, dass wir keine 2000 Seemeilen über offenen Ozean vor dem Bug haben, sondern Abschnittssegeln an einer berüchtigten Küste.

Der Wettergott scheint unsere Bitte gehört zu haben, wir stehen kurz vor San Blas, doch ein Blick auf die Wetterkarte zeigt, dass wir es bis Puerto Madryn schaffen könnten, bevor der Südwind einsetzt. Wir korrigieren den Kurs und laufen weiter Süd. Auf 40 Grad Süd, wir erwarteten schon das Schlimmste, schläft der Wind ein. Ententeich und Motoren statt beigedreht im Sturm, wir beschweren uns nicht.

Jeden Morgen und Nachmittag beugen wir uns gespannt über den Kartentisch und verfolgen die aktuellen Gribfiles, unseren Wetterbericht. Glaubwürdig ist eigentlich nur die Prognose für die nächsten 24 Stunden, trotzdem können wir es nie lassen, auch über die weiteren Tage zu spekulieren und Pläne zu machen, die zwölf Stunden später, mit dem neuen Wetterbericht, wieder über Bord geworfen werden. Und so hangeln wir uns Meile um Meile die patagonische Küste entlang, lassen nicht nur Bahia San Blas, sondern auch Puerto Madryn an steuerbord liegen und werfen nach vier Tagen und fünf Nächten auf See den Anker vor der Isla Leones drei Meilen vor Caleta Horno.

Es riecht nach Vogeldung, die sanften Hügel der Insel sind rötlichbraun gefärbt, trockenes Gestrüpp, Steppe und am Strand? Pinguine! Schon während der letzten Meilen haben wir immer wieder Pinguine im Wasser schwimmen sehen, auf der Jagd nach frischem Fisch, und hier stehen sie in Mengen am Strand, watscheln über die Steine und lassen sich von der Sonne wärmen.

An Land ist es warm, fast heiß, ganz anders, als wir uns das patagonische Klima vorgestellt haben. Unsere erste Wanderung führt uns vorbei an den befrackten Vögeln auf die Spitze des Hügels zu einem alten Leuchtturm, der von einem Verein liebevoll instand gehalten wird. Altes Mobiliar, verblichene Fliesenböden und ein wunderbarer Ausblick über die kleine Inselgruppe erwarten uns nach dem Aufstieg. Auf dem Rückweg zur „Iron Lady“ erscheinen wie aus dem Nichts vier Australdelfine vor dem Bug unseres Dingis. Runde um Runde preschen wir mit Vollgas durch die Bucht, während die Delfine, so nah, dass man fast ihre Rückenflossen berühren kann, in der Bugwelle surfen. Für die Kinder sind es die ersten Delfine, und auch wir haben diese Tiere selten so nah erlebt.

Für die Nacht suchen wir unsere erste Caleta auf, einen fjordähnlichen Einschnitt der Küste, von weitem kaum zu erkennen. Das Abendlicht taucht die Spitze der roten Felsen in unwirkliches Licht, während wir bei Niedrigwasser in die Schlucht einfahren. Am Ende des Fjords, allseits geschützt vor Wind und Ozeanschwell, lassen wir den Anker fallen und testen zum ersten Mal die neuen Landleinen, die wir an einem der Felsen festmachen. Stille. Nur das Kreischen der Seevögel ist zu hören, auf einem Hügel zeigt sich ein scheues Guanako. Die nächsten Tage vergehen mit ausgedehnten Kletter- und Wandertouren durch die bizarre Küstenlandschaft. Das Bild der Natur verändert sich dramatisch mit dem Tidenhub. Aus dem Fluss, der in den Fjord mündet, wird bei Ebbe eine ausgedehnte Schlammlandschaft, pechschwarze Muschelbänke liegen frei, während die Seevögel, Kormorane, Skuas und Seeschwalben auf den Felsen sitzen oder nach Fisch tauchen.

Weihnachten steht vor der Tür, die Frage, ob das Christkind den weiten Weg bis in die Caleta Horno schaffen wird, beherrscht die Gespräche der Kinder, die Frage, ob das nahende Wetterfenster Richtung Süd tatsächlich an Heiligabend kommt, die der Erwachsenen. Ein Wetterfenster zu verpassen kann bedeuten, dass wir eine Woche oder länger festhängen, ohne eine Meile Richtung Süd zu machen. Die „Iron Lady“ ist kein schnelles Boot, wir können es uns nicht leisten, die ersten 20 Stunden eines günstigen Windes zu verpassen.

„Papa, Weihnachten segeln wir nicht!“, sagen die Kinder, und wir hoffen, dass es dabei bleibt. Einen vertrockneten Busch verwandeln wir mit grünen Stoffstreifen in einen Weihnachtsbaum und verholen am Morgen des Heiligabend zurück auf die Isla Leones. Ziel ist die südliche Bucht der Isla mit ihren vielen vorgelagerten Inselchen. Denn dort gibt es Seelöwenkolonien und, was sonst, noch mehr Pinguine. Bevor zu viel Wehmut angesichts der fehlenden festlichen Weihnachtsstimmung aufkommt, machen wir uns mit dem Dingi auf den Weg.

Delfine zeigen uns den Weg zur Seelöwenkolonie. Je näher wir kommen, desto mehr Tiere lassen sich schwerfällig von den Felsen ins Wasser plumpsen, um neugierig näher zu kommen. Rings um uns her recken und strecken sie ihre Hälse aus dem Wasser, prusten, schnaufen, tauchen ab und schnattern aufgeregt mit ihren Artgenossen. An Land rutscht der Bulle jeder Familie unruhig auf seiner Schwanzflosse hin und her, jederzeit bereit, die Eindringlinge zu vertreiben, falls sie sich nicht benehmen. Am Ende des Strandes gehen wir an Land, verfolgt von sicher hundert Seelöwen, die aus dem Wasser, aus sicherer Entfernung, unser Landemanöver beobachten.

Fotostrecke: "Iron Lady" von Mar del Plata bis Puerto Desado

Auf der Isla Leones dagegen gibt es keine Seelöwen, dafür Pinguine, frisch geschlüpfte Kranichküken, Falken, Gürteltiere, Austernfänger und Enten. Es reicht vollkommen, sich einen Stein in der Sonne zu suchen, sich hinzusetzen und zu warten – und schon beginnt die Natur um uns, sich zu regen. Je länger man stillsitzt, desto mehr trauen sich Vögel und andere Tiere aus den Verstecken.

Während einer der Forscherfahrten hat uns auch das Christkind ganz unbemerkt gefunden. Die Kinderaugen leuchten, und es scheint, dass hauptsächlich mir die echte Weihnachtsstimmung fehlt. Denn von besinnlich kann keine Rede sein, wenn die Kinder nach der Bescherung bei Sonnenschein aufs Vordeck schaukeln gehen. Die Sommernächte in Patagonien sind lang, gerade mal drei Stunden bleibt es dunkel.

Am ersten Weihnachtstag ist es da, unser Wetterfenster, und auch die Kinder geben grünes Licht, jetzt, wo das Christkind nicht mehr aufs offene Meer muss, um uns zu finden. Es ist kein großes Wetterfenster, kein sicheres, um den gesamten Schlag nach Süd zu machen, aber es reicht aus, um über den Golfo San Jorge zu kommen. Der Golf mit seinem Tidenhub von beinahe zehn Metern und den daraus resultierenden Strömungen gehört zu den berüchtigten Teilstrecken des Weges nach Süden.

Eine Nordwindvorhersage haben wir, das klingt gut. Doch entgegen der Prognose schläft der Wind in der Nacht ein, Kabbelseen, Waschmaschine, Schiffsverkehr, kein Spaß. 24 Stunden röhrt der Diesel, der Wind kommt erst, als wir ihn nicht mehr brauchen können.

Die Lady zieht, will mit sechs Knoten durch die Nacht rasen, doch wir müssen bremsen. Wir segeln in Tidengewässern, die Einfahrt nach Puerto Deseado ist nur bei Stillwasser oder einlaufender Tide möglich, die Karten sind falsch, bei auslaufendem Wasser stehen bis zu sechs Knoten Strom im Fluss.

Bremsen. Bremsen. Die Berechnungen machen sich bezahlt. Mit beginnender einlaufender Strömung steuern wir mit einer Schule Australdelfine als Lotsen in das türkisblaue Wasser des Rio Deseado. Die Prefectura Naval dirigiert uns per Funk längsseits des Lotsenkutters „Yamana“ an der Muelle Commercial. Und das ist gut. Sechs Meter Tidenhub an einem Dock, der für die Großschifffahrt gemacht ist, das ist kein geeigneter Platz für unser kleines Schiffchen. Doch an der Seite des Lotsenbootes liegen wir bequem, steigen mit der Tide mal hoch, mal runter, ohne uns um die Leinen kümmern zu müssen.

Enrique, einer der Kapitäne, nimmt unsere Leinen entgegen und bietet uns gleich die Dusche seines Kutters an. Er und sein Kollege erweisen sich als zuverlässige Helfer in den nächsten Tagen. Einkäufe annehmen, für Wasser sorgen, alles kein Problem. Wir werden mit Merluza und King Crab verwöhnt, die er  von Fischern geschenkt bekommen hat.

Theoretisch könnten wir weiter, direkt am nächsten Tag, doch wir alle merken, dass wir eine Pause brauchen. Viele Seemeilen haben wir zurückgelegt, Zeit in einsamen Buchten verbracht, unsere körperlichen Kräfte benötigen eine Verschnaufpause. Der nächste Schlag soll der schwierigste der gesamten Strecke sein, endend mit der Querung der berüchtigten Le Maire Strait. Haben wir es denn eilig? Nein.

Wir entschließen uns, das Wetterfenster ziehen und die Seele baumeln zu lassen, machen uns ein verspätetes Familienweihnachtsgeschenk und fahren mit dem großen Speedboat der Darwin Expeditions zur Isla Pinguinos. Tiere beobachten als Tourist, ohne Verantwortung für unser eigenes Schiff, ohne Gedanken über sichere Ankerplätze. Vielleicht 15 Menschen sind an Bord, außer uns zwei weitere Familien mit Kindern. Mit 30 Knoten fliegt das Schlauchboot über die See.

Alle zwei bis drei Tage kommen Touristen hierher, die Natur ist unberührt bis auf eine kleine Hütte, in der wir Jacken und Schwimmwesten verstauen können. Die Pinguine regieren hier, sind an Menschen gewöhnt. Bis auf wenige Meter können wir uns ihnen nähern. Riccardo fährt seit zwanzig Jahren hierher, zweimal die Woche, und dennoch hat man das Gefühl, diese Tour sei seine erste. Seine Begeisterung steckt an, er weiß alles über die Pinguine, die Seevögel, die Seelöwen, nimmt sich Zeit. Keine Massenabfertigung, sondern behutsamer Ökotourismus.

Die Magellanpinguine haben Junge, die in ihren Nestern sitzen und auf Fisch warten. Auch die Skuas, riesige braune Seevögel, haben Junge, die wie flauschige Wattebäusche über die Steppe stolpern. Auf der Ostseite der Insel wartet die Hauptattraktion, eine Kolonie Rockhopper Penguins mit ihren lustigen gelben Haarbüscheln am Kopf. Riccardo geht mit der obligatorischen Matetasse und Thermoskanne durch die Gruppe, während wir die Vögel beobachten. Ein magischer Tag.

Silvester bereiten wir das Schiff vor für den nächsten Schlag, die Batterien sind aufgetankt, frische Vorräte an Bord genommen, der Wetterbericht verspricht Positives für den kommenden Tag.  Aus einer Laune heraus kaufe ich am Morgen eine Zwei-Kilo-Lammkeule und weiß wenig später, warum: Die „Nemo of Sweden“, Freunde, die wir in Buenos Aires kennengelernt haben, läuft überraschenderweise ein, und so verbringen wir den Jahreswechsel so, wie wir es am liebsten mögen, mit Freunden um den großen Tisch, mit Lammkeule und Rotwein und einem Feuerwerk, das wir in den noch warmen Nächten der patagonischen Ostküste aus dem Cockpit verfolgen. Morgen ist Neujahr, ein perfekter Tag zum Segeln.

Nathalie Müller am 01.03.2012

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