Puerto Montt, Chile

Nomen est Omen – geheimnisvolle Orte

Die "Iron Lady" hat einen ereignisreichen Törn durch die Kanäle und Buchten Patagoniens absolviert. Skipperin Nathalie Müller blickt zurück

Nathalie Müller am 05.06.2012
Iron Lady in der Caleta Brecknock

Die "Iron Lady" in der Caleta Brecknock

Wer das erste Mal eine Seekarte der Insel- und Kanalwelt der chilenischen Küste Patagoniens sieht, fühlt sich wie in einem Irrgarten. Und wer sich mittendrin befindet, mitunter auch. Inseln, Felsbrocken, Fjorde, Kanäle, Pässe, tiefe Einschnitte, langgezogene Buchten, Gletscherarme, Lagunen. Gletscherseen, die der Landschaft eine tiefe Dreidimensionalität verleihen, die oft den Eindruck macht, als läge hinter der nächsten Hügelkette ein weiterer Kanal.

Während wir in der heutigen Zeit mithilfe von GPS und elektronischen Seekarten den Weg durch dieses Labyrinth von Wasserstraßen finden, denken wir oft mit Ehrfurcht an die Seefahrer zurück, die vor vielen Generationen die Seewege ausgelotet haben, an die ersten Fahrtensegler, die noch vor wenigen Jahrzehnten ohne Revierführer die Küste nach sicheren Ankerplätzen abgesuchten. Caleta Buen Refugio (Bucht der guten Zuflucht) , Puerto Bueno (guter Hafen), Puerto Yates (Yachthafen), Bahia Shelter (Bucht des Schutzes) sind nur einige Namen auf der Karte, die von der Erleichterung zeugen, das eigene Schiff sicher vertäut zu wissen gegen die Stürme, die regelmäßig über die chilenischen Kanäle hinwegziehen.

Wie ein lebendiges Geschichtsbuch liest sich die Seekarte. Da gibt es die Caleta Fog, in die sich die Flotte der „HMS Beagle“ 1830 aufgrund eines plötzlich auftretenden Nebels zurückgezogen hat. Oder die Islas Quarenta Dias, die Inseln der 40 Tage, so genannt, weil die dort stationierten Leuchtturmwärter 40 Tage warten mussten, bis die Wetterkobedingungen ein Anlanden des nächsten Versorgungsschiffes zuließen. Kapitäne, Admirale und Navigatoren sind Namensgeber für unzählige Kanäle, Buchten und Fjorde.

Auf unserer eigenen Suche nach sicheren Ankerplätzen für die Nacht entdecken wir Buchten, deren Name allein suggeriert, anderweitig Schutz zu suchen. Es gibt den Puerto Engano, den Hafen der Lüge. Eine scheinbar sichere Bucht, die sich aufgrund ihrer hohen Bergen in einen Hexenkessel verwandeln kann, wenn die Winde abgelenkt durch Steilwände ihre Windrichtung ändern und in heftigen Böen über das Wasser fegen.

Auch die Bahia Fiasco, die Bahia complicada (komplizierte Bucht) oder der Fondeadoro Fantasma (gespenstischer Ankerplatz) klingen alles andere als einladend. Fast eine Woche brauchen wir, um die Bahia Desolada, die trostlose Bucht, zu durchqueren. 40 Meilen, der Himmel grau in grau, die wilde Natur der umgebenden Berge nur schemenhafte Umrisse, der tosende Pazifik keine 18 Seemeilen Luftlinie entfernt. Am Punta Vuelta, dem Kap der Umkehr, im Canal Brecknock kämpfen wir gegen 25 Knoten Wind von vorn, Fallböen rasen mit doppelter Geschwindigkeit über das Wasser. Augen zu und durch, 15 Seemeilen haben wir seit unserem Aufbruch am Morgen geschafft. Sie wieder herzugeben und mit 6 Knoten raumschots zurücksegeln kommt nicht in Frage. Ein Fischer nimmt den Punta de Vuelta wörtlich und ist bald im nächsten Schauer achteraus verschwunden. Wir halten durch und freuen uns über die genutzte Gelegenheit eines fast windgeschützen Seitenarmes, des Canals Ocasion.

Fotostrecke: Durch die Kanäle Patagoniens

Ein Hundert-Seemeilen-Umweg führt uns in einen Fjord nördlich von Puerto Natales, nach Puerto Consuleo, dem Hafen des Trostes. Die grünen Hügel der Umgebung, die Flamingos und Schwäne, die Gastfreundlichkeit der Menschen, ihre warmen, holzofengeheizten Küchen tun wohl nach wochenlanger Einsamkeit.

Den schwierigsten Teil der Reise haben wir geschafft, ab jetzt machen wir Meilen direkt Richtung Nord, kein Labyrinth, keine verworrenen Schlangenlinienkurse mehr. Der tosende Pazifik ist mittlerweile 50 Seemeilen entfernt, durch hohe Berge und Inselketten von uns getrennt. Die Landmarken tragen nun Präsidenten- oder Tiernamen, heißen Fischotterbucht, Ringeltaubenfjord oder Seelöweninsel.

Auf 48 Grad Süd hat sich dem Anschein nach ein deutsches Expeditionsschiff in der Vermessung verdient gemacht und seiner Fantasie freien Lauf gelassen: Isla Jungfrauen, Seno Otto, Isla Klüverbaum, Seno Waldemar und Rompiente Alberich liegen in unmittelbarer Nähe zueinander, und auch der Seno Alpen ist nicht weit. 

Immer näher kommen wir dem Höhepunkt der orakelnden Namensgebung, dem Golfo de Penas, dem Golf des Leidens. Die typische Reaktion eines jeden Chilenen auf unsere Zielangabe Valdivia macht nicht gerade Mut: „Oh, da müsst ihr ja über den Golfo.“ Begleitet von dramatischem Augenaufreißen mit mitleidigem Kopfschütteln.  „Schreibt uns bitte, wenn ihr angekommen seid!“

Mit Sorgenfalte auf der Stirn. Oder: „Meine Frau fährt nicht mehr über den Seeweg nach Norden, nicht über den Golfo, auch nicht im Notfall.“ Selbst gestandene Kapitäne haben ein leichtes Flackern in den Augen, wenn sie über die 40 Seemeilen offenen Pazifik sprechen. Gestandene Golfo-Kapitäne sind wir jetzt auch und dürfen zu Recht den Namen mit leicht unheilschwangerer Stimme aussprechen. Gezittert haben wir vor der Überfahrt, Sturm hatten wir keinen, passiert ist uns nichts, aber gelitten haben wir, wie die Hunde.

Es lohnt sich, einen Blick hinter die Kulissen der Seekarte zu werfen, sei es mit dem Geschichts- oder Wörterbuch. So mancher Name wird lebendig, so manch einsame Bucht belebt, durch die Schiffe, die vor Generationen in ihr ankerten und so manch einen Ankerplatz verworfen, weil ihr Name nichts Gutes verheißt. Nomen est Omen.

Nathalie Müller am 05.06.2012

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