Blauwasser

Nebensaison im stürmischen Paradies

Die "Marlin" wartet auf Grenada die Hurrikane ab. Eigentlich läuft alles ganz entspannt, was etwas langweilig ist – dann gibt es Feueralarm!

Nathalie Müller am 06.07.2013
Marlin Karibik

"Marlin" raumschots in der Karibik

Am 1. Juni beginnt in der Karibik offiziell die Hurrikansaison. Und auch, wenn das Wetter dieses Jahr weiterhin meist sonnig ist und der Passatwind stetig für kühle Nächte am Ankerplatz sorgt, ist die Stimmung doch eine andere als vor zwölf Jahren, als wir mit der Iron Lady um die Weihnachtszeit in der Region waren. Schon in Trinidad füllten sich die Hardstands mit Booten, Planen wurden gespannt, Segel abgeschlagen, Koffer gepackt. Die organisierten Shopping Tours zum Großhandel bleiben leer. Die Boote verbringen die gefährdeten Monate von Juni bis November meist ohne ihre Eigner auf der südlichsten Karibikinsel.

Keine 80 Seemeilen weiter nördlich, auf der Gewürzinsel Grenada, sieht es anders aus. Natürlich wird auch hier der ein oder andere Heimkehrer gekrant, doch die meisten Schiffe, die in die beliebten geschützten Buchten an der Südküste Grenadas einlaufen, steuern die Insel an, um hier die Hurrikansaison zu verbringen. Statistisch gesehen ist das Risiko, einen Wirbelsturm zu erleben, gering, und der Fluchtweg nach Trinidad raus aus der Hurrikanzone ist kurz. Ein Tagestörn. Go West ist die andere Alternative für Crews, die ohnehin auf dem Weg in den Pazifik oder den westlichen Teil der Karibik sind.  Und auch für diejenigen, die die Insel selbst bei einer Hurrikanwarnung nicht verlassen wollen, gibt es mehrere Schlupflöcher. Im Falles eines Falles kann man sein Schiff tief in die Mangrovensümpfe auf Grund setzen, mit mehreren Ankern und Landleinen vertäuen und den Sturm an Land ausharren. Uns persönlich behagt die Vorstellung, mit der "Marlin" dicht an dicht mit Fischerbooten und anderen Seglern zwischen den Mangroven zu stecken, wenig. Die Flucht nach vorn erscheint uns bei einem bisher durchschnittlich gesegelten Etmal von 180 Seemeilen logischer.  Die amerikanischen Segler kennen sich hier aus, für sie liegt die Karibik quasi vor der Haustür, und sie sagen, dass man bis Anfang August getrost in der Gegend um Grenada und St. Vincent segeln kann, solange man den Wetterbericht im Auge behält.

Die Abfrage der Hurrikanwarnung der NOAA gehört nun zum allmorgendlichen Pflichtprogramm.

Auch für die Bevölkerung an Land ändert sich das Leben, die Kreuzfahrtschiffmole wird für die nächsten sechs Monate verlassen sein, viele Einheimische, die in der Hauptsaison als Fremdenführer, in Restaurants oder Bars arbeiten, kehren für den Sommer in ihre Dörfer auf der touristisch wenig erschlossenen Ostseite Grenadas zurück. In den Hardware Stores werden Taschenlampen und Thermoskannen für den Notfall angepriesen. Viele Jahrzehnte blieb Grenada von Hurrikans verschont, bis 2004 Hurrikan Ivan überraschend über die Insel zog und schwere Verwüstungen verursachte. Noch heute sind nicht alle Schäden beseitigt. Kirchen ohne Dächer, eingestürzte Häuser und zerbrochene Fensterscheiben sind ein häufiger Anblick. Auch im Nationalpark und auf den Plantagen richtete der tropische Sturm Schäden an, von denen sich die Natur nur langsam erholt. Sämtliche Muskatbäume auf Belmont Estate wurden 2004 zerstört, berichtet eine Mitarbeitern der Plantage, zehn Jahre alt muss ein Baum sein, damit er das erste Mal Früchte trägt, seither ist die betreibende Familie fast komplett auf den Kakaoanbau umgestiegen. "Seit Ivan spielt hier die Natur verrückt", erzählt uns auch der Besitzer eines kleinen Kiosks. "Doch er hat auch Gutes gebracht. Seit 2004 tragen die Mangobäume wie verrückt, das ganze Jahr."

Nach einer schnellen Überfahrt  von Trinidad ankern wir durch Zufall doch genau dort, wo wir gar nicht hinwollten, nämlich in der Prickly Bay, einem der Zentren des organisierten Fahrtenseglerlebens. Mal wieder ist der Schiffsausrüster per Dingi zu erreichen, auf Kanal 66 wird morgens über Repeater das Grenadas Cruisers Net ausgestrahlt, und wo in Trinidad noch nach der Biete/Suche Rubrik Schluss war, schließt sich hier die Kategorie Businesses an, in der die lokalen Restaurants ihr Dinner Special und die Tour Operator ihre Ausflüge anpreisen dürfen. Für uns definitiv der Zeitpunkt zum Abschalten.

Fotostrecke: Die Marlin auf Grenada

Eigentlich wollen wir auch uns selbst abschalten bzw. runterschalten, endlich in den Buchten ohne Lichter in der Nacht ankern, an Stränden ohne Beach Bar spazieren gehen und statt 80 Nachbarn vielleicht nur fünf haben. Leider ist die To-do-Liste trotz vier Wochen Maloche in Trinidad noch lange nicht abgearbeitet. Mit der Hilfe von Rene von der Mira baut Micha in einer Drei-Tage-Aktion den Ersatzmotor des Fischer Panda Generators ein. Strom auf Knopfdruck, fast so gut wie eine Steckdose. Dummerweise haben wir trotz Wind-, Sonnen- und nun Generatorenergie weiterhin in der Nacht keinen Strom, die Batterien sind definitiv hinüber und können unseren mühsam gewonnenen Saft nicht speichern. Wir bestellen neue in den USA, die sich aus Kostengründen per Schiff auf die Reise machen. Eine Schiffsreise quer durch die Karibik mit abschließenden Zollformalitäten, das dauert, wir stellen uns auf drei Wochen Warten ein.

Unsere Kinder stört die Wartezeit gar nicht, denn mittlerweile laufen fast täglich Familienboote in der Prickly Bay ein. Viele sind im November über den Atlantik gekommen, haben die Saison in den Antillen verbracht und laufen nun, wie die Zugvögel, in ihr Winterlager nach Grenada ein. "Wir waren im Segelmodus, jetzt kommt der Maintenance Modus" beschreibt es eine Schwedin passend. Schweden, Australier, Österreicher, Spanier, Italiener, Russen, Südafrikaner sind vertreten, und nachmittags am Strand sind für die Kinder sämtliche Sprachbarrieren vergessen. Nicht selten haben wir Übernachtungsgäste an Bord oder ein paar Schüler mehr im morgendlichen Unterricht am runden Tisch.  An anderen Tagen bekommen wir unsere Damen kaum zu Gesicht. Man hilft sich gegenseitig, ein paar Eltern sind immer am Strand, die freigestellten treiben die Bootsprojekte voran. Wir drehen Luken um, um endlich den Wind am Ankerplatz einfangen und durch das Schiff leiten zu können, Kleiderhaken, Regalbretter und Staumöglichkeiten entstehen, und sogar die Waschmaschine wird zum Leben erweckt. Gerade beim Arbeiten fällt uns immer wieder auf, wie viel Schiff wir uns da gekauft haben, alles eine andere Dimension, eben auch die Arbeit. Micha baut die hintere, nackte Backskiste zum bequem begehbaren Keller aus. Und gemeinsam ziehen wir gefühlte 500 Meter Kabel durch das Schiff, um endlich auf Kurzwelle mitreden zu können. Die "Marlin" ist on air. Das wurde auch Zeit.

Brand Schiff

Eine 100-Fuß-Aluminium-Jongert brennt vor Grenada

Das Wetter bleibt ruhig, es regnet gerade so viel, dass wir genügend Wasser sammeln können, keine Sturmwarnungen, keine Flauten. Die Katastrophe, welche die gesamte Seglergemeinde schockiert, passierte mitten im Ankerfeld. Auf der knapp drei Jahre alten 80-Fuß-Aluminium-Sloop "Uisge Beatha" brach im Morgengrauen ein Schwelbrand hinter dem elektrischen Paneel aus. Sämtliche Versuche, den Brand mit Feuerlöschern unter Kontrolle bringen, scheiterten, die Pumpe des einzigen Löschbootes auf Grenada war defekt. Keine zwei Stunden später barst die erste der Deckshausscheiben, und die Yacht stand innerhalb von Minuten in Flammen. Wer zu dieser Uhrzeit wach war, stand fassungslos an der eigenen Reling, sah das Segel brennen, den Carbonmast brechen und die Gastanks explodieren. Zuerst bröckelten Lack und Filler ins Wasser der Bucht, dann verformte sich der gesamte Aluminiumrumpf, als 4000 Liter Diesel im Schiffsinneren verbrannten. Eine dicke schwarze Rauchwolke hing noch stundenlang über der Bucht. Mittlerweile ist das Wrack komplett ausgebrannt, nur eine leere Schale mit überraschend intakter Edelstahlreling am Rumpf liegt nun längsseits eines Schleppers. Löcher werden grob mit Platten zulaminiert, um das Wrack vor dem Sinken zu bewahren. Die Gutachter geben sich die Klinke in die Hand. Wer zahlt wie viel, darum geht es nun, wie immer, vor allem, wenn es wie bei dieser Jongert um mehrere Millionen geht.

Die ganz große Liebe zur Prickly Bay kommt bei uns trotz aller sozialen Kontakte nicht auf, denn irgendwie fühlt man sich wie in einer großen Feriensiedlung. An Land nichts als Hotels, Strandbars, Tauchschule und Restaurants. In den Bars gibt es festes Programm: Montag Pizza, Dienstag Trivial Pursuit, Mittwoch Bingo, Donnerstag Domino und Freitag die immer gleiche Band. Wenn man ehrlich ist, könnte all dies auch auf irgendeiner anderen tropischen Insel dieser Welt stattfindet, wenn nicht am Samstag ein einsamer Steeldrummer Hits der 70er und 80er intonieren würde. Um die Insel Grenada wirklich kennenzulernen, müssen wir raus aus unserem Seglerghetto. Mit dem Minibus quer über die Insel, in den Regenwald, die Kakao- und Gewürzplantagen und natürlich zum Auftakt des Karnevals.

Grenada und ein paar andere Insel feiern ihren Karneval anscheinend lieber, wenn die Touristensaison vorbei ist. Spicemas 2013 findet Mitte August statt, doch die fünfte Jahreszeit beginnt schon zehn Wochen vorher am 1. Juni. Immer wieder schauert es kräftig an diesem Tag, doch der Regen ist warm, die Feiernden auf den Straßen drängen sich gemeinsam unter die Regenschirme. Die Uferstraße, auf der sonst laut hupend die Minibusse ihre Kundschaft einsammeln, ist gesperrt, auf der Bühne steht eine lokale Berühmtheit im engen weißen Kleid, überdimensionaler Sonnenbrille und kommentiert das Geschehen. Aus allen Regionen der Inseln sind sie gekommen, die Karnevalsgruppen. In ihren teils bunten, teils gruseligen Kostümen ziehen sie kettenrasselnd und Babypuder versprühend durch die Menge. Die ausgelassene Fröhlichkeit beginnt erst nach der Parade, als die Steeldrumbands die neuesten Soca- und Calypso-Hits spielen. St. Georges feiert noch bis tief in die Nacht auf der Carenage, wir müssen irgendwann die Segel streichen.

Als wir es endlich schaffen, das Eisen aus dem Sand der Bucht zu ziehen, muss ich über unseren letzten Eintrag im Logbuch schmunzeln. Ankerfall auf fünf Meter in der Prickly Bay für Mayas Geburtstagsparty. Mayas Geburtstag? Das war vor vier Wochen! Höchste Zeit für neue Ufer.

Nathalie Müller am 06.07.2013

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