Blauwasser

Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne

Die "Iron Lady" ist verkauft, die Müller/Wnuks siedeln von Chile über nach Suriname aufs neues Schiff. Bericht über die ersten Tage an Bord

Nathalie Müller am 05.03.2013
Marlin

Die "Marlin" von oben, das neue Schiff der Müller/Wnuks

Mitte Februar war es endlich so weit. Startschuss für den Beginn der dreitägigen Odyssee immer im Uhrzeigersinnn entlang der Küste des südamerikanischen Kontinents. Zwischenstationen: Isla Tenglo, Puerto Montt, Santiago de Chile, Bogota, Curacao, Suriname. Verkehrsmittel: Fähre, Bus, Taxi, Lkw, Flugzeug. In der Haupstadt Paramaribo empfängt uns tropisch-schwüle Hitze und der erste von vielen Regenschauern. Zwei Koffer von 15 sind irgendwo auf der Strecke geblieben. Macht nichts, waren ja nur die Koffer mit den Sommerklamotten, wer braucht die schon bei 28 Grad Dauertemperatur.

Sechs Stunden Schlaf in der ersten Nacht müssen reichen, denn die Neugier und auch Sorge ist groß: Wie sieht es aus, unser neues Schiff? Schwimmt es noch? Ist Wasser in der Bilge? Ist es überhaupt noch da? Wird es allen gefallen? Nervöse Anspannung auf der unendlich langen Taxifahrt nach Domburg, wo die "Stepalah" an einer Muringboje liegt.

Domburg? Moment mal, da waren wir doch früher immer zelten, an der Nordsee. Doch nicht nur der Name erinnert an frühere Sommerurlaube in Holland, Frikandel speziaal, Vla und Heineken Bier gehören zum normalen Sortiment eines jeden Supermarktes. Und der chinesische Besitzer spricht nicht mehr spanisch, sondern holländisch.

Das Wasser allerdings ist lehmfarben, trüb und kommt irgendwo aus dem dichten Amazonasdschungel. Und da liegt es endlich, unser neues Zuhause. Die Kinder helfen, das Dingi aufzupumpen, fallen beim Gedrängel, an Bord zu kommen, fast ins Wasser und beziehen unter lautem Gejohle ihre neuen Kojen.

Fotostrecke: Ende und Neubeginn – die Nachfolgerin der "Iron Lady"

Ich folge etwas langsamer, lasse meinen Blick über dieses noch so leere und irgendwie sterile Boot gleiten. Wir haben ein echtes Heim aufgegeben, ein Schiff, in dem in jedem Winkel unsere Persönlichkeit steckt, und nun fühle ich mich wie auf einem Ausstellungsstück auf der Bootsmesse.

Doch der melancholische Augenblick ist so schnell vorüber, wie er gekommen ist. Was haben wir viel Platz auf einmal! Das Cockpit ist ja gemütlich! Guck mal, den Herd, drei Flammen, ist ja irre! Und hier könnten wir unsere Fischflossen hinhängen und hier den Tempeldrachen aus Bali, und wann können wir die Segel abholen, und wann segeln wir überhaupt?

Michael fällt ein Stein vom Herzen, die Familie ist zufrieden. Hast du gut gemacht!

Die letzten Kaufmodalitäten verlaufen reibungslos, und am nächsten Morgen sind wir zurück mit dem Schlüssel in der Hand, unserem Schlüssel.

Wir befreien die Yacht von der hässlichen Lkw-Plane, starten den Motor und schneiden den Tampen durch, der sie sechs Jahre an dieser Muring in Suriname gehalten hat. Kein Schiff, schon gar nicht ein so schönes, sollte so lange hier liegen. Fünf Meilen flussaufwärts liegt die Waterland Marina, die alles hat, was wir brauchen: Strom, Wasser und einen breiten Steg. Der Motor macht mit, selbst der Autopilot hält den Kurs, und auch unser erstes Anlegemanöver geht glatt.

Mit der Hilfe von Michas Sohn Julian, der extra aus Deutschland angereist ist, stürzen wir uns auf die Arbeit. Dass wir ein vernachlässigtes Boot gekauft haben, das viel Liebe und Zuneigung braucht, war uns klar. Doch das wirkliche Ausmaß wird uns erst hier bewusst. Die Natur hat hart daran gearbeitet, die "Stepalah" in ihr Umfeld zu integrieren. Das gesamte Deck, das stehende und laufende Gut, der Mast, der Baum, alles ist von grünem Bewuchs bedeckt. Eine Fledermaus bewohnt die Achterkabinen, Hunderte von Kakerlaken haben es sich in der Bilge gemütlich gemacht, der Boden des Steuerbordtankes ist von Dieselbakterien verseucht, in den Segeln floriert der Schimmel, und aus dem Großbaum holt Micha drei Vogelnester und einen toten Vogel.

Unser Schiff lebt, ein kleiner Mikrokosmos auf dem Suriname River.

Unser größtes Problem sind jedoch die Bienen. Brasilianische Killerbienen haben sich im oberen Drittel des Mastes eingenistet. Sie sind natürlich alles andere als erbaut darüber, dass wir das Großfall, die Dirk und andere Leinen durch den Mast ziehen wollen. Wie Miniaturkampfflieger schießen sie in perfekten Formationen gemeinschaftlich auf jeden, der es wagt, sie zu stören.

Micha wird das erste Opfer, die Stiche schwellen dank einer Bienengiftallergie zu monströsen Beulen an. Arzt und Kortison sind glücklichweise an Bord, doch die Arbeit kommt zum Erliegen. Kein Segel hochziehen, keine weiteren Leinen mit dem Hochdruckreiniger säubern, ausgebremst.

Helfen kann nur noch der Fachmann. Nachts, im Dunkeln, wenn die Bienen blind sind und nicht fliegen, winschen wir den Imker in Schutzmontur in den Mast. Ein paar Schüsse mit der Giftspritze, und es hat sich ausgesummt. Schade um den guten Honig, den bekommen wir wohl nicht so einfach aus dem Mast.

Wir lassen uns nicht unterkriegen, haben wir noch nie getan. Stück für Stück arbeiten wir unsere Prioritätenliste ab, immer wieder unterbrochen von den Regengüssen, die eigentlich ganz untypisch sind für diese Jahreszeit. Trinidad ist unser Ziel, 450 Seemeilen entfernt. In Trinidad gibt es alles, was wir brauchen, um die "Stepalah" wieder richtig fit zu machen. In Suriname gibt es nichts, nichts was über den Bedarf für kleine Fischerboote hinausgeht.

In Trinidad gibt es auch eine neue Flagge und endlich den neuen Namen, SY "Marlin". Die Leinen werden sauber, die lecken Fenster abgedichtet, der Mast geschrubbt, die Segel aufgezogen, Pumpen überprüft und ausgetauscht, alle Schapps ausgewaschen und mit den ersten Einkäufen gefüllt.

Es ist ein tolles Gefühl, jeden Abend die Fortschritte unserer Arbeit zu sehen, zu sehen, was ein paar Hände und jede Menge eiserner Wille aus diesem vernachlässigten Boot machen können. Zwei Wochen dauert es, dann sind wir segelklar, zumindest so klar, wie wir hier in Paramaribo sein können.

Morgen Behörden, und übermorgen? Hinaus aufs Meer mit der "Marlin", ins blaue Wasser und den Nordostpassat, die wohlverdiente Belohnung für sechs Jahre Dornröschenschlaf.

Die Blogeinträge von der Überfahrt der "Marlin" nach Trinidad lesen Sie hier.

Nathalie Müller am 05.03.2013

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