Blauwasser

"Iron Lady"-Farewell-Törn

Das Schiff ist verkauft, ein letztes Mal setzen Nathalie Müller und Michael Wnuk samt Töchtern die Segel. Der "Lady"-Abschieds-Blog

Nathalie Müller am 07.01.2013
"Iron Lady" in Chile

Die "Iron Lady" am Weihnachtsmorgen in einer Bucht nahe Puerto Montt

Seit Wochen ist das Wetter in Puerto Montt so, wie man es nicht haben will. Eine Sturmfront mit Regenguss jagt die nächste, der Sommer ist in weite Ferne gerückt. Immer wieder spielen wir mit dem Gedanken, unseren Weihnachts- und damit Abschiedstörn mit der "Lady" fallenzulassen, doch der lange Wasser- und Segelentzug zeigt Wirkung.

Was soll’s, immerhin bescheren uns die Fronten den notwendigen Nordwind, den wir brauchen, um in den Golfo de Ancud zu segeln. Am 19.12. ist es endlich so weit. Leinen los und ab in den Kanal!

Mein Anruf der Armada Puerto Montt über UKW bleibt unbeantwortet, achselzuckend trage ich den erfolglosen Versuch ins Logbuch ein. Glück gehabt, denn kaum fünf Minuten vergehen, bis ich ein befreundetes Boot auf Kanal 16 mit den Behörden sprechen höre: Auslaufen verweigert, der Hafen ist geschlossen, zu viel Wind. Morgen auch. Übermorgen wird man sehen.

Währenddessen rollt Micha draußen im Cockpit der "Lady" die Genua aus, das Segel füllt sich, das Boot legt sich auf die Seite, und wir segeln mit 20 Knoten Wind aus West nach Süden. Das Kielwasser sprudelt, Wolkenfetzen der durchgezogenen Front der letzten Tage stehen am Himmel. Es könnte nicht schöner sein. Ich danke dem Glück, dass die Dame am Funk vermutlich zum richtigen Zeitpunkt am Kaffeeautomaten war.

Einmal aus dem Hafen entkommen, sind wir für uns selbst verantwortlich, die kleinen Buchten haben keine Hafenmeister, und ob das Wetter segelklar ist oder nicht, ist unsere Entscheidung. Die Backskisten sind voll, der Weihnachtsbaum steht geschmückt und mit Klebeband an den Bodenbrettern befestigt im Salon, unserer "Iron Lady"-Abschiedsfahrt steht nichts mehr im Wege.

Nach vier Stunden schönstem Segeln fällt der Anker in einer kleinen Bucht auf der Isla Guar, ein paar lokale Fischer kommen vorbei. Ein kurzes Gespräch entspannt sich:
"Mögt ihr Lachs?"
"Ja, sehr gern, wir haben auch Wein zum Tauschen."
"Hm, ja, wir haben aber keinen Fisch mehr."
"Kein Problem, vielleicht morgen." "
"Das Wetter ist nicht so toll, oder?"
"Im November war es noch schön."
"Ja, aber der Dezember ist fürchterlich."
"Wird wohl Regen geben an Heiligabend."
"Wir fahren dann mal."
"Okay, schönen Abend noch."

Die Chilenen hier im Süden können sehr wortkarg sein. Unseren Fisch bekommen wir doch noch. Denn eine halbe Stunde später kommen Valentina und Daniel mit ihrer "Lancia" längsseits, samt einer Lachsforelle. Tauschen wir halt mit ihnen. Strahlend ziehen sie mit Rotwein und vier großen Stücken Himbeerkuchen von dannen, und wir hauen den Fisch in die Pfanne. Nachts schwoit die "Lady" vor Anker, und wir schlafen so gut wie lange nicht mehr.

Fotostrecke: Abschiedstörn der "Iron lady"

Auch der nächste Morgen beschert uns echtes "Iron Lady"-Wetter, über 20 Knoten Wind, kleine Segel, raumschots mit ablaufender Tide, kurzfristig zeigt das GPS fast acht Knoten Fahrt an.

Sie will es uns noch mal zeigen zum Abschluss, die alte Dame. Immer wieder kommt ein bisschen Wehmut auf. Ist sie nicht schön? Segelt sie nicht toll? Und so bequem? Ist sie nicht überhaupt das tollste Schiff auf der ganzen Welt? Doch dann quetschen wir uns wieder im Deckshaus aneinander vorbei, stolpern über Playmobil-Pferde auf dem Weg zur Toilette und stoßen uns den Kopf in der Kinderkoje.

Maya hat definitiv keine Stehhöhe mehr in ihrer Kabine, und bei Lena dauert es auch nicht mehr lange. Also Gedanken umgelenkt: Ist es nicht schön, dass die "Lady" nun hier bald mit neuem Eigner segeln darf? Das raue Klima und die Berge stehen ihr wirklich gut, besser könnte sie es nicht haben.

Die Nacht  verbringen wir in einer sicheren Bucht und lassen die nächste Front durchziehen, das Baro fällt bis auf 992, der Regen prasselt unaufhörlich auf das Deck. Wir nutzen die Zeit, um Backskisten auszumisten, zu sortieren, was kommt mit, was bleibt hier? Was machen wir mit der Fischflosse des Segelfischs aus dem Indischen Ozean? Wie bekommen wir die Angelroute ins Gepäck? Und am allerschlimmsten: Was machen wir mit unseren Büchern? Sicher sechs laufende Meter Bücherregal haben sich angesammelt.

Gott sei Dank lichtet sich die Wolkendecke nach zwei Tagen, und wir können die Entscheidung verschieben. Jetzt ist Wildnis angesagt. Ziel ist der Estero Cahuelmo, ein tiefer Fjord am Festland mit schneebedeckten Berggipfeln, einem Fluss und heißen Thermalquellen. Ein Ankerplatz fernab der Zivilisation, ohne Handyempfang, genau das, was wir an dieser Art zu reisen schon immer am meisten geliebt haben. Mit Landleinen vertäuen wir uns in den hintersten Winkel einer kleinen Bucht. Keine Bootslänge von der "Lady" entfernt wachsen an den Felswänden die saftigsten Muscheln, die zum Abendessen sofort in den Topf wandern.

Eine Woche verbringen wir in unserem Schneckenhaus, Zeit für Gespräche, für Rückblicke und Zukunftsplanungen. Zeit, sich noch einmal einzuigeln in das Zuhause, das uns 14 Jahre begleitet hat. Und die Zeit meint es gut mit uns. Delfine, Segelmomente, Muscheln sammeln, ein Bad in heißen Quellen, Lagerfeuer am Strand, Seelöwenkolonnien in den Felsen und ein Weihnachtsmann, der sich unbemerkt in den Salon geschlichen hat. Sonnige Tage, die umso schöner und intensiver genossen werden, weil sie hier nicht selbstverständlich sind. Der Abschied von der "Iron Lady" ist auch ein Abschied von Chile, der uns ebenso schwer fallen wird.

In der Silvesternacht öffnen wir eine ganz besondere Flasche Sekt, fast zwölf Jahre alt, im Jahr 2001 vor unserer ersten Atlantikübequerung gekauft und über viele tausend Seemeilen mitgeschippert. Welcher Zeitpunkt könnte perfekter sein als dieser Jahreswechsel, um den Korken knallen zu lassen? Dass der Geschmack unübertrefflich ist, deuten wir als gutes Omen für das Jahr 2013.

Es kann nur alles gut gehen. Mitte Januar schauen wir uns ein neues Boot an, und wer weiß, vielleicht können wir im Februar schon wieder ein Segel hochziehen mit Kurs Karibik, so wie es geplant war.

"Iron Lady" in Chile

Ein letztes Mal das Segeln genießen

Vielversprechend fängt das neue Jahr auf jeden Fall an, das angekündigte Hoch hat sich festgesetzt. 15 Knoten Südwestwind stehen im Golf, wir setzen die Genua und halten unsere Gesichter in die patagonische Sommersonne. Die perfekte Kuppel des Volcano Osorno liegt hinter den Häusern von Puerto Montt, die vorbeiziehenden Fischerboote und Fähren lassen für die Kinder ihr Schiffshorn tuten, und wir lassen die Seelen baumeln. So schön ist es, dass wir nicht aufhören können, eine Bucht nach der anderen lassen wir links liegen, bis wir nach zwölf Stunden segelglücklich im Club Reloncavi in Puerto Montt festmachen.

"Wir müssen die ‘Iron Lady‘ noch küssen, weil sie so toll gesegelt ist. Papa, sagst du dem Miguel, dass er die ‘Lady‘ ab und zu küssen muss, das ist wichtig!", sagt Maya am nächsten Morgen. Dann packen wir unsere Koffer und ziehen zurück in unser Häuschen an Land, um das Jahr 2013 und die Zukunft anzugehen. So schnell wie möglich wollen wir mit Sack und Pack, Kind und Kegel auf ein neues Schiff umziehen. Im Januar steht der erste  Bootsbesichtigungstermin an. Unseren "Iron Lady"-Blog werden wir unter neuem Namen weiterführen – sobald die Nachfolgerin gefunden ist. Wie freuen uns darauf.

Nathalie Müller am 07.01.2013

Das könnte Sie auch interessieren


Fotostrecken

Neueste Downloads

Yachttests


Reise-Reportagen


Ausrüstung


Gebrauchtboottests


Neue Videos


Aktuelle Artikel bei YACHT online