Blauwasser

Ile à Vache – Insel der Gegensätze

Die Langfahrtsegler Nathalie Müller und Michael Wnuk über einen bitterarmen und zugleich paradiesisch schönen Flecken mitten in der Karibik

Nathalie Müller am 01.02.2014
Ila a Vache Marlin

Die "Marlin" (rechts hinten) in einer Ankerbucht vor der Ile à Vache/Haiti

Der offizielle Stichtag für das Ende der Hurrikansaison ist der 30. November. Doch inoffiziell werden die Fahrtensegler ab dem 1. November wieder nervös. Zu lange war man eingeschränkt in der Auswahl der Fahrtgebiete. Zu lange hat man Zeit an Ankerplätzen verbracht, die vor allem dazu taugten, das Schiff wieder instandzusetzen. Winschen wurden gewartet, Antifouling gestrichen, Holz lackiert und die Bilgen in den großen Einkaufszentren in Trinidad, Curaçao und Grenada für neue Abenteuer gefüllt.

Auch auf der "Marlin" ist das nicht anders. Nicht dass wir uns gelangweilt hätten, das ist an Bord mit zwei Kindern kaum möglich. Aber was wir mehr als alles andere wieder wollen, ist segeln. Nicht nur einen Tagestörn oder über Nacht, sondern mehrere hundert Meilen übers offene Meer: blauer Himmel, blaues Wasser, sternenklare Nächte.

Michael und Dani aus München träumen auch vom großen Blau als Auszeit vom hereinbrechenden bayrischen Winter und heuern für die nächste Etappe bei uns an. Unsere Zielentscheidung fällt durch Zufall. Im "Caribbean Compass", einer regionalen Seglerzeitschrift, steht eine kurze Notiz über eine Spendenaktion für die Ile à Vache, eine Insel, die zu Haiti gehört. Ausgediente Segel, Schnorchel und Taucherbrillen wurden gesammelt und dort an die Einheimischen verteilt, denn auf der Ile à Vache wird noch gesegelt. Nicht für die Touristen, nicht für Ruhm und Ehre, sondern fürs tägliche Brot. Keine Frage, dort wollen wir hin.

Mitte November gehen wir bei Halbwindkurs von Curaçao in See, die "Marlin" nimmt Fahrt auf, die Kinder ihren Stammplatz im Deckshaus ein – und schon ist die lange Hurrikansaison vergessen. Zu viert sind die Nachtwachen ein Kinderspiel. Vor lauter Segelfreude stehen wir über Stunden selbst am Steuer. Eine kleine Dorade und ein Thunfisch beißen auf unsere Köder. Nach zwei Tagen spielt sich der alte Seerhythmus ein. Die Schule findet gemütlich mit Blick auf das Meer im Deckshaus statt, denn für Kopfrechnen und Sachkundethemen braucht man keinen Tisch. Mittags wird anständiges Essen gekocht, was will man mehr?

Nach drei Tagen kommt die kleine Ile à Vache im Südwesten Haitis in Sicht. Die Bucht ist gepunktet mit weißen Segeln, es sind Fischer auf dem Weg zu ihren Reusen. Tropische Schauer mit ordentlich Wind ziehen durch. Gemeinsam mit den traditionellen Holzbooten kreuzen wir in die Baie Cap Feret auf. Das Einlaufen unter Segeln überlassen wir lieber den Einheimischen, die kennen ihre Riffe und haben weniger Tiefgang als wir. Der Anker fällt im spiegelglatten Wasser vor einem kleinen Dorf.

Das Begrüßungskomitee aus Einbäumen und altersschwachen Surfbrettern, angetrieben mit Paddeln aus Palmblättern, lässt nicht lange auf sich warten. Jeder will etwas verkaufen, tauschen oder handeln. Fremdenführer, Fische, Lobster, Bananen, Schneckengehäuse und Bootsarbeiten. Wir sind eine der ersten Yachten der Saison, jeder wittert eine Chance, das karge Einkommen aufzubessern. Die Gewässer um Haiti sind leergefischt, gerade mal handtellergroße Barsche liegen in den Fischerbooten. Außenborder für die guten Fischgründe weit draußen fehlen. 

Fotostrecke: Mit der "Marlin" vor Haiti

Die Ile à Vache hat nichts gemein mit den karibischen Hochglanzzielen, mit luxuriösen Beachresorts, schicken Strandbars oder bedruckten Gute-Laune-T-Shirts. Wer hier vor Anker geht, fühlt sich um Jahrzehnte zurückversetzt. So muss sie gewesen sein, die Karibik, als die ersten Fahrtensegler ihre Zelte in der Zivilisation abgebrochen haben, um das Leben unter Palmen in der Karibik zu erkunden.

Kaum sind wir an Land, begleiten uns eine halbe Schulklasse und zwei selbsternannte Fremdenführer durch das Dorf. Vor den Häusern werden Cashewnüsse über dem offenen Feuer geröstet, Schafe und Hühner laufen frei zwischen den Hütten, ein Ochse zieht seinen schweren Pflug über das Süßkartoffelfeld. Autos gibt es keine, fließendes Wasser und Elektrizität in den Häusern allerdings auch nicht. Dafür betreibt Digicel, die Mobilfunkfirma, hier eine kleine Ladestation. Ladekabel für Samsung, Nokia und Konsorten stecken in einem roten Holzgestell, im Hintergrund brummt ein Generator. Das halbe Dorf trifft sich hier, um sein Telefon aufzuladen, während der Betreiber in aller Seelenruhe ein Fischernetz knüpft.

Zwei Tage später geht es morgens früh aus den Federn. In Madame Bernard, dem Hauptort der Insel, findet der Wochenmarkt statt. Ashley, einer unserer neuen Freunde, hat einen Tagesausflug für uns organisiert. Am Abend gibt es Schwein haitianisch bei seinen Eltern in der Hütte. Doch das Schwein muss erst organisiert werden, auf dem Wochenmarkt natürlich. Nach einem zweistündigen Fußmarsch über die grüne Insel ist das Ziel erreicht.

Der Markt ist laut und bunt, die Straßen nach den Regengüssen der letzten Nacht matschig und die Straßenränder übersät mit Müll. Gewöhnungsbedürftig. Ashley zieht mich hinter sich her und feilscht, was das Zeug hält. Längst ist er vom Französischen ins Kreol gewechselt, ich verstehe kein Wort mehr. Die Diskussionen sind laut und hitzig, nur wenn am Ende die Hand aufgehalten wird, weiß ich, was ich zu tun habe. 

"Schnell, schnell, unser Schiff wartet nicht!", drängt Ashley und schiebt unsere gesamte Crew Richtung Ufer. Das Schiff ist eines der offenen Holzsegelboote, ohne Kiel, mit Lateinersegel, das Rigg aus Bambus, das Tuch zusammengeflickt aus ausgedienten Segeln. Wasser schwappt schon vor Anker über die Süllkante, das Gefährt ist mit zwölf Personen und jeder Menge Einkäufe hoffnungslos überladen. Das Schwein streckt unglücklich seine Schnauze über die Reling, hoffentlich wird es nicht seekrank.

Mit achterlichen Winden setzen wir uns in Bewegung, alle packen mit an, bis das Rigg optimal getrimmt ist. Meine Hose ist nach fünf Minuten komplett durchnässt, meine Füße eingeklemmt zwischen Zuckerrohrstangen. Schwimmen kann hier kaum jemand. Die Menschen leben am und vom Meer, und dennoch: Unserer Frage nach den Schwimmkenntnissen begegnet man eher mit Verwunderung.

Nach einer Stunde erreichen wir die Baie Cap Feret. Bei der Halse müssen alle wieder mit ran, Blöcke oder Umlenkrollen sucht man vergebens, der Baum wird halb gezogen, halb geschoben. Die Steuerbordpassagiere kriechen unter dem Baum auf die Backbordseite, um das Kentern des überladenen Schiffes zu verhindern. Noch 300 Meter, dann setzt der Kahn weich am Strand des kleinen Dorfes auf. Das Schwein ist als Erstes an Land.

Am Abend hat Ashleys Familie den Esstisch mit den schweren Holzstühlen in ihren Hof gestellt. Bei Kerzenlicht gibt es Reis mit Bohnen, Salate, frittiertes Schweinefleisch und haitianisches Bier. Das Essen reicht für die ganze Familie und deren Hunde dazu.

Eine Woche verbringen wir auf der Insel, die so anders ist als alle anderen Orte in der Karibik, die wir je gesehen haben. Eine Insel der Gegensätze. Paradiesische Strände, Lobster und tropische Früchte auf der einen Seite – Armut und Mangel am Nötigsten, an Kleidung, Werkzeug, Baumaterial, Milchpulver und Reis auf der anderen. An solchen Orten ist es nicht immer leicht, sich von der Rolle des wohlhabenden Touristen zu lösen, der für jegliche Dienste und Gefälligkeiten die Dollars aus der Tasche zieht, doch am Ende der Woche haben wir das Gefühl, es geschafft zu haben.

Immer noch werden wir auf unseren Spaziergängen begleitet, jetzt aus Interesse, aus Sympathie, die Dorfkinder sitzen bei uns im Cockpit, um Uno zu spielen und lachen sich scheckig, als sie zum ersten Mal in ihrem Leben ein Schlauchboot mit Außenborder steuern. Die ersten Frauen beginnen abends mit mir vor ihren Hütten zu plaudern, über das Leben, die Unterschiede und die Gemeinsamkeiten.

Leider ist es irgendwann Zeit für den Abschied, denn Michael und Dani müssen ihren Flug zurück nach München erreichen. Am Abreisetag ist die Bucht wieder gespickt mit weißen Segeln, die Silhouette der Berge der Isla Hispaniola schimmern grün-blau unter den Passatwolken. Doch die Romantik der weißen Segel hat, wie wir erfahren mussten, ihren Preis. Noch in der Bucht hissen wir das Großsegel, und nach einem Blick auf die Lkw-Plane, mit der ein Fischer seinen Einbaum an uns vorbeisteuert, kommt uns der viel beklagte Schimmel im Segel nur noch halb so dramatisch vor. 

Taufe und erste Schläge der "Marlin"

Nathalie Müller am 01.02.2014

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