Piriapolis, Uruguay

Haarrisse an Maria Empfängnis

Der neue Blogeintrag der "Iron Lady"-Crew. Nathalie Müller und Michael Wnuk berichten über unvorhergesehene Probleme vor dem Start gen Süden

Nathalie Müller am 24.01.2012
Iron Lady

Sonnenaufgang an Bord der "Iron Lady"

Piriapolis ist ein verschlafenes Städtchen im Schatten des großen Bruders Punta del Este. Dort findet das wahre Strandleben statt, sind die großen Hotels, die angesagten Clubs, die schöneren Mädchen. Piriapolis, keine 100 Kilometer entfernt, nimmt sich dagegen bescheiden aus. Ein mächtiges, verschnörkeltes Hotel  an der Strandpromenade zeugt von besseren Zeiten. Heute sind es in der Vorsaison vor allem Schulklassen und Rentner, die den Hafen und den Strand bevölkern.

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Cruising Kids

Wir machen mit Bug zum Steg in der kleinen Marina fest , in der hauptsächlich Fahrtensegler liegen. Piriapolis ist der letzte Hafen auf dem Weg Richtung Feuerland, in dem es einen vernünftigen Travellift gibt und fast alle wichtigen Arbeiten durchgeführt werden können, ohne den Umweg über den Rio de la Plata machen zu müssen. Die Crew von der „Cocolo“ gehört zu denjenigen, deren Boot auf Stelzen an Land steht und ist, obwohl wir uns noch nicht kennen, für uns ebenfalls ein Grund, Piriapolis anzulaufen. Mit an Bord sind nämlich zwei Mädchen, 3 und 7, perfekte Spielkameraden für unsere beiden Töchter. Es dauert keine 24 Stunden, bis aus den Vieren dicke Freunde werden, und glücklicherweise sind auch wir Eltern uns nicht unsympathisch. Die „Cocolos“ wohnen derzeit an Land, in einem Haus mit Garten, Waschmaschine und Grill im uruguayischen Stil – die perfekte Abwechslung für die heißen Nachmittag an der Atlantikküste.

Wir genießen die Atmosphäre im Hafen, die quirlige und zugleich angespannte Aufbruchstimmung vor einem großen Schlag. Die Hochsaison, wenn die Segler aus den teuren Yachtclubs Argentiniens kommen und die Preise für die Liegeplätze auf 50 US-Dollar pro Nacht schnellen (Duschen und Elektrizität nicht inklusive), fängt erst Mitte Dezember an. Michas und mein Geburtstag stehen an, auf den von der Sonne aufgewärmten Steinen der Hafenmole lässt es sich abends wunderbar sitzen und Rotwein trinken. Die Kinder wuseln um uns herum. Geburtstagsparty auf fahrtenseglerisch. Nebenbei bereiten wir weiter die „Lady“ vor, beginnen mit unseren Verproviantierungslisten und Einkäufen, die Bordapotheke wird erneuert, der Motor inspiziert und neue Batterien eingebaut. Die Aluhalterungen für das Dingi, vor einem Jahr hier angefertigt, werden repariert und die Gasflaschen gefüllt.

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Fischerboote in Piriapolis

Eines Morgens werden wir von großem Getöse geweckt, die Bark „Europa“ läuft unter Segeln in den Hafen ein und macht schräg gegenüber an der Pier fest. Die „Europa“ ist ein Traditionssegler, der im Südsommer Chartertörns in die Antarktis, auf die Malvinas und nach South Georgia unternimmt. Dreimal steht die Antarktis in einer Saison auf dem Plan, lesen wir im Internet. Am Nachmittag schleichen die Kinder und ich um das Schiff, machen Fotos und versuchen mit der Besatzung Kontakt aufzunehmen. Doch die ist nur schwer zwischen den ganzen Passagieren auszumachen. Über E-Mail nehme ich Kontakt mit der Reederei auf, und am nächsten Morgen steht der First Mate am Bug der „Lady“ und lädt uns ein, die „Europa“ zu besichtigen.

Micha hat Pech, der ist in Chile, um eine Radioanlage zu installieren, und so schauen wir drei Damen uns den eindrucksvollen Kahn alleine an. Der First Mate führt uns durchs gesamte Schiff, erklärt Segel, Routen, den Alltag an Bord. Die „Europa“ ist ein echter Traditionssegler, eine Crew von zirka 14 Mann segelt das Schiff und hält es instand, doch auch die Passagiere müssen ran. Hier gibt es keine Kingsize-Betten in mächtigen Eignerkabinen, sondern Schlafplätze mit vier Kojen. Wer mitfährt, ist angehalten, mitanzupacken, Wache zu gehen, zu lernen, welche Schot zu welchem Segel gehört. Kurz, wer mitfährt, kommt mit Schwielen an den Händen nach Hause.
Die Gäste an Bord sind so bunt wie das Leben, berichtet der First Mate, von jungen Leuten, die nach der Schule für ein halbes Jahr an Bord anheuern, über den Fotografen mit einem Faible für Pinguine, den Liebhaber klassischer Schiffe bis hin zum Rentner, der sich einen Lebenstraum erfüllen will. Sie alle finde man an Bord des Schiffes. Und als wir von Bord gehen, ertappe ich mich dabei, dass ich, hätte ich nicht rechts und links ein Kind an der Hand, am liebsten mitsegeln möchte.

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Besuch auf der "Europa"

Der Rio de la Plata hat seine ganz eigenen Wetterphänomene. Bisher haben wir diese immer gut geschützt im Schatten der Hochhäuser von Buenos Aires erlebt. Sudestada und Pampero heißen die gefürchtetsten. Um die sieben Sudestadas gibt es im Jahr, normalerweise zwischen März und Oktober, von denen zwei besonders heftig ausfallen. Zum Abschied dürfen auch wir, Ende November, eine besonders gewaltige erleben. Der Starkwind aus Südost, der häufig über mehrere Tage bläst, drückt die Wassermassen des Atlantiks in den Rio de la Plata und die Küstenhäfen. Bei blauem Himmel mit dramatischem Wolkenspiel pfeift der Wind in Böen bis über 50 Knoten, die Geräuschkulisse der Fallen und Masten ist ohrenbetäubend, das Wasser steigt und überschwemmt die Hafenmole. An Land kommen wir nicht mehr. Der Hafen ist offiziell seit 24 Stunden geschlossen. Der Wind bringt arktische Kälte in den Sommerort und lässt uns sämtliche Luken schließen. Endlich das  richtige Wetter für die anstehenden Weihnachtsvorbereitungen! Mit dicken Socken an den Füßen stechen wir Plätzchen aus, basteln Papiersterne und hängen den Adventskalender im Schiff auf. So schön kann Sturm sein.

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Sudestada

Nach zwei Tagen Sudestada dreht der Wind, die Welle legt sich, und für uns öffnet sich ein Wetterfenster, um einmal quer über den Rio bis nach Mar del Plata zu segeln, 220 Seemeilen. Marcia trifft gerade rechtzeitig aus Brasilien wieder ein, mit 20 Päckchen Kokosnussmilch im Gepäck, die hier nur schwer zu bekommen ist. Die Zöllner haben verwundert die Köpfe geschüttelt. Wie immer fällt der Abschied schwer, wenn man Freunde gefunden hat, von denen man weiß, dass ihre Route in die entgegengesetzte Richtung führen wird. Einen letzten Abend verbringen wir zusammen mit der „Cocolo“-Crew in unserem Cockpit, am nächsten Morgen werfen wir die Leinen los.

Die Welle im Rio de la Plata ist steil, ruppig und kurz. Der Ostwind mit 20 Knoten steht gegen die auslaufende Strömung. Aus der „Lady“ wird eine Waschmaschine. Marcia und die Kinder werden der Reihe nach grün und verschwinden, nachdem das Frühstück über die Reling gewandert ist, in den Seekojen. Kein guter Anfang. Micha und ich wechseln uns ab: Wer Wache hat, segelt, in der Freiwache ist Seekrankenbetreuung angesagt. An Schlaf ist kaum zu denken. Die arme Marcia, die uns an Land eine große Hilfe ist, liegt lethargisch in der Ecke, womit unsere Entscheidung, nur zu viert Richtung Süden zu gehen, endgültig gefallen ist. Am folgenden Tag dreht der Wind auf Nordost, die Kinder erholen sich nach einem Frühstück an der frischen Luft zusehends und können wieder lachen. Das Positive an dem Höllenritt: Nach nur 42 Stunden machen wir in den frühen Morgenstunden im Yacht Club Argentino in Mar del Plata fest. Keine zwei Stunden später geht der Himmel auf, und ein wahrer Wolkenbruch prasselt auf uns hernieder.

Mar del Plata ist genau der richtige Ort für den Absprung nach Süden. Ein riesiger Fischereihafen sorgt für alle Werkstätten und Geschäfte,  die notwendig sein könnten. In der Nähe des Hafens gibt es eine überdachte Markthalle, in der man hervorragend einkaufen kann. Der Eiermann verliest die Eier für den Trip einzeln. Im Gesundheitsladen gibt es von Haferflocken über Kidney-Bohnen und Vollkornmehl alles direkt aus dem Sack abgewogen. Und die Gemüsehändler haben kein Kühlhaus, welches die Haltbarkeit von Obst und Gemüse an Bord stark einschränken würde.

Leider stellen wir bei der Riggkontrolle fest, dass zwei Beschläge der Unterwanten und einer am Vorstag einen Haarriss haben. Ein mulmiges Gefühl beschleicht uns, damit nach Feuerland fahren zu müssen. Und so beginnt die Suche nach einer Werkstatt, die uns die Teile maßanfertigt, am liebsten natürlich bis morgen. Doch morgen fällt aus, denn in Argentinien ist der 8. 12., Maria Empfängnis, einer der wichtigsten Feiertage. Der Argentinier hat ein langes Wochenende, in diesem Fall von Donnerstag bis Sonntag, und stellt wahlweise den Weihnachtsbaum auf oder fährt ans Meer. Neue Beschläge macht auf jeden Fall keiner.

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Fischerboote in Mar del Plata

Wir kümmern uns stattdessen um die Landleinen. 200 Meter Polyesterleine in quietschgelb haben wir von einem befreundeten Segler erstanden, der zu viel gekauft hat, und die muss gestaut werden. So gestaut werden, dass sie jederzeit griffbereit sind, um die aufwändigen Ankermanöver in den feuerländischen Fjorden zu fahren. Viele Schiffe haben zu diesem Zweck große Rollen am Heckkorb oder am Mast installiert. Dafür haben wir nicht wirklich Platz, und so entstehen zwei große Taschen in Ikeabeutelgröße, die mit einem Bändsel durch Ösen gezogen an der Reling beidseits festgelascht werden. Mittels Klappe lassen sie sich gut verschließen, je 100 Meter Leine haben Platz und können relativ bequem verstaut werden. Bleibt abzuwarten, wie sich das System im Gebrauch bewähren wird.

Wir spielen ein bisschen Touristen, schauen uns die Stadt und vor allem den Fischereihafen an, doch auch hier ist nichts los. Die Flotte liegt träge festgemacht an der Kaimauer, nur die Fischverkäufer buhlen um die Aufmerksamkeit der potenziellen Kunden. Maria Empfängnis hat alle fest in der Hand.

Nach den Feiertagen beginnt die Tour durch die Werkstätten. Immer wieder wird Micha vertröstet, bis er auf Andres trifft. Andres hat eine Schlosserei und arbeitet normalerweise für die Großschifffahrt, vornehmlich Fischerboote. Doch er hat ein Herz für Segler und versteht unsere dringliche Lage. Ein Wetterfenster für Mitte der Woche kündigt sich an, es sieht gut aus. „Kein Problem“, sagt Andres, „das schaffen wir, morgen habt ihr eure Ersatzteile.“ Unglaublicherweise ist es ein deutsches Morgen. Innerhalb von zwei Tagen ist alles ausgewechselt und neu angefertigt, was uns Kopfschmerzen bereitet hat.

Bis zum letzten Moment arbeiten auch wir am Schiff, verstauen die letzten Einkäufe, räumen, zurren fest und verkeilen jeden Gegenstand, der bei Schräglage durchs Schiff fliegen könnte. Ein letzter Blick am Nachmittag auf die Gribfiles. Es sieht weiterhin gut aus, zumindest bis Bahia San Blas kommen wir, vielleicht bis Puerto Madryn. Bei Niedrigwasser verlassen wir den kleinen Hafen und laufen fast in der Einfahrt auf. "Tock" macht es, dann sind wir im äußeren Becken, ein letzter Gruß auf Kanal 16 an die Prefectura, und die „Iron Lady“ nimmt Kurs auf Feuerland.

Nathalie Müller am 24.01.2012

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