Blauwasser

Geisterschiff auf dem Atlantik

Die Blauwasserfamilie Müller/Wnuk kehrt mit ihrer "Marlin" heim. 1000 Meilen vor den Azoren haben sie eine unheimliche Begegnung. Der Blog

Nathalie Müller am 15.07.2014
Marlin Transatlantik

Die "Marlin" mit Kurs auf die Azoren

4721 Seemeilen bis Flensburg steht auf unserer Tafel in der Küche. As the crow flies, wie die Engländer sagen, Luftlinie. In Wirklichkeit kommen natürlich einige hundert Meilen hinzu, denn über Inseln fliegen oder direkt gegen den Wind segeln kann die "Marlin" nicht.

Am 31. Mai, einen Tag vor dem offiziellen Beginn der Hurrikansaison in der Karibik, ist es endlich so weit. Das Rigg ist repariert, die Backskisten sind voll, tonnenweise Gemüse und Eier sind an Bord genommen worden, und die obligatorische Bananenstaude baumelt im Bugkorb. Wir sind zu fünft an Bord, Micha, die Mädchen und ich sowie Michas erwachsener Sohn Julian, der uns schon auf dem Weg von Surinam nach Trinidad begleitet hat.

Nonstop bis zu den Azoren ist der Plan, Ankunft noch vor dem ersten Achtelfinale der Fußballweltmeisterschaft. So eilig haben wir es nach Wochen des Wartens, endlich wegzukommen aus dem ungeliebten Montegobay in Jamaica, dass wir, den Sonnenuntergang im Rücken, zum Abend hin auslaufen. Die Dämmerung in den Tropen ist kurz, sehr kurz, sodass wir beim Setzen des Groß schon kaum mehr Tageslicht haben. Als wir das Kap erreichen, das uns schon mehrfach mit äußerst unangenehmen Wellen und Kreuzseen geärgert hat, ist es stockfinster.

Holpriger Start

Hoch am Wind wirft sich die "Marlin" in die See. Wir haben die Luken einen Spalt offengelassen. In der Vorpiek und im Salon. Großartig. Zu viel Tuch drauf, zwischendurch reffen, dann wieder runter, Salzwasser aufwischen, trocknen, Wäsche abziehen. Als dann die Toilette mit feinen Duftnoten überläuft, ist bei mir der Ofen aus. Ein paar Tränchen unterdrückend, hocke ich elend im Niedergang, mein Magen rebelliert bei jeder Welle, und plötzlich scheint diese ganze Atlantiküberquerung der reinste Irrwitz zu sein. Micha schickt mich kurzerhand ins Bett, und als ich nach drei Stunden komatösem Schlaf wieder aufwache, sind die Kapwellen vorbei, der Seekrankheitsanfall auch, und mir geht es wieder blendend.

Fotostrecke: Marlin Transatlantik

Wir segeln, am Wind, hoch am Wind, einmal quer über den Kanal zwischen Jamaica und Kuba, machen so viel Ost, wie es irgendwie geht. Erst 20 Meilen vor der kubanischen Küste verlässt uns der Wind, der Schiffsdiesel muss ran. Hier, zwischen Kuba und Jamaica, steht der Passatwind, mal mehr, mal weniger stark aus Ost. An der Südküste Kubas kann man sich mit etwas Glück die katabatischen Winde zu Hilfe nehmen, doch immer wieder muss der Motor ran. Bis plötzlich ein lautes Piepen die Überhitzung des Yanmar anzeigt. Kaputter Impeller.

Kein Problem, denken wir,  Ersatz ist an Bord. Doch auch der neu eingebaute Impeller gibt 15 Minuten später seinen Geist auf. Und jetzt? Noch über 2500 Seemeilen vor dem Bug. Klar, wir sind ein Segelboot, wir würden schon irgendwie drüben ankommen, auch ohne Maschine. Aber es ist bereits spät in der Saison. Die Vorstellung, in den Rossbreiten bei Flaute rumzudümpeln, während sich irgendwo südlich von uns der erste tropische Sturm zusammenbraut, macht nervös.

Ungeplanter Zwischenstopp

Ein Zwischenstopp ist angesagt, mühsam kreuzen wir uns uns Meile für Meile die kubanische Südküste hoch und durch die Winward Passage in den Atlantik. Great Exuma/Bahamas heißt das neue Ziel. Am 5. Juni fällt der Anker nach Riffpassage unter Segeln auf dem geschützten Ankerplatz hinter Stocking Island vor der Inselhauptstadt Georgetown. Labour Day, Pfingsten, verschobener Postschifffahrplan und schlechtes Wetter verschaffen uns einen einwöchigen Traumurlaub auf den Bahamas. Strand, Einsiedlerkrebse, Wellenreiten, Wanderungen, dann endlich kann der gelieferte Impeller eingebaut werden, und wir sind wieder startklar.

Diesmal machen wir es richtig. Wir laufen morgens aus, kurz nach Sonnenaufgang mit einer Tasse Kaffee in der Hand. Nicht am Freitag, den 13. natürlich, sondern am Samstag. Mal wieder sind die frischen Vorräte aufgestockt, ein ganzer Tag mit Sonnenschein und 15 Knoten Wind aus Südost liegt vor uns. Ein guter Start.

159 Meilen macht die "Marlin" direkt am ersten Tag gut – und rutscht nahtlos in ein Schwachwindgebiet. Mit Vollzeug dümpeln wir nördlich der Bahamas im Atlantik, als sich der Himmel verdunkelt. Nur ein kleiner tropischer Squall? Alle Hände an Deck, 1. Reff, nein 2. Reff einbinden, der Wind schlägt schlagartig um auf Nordwest, ein paar Minuten später sind wir nass bis auf die Haut.

Starkwind und Flaute im Wechsel

Der Squall entpuppt sich als Front, die in dieser Nacht über uns hinwegzieht. Hinter der Front wie immer Flaute. Mit wechselnden Winden geht es weiter Richtung Bermudas, Etmale von 80 bis 100 Seemeilen lassen das Seglerherz nicht gerade höher schlagen, dafür beginnt unser Angelglück.

Eine 18 Kilogramm schwere Dorade beißt an unseren Köder. Dann ein passabler Acht-Kilo-Thunfisch. Es gibt frischen Fisch bis zum Abwinken und Thunfischkonserven für die Bilge. Der Bordalltag spielt sich ein. Schule, für die Kinder: 1x1 und Rechtschreibung, für Julian Seglerlatein. Was ist eine Schot, was ein Fall, welche Leine dient wozu, wo ist backbord und wo steuerbord und welche Segel setze ich bei welchem Wind?

Gute Bedingungen, denn bei den wechselhaften Winden sind viele Manöver fällig. Zwischendurch drehen wir die Anlage auf, lassen die Beine über die Reling baumeln und genießen Segeln pur. Das Land ist weit weg, das Blau des Ozeans ganz nah. Tiefes Blau, tiefe Entspannung. Die Meilen vor dem Bug so viele, dass niemand den Tag des Ankommens berechnen mag.

Ölzeug und Funktionswäsche werden wieder hervorgeholt

Ungefähr 60 Meilen nordöstlich der Bermudas erwischt uns die zweite Front, mit Winden um 20 Knoten, Böen bis 25 und kalter Luft aus dem Norden. Ölzeug und Funktionsunterwäsche haben nun endgültig wieder ihren Platz am Haken neben dem Niedergang gefunden. Die "Marlin" giert die Wellenkämme nur unter halb gesetzter Genua herunter, den Wind von achtern, alles wackelt, schiebt, rutscht von Backbord nach Steuerbord und wieder zurück.

Vergeblich versuchen wir, uns nachts die Kopfkissen auf die Ohren zu drücken, um besser schlafen zu können.  Aber wer will schon meckern – die Boote, die vor fünf Wochen den Weg über den Atlantik angetreten sind, mussten mehrfach Windstärken von 30 Knoten und mehr abwettern. Die Tür wird geschlossen, dicke Decken und heißer Tee werden im Deckshaus verteilt, auf dem Laptop läuft "Ice Age".

Begegnung mit einem Geisterschiff

Am nächsten Morgen weht es weiterhin mit 25 Knoten. Der Himmel ist bedeckt, alle Luken dicht. Plötzlich sichtet Micha am Horizont ein anderes Segelboot. "Guck mal da, auf 2 Uhr, das ist doch ein anderes Segelboot. Segel haben die aber nicht gesetzt, oder seh ich das falsch?"

Ein Blick durch das Fernglas bestätigt den Eindruck, ebenfalls die Geschwindigkeit, in der wir uns dem Punkt am Horizont nähern. "Komm, wir fallen ab und gucken mal, was da los ist, vielleicht brauchen die Hilfe!" Wir nehmen Kurs auf das Schiff. Und mit jeder Seemeile, die wir uns nähern, werden wir nervöser.

Eine Ketsch, treibend mitten auf dem Atlantik, die Genua ausgerissen, das Groß geborgen, der Besanmast schlägt unkontrolliert im Seegang. Wir rufen auf Kanal 16, senden Signale mit dem Nebenhorn, keine Reaktion. Die "Elusive", Heimathafen New York, treibt führerlos auf dem Wasser, keine Spur von der Mannschaft, der Niedergang ist verschlossen.

Was tun? Wo ist die Crew? Es bläst weiterhin, und eine nähere Erkundung bei dem Seegang wäre gefährlich. Per Satellitentelefon kontaktieren wir die Seenotrettungsstelle in Bremen und bekommen 15 Minuten später einen Rückruf von der amerikanischen Coast Guard. Ein alter Fall, heißt es dort lapidar, die Crew abgeborgen im Mai, die Yacht ihrem Schicksal überlassen.

Und jetzt? Keine hundert Meter neben uns treibt eine seetüchtige Yacht, die seit vier Wochen jedes Wetter ohne Zagen überstanden hat. Sollen wir sie abbergen? An Bord gehen? Eine hitzige Diskussion folgt, doch schnell ist klar, unsere eigene Crew kann auf niemanden verzichten. Julians Erfahrung reicht nicht aus, um die "Elusive" bis auf die Azoren zu segeln. Ich werde für die Kinderbetreuung gebraucht, und die "Marlin" mit all ihrer Technik braucht den Skipper.

Auf die Bermudas zurück wollen wir nicht, unser Ziel ist Europa, in diesem Jahr. Zudem verbietet das Wetter jede weitere Erforschung des verlassenen Schiffs. Und so nehmen wir schweren Herzens wieder unseren Kurs auf die Azoren auf. Tagelang beschäftigt uns das Schicksal der treibenden Yacht.

"Marlin" kommt mächtig in Fahrt

Unterdessen segelt die "Marlin" weiter, Meile um Meile, ein Bergfest, eine weitere Dorade, das Azorenhoch bewegt sich und zieht uns an seiner Rückseite in die Autobahn. 15 Koten raumschots, Vollzeug gesetzt, wir nehmen Fahrt auf. Verbessern unsere Etmale, aus 120 werden 150, der Wind nimmt zu. Die "Marlin" rauscht mit ihren neuen Rolly-Tasker-Segeln nur so dahin, und als das GPS durchschnittlich über 8 Knoten zeigt, packt uns der Ehrgeiz.

200 Meilen sind doch drin, oder? Der Autopilot wird ausgekoppelt, wir gehen Ruder von Hand, nehmen jede Welle mit. Geschwindigkeitsrausch. Delphine springen aus den Wellenkämmen und veranstalten ein Wettrennen. Die ganze Nacht geben wir uns das Ruder in die Hand. Am Morgen lässt der Wind nach, nur ein paar Knoten weniger, und schon erreichen wir die magische Grenze nicht.

Wir brauchen mehr Segel, also setzen wir die Fock zur Genua, die "Marlin" gibt Gas, und unter Kutterbesegelung erreichen wir um Punkt 12 unser 201-Meilen-Etmal. Danach wird gerefft und gefeiert. Erbsensuppe und frisches Brot, ab jetzt darf der Autopilot wieder ran, denn schließlich sind wir immer noch eine Familiencrew. Wir müssen nicht über den Atlantik rasen, aber einmal in drei Wochen zu fliegen statt zu segeln ist unbeschreiblich.

Wie lange noch?

Ab jetzt heißt es jeden Morgen: "Wann sind wir da?" Am 6. Juli kommen Julians Bruder und eine Freundin auf die Azoren, schaffen wir das? Na klar, denn das Hoch spielt weiter mit, die Rückseite haben wir verlassen und segeln nun mit stetigem Westwind in Richtung der ersten Azoreninsel. Am 4. Juli kommt morgens die Insel Flores in Sicht. Die Sonne scheint, wieder begleiten uns Delphine, sogar zwei Orcas ziehen träge an Backbord vorbei. Die Versuchung abzudrehen und schon am Nachmittag im Hafen zu liegen ist groß, doch wir halten durch, noch 130 Meilen to go. Über Nacht schläft natürlich der Wind ein, ab und an hilft die dicke Emma, unser Schiffsdiesel, mit.

Faial versteckt sich am Morgen tief in einer Wolkenhülle. Doch kaum haben wir uns auf fünf Meilen genähert, lichtet sich die Wolkendecke und gibt den Ausblick frei. Lavaasche und ein halb verschütteter Leuchtturm im Norden der Inseln, bizarre Felsen, kreischende Seevögel, Delphinschulen, vorgelagerte Halbinseln mit Kratern und immer wieder grüne Wiesen und Felder.

Zurück in Europa!

Wie anders ist doch der Landfall auf einer atlantischen Insel, wie viel aufregender und vielseitiger als die ewigen Strände und Palmen. Die Kinder tanzen mit den Delphinen auf dem Bug um die Wette, Schokoladeneis und kaltes Bier sind zum Greifen nahe. Wir bergen die Segel, räumen auf und laufen unseren Ankerplatz im Traditionshafen Horta an. Wir sind in Europa, nach genau 21 Tagen. Der Boden wankt unter unseren Füßen, Julian und die Kinder stürmen die erste Eisdiele, während Micha die Einklarierungsformalitäten erledigt. Segeln ist toll, aber der altbewährte Spruch hat immer wieder seine Gültigkeit: Das Beste ist immer noch "the drink on the other side of the ocean."

Nathalie Müller am 15.07.2014

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