Blauwasser-Blog

Beileidsbekundung per Nebelhorn

Bei den Caymans denkt jeder gleich an Steueroase. Langfahrtseglerin Nathalie Müller von der "Marlin" erzählt vom wahren Leben auf den Inseln

Nathalie Müller am 09.04.2014
Marlin Caymans

Die "Marlin" hoch am Wind vor Grand Cayman

Sonntags auf einer karibischen Insel einzuklarieren ist selten eine gute Idee. Der Sonntag gehört Gott und der Familie, und dementsprechend teuer lassen sich die Behörden die Formalitäten bezahlen. Wir können es nicht ändern, natürlich ist Sonntag, als die schroffe Steilklippe im Norden von Cayman Brac vor uns auftaucht. Dieser Sonntag gehört jedoch nicht nur Gott und Familie, sondern auch den Toten.

Unser Anruf auf Kanal 16 wird von Raymond beantwortet, selbsternannter Ship-in-Traffic-Advisor der Cayman-Inseln und entfernter Verwandter der Lady X, die soeben auf dem Friedhof von Creek beigesetzt wird. Ob wir der Verstorbenen die Ehre erweisen könnten und sechs lange Salutschüsse zur Zeremonie beitragen würden, kommt die Anfrage über UKW.

Schießen können wir nicht, aber die Nebelbüchse liegt im Pilothouse parat. Verdächtig leicht ist die Dose. Vier satte lange Töne schicke ich Richtung Trauergemeinde, die letzten beiden bekomme ich nur noch unter größten Mühen aus der Büchse gepresst. Da ist wohl mal ein klassisches Nebelhorn aus Messing zum Reinpusten fällig. Als Dankeschön für unseren Beitrag zur Beisetzung verschonen uns die Behörden am Sonntag und retten der Bordkasse 60 Euro.

Cayman-Inseln. Da denkt man in Europa an Banken, an Nummernkonten, viel Geld, vielleicht noch an Palmen und Kreuzfahrtschiffe. Von alledem ist auf Cayman Brac nicht viel zu sehen. Gerade mal 2000 einheimische Insulaner führen hier ein beschauliches und ruhiges Leben, in der Hauptsaison kommen 150 Touristen hinzu, die nur eines im Kopf haben: Tauchen, Tauchen und nochmals Tauchen.

Unter Wasser oder hoch darüber

Um die 50 Tauchmurings sind allein um Cayman Brac im Meeresboden verankert. Südlich der Insel liegt die tiefste Stelle der Karibik, über 7000 Meter geht es hier hinunter. Die wenigen, die ihren Kopf nicht unter Wasser stecken, hängen im Klettergeschirr an der 50 Meter hohen Steilwand im Osten der Insel. Die Kletterrouten tragen Namen wie  "Blackbeard’s Revenge" (Schwarzbarts Rache) oder "The devil wears flippers" (Der Teufel trägt Flossen). Einzige Zuschauer der waghalsigen Klettertouren sind die zahlreichen Tölpel, die hier auf den Klippen ihre Brutplätze haben.

Segelboote indes findet man keine. Eine Handvoll macht in jeder Saison an der Muring vor dem Postamt im Nordwesten der Inseln fest, meist auf der Durchreise, auf dem Weg nach Jamaika oder Kuba. Keine Bucht, keine Flussmündung, keine Einschnitte, pure Felsküste mit ein paar Metern Sandgrund und dahinter die von den Tauchern geliebte Steilwand. Der Schwell aus Ost trifft uns überall, läuft um die Insel herum und bringt die Kaffeetassen auf dem Frühstückstisch zum Rutschen.

Trotzdem gefällt es uns hier. Wir mögen die Ruhe, die die Bewohner ausstrahlen, fahren per Anhalter über die Insel oder lassen uns von Raymond Geschichten aus seinen Tagen als großer Seemann erzählen. Sein Haus, direkt am Strand, wurde vor ein paar Jahren von einem Hurrikan mitgenommen. Jetzt baut er wieder, tagsüber. Abends sitzt er an seinem Funkgerät und versucht, Kontakt mit den vorbeiziehenden Kreuzfahrtschiffen aufzunehmen. Seine Kinder spielen lieber mit unseren Mädchen und lassen die Geschichten Geschichten sein.

Ein paar Tage nach unserer Ankunft fallen wir um vier Uhr morgens fast aus dem Bett. An Frühstück am Tisch ist nicht ansatzweise zu denken. "Schlimmer als auf See", brummelt die Mannschaft vor sich hin, löst die Leinen und flieht mit unklarem Ziel. Ausklariert hatten wir sicherheitshalber schon, denn der Starkwind war angesagt. Auf der Nachbarinsel Little Cayman finden wir eine Tauchmuring hinter einem vorgelagerten Riff, das immerhin einigermaßen Schutz gewährt.

Die Ruhe vor dem Sturm

Unter der "Marlin" tummeln sich ein riesiger Barrakuda, ein dickbäuchiger Zackenbarsch und ein kleiner Riffhai; nicht zu vergessen die Kleinfischschwärme, die bei jedem noch so winzigen Krümel, der ins Wasser fällt, an die Oberfläche geschossen kommen. Bei all der Begeisterung für die Unterwasserwelt kümmern wir uns wenig um die erforderliche Segelstrategie und müssen am Abend feststellen, dass wir den Wind verpasst haben, um vor dem angesagten Nordwind nach Grand Cayman zu kommen. Es herrscht die sprichwörtliche Ruhe vor dem Sturm. 85 Seemeilen motoren mit einem 165-PS-Motor, das tut weh. Guter Rat ist teuer.

Zwischen Dezember und April wird die nordwestliche Karibik regelmäßig von ausgedehnten Kaltfronten heimgesucht. Besonders kalt, windig und regnerisch sind sie in Belize, Mexiko, Kuba und den Cayman-Inseln. Urplötzlich fällt die Temperatur um 10 Grad, der Wind dreht über Süd auf West/Nordwest und fängt je nach Region mit um die 25 bis 40 Knoten an zu blasen. Die Ankerplätzen, die während der vorherrschenden östlichen Passatwinde gut geschützt sind, werden unhaltbar.

Fotostrecke: "Marlin"-Blog Caymans

Je kälter es in Florida wird, desto ausgeprägter und heftiger sind die Fronten. Eine dieser Fronten steht uns bevor. Und nachdem die Vorhersage im Windfinder zwischendurch sogar mal die 40-Knoten-Marke erreichte, werden wir nervös. Motoren wollen wir trotzdem nicht, und so entscheiden wir, die Vorboten der Front am nächsten Abend zu nutzen, um die 85 Seemeilen nach Grand Cayman zu segeln.

Um vier Uhr in der Früh soll der Wind eintreffen, bis dahin wären wir sicher schon in der Abdeckung der Insel. Es wird eine nervöse Nacht, doch der Plan geht auf. Im Morgengrauen stehen wir im Süden von Grand Cayman und hören die Durchsagen der Kreuzfahrtschiffe auf Kanal 16. Kein Ausbooten möglich, der erste Dampfer dreht ab mit Kurs auf Jamaika, die Reede vor Georgetown ist selbst für die riesigen Kreuzfahrer unhaltbar. Wir nehmen in einem Achterbahnmanöver in der Spott Bay im Süden eine Muring auf und beginnen unser Hase-und-Igel-Spiel auf der Hauptinsel Grand Cayman.

Im Griff der Kaltfronten

Das Wetter hat uns fest im Griff. Kaum ist eine Kaltfront durchgezogen, setzt der Ostschwell ein und vertreibt uns von unserer südlichen Zufluchtsstätte zurück auf die Hauptreede vor Georgetown. Der Track ist fest ins Gedächtnis eingebrannt, nach einer Woche kennen wir den Weg im Schlaf, wissen, wo die Murings liegen und gehen nicht selten mitten in der Nacht ankerauf, nur um ein kleines bisschen weniger zu rollen. Gerne würden wir weitersegeln, denn teure Supermärkte, Duty Free Shops und Banken sind nicht ganz unser Geschmack. Doch kein Wetterfenster ist lang genug für die 130 Seemeilen nach Kuba. Es bläst aus Nord, Nordwest, Nordost, mit 20 Knoten, konstant.

Natürlich gibt es auch eine Marina, sicher gelegen in der Lagune von Grand Cayman, doch die hat ihren Preis. 120 Euro pro Nacht. Ohne Strom, versteht sich, der wird extra abgerechnet. Selbst wenn wir das Geld hätten, bei den Preisen hört der Spaß auf.

Nicht nur wir wünschen dieses Wetter zum Teufel, auch die Caymaner beginnen zu murren, denn ihnen bleiben die Touristen weg. Bis zu fünf Kreuzfahrer à 4000 Passagiere laden hier täglich ihre Gäste an Land zum Shoppen und Sightseeing aus. Fallen die weg, ist die Haupstadt wie ausgestorben. Die Tauchschulen im Westen schließen gleich für mehrere Tage, weil sie bei dem Schwell ihre Gäste nicht in die Boote bekommen. Der weiße Seven Mile Beach mit seinen Schirmchen und Liegestühlen ist menschenleer – und das zur Hochsaison im Januar.

Trotzdem fangen wir an, die Insel zu mögen, denn wie durch Zufall haben wir im Segelclub der Insel den deutschen HNO-Arzt Uli, seine Frau Claudia und ihre vier Kinder kennengelernt. Im Nu sind wir eingebürgert und erfahren all das über die Insel, was eben nicht im Reiseführer steht.

Die Kinder verlassen das schaukelnde Schiff

Bei der nächsten Kaltfront ziehen unsere Kinder ohne mit der Wimper zu zucken mit einem Köfferchen bei ihren neuen Freundinnen ein. "Diesmal könnt ihr allein mitten in der Nacht in den Süden verholen!" Machen wir aber nicht, tapfer wackelt die "Marlin" mit uns an ihrer Boje durch den Starkwind, was uns den Respekt der dominospielenden Locals einbringt, die seit Jahr und Tag am Dingi-Dock sitzen und so manche Schauergeschichten über die Boote auf Riffen zu erzählen wissen.

Kurz vor Ablauf unseres Visums klärt sich die Lage, der Wind dreht östlich, und endlich ist das Wetterfenster lang genug, um gen Kuba zu segeln. An der Nordspitze luven wir an, die "Marlin" legt sich auf die Backe, 7,5 Knoten auf der Logge, und Kurs Nordnordost liegt an. "Hey, das wackelt ja auf See weniger als am Ankerplatz!", staunen die letzten Endes dann doch zurückgekehrten Kinder. Recht haben sie, und wie schön wird das Leben an Bord erst wieder sein, wenn die Kaffeetassen auf dem Tisch stehen bleiben.

Nathalie Müller am 09.04.2014

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