"Marlin"

Bei den Fischern von Blanquilla

Die Blauwasserfamilie Müller-Wnuk nimmt Abschied von den Grenadinen und setzt Segel. Über die Inseln vor Venezuela geht es westwärts

Nathalie Müller am 13.09.2013
Marlin

Die "Marlin" in der Karibik

Im Mai kündigte die NOAA für den Sommer 2013 eine besonders aktive Hurrikansaison an. Doch die gefürchteten Wirbelstürme lassen dieses Jahr auf sich warten. Bis in die erste Septemberwoche hinein hat kein einziger Hurrikanstärke erreicht.

Gut für die Inseln, gut für die Segler. Nicht nur die Stürme bleiben aus, das gesamte Klima scheint dieses Jahr auf den Kopf gestellt. Zum ersten Mal in unserem Seglerleben in einer für uns positiven Richtung. Die lähmenden Windstillen, die tagelangen tropischen Regengüsse, die angekündigte Regenzeit, wo sind sie? An den meisten Tagen steht der Passat mit seinen üblichen 15 Knoten aus Ost, und nur ab und an zieht eine kleine Störung durch, die ein bisschen Regen bringt.

Was machen wir in dieser Regenzeit, die keine Regenzeit ist? Knapp drei Monate haben wir in Grenada und den Grenadinen verbracht, es ist Zeit für etwas Neues.

Natürlich ist es angenehm, zwischen den ganzen Fahrtenseglern in Hog Island zu liegen, inmitten von Familiencrews. Doch die wirkliche Robinson-Atmosphäre, in deren natürlichem Tagesverlauf wir uns schon öfter an einsamen Plätzen der Erde verloren haben, kommt nicht auf. Zu nah der Supermarkt, die Marinas, die Annehmlichkeiten der Zivilisation.

Wonach wir uns sehnen, ist ein Stückchen Insel ohne WiFi, ohne Flughafen, ohne Hotel und ohne Charterbasis. Sind wir verwöhnt? Verlangen wir zu viel? Hängt die Messlatte zu hoch? Oder ist die Karibik das falsche Revier?

Einer unserer Lieblingsorte der ersten Reise waren die venezolanischen Antillen. Die wenigsten sind dauerhaft bewohnt, ab und an gibt es eine Guarda-Costa-Station, ansonsten liegen dort Fischer vor Anker. Los Testigos, Tortuga, Blanquilla, Los Roques, Las Aves heißen die Inseln, auf halber Strecke des Blauwasser-Highways Grenada-Bonaire.

Ein Traumziel schlechthin, wäre da nicht die berechtigte Angst vor der Kriminalität. Der Ankerplatz vor Porlamar auf der Isla Margarita, vor zehn Jahren noch ein beliebter Zwischenstopp, um sich mit günstigem Diesel, Konserven und Spirituosen für den Pazifik zur versorgen, ist verwaist.

Nicht zu Unrecht, wie der tragische Tod eines holländischen Seglers beweist, der dort vor einer Woche einem bewaffneten Überfall auf seinem Schiff zum Opfer fiel. Auch die Inseln vor Puerto de la Cruz sind unsicher. Allein Blanquilla, die Aves und Roques werden weiterhin als relativ sichere Inseln angegeben.

Nach einem kurzen Zwischenstopp über Trinidad, um den bestellten Wassermacher aufzugabeln, steuern wir unser neues Ziel an. Endlich wieder länger als einen Tag segeln! Knapp 230 Seemeilen müssen wir einkalkulieren, um die venezolanische Küste im Abstand von 40 Seemeilen zu passieren. Unser AIS schalten wir auf "nur Empfang", und nachts bleiben die Positionslichter so lange aus, bis wir klar identifizierbare andere Schiffe auf unsere Anwesenheit aufmerksam machen müssen. 

Der Sonnenuntergang taucht Himmel und See in ein Meer aus Farben, zehn Knoten Wind von achtern schieben die "Marlin" mit acht Knoten in die grobe Richtung Blanquilla, erstes Reff im Groß. Man weiß ja nie, ob der Wind nicht doch in der Nacht zunimmt. 

Eilig haben wir es nicht. Die erste Nacht, der erste Morgen sind fast wie Zugfahren, kaum Krängung, kein Schwell. In der Freiwache schlafen wir besser als am rolligen Ankerplatz in Trinidad. Irgendwo an Backbord ziehen die Testigos vorbei.

Frühstück gibt es am Tisch. Nicht nur Frühstück, sogar Schule an Bord ist bei den sanften Bewegungen möglich. Wir machen Kartenarbeit, klären Begriffe wie Zeitverschiebung, Datumsgrenze, Längen- und Breitengerade. Erdkundeunterricht zum Anfassen.

Über Tag lässt der Wind nach, immer weniger Brise schiebt zusammen mit ein bisschen Strömung von hinten an, die Ankunft im Hellen auf Blanquilla können wir knicken. Zu früh haben wir uns auf die erreichten Etmale des ersten Törns von Suriname nach Trinidad verlassen. Doch wir kennen die Bucht auf Blanquilla ganz gut und beschließen, sie auch nachts anzulaufen.

Natürlich nimmt der Wind zu, als es dunkler wird, aus zehn Knoten werden erst 15, dann 18. Die Genua rollen wir ein bis zum dritten Reff, das Groß steht weiter im ersten. Rauschefahrt durch eine sternklare Nacht. Neumond natürlich. Kurz vor Blanquilla wird der Skipper nervös. Ein paar Felsen liegen genau im Weg, die Durchfahrt zwischen zwei der Inselchen ist keine Seemeile breit. Breit genug für uns sicher, aber im Dunkeln sind die Steine kaum auszumachen.

Fotostrecke: "Marlin" nimmt Kurs auf Blanquilla

Plötzlich springt Micha nach unten in die Kinderkoje und holt unser Radar aus seinem Versteck – ein monströser Monitor mit integriertem Kartenplotter. Hat früher im Deckshaus gestanden und die Aussicht versperrt und ist wegen Nichtnutzung in den Keller verbannt worden. Doch jetzt können wir ihn gebrauchen. Schnell das Kabel aus der Versenkung geholt, eingestöpselt, On-Schalter gedrückt, und … ? Wer sagt es denn, endlich mal ein technisches Gerät, das auf diesem Boot direkt funktioniert.

Die beruhigenden grünen Linien tauchen auf, hier die eine Insel, da die andere und wir in der Mitte. Die Karten stimmen also und unsere Position ebenfalls. Die "Marlin" rast weiter mit acht Knoten durch die Nacht. Kurz nach Mitternacht lassen wir vor der Küstenwache-Station von Blanquilla den Anker fallen, der Schwell läuft um die Ecke in die Bucht hinein, die "Marlin" schaukelt vor Anker. Herrlich. Wir sind wieder unterwegs.

Am nächsten Morgen schnappen wir unsere Papiere und gehen an Land. Ein junger Venezolaner kämpft gerade mit den Generatoren und der Meerwasser-Entsalzungsanlage. Letztere soll nicht nur die Station, sondern auch die Fischer mit frischem Wasser versorgen, doch sie funktioniert nicht. Bis auf weiteres.

Der große betonierte Platz mit den Fußballtoren und Basketballkörben ist noch ein bisschen brüchiger geworden als vor zehn Jahren. Hunde und Leguane lassen im Schatten die größte Hitze des Tages vorübergehen. Unser junger Führer streckt sein Handy in die Luft. "What’s app!", lacht er. Telefon gibt es keins, nur Internet und das umsonst.

Ich werfe Micha einen warnenden Blick zu. "Wir haben uns abgemeldet, komm gar nicht erst auf die Idee ..." Im Büro stehen noch die Pfützen eines vergangenen Regenschauers, die Dächer sind offen. Ein weiterer Beamter nimmt sich viel Zeit zum Ausfüllen eines langen Formulars, willkommen in Südamerika. Eine halbe Stunde später sind wir entlassen. Bleiben dürfen wir, so lange wir wollen, kein Thema.

Der Strand an der Westküste ist genau das, was man sich unter einem Traumstrand vorstellt. Weißer, feinster Korallen- und Muschelsand, ein paar Palmen, malerische Felsen und türkisblaues Wasser. Pelikane und Tölpel sitzen in den Abendstunden auf ihrem angestammten Felsen und warten darauf, dass die Fischer nach einem langen Tag auf See vor Anker gehen.

Nicht nur die Tölpel warten darauf, auch unsere Kinder sind hin und weg von den Besatzungen der offenen Holz-Lancias. Meist zu zwei oder dritt leben sie auf ihren vielleicht sechs Meter langen Booten, eine Lkw-Plane gegen Sonne und Regen, ein paar zusammengerollte Matratzen und ein kleiner Gaskocher im Bug. In der Mitte der Lancia schwimmen die Fische in der Bilge, Lebendköder für den nächsten Tag. Vergessen sind die Kinderhorden aus Grenada, hier ruft das echte Abenteuer.

Wenn die Sonne tief am Himmel steht, gehen wir mit unserem Dingi längsseits, und die Mädchen laufen über zu den Fischern. Mal gibt es Pfannkuchenreste vom Frühstück zum Knabbern, mal frisch frittierten Thunfisch direkt aus der Pfanne. Mit Handleine und ein bisschen Fisch angeln die Kinder abwechselnd die Köderfische für den nächsten Tag. Die tummeln sich unter den Fischerbooten wegen der Abfälle, bis sie selbst am Haken hängen – ein Paradies für ungeduldige Angler. "Mama, wenn ich groß bin, werde ich auch Fischer!", meint Maya. Die Venezolaner grinsen.

Ganz so romantisch ist das Leben nicht für sie. Bis zu sechs Wochen verbringen sie auf der Insel, bis es mal wieder für ein paar Tage nach Hause geht. Noch vor Sonnenaufgang fahren sie raus, leben von Fisch, Maismehl, Reis und Pfannkuchen. Wasser ist kostbar, vor allem, seitdem die Entsalzungsanlage der Guarda Costa nicht mehr funktioniert. Der einzige Brunnen der Insel, neben der Miniaturkapelle, führt meist nur brackiges Wasser. Fast jeden Nachmittag landet ein Fisch oder ein Lobster in unserem Cockpit. Der schmeckt. Gebraten, gebeizt, gegrillt über dem Lagerfeuer. Wir revanchieren uns mit Wasser, Bier und selbstgebackenem Schokoladenkuchen.

Aus den geplanten drei Tagen werden fast zehn, und es würden noch mehr werden, wenn nicht Besuch aus Deutschland in ein paar Tagen auf dem Flughafen in Bonaire landete. Schweren Herzens setzen wir die Segel. Maya schaut traurig ins Kielwasser. Selbst die "Marlin" will anscheinend lieber dort bleiben und segelt mit "Iron Lady"-Geschwindigkeit. Kein Wunder, aus acht Knoten Wind zaubert auch die Neue keine Regattageschwindigkeit vor dem Wind.

Weitere 220 Seemeilen, wieder viel zu kurz, doch viel offenenes Wasser hat die Karibik zu dieser Jahreszeit nicht zu bieten, am Panamakanal ist spätestens Schluss.

Mittlerweile schreiben wir September, im Atlantik toben sich der tropische Sturm Gabrielle und der Hurrikan Humberto aus. Zwei weitere Systeme scheinen sich in der Karibik zu formieren.

Sie kommt wohl doch noch, die Zeit der Wirbelstürme, und wir sind froh, außerhalb des Gürtels zu liegen. Vor dem Tafelberg Curacaos ankern wir zwischen vielen rot-weiß-blauen Flaggen, quergestreift, versteht sich, essen Lakritz, Gouda und Frikandel speziaal. Unsere nächstes Ziel? Zurück zu den einsamen Orten, den San-Blas-Inseln, oder doch wieder Venezuela?

Nathalie Müller am 13.09.2013

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