Blauwasser

500 Meilen bis nach Trinidad

Die Müller/Wnuks segeln den ersten langen Schlag mit ihrem neuen Boot, der "Marlin". Dabei läuft nicht alles glatt. Erste Bestandsaufnahmen

Nathalie Müller am 02.04.2013
"Marlin"

Die neue "Marlin" der Ex-"Iron Lady"-Crew

"Mama, wann wird das Wasser endlich blau?", bringt Maya die Sehnsucht aller Crewmitglieder auf den Punkt. 20 Seemeilen im schlammig-braunem Wasser des Suriname River liegen bereits hinter uns, nachdem wir am Morgen um halb 8 die Leinen gelöst haben, doch vor dem begehrten Farbwechsel müssen wir tanken.

Kurz vor den Sandbänken der Flusseinfahrt liegt die Shell-Tankstelle. Normalerweise ist sie samstags geschlossen, doch Walter, der indische Besitzer, wohnt gleich über dem Anleger und kommt auf Anruf zum Wasser gelaufen. Wir manövrieren die "Marlin” an den baufälligen schmalen Holzsteg, wo Walter schon fröhlich winkend den Zapfhahn in der Hand hält.

Das ist ein Unterschied, unsere alte "Iron Lady" und die neue "Marlin”, 14 Tonnen mehr, die es zu händeln gilt – ohne Bugstrahlruder. Zehn große Schritte mehr, um vom Bug zum Heck und wieder zurückzukommen, ein paar Dezibel Stimme mehr, um dem Skipper Informationen durchzugeben.

Wir brauchen dringend eine ausgefeilte Zeichensprache, denke ich mir, derweil fungieren die Kinder als Stille Post, sitzen zufrieden am Mast und geben Befehle weiter. Walter zapft und zapft, ich zähle Geld, rechne US-Dollar erst in Suriname Dollars und dann in Dieselliter um. 335 Liter ist mein letztes Gebot, dann ist die Barschaft aufgebraucht.

"Stimmt das Geld?", fragt Walter, als ich ihm mein Bündel gemischter Währung entgegenhalte. "Ich denke schon." – "Okay, dann muss ich ja nicht nachzählen, gute Fahrt!" Spricht’s und löst die Leinen für uns. Karibische Gelassenheit.

Der Ozean ruft

Jetzt aber nichts wie los, der Ozean ruft. Fast neun Monate Autofahren, Werft, Inselleben und Arbeit liegen hinter uns. Unfassbar, wie schnell die Zeit vergeht und wie sehr wir das große Blau vermisst haben.

Die ablaufende Strömung nimmt uns mit. Der Motor schnurrt, noch eine Biegung, noch ein Kurswechsel, dann liegt Kurs Trinidad an. Raus mit dem Groß und rein mit dem Leerlauf. Am Horizont zeigen sich blaue Flecken im weißen Himmel, das Wasser ist immer noch milchkaffeefarben, aber die "Marlin” segelt.

Langsam nimmt sie Fahrt auf, noch zögernd ist das Rauschen des Wassers zu hören, dann kräftiger. 5 Knoten, 6 Knoten, 7 Knoten, 8 Knoten, die leichte Brise reicht aus, um die 26 Tonnen Aluminium in Bewegung zu setzen. Das Groß steht durchgelattet wie eine Eins, und auch wenn Julian, Micha und ich nach den Segelmanövern kurz nach Luft schnappen müssen, da eben nur eine der zwei Elektrowinschen funktioniert, strahlen wir um die Wette.

Sechs Jahre sind die Segel nicht mehr gesetzt worden, sechs Jahre lag dieses Schätzchen im dreckigen Flusswasser, und nun liegt endlich wieder ein neuer Kurs an. Noch haben wir keine vier Meter Wasser unter dem Kiel, aber der Horizont liegt vor uns. Motor aus. Herrlich.

Bestandsaufnahme

Es ist Zeit für eine Bestandsaufnahme: Einziges Manko an den Segeln ist der Schimmel, Northsail rät von sämtlichen Schimmelentfernungsmaßnahmen ab wegen der Delaminierung. Da unsere finanzielle Situation einen neuen Satz Segel derzeit nicht hergibt, fangen wir an, uns die Lage schönzureden.

Fotostrecke: Die ersten Meilen der "Marlin"

"Guck mal, jetzt in der Sonne sehen sie schon viel besser aus." "Ja, ich glaube, die werden tatsächlich heller", murmele ich, während ich über das Deck robbe, um den bestmöglichsten Winkel für ein Foto zu finden, wo die wenigsten Schimmelflecken zu sehen sind.

Nächste Bestandsaufnahme: Autopilot. Der heißt derzeit Julian, und in zwei Stunden Nathalie und weitere zwei Stunden später Michael. Ray, der mal vor ein paar Jahren für den Job bezahlt wurde, streikt. Hatten wir schon vermutet, aber nicht wirklich laut ausgesprochen. Nun ist es eben so.

Auch hier gilt das Gesetz des Schönredens: Am besten lernt man ein neues Schiff kennen, wenn man selbst am Steuer steht. Genau, Tag und Nacht, alle vier Stunden, mit der Teetasse in der Hand, die Suppenschüssel auf den Knien balancierend, nachts allein, wenn alle schlafen, in der Mittagshitze, wenn sich alle nach drinnen verkriechen, weil das Bimini noch fehlt. Jede Welle aussteuern, fühlen, wie das Schiff die Wellen nimmt, wie es reagiert auf kleine Kursänderungen, wie es anluvt – eine gute Schule.

Zurück im Blau

Mittlerweile liegt die erste Nacht auf See hinter uns, das Kaffeebraun ist verschwunden, wir sind umgeben von tiefem Blau. Seeschwalben machen es sich auf dem Furuno-Radar über dem Heck bequem, und fliegende Fische springen neben der "Marlin” aus dem Wasser. Maya sitzt angeleint am Heck, lässt die Beine über dem Spiegel baumeln und beobachtet stundenlang wie hypnotisiert das Kielwasser. Lena baumelt am Klettertampen oder baut riesige Playmobil-Landschaften im Pilothouse auf, die trotz Schräglage nicht umfallen. Niemand wird seekrank, alle sind glücklich.

Glücklich und beschäftigt, rund um die Uhr. Das Satellitentelefon macht Mucken, das Trinkwasser ist auf einmal ganz trüb, und in der Bilge finden wir ein paar Eimer Süßwasser. Woher? Dusche? Flusswasser? Süßwassertank? Bei zunehmender Krängung fliegt uns der Inhalt des Gewürzregals um die Ohren, die Kühlschranktür leckt, und in der Küche fehlt es an Ablageflächen für Öl- und Essigflaschen, Salzstreuer und andere Utensilien.

Man bräuchte vier Arme, oder besser sechs. Ach nein, wie war das noch? Schönreden. "Wasser in der Bilge, ach komm, ist doch ein Aluboot, und wenigstens ist es kein Salzwasser." – "Guck mal Schatz, wie toll, wenigstens können wir so die Küche nach unserem ganz eigenen System einrichten!" Na bitte, geht doch.

Die 200-Meter-Tiefenlinie ist erreicht und damit das tiefe Ultramarinblau, das jeden süchtig macht, der einmal mehrere 1000 Meter Wasser unter dem Kiel hatte. Ein kurzer Blick auf die Logge, 8,4 Knoten, ein kurzer Blick auf das schäumende Kielwasser. Mit der "Lady" würden wir jetzt bei der Brise 5 Knoten machen und uns wahrscheinlich an der Badeleiter festhalten, uns durchs Wasser ziehen lassen. Darauf verzichte ich hier lieber.

Motorausfall

Bestandsaufnahme Nummer 3: die Stromversorgung. Wir brauchen dringend Solarpaneele oder einen Windgenerator oder eine Reparatur des Fischer-Panda oder alles drei zusammen. Die Lichtmaschine liefert lächerliche 35 Amperestunden und frisst dafür acht Liter Diesel. Schon seit der ersten Nacht ist jegliche überflüssige Nutzung elektronischer Geräte an Bord untersagt.

Doch kaum haben wir unser Fahrtenenergiemanagement einigermaßen unter Kontrolle, stirbt auch das letzte Kraftwerk. Schrilles Alarmpfeifen, Überhitzung, kein Motor mehr. Da hilft auch kein Schönreden mehr. Ein weiterer Versuch am nächsten Morgen, den Motor laufen zu lassen, endet schon nach 15 Minuten. Das ist schlecht. Nur unter Segeln in Trinidad einzulaufen ist nicht möglich, zu eng ist der Kanal zwischen den Inseln und zu unberechenbar die Fallwinde, die dort um das Kap pfeifen. Tobago sollte gehen, denken wir uns.

Doch Micha wäre nicht Micha, wenn er die Sache auf sich beruhen ließe. Am nächsten Morgen nimmt er sich erneut unseren Diesel vor, bewaffnet mit allem, was der noch spärliche Werkzeugkoffer zu bieten hat. Wir hören Fluchen und Schimpfen, doch all dies passiert im Motorraum, nicht wie früher mitten im Niedergang zwischen Kombüse und Kartentisch.

Nach einer Stunde taucht der Skipper mit einem schwarzen Klumpen Plastik in der Hand aus den Tiefen der "Marlin” wieder auf. "Das war der Impeller", meint er trocken, und die Suche nach einem Ersatzteil beginnt. Auf der "Lady" gab es für alles Ersatz, oft in dreifacher Ausführung, doch hier wissen wir selber noch nicht ganz genau, was wir alles an Bord haben.

Micha sucht und findet tatsächlich in einem der Schränke das gesuchte Teil. Eine weitere Stunde vergeht, und der Yanmar spukt wieder das frische Seekühlwasser aus, welch ein Glück. Tobago laufen wir natürlich trotzdem an, zur Sicherheit und weil der Strand schöner ist und das Wasser klarer.

Keine drei Tage benötigen wir für die knapp 500 Seemeilen lange Strecke mit familienfreundlicher Anfängerbesegelung. Die nordsetzende Strömung hat noch ein bisschen mitgeschummelt, sodass wir mitten in der Nacht in der Milford Bay zum ersten Mal den "Marlin”-Anker fallen lassen. Am nächsten Morgen fällt dann die Crew ins Wasser, mit Taucherbrille, um den letzten Punkt der Bestandsaufnahme abzuhaken – das Unterwasserschiff. Hier brauchen wir uns nichts schönzureden, tonnenweise Steine plumpsen von Herz und Schulter in den Karibiksand. Das Unterwasserschiff ist tiptop in Ordnung. Keine Elektrolyse, kein blankes Alu, überall intakter Primer und Antifouling.

Etappenziel erreicht

Entsprechend entspannt und ausgelassen segeln wir am kommenden Morgen die restlichen 60 Seemeilen nach Trinidad, der Wind dreht, frischt kräftig auf, und so fliegen wir unter Schmetterlingssegeln und Vollzeug Port of Spain entgegen.

Micha und ich wechseln uns am Steuer ab, die "Marlin” surft auf den Wellen, es gurgelt und gluckst unter dem Schiff und in uns. Ja, wir haben die richtige Entscheidung getroffen, das richtige Boot gekauft, im richtigen Moment ja gesagt.

Während des Einlaufens in Chaguaramas, Trinidad, kommt uns die Besatzung der "Skua" im Dingi entgegen. Wir kennen uns aus "Iron Lady"-Zeiten in Buenos Aires. "Steht euch gut, der neue Kahn!", meinen sie. Dann wollen wir mal dran arbeiten, dass das auch so bleibt und aus der "Marlin” in Trinidad ein echtes Fahrtenschiff machen.

Nathalie Müller am 02.04.2013

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