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Wer wacht eigentlich über die Rekorde? - Teil 2

Matthias Beilken am 25.11.2015

Mit einem Zwinkern und Schalk im Nacken erläutert Breton dann die Regeln: nicht abkürzen, die drei großen Kaps auch schön an Backbord lassen! Und er streut Döntjes ein. Von damals, 1996 beispielsweise, als es noch keine Tracker gab und er den Riesen-Trimaran von Olivier de Kersauson ("Sport Elec") in einem wilden Dezember-Schneegestöber von seinem Semaphor-Ausgucksposten aus den Augen verlor, deswegen wahnsinnig panisch war und ihn dann quasi zwischen zwei Schneeflocken genau auf der Startlinie wiederfand und er bloß reflexiv die Stoppuhr zu drücken brauchte. Oder als Bruno Peyron mit "Orange" so schnell wieder zu Hause war, dass Breton quasi im Dauersprint auf die Insel eilen und der Fährkapitän seinetwegen Vollgas geben musste.

Claude Breton kennt sie alle. Ob Peyron, de Kersauson, Blake oder Joyon – allen ihnen hat er bereits die Stoppuhr gedrückt, denn der Funktionär funktioniert seit Jahrzehnten. Aber warum? Wieso wollen alle Segler unbedingt offiziell vom World Sailing Speed Record Council beobachtet und später ratifiziert werden?

Vor allem, weil das WSSRC letzten Endes der lange Arm der Welt-Seglerorganisation Isaf ist, die früher einmal "International Yacht Racing Union" (IYRU) hieß und seit 1972 die offizielle Archivierung von Rekorden forcierte. Die Gesellschaft ist aber eine Art Dudenkommission für Rekordsegler, niemand kommt um sie herum. Die Statuten und Klassen, in denen Rekorde gefahren werden können, wurden vom Weltrekord-Rat – einer privaten Firma – selbst definiert, sind aber gleichzeitig unumstößlich. In seinem Onlinearchiv findet sich eine fast unzählbar große Anzahl von Bestzeiten sowie der Hinweis, dass sich die Kommission von Superlativen wie "der jüngste" oder "der älteste Rekordsegler" distanziert.

Die Geschichte des WSSRC ist, trotz der Dominanz der Franzosen im Hochseesegeln, very british indeed. Diverse Lordschaften des Vereinigten Königreiches taten hier schon Dienst, heute ist es vor allem und zuvörderst Sir John Reed, der Generalsekretär. Er ist es auch, der die Protokolle von Claude Breton entgegennimmt.

Erinnert sich noch jemand an die Weymouth Speed Week, an Bootsnamen wie "Slingshot" oder "Crossbow", an filigrane, raketenähnliche Segel-Prototypengefährte aus den Siebzigern? An die Geschwindigkeitsrekorde über 500 Meter in einer speziellen Windstreifenecke der Bucht von Weymouth, ähnlich des "Speedstrips" für Surfer in Walvis Bay/Namibia? Dort also, in Weymouth, hat der WSSRC seinen Ursprung, dort wurde er gegründet. Seit 1988 verwaltet er auch alles, was auf hoher See mit Rekorden zu tun hat. 

Und mehr. Zu den nervigeren Nebenjobs der WSSRC-Juroren zählt es, die Welt zu durchmessen und zu bestimmen, ob irgendwelche Rekordstrecken ihres Namens auch würdig sind. Zu Hause ist es einfach: Die logischste Strecke um die Welt beginnt für Europäer mit Passieren der Linie zwischen Cape Lizard und der Ile d'Ouessant. Seit Urzeiten beginnt hier der Ozean, und hier enden für "ausfahrende" Schiffe Kanal und Küstengewässer, spätestens hier verlieren die meisten Segelscheine ihre Gültigkeit. Und weil es "einlaufend" umgekehrt ist, endet Claude Bretons Job, wenn er offiziell die Zeit einer Rekordyacht nimmt, die diese Linie nach Rundung der Erde erneut passiert.

Aber nicht alle Segler auf der Welt kommen zu ihm. Masekowitz' virtuelle Class-40-Kontrahenten Guo Chuan (China) und Joe Harris (USA) wählten andere Start- und Zielorte. Hier galt es für den WSSRC, Ersatzstrecken zu definieren, die von der Distanz her in etwa der Urstrecke Ouessant–Ouessant entsprechen. Für Joe Harris mussten sie sogar recht viele theoretische Routen plotten, weil der Amerikaner mal von Bermuda, mal von South Carolina und mal von der Ostküste aus starten wollte. Das Rekord-Gremium musste alle diese möglichen Abfahrtsorte genehmigen – viel Arbeit. Harris' Strecke ist jetzt, da er schließlich von Newport absegelte, zwar ein paar Kilometer länger als die von Henrik Masekowitz. Auch unterscheiden sich im Nordatlantik die Windsysteme auf beiden Seiten. Aber das lässt sich nun mal nicht egalisieren.

Breton übrigens, dieser kundige Wächter der Rekorde, arbeitete ehemals als Kartograf in Brest, eine durchaus passende Profession für seine jetzige Aufgabe. Mit viel Akribie fertigt der kleine Mann, wenn er von der kargen Insel in der Biskaya zurückkehrt, Start- und Zielprotokolle für seine Organisation in England. Denn die Gesellschaft der Lords ist eine ernste Angelegenheit. Jedoch würde sich niemand wundern, wenn Breton im wirklichen Leben eigentlich Bretonix hieße, wohnhaft im gallischen Dorf.

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Matthias Beilken am 25.11.2015

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