Henrik Masekowitz

Kapverden passiert: "Auf gen Süden"

Das Energieproblem an Bord ist vorerst gelöst, die Stimmung gestiegen. Masekowitz macht weiter. Hier sein aktueller Bericht von Bord

Lars Bolle am 27.11.2015
Einhandsegel-Manöver Allgemein Masekowitz 2015 MSK_73

Masekowitz bei einer YACHT-Produktion vor seinem Start

Henrik Masekowitz sendete in der Nacht folgende Zeilen:

"Meine Güte, es ist schon fast eine Woche her seit meinem letzten großen Update von Bord der 'Croix du Sud'. Es ist allerdings bei Weitem nicht so, als sei hier nichts los gewesen. Nur leider hatte ich weder richtig Zeit (klingt komisch) noch den Kopf dafür, etwas zu schreiben. Mal davon abgesehen, dass es extrem unangenehm ist, auf der Tastatur zu klimpern bei 35 Knoten Wind oder, sagen wir mal, über 20 Knoten. Immer eine Hand am Autopiloten und im Kopf permanent die Bereitschaft aufspringen zu müssen, um irgendwie das Boot wieder auf Kurs zu bringen, wenn es sich dann doch von einer Welle beachtlichen Ausmaßes auf die Seite schlagen lässt.

Diese extremen Situationswechsel, gepaart mit einer extrem unrhythmisch aufgewühlten See, machen das Leben hier an Bord nicht eben gerade einfach. Eine Class 40 mit gerade mal 4,7 Tonnen Gewicht bewegt sich meistens wie ein bockiges Rodeopferd. Ich muss jederzeit mit einem Abwurf rechnen. Also festhalten, um nicht 4,5 Meter im freien Fall von einer Seite auf die andere geworfen zu werden. Dabei Kaffee kochen, geschweige denn zu trinken, ohne was zu verschütten, ist schon eine Herausforderung.

Die Woche war jedoch nicht nur unkomodig, sondern auch seglerisch eine echt harte Angelegenheit. Der ständige Wechsel zwischen Reff 1 und 2 im Groß, oder schlimmer noch, auf dem Vorschiff rumtanzen und den Spinnaker bändigen und gegen den kleineren Code 5 wechseln und dabei möglichst keine Welle in das offene Luk zu bekommen, ist wirklich kräftezehrend. Irgendwann bei 35 Knoten Wind war ich dann nur noch mit Stagfock und 2. Reff im Groß vor dem Wind unterwegs. Einfach, um mal etwas Luft zu holen und zu versuchen, etwas Leckeres zu essen.

Wenn man dann da unten liegt und oben knallt und faucht es im Stundenrhythmus mit Windstärken zwischen 20 und 35 Knoten, lässt man es einfach mal so stehen. Ich habe mich jedenfalls nur einmal getraut, das Reff aus dem Groß zu schütten. Das Ergebnis des übereifrigen Aktionismus war dann die umgekehrte Reihenfolge bei noch mehr Wind. Ebenso vorne. Halt nicht 100 Prozent mit Spi oder Code 0, sondern die Code-5-Variante. Der steht tatsächlich seit drei Tagen, weil ich beim Bergen des Code 0 echt geastet habe und der Doofe einfach nicht richtig einrollen wollte und immer noch ziemlich verwuselt im Vorschiff liegt. Sei es drum. Das Boot fährt ja noch über zehn Knoten – das reicht mir.

Natürlich ist man dann eigentlich zu langsam unterwegs, aber zu viel hilft auch nicht, wenn dann am Ende etwas kaputt ist oder der Autopilot das Ganze nicht mehr bewältigen kann. Immerhin ist das mein zweiter Mann (oder Frau?). Wie auch immer, ein Gerät, auf das ich mich verlassen muss, nachts wenn ich müde in der Koje liege, aber auch bei jedem Manöver allzeit bereit per Fernbedienung den Kurs zu korrigieren.

Kommen wir mal zu wirklich existenziellen Dingen. Vor einigen Tagen habe ich mich noch richtig gefreut, mit dem Hydrogenerator meine Batterien mal richtig vollgemacht zu haben.

Tja, man soll den Tag nicht vor dem Abend loben: Am Tag darauf das gleiche Spiel, bis es verdächtig angefangen hat zu stinken. Oje, den Geruch hatte ich schon allzu oft in der Nase. Immer wenn Chips, also Gleichrichter oder Transistoren, durchbrennen, gibt es diesen einzigartigen Geruch.

Da war er also hinüber und damit auch die Freude über mein sorgloses Energiemanagement. Absoluter Tiefschlag. Alles, aber auch alles geht mir durch den Kopf. Anhalten Kapverden, Umdrehen in die Karibik ... Eines ist ziemlich klar: Nur mit den Dieselvorräten wird es kaum gehen, wenn man den Diesel zum Batterieladen zwei Stunden täglich mitlaufen lassen müsste.

Das sitzt erst einmal wie ein Schock. Zwei Tage – zwei lange Tage der Überlegungen, Emails und aufmunternden Gespräche mit meiner Familie. Dann wieder Mut fassen und Schaden begrenzen. Ich nehme mir mein Multimeter und messe alles an Versorgungstechnik durch. Ich hatte schon länger einen Solarregler unter Verdacht, nicht genügend Leistung abzugeben. Also Regler raus, Panels messen und an die Batterie geklemmt. SUUUUPER! Schon mal drei bis vier Ampere gerettet, wenn die Sonne scheint. Allerdings noch immer zu wenig, um längere Strecken ohne Motor auszukommen. Täglich acht Stunden eigenhändig Steuern? Keine Alternative. Das halte ich nicht durch, jedenfalls nicht im Pazifik bei Kälte und Sturm.

Am nächsten Tag nehme ich mir noch mal den verkohlten Regler des Hydrogenerators vor. Unter einem Feuerwerk von Funken sprühenden und mächtig stinkenden Rauchschwaden versuche ich, dem Ding noch etwas Leben einzuhauchen. Ich entferne den geborstenen Transistor, versuche hier und da eine Brücke zu schlagen, durch die der verdammte Strom doch irgendwie seinen Weg zu den Batterien finden sollte. Dann geschehen plötzlich doch noch Wunder: Zwei der drei Phasen lassen sich durch geschickte Kombination am Reglermodul doch dazu verleiten, einige Amperes in die richtige Richtung zu leiten. Am Ende habe ich eine (fast) Nullnummer. Verbrauche nur wenig Amperestunden in 24 Stunden und die Solarpanels bringen tagsüber, hübsch ausgerichtet, einen gehörigen Anteil Überschussenergie in die Batterien. Juhu! Das ist mehr, als zu hoffen war, schreibt mein Freund Olli Schmidt-Rybandt per Email und freut sich mit.

Bis heute funktioniert das tatsächlich ganz anständig. Allerdings kann ich den Generator nun kaum mehr aus dem Wasser nehmen. Hoffentlich halten die restlichen zwei Phasen.

Ab jetzt werde ich mich wieder aufs Segeln konzentrieren. Heute Abend geht es an den Kapverden vorbei. Vielleicht ziehe ich dann auch mal wieder etwas anderes als den Code 5.

Ach ja, heute gab es frischen Fisch. Ein paar fliegende Fische sind mir um die Ohren geflogen. Habe lange überlegt und dann doch nicht die Pfanne angeheizt. Ist einfach nicht mein Geschmack – vielleicht das nächste Mal.

Auf geht es gen Süden. Kurs 175 mit acht bis neun Knoten. Die Flasche Wein von Joe (Harris, sein fast zeitgleich gestarteter Konkurrent, d. Red.) hol ich mir :-)."

Konkurrent Joe Harris schreibt seinerseits in seinem Blog:
An Heinrich (!) Masekowitz: "Ich wünsche dir alles Gute für eine sichere Passage und einen wundervollen Zieleinlauf als Zweitplatzierter – obwohl es gerade so aussieht, als wenn du vorne liegst."
 

Lars Bolle am 27.11.2015

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