Henrik Masekowitz

Gennaker futsch – was jetzt?

Der Einhand-Weltumsegler hat ein wichtiges Segel verloren. Droht nun das ganze Projekt zu scheitern? Masekowitz' neuester Blogeintrag

Lars Bolle am 14.12.2015
Henrik Masekowitz

Henrik Masekowitz mit den Resten des Gennakers

Henrik Masekowitz schreibt:

Ich sehe ein Licht, etwas wie Helligkeit nach Tagen der Finsternis, nach Regen, Nebel und Wind.

Aber der Reihe nach: Vor fünf Tagen war ich noch voller Vorfreude, endlich auf einen südöstlichen Kurs einschwenken zu können. Das war dann auch so und seitdem befinden wir uns in einer Luftströmung zwischen dem starken Hoch nordöstlich und einem Tief südwestlich von uns. Es geht runter, nach Süden. Das merkt man vielleicht am ehesten daran, dass die Temperaturen deutlich fallen. Ich trage mittlerweile wieder ein Fleece und lange Unterwäsche. Ein Hoch auf Musto, das Zeug trocknet durch Körperwärme. Es ist allerdings, und das macht das Leben deutlich unangenehmer, auch elendig feucht auf Deck, unter Deck, alles wird klamm und jeder Tropfen muss weggewischt werden. Nichts trocknet mehr von allein. Dazu eine Mischung aus anhaltend böigem Wind mit seinen Drehern und Regengüssen. Also heiß war nicht so schön, aber das hier ist nicht so viel besser.

Henrik Masekowitz

Masekowitz am 3. Advent mit Plätzchen und Familienfoto

Wie gesagt, die Freude war groß und eigentlich muss ich sehr zufrieden sein, ist doch meine Strategie gut aufgegangen, uns dicht am St.-Helena-Hoch in Stellung zu bringen, um dann schnellstmöglich abbiegen zu können. Das hat mir vor allem gegenüber meinem Konkurrenten Joe in ein eigenes Wettersystem geholfen, welchem er jetzt nur noch hinterherschauen darf.

Das Leben an Bord ist jetzt allerdings beschwerlich. Es kommt noch hinzu, dass meine moralische Verfassung in den letzten Tagen etwas gelitten hat. Ich habe erfahren, dass beide Kinder zu Hause mit Fieber weder die Schule noch die Kita besuchen können. Bei so etwas leide ich dann immer sehr mit und frage mich, ob ich mich nicht doch in meiner Verantwortung der Familie gegenüber etwas zu sorglos in mein Abenteuer gestürzt habe.

Wie auch immer, der Weg ist holperig, auch der nach Südosten. Es steht hier eine völlig konfuse See. Die Wellen bauen sich ab und an zu mittleren Schlössern auf. Ein Türmchen wäre ja nicht so schlimm, aber Schlösser sind auch für den stärksten Autopiloten zu viel. Ich versuche einen Trimm zu finden, bei dem ich wenigstens mal ein Stündchen Ruhe bekommen kann. Die Arbeit draußen bedeutet jetzt auch immer erstmal zwei Schichten Klamotten an, Stiefel, Handschuhe und dann raus in den mehr oder weniger salzigen Regen, der über das Boot fegt. Kopf raus, Dusche, Haare nass und so weiter, jedes Mal.

In einem Moment trügerischer Ruhe, ohne Klamotten unter Deck ruhend, kam er dann, der böse Rasmus. Er kam an Deck, sah sich um und nahm den Gennaker. Nicht im Ganzen und man hätte vielleicht noch einmal diskutieren können, nein, er ließ die Lieken stehen, den Kopf oben hängen. Den Rest fand er dann doch nicht mehr so toll und warf ihn unters Boot. Ich war frustriert, hochgradig. Das war es? Kapstadt und Ende-aus-vorbei!? Bin dann erst einmal (ein paar Tage) unter Code 0 (Genua) und 2. Reff im Groß weiter. Gegrübelt, geschlafen, telefoniert.

Nun denn, ich fahre noch. In der Kurswahl etwas eingeschränkt, aber immerhin werde ich den Gennaker hier unten bis Kap Horn wohl eh nicht brauchen. Kopf hoch, Augen auf. Defensiv – nichts riskieren!

Gestern, am 13. Dezember, war der dritte Advent und ich genau einen Monat auf See. Bei selbstgebackenen Keksen aus der Überraschungsbox und einer Tasse Kaffee versuche ich den Tag zu genießen. Wir passieren gerade die kleine Inselgruppe Tristan da Cunha im Südatlantik. Kurs immer noch Südost – nur nicht zu dicht, denke ich. In der Karte sind haufenweise Seamountains verzeichnet. Die Tiefe springt dann von rund 4000 auf unter 100 Meter. Das verspricht unvorhersehbare Wellen und Strömungen. Das Wetter spielt mir immer noch gut mit. Allerdings wird es deutlich knapp, was meine langfristige Strategie angeht. Durch meine etwas eingeschränkte Geschwindigkeit in den letzten Tagen bin ich nun sehr knapp vor dem sich ausbreitenden Hoch westlich der Inselgruppe. Ich versuche, so lange wie möglich nördlich zu bleiben und mit dem verbleibenden Luftstrom von 15 Knoten dem schwachwindigen Hoch zu entkommen. Oder zumindest einen kleinen Vorsprung herauszuarbeiten.


Wir versuchen, unser Ziel zu halten, Weihnachten am Kap der Guten Hoffnung. Ein Name ist Programm...
 

Lars Bolle am 14.12.2015

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