Mini-Transat 2017

Chapeau, Lina!

Lina Rixgens hat die erste Etappe des Mini-Transat geschafft. Es war ein hartes Rennen für die 23-jährige Studentin. Ein Bericht von Jan Heinze

Jan Heinze am 16.10.2017
Mini-Transat 2017
Minitransat la Boulangère

Am 14. Oktober morgens um kurz nach 9 Uhr segelt Lina Rixgens vor Gran Canaria als 53. der Serienwertung über die Ziellinie. Die Platzierung ist für mich komplette Nebensache. Für Edelmetall auf Hochseeregatten hat Lina noch genug Zeit. Wichtiger ist mir, vor dieser erst seit ein paar Tagen 23-jährigen jungen Fau den Hut ziehen: Chapeau, Madame. Du hast großen Mut, große Ausdauer und große seglerische Leistung bewiesen!

Das erzählte sie mir gestern am Telefon: "Ja. Ich gebe zu, es war hart. Vieles war hart. Erstmal hat es gedauert, überhaupt richtig ins Rennen zu kommen nach diesen emotionalen Tagen in La Rochelle. Der Abschied. Das Lossegeln. Das musste ich irgendwie erst einmal abschütteln. Und dann, irgendwann am zweiten Tag, ist mein AIS ausgefallen. Noch vor dem Kap. Das war ganz mies, weil ich echt Respekt vor der Berufsschifffahrt und den vielen Fischern an der Ecke habe. Jetzt wusste ich zum Einen nicht, ob die mich sehen. Und zum Anderen ist es auch einfach schwer, den Kurs und die Geschwindigkeit der großen Schiffe einzuschätzen.

Zu allem Überfluss ging am Kap dann auch noch der Wind auf über 30 Knoten hoch, zwar von hinten, aber dazu mit einer steilen Welle. Und in dem Wetter habe ich es dann einfach nicht geschafft, meinen Autopilot sauber einzustellen. Der Spi war zwar schon lange nicht mehr oben, aber auch unter Fock und gerefftem Groß ist das Boot nicht zuverlässig auf Kurs geblieben. Immer, wenn ich mich mal ausruhen wollte, schoss das Boot unter Autopilot in die Sonne. Das hat echt Vertrauen gekostet und dazu geführt, dass ich ungefähr drei Tage im Starkwind fast durchgehend an der Pinne war. Deswegen bin ich auch hinter dem Kap entgegen meiner Strategie nicht nach Westen gelaufen, sondern erst einmal südlich. Wetterberichte konnte ich nämlich gut empfangen und die haben im Westen Böen bis 40 Knoten vorhergesagt. Das konnte ich einfach nicht mehr. Wollte ich auch nicht."

Schlafmangel und vollkommene Erschöpfung

Wie man sich nach drei Tagen fast ohne Schlaf fühlt, ist schwer zu beschreiben. In Kombination mit einer starken körperlichen und psychischen Erschöpfung fängt der Schlafmangel auf eine hinterhältige Art an, am Bewusstsein zu arbeiten. Jeder Befehl aus dem Gehirn bedarf einer zweiten, manchmal einer dritten Aufforderung, um bei seinem Empfänger anzukommen. Man denkt einen Befehl, aber der Arm gehorcht nicht. Man sagt sich, "jetzt gegensteuern", aber schreckt hoch davon, dass man dies in eine Wolke gesprochen hat – bevor man schlussendlich gegensteuert.

Es ist auf jeden Fall ein sehr bedrückender Zustand, der selbstredend allein schon aus Sicherheitsgründen vermieden werden sollte. Lina weiß, dass sie im roten Bereich unterwegs ist und verlässt aus diesem Grund den gerouteten Weg, läuft stattdessen nach Süden, wo sie zwar mit Leichtwind und vielleicht sogar Flauten rechnen muss, aber mit Sicherheit besser Schlaf nachholen kann.

"Ich hatte endlich ein Gebiet mit leichterem Wind erreicht, als ich mich zu meiner Ruderanlage umdrehe und eine Pinne gebrochen herunterhängen sehe. Bei meinem Boot, einer Pogo 2, ist ja die Doppelruderanlage über eine Verbindungsstange zwischen den beiden Pinnen gekoppelt. Jetzt ging gar nichts mehr. Der Pilot hat das nicht mehr mitgemacht. Warum die Pinne gebrochen war? Keine Ahnung. Vielleicht war ich im Starkwind darauf gestürtzt. Ich weiß es nicht. Ich wusste nur: Jetzt ist wieder nicht an Schlaf zu denken. Die Werkzeugkiste und die Ersatzpinne muss raus. Ich habe mich treiben lassen und mich an den Austausch gemacht, gebohrt, geschliffen und geschraubt, bis mein Boot nach ein paar Stunden wieder steuerbar war. Und als ich dann die Segel oben hatte und mein Boot in leichtem Wind lief, hatte ich Besuch an Bord:

"Hey, Lina, cooles Boot hast du da. Warte doch mal. Warte! Zeig uns doch mal dein Boot. Kannst du nicht mal langsamer machen und uns dein Boot zeigen."

Ich wusste gar nicht, was ich antworten sollte. Irgendwie habe ich die Stimmen ernst genommen, zunächst. Bis ich mir echt selbst erklären musste, dass ich doch auf See sei und da garantiert keiner mein Boot gezeigt haben will."

Zurückgeworfen

Zum Glück findet Lina Erholung, auch wenn sie nun noch weiter im Feld zurückgefallen ist. Auch bleibt sie noch einige Zeit auf ihrem Längengrad, um den stärkeren Wind im Westen zu vermeiden, was sie noch weiter zurückwirft, ihr jedoch die dringend benötigte Kraft für noch über 750 Seemeilein Atlantik gibt. Ohne Zweifel die richtige Priorität. Schlussendlich hat ihre Position zumindest einen Vorteil: Sie segelt ab nun in einem eigenen Wettersystem hinter dem Feld her und entgeht damit den für fast alle Segler nerventötenden Flauten östlich von Madeira.

Während Lina ihren Rückstand bei perfekten Mini-Bedingungen und Bootsgeschwindigkeiten zwischen 8 und 12 Knoten verkleinert, kämpft die Spitzengruppe und das Mittelfeld um 50 Seemeilen in 24 Stunden. Doch das Glück ist ein scheuer Vogel. Vielleicht gestört durch die Partys im Zielhafen, macht er sich aus dem Staub, und statt einer Zielgeraden unter großem Spi bleibt kurz vor Grand Canaria schließlich auch für Lina der Wind aus:

"Ich habe für die letzten 100 Seemeilen drei Tage gebraucht. Irgendwann sitzt du nur noch heulend im Boot und denkst: Du kommst nie an!"

Sie ist angekommen! Von ihrem Vater, von Andreas Deubel und vielen Freunden wurde sie herzlich empfangen. Es war für sie ganz sicher ein harter Brocken Arbeit bis nach Las Palmas. Aber sie ist jetzt an dem Ort, an den sich jeder Mini-Segler träumt, wenn er das erste Mal auf sein Boot steigt: Im Starthafen zur zweiten, der weitaus längeren und garantiert mystischeren Etappe des nunmehr 40-jährigen Hochseeklassikers. Am 1. November knallt der Startschuss zur großen Querung über den Ozean.

Lina Rixgens wird, wenn sie den Zielhafen auf Martinique erreicht, die erste deutsche Frau sein, die das Mini-Transat bewältigt hat – egal welchen Rang sie im Klassement am Ende erreicht.

Über Jan Heinze

Der Unternehmer aus Hamburg, Fahrtensegler seit Kindesbeinen, ist viele Jahre im Mini-Zirkus gesegelt und hat sein Boot "Lonestar" auf dem Mini-Transat 2015 trotz einer schweren Havarie mitten auf dem Atlantik ins Ziel gebracht. Über seine Jahre in dieser Seglerszene und seine besondere Reise über den Ozean hat er das Buch "Atlantikfieber – ein Mann, ein Boot, ein Ziel" geschrieben. Er hält seitdem Vorträge über Motivation und Sinn solcher Abenteuer, wenn er nicht gerade selber eine neue Unternehmung auf See plant.

Jan Heinze am 16.10.2017

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