Regeln & Taktik

Wenn sich zwei streiten ...

30.09.2002, Fotos: - ... freut sich das Publikum. Beim Match-Race sind die Strategien der Duellanten jedoch nicht gerade leicht verständlich. Ein Wegweiser durch Regelwerk und Renn-Taktiken

Das Spielfeld
Beim America's Cup wird ein Up-and-down-Kurs (Kreuz-Vorwind) mit drei Runden gesegelt. Die gesamte Kurslänge beträgt 18,5 Seemeilen. Das Ziel wird vor dem Wind durchsegelt. Die so genannte Startbox unterhalb der Startlinie ist durch gedachte taktische Linien aufgeteilt. Sie orientieren sich an den Anliegelinien zu den beiden Linienbegrenzungen. Das magische Dreieck gilt als Sicherheitszone, weil von dort auf beiden Bugen gestartet werden kann. Die Todeszone ist gefährlich, weil ein Start von hier aus nur auf Steuerbordbug ohne Wegerecht möglich ist.

Eigentlich ist ein Match-Race die verständlichste Sache der Welt. Zwei Yachten segeln um die Wette, wer zuerst im Ziel ist, gewinnt. Schwierig wird es, wenn man verstehen will, warum der eine schneller als der andere ist. Worauf kommt es an? Wann und wo spielen sich die entscheidenden Szenen des Rennens ab? Welche besonderen Regeln, welche taktischen Finessen muss man kennen, um die Duelle verfolgen zu können? Die nachfolgenden Erläuterungen geben einen Überblick über die Schlüsselsituationen während einer Wettfahrt Boot gegen Boot.

Am wichtigsten ist die Vorstartphase. Fünf Minuten lang - bei Standard-Match-Races sind es nur vier Minuten - beharken sich die Duellanten im Kampf um die beste Ausgangsposition. Wer nach dem Startschuss als Erster über die Linie segelt, entscheidet zu 75 Prozent auch das gesamte Rennen zu seinen Gunsten.

Die Choreografie des Vorstarts ist vergleichbar mit der eines Schachspiels. Allerdings erfolgen die Züge nicht nacheinander, sondern fortlaufend parallel, sozusagen im Echtzeit-Modus. Den Rahmen gibt ein Regelwerk vor, nach dem auch jede Clubregatta ausgetragen wird. Es gibt nur wenige Modifikationen. So wird etwa die Einhaltung der Regeln von Schiedsrichtern auf dem Wasser überwacht. Die ahnden Verstöße, indem sie den Übeltäter Strafkreise drehen lassen.

Match-Race gilt bei vielen Seglern als aggressive Form des Regattasegelns. Bei den Profis im America's Cup geht es dagegen eher leise und konzentriert zu. Im Gegensatz zu früheren Zeiten versucht man während des Vorstarts nicht mehr primär, den Gegner zu einem Regelverstoß zu verleiten. Bei den letzten fünf America's-Cup-Matches 2000 wurde kein einziger Strafkreis verhängt. Das ist ein Ergebnis der Novellierung des Regelwerks in den vergangenen Jahren.
Heute wird Wert darauf gelegt, dass auch das Boot mit Wegerecht seinem Gegner "genügend Platz und Zeit zum Ausweichen" lässt. Sonst wird es selber bestraft. Die Schiedsrichter achten penibel darauf, dass das vorfahrtsberechtigte Boot auf seinem Kollisionskurs eine Zeit lang einen geraden Kurs gehalten hat, auf den der Gegner reagieren konnte. Nur dann wird das vorfahrtspflichtige Boot bei Nichtreaktion bestraft.

Die Strategie für die "wilden fünf Minuten" basiert auf den gleichen Überlegungen wie beim Fleet-Race: Welche Seite der Startkreuz ist bevorteilt, welche Ecke der etwa 200 Meter langen Startlinie ist die bessere?
Die Teams haben Wetterboote auf der Bahn. Von denen erhalten sie eine Einschätzung, in welche Richtung der Wind nach dem Start zuerst drehen wird (first shift). Dreht er nach rechts, sollte am rechten Ende der Linie gestartet werden und umgekehrt.

Alle Vorstartmanöver zielen darauf, diese Position beim Startschuss zu erreichen. Haben beide Taktiker den gleichen Plan, ist ein enges Vorstartduell zu erwarten. Ansonsten starten beide Boote eher unspektakulär auf verschiedenen Seiten.

Die Eröffnung des Vorstarts beginnt fünf Minuten vor dem tatsächlichen Start. Erst mit dem Signal dürfen die Duellanten von Luv über die Startlinie in die so genannte Startbox eintauchen. Die Startseiten werden vorher festgelegt. Gelb kommt auf Backbordbug mit Vorfahrt von rechts und Blau ohne Wegerecht von links.

Sie müssen sich beim Fünf-Minuten-Schuss außerhalb der jeweils senkrechten Linie der Startlinienbegrenzung aufhalten. Zwar haben die Boote für das Eintauchen zwei Minuten Zeit, bevor sie mit einem Penalty bestraft werden. Aber es ist taktisch wichtig, die Linie bei Null zu queren. Unpünktlichkeit besonders des blauen Bootes kann dazu führen, dass es vom Gegner am Eintauchen und schlimmstenfalls am Starten gehindert wird.

Deshalb ist die Standard-Eröffnung eines Match-Races der dial up, das "Hochdrehen" (1). Dabei segeln beide Boote raumschots aufeinander zu, und im letzten Moment vor der Kollision wendet das ausweichpflichtige blaue Boot und stellt sich auf Backbordbug in den Wind. Gelb beantwortet das Manöver ebenfalls mit einem Aufschießer. Es muss sich jetzt allerdings als Luvschiff - es gilt die Regel Lee vor Luv - freihalten.

Natürlich hätte Blau auch nach dem Eintauchen halsen können (2), aber dann besteht die Gefahr, von Gelb in der so genannten Todeszone festgenagelt zu werden. Die befindet sich links von der Anliegelinie zur Backbord-Startmarke. Von dort müsste Blau ohne Wegerecht auf Steuerbordbug wenden, um zur Linie zu kommen. Ein Manöver, das Gelb auf Backbord leicht verhindert. Blau kann nur noch hinterher starten.

Deshalb stehen beide Boote oft minutenlang nach dem dial up im Wind. Gelb versucht dabei, eine Position schräg achteraus in Luv zu halten und möglichst großen Abstand zu bewahren. Es deckt die rechte Seite der Startbox ab und versucht, Blau an einer Wende zu hindern.
Wenn Blau vor den Wind abfällt, kopiert Gelb das Manöver, fährt Parallelkurs und hindert Blau an der Halse (3). Es blockiert immer noch die rechte Seite. Eine klassische Situation, die auch in anderen Phasen des Vorstarts häufig auftaucht.

Blau löst sich am besten aus der Bedrängnis, indem es seine Position nach dem dial up möglichst lange und geduldig hält. Besonders, wenn Blau nahe an Gelb herankommt, gerät Gelb als Luvboot unter Druck (4). Wenn es im Wind stehend ohne Fahrt im Schiff auf Blau treibt, droht ein Penalty. Deshalb wendet Gelb häufig weg, sobald es die Ruderwirkung verliert. Mit kleineren Match-Race-Booten wie der Soling wird in dieser Phase auch häufig rückwärts gesegelt, bei den großen Cuppern sieht man das aber selten.

Entscheidend ist meist, wer bei seinem Aufschießer besser stoppt. Beim letzten Cup-Finale schoss Prada in der Gelb-Position oft an den Kiwis vorbei und fand sich statt schräg hinter dem Gegner davor wieder, musste wegwenden und den Vorteil damit aufgeben. Es kommt zudem auf das Timing des Aufschießers an wie auch auf die Crew. Wenn die flatternde Genua nur minimal zu lang auf der falschen Seite backgehalten wird, schwenkt der Bug zur ungewünschten Seite aus.

Ferner spielen Konstruktionsunterschiede bei den Cuppern eine Rolle. 2000 hatten die Neuseeländer ein größeres Ruder und mehr Fläche an der Trimmklappe hinter dem Kiel als Prada - und konnten besser bremsen.

Gelb wendet also meistens nach einiger Zeit und segelt raumschots von der Linie weg auf die sichere rechte Seite der Startbox. Blau nimmt die Verfolgung auf (Trailer) und versucht, möglichst nahe an das Heck zu kommen, um Gelb an einer Halse zu hindern. Solange Gelb genug Platz hat, kann es einen 360-Grad-Kreis drehen, wahlweise im Uhrzeigersinn oder dagegen. Blau kann das Manöver kopieren. Das führt zum typischen Match-Race-Kreiseln. Die Profiskipper verzichten immer mehr darauf, weil es ihnen selten einen Vorteil verschafft. Der Kreisel dient lediglich dazu, Zeit bis zum Start zu überbrücken.

Entscheidend für Sieg oder Niederlage beim Start ist der Anlauf zur Linie. Irgendwann segelt einer der beiden Steuerleute mit Blick auf den Countdown als Erster dorthin zurück. Das so genannte Time-on-distance-Gefühl ist wichtig. In Bild (5) übernimmt Gelb die Initiative und dreht um. Blau muss sich entscheiden, ob es führen (lead in) oder hinterhersegeln will (hook in). Dabei gilt es, eine Leeüberlappung herzustellen (6).

Dann könnte Blau Gelb zum Luven zwingen und selber frei in Lee starten. Gelb pariert den Angriff, indem es abfällt. Blau wird dann hinter dem Heck scharf anluven und sich in Luv von Gelb platzieren. Gelb luvt seinerseits, um möglichst eng an Blau zu bleiben.

Nach dem Start hätte es dann die so genannte sichere Leestellung, bei der das Luvboot von den Abwinden des Leebootes gebremst wird. Blau greift aber erneut durch Abfallen an mit dem Ziel der Überlappung. Ergebnis ist ein für den Match-Race-Vorstart typisch schlängelnder Kurs (5).

Kritisch wird es, wenn sich das Paar den Anliegelinien nähert. Die Taktiker informieren den Steuermann über den Abstand zu den Linien. Sonst kann ein Schiff klar ins Abseits geraten ((7) und (8)). In solchen Situationen ist es egal, ob das klar bevorteilte Boot bei Null die Startlinie quert - es gilt, den Gegner zu behindern. Oft verlagert sich ein Teil des Startduells vor die Linie. Dann müssen beide Yachten vor dem Wind zurücksegeln. Einen Frühstart müssen sie nur durch einfaches Abtauchen hinter die Linie bereinigen.

Die Profis lassen sich aber selten in solch eindeutig benachteiligte Positionen hineinmanövrieren. Vielmehr wird ein Vorstart oft nur um kaum sichtbare, aber entscheidende Zentimeter gewonnen. Es zählt auch nicht, wer zuerst die Startlinie überquert. Wichtiger ist die Geschwindigkeit im Moment des Starts. Ein Indiz für einen Startgewinn ist daher häufig die erste Wende. Wer schnell über Stag gehen muss, ist unter Druck geraten.
Sicherheit über den Startvorteil gibt eigentlich nur das erste Kreuzen der Yachten nach dem Schuss. Bei gleichmäßigem Wind gilt generell: Derjenige gewinnt den Start, der die rechte Seite halten kann. Das linke Schiff muss immerhin eine Länge Vorsprung heraussegeln, um nach einer Wende vor dem Bug des Backbord-Schiffs passieren zu können.

Wie wichtig dieser Vorteil der rechten Seite einzuschätzen ist, zeigt ein typisches Match-Race-Manöver auf der Kreuz, der so genannte dial down (9). Gelb könnte klar vor Blau passieren, würde dann aber ungewollt die Seiten mit dem Gegner tauschen. Beim nächsten Treffen wäre Blau auf Backbordbug und könnte Gelb zur Wende zwingen.
Also reduziert Gelb freiwillig seinen Vorsprung, indem es früh genug abfällt - die Regeln erlauben nur 90 Grad zur Windrichtung - und seinerseits nun Blau zu einer Wende zwingt. Doch auch die rechte Seite beim Start ist nicht ohne Gefahr. Wenn das Leeboot sehr nah ist und Höhe kneift, ist es schwierig, auf einem langen Backbordschlag die Luvposition zu halten. Besonders bei leichtem Wind verstärkt sich dieser Effekt.

Bei einem Match-Race gibt es normalerweise so wenige Überholspuren wie auf einer Formel-1-Strecke. Wenn ein Schiff die Führung übernommen hat, hält es die Deckungsposition schräg voraus in Luv. Sie ist nur schwer zu durchbrechen. Es sei denn, die Manöver des Zurückliegenden sind deutlich besser, oder der Wind dreht häufig. Viele Angriffe finden vor dem Wind statt. Das führt dann oft zu einem kuriosen Schlenker vor der Leetonne, ebenfalls ein Standardmanöver zur Abwehr (10).
Wenn Gelb in Luv überholen will, hat Blau Luvrecht. Das heißt, es kann den Gegner vom direkten Kurs zur Tonne wegführen, indem es langsam anluvt. Blau wird erst halsen, bis es sehr spitz, oft sogar ohne Spi, zur Marke segeln kann. Gelb muss dann im Kielwasser und Abwind folgen.

Wem das alles zu verwirrend ist, der sollte sich daran erinnern: Eigentlich ist Match-Race die verständlichste Sache der Welt. Wer zuerst im Ziel ist, gewinnt.

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