Segeln olympisch

"Wir lassen uns nicht unterkriegen"

21.11.2015 Tatjana Pokorny, Fotos: Matias Capizzano/49er & 49erFX Worlds, Neuza Pereira/EM 49er/Porto, Ricardo Pinto/49er EM - 49er-Steuermann Justus Schmidt spricht nach dem WM-Aus während der Olympia-Ausscheidung im Interview erstmals ausführlich über das WM-Fiasko

49er & 49erFX Weltmeisterschaft 2015
Fotograf: © Matias Capizzano/49er & 49erFX Worlds

Start zu einem 49er-WM-Rennen im umstrittenen Revier vor Buenos Aires

Sie waren so hoffnungsfroh in die 49er Weltmeisterschaft gestartet: Justus Schmidt und Max Boehme wollten bei dieser zweiten der insgesamt drei Ausscheidungsregatten im Kampf um nur eine 49er-Olympiafahrkarte ihren 12-Punkte-Vorsprung vor den Teamkameraden Erik Heil und Thomas Plößel verteidigen oder sogar ausbauen. Hochmotiviert waren die amtierenden Europameister Schmidt/Boehme ins argentinische WM-Revier gereist. Doch dort erwartete sie kein Traum- sondern ein Alptraumrevier, in dem sich erst der Steuermann und dann auch kurz vor WM-Beginn Vorschoter Max Boehme wie viele weitere internationale Segler eine Magen-Darm-Infektion zuzogen. Die Crew vom Kieler Yacht-Club konnte ihr Leistungsvermögen derart geschwächt nicht abrufen, verpasste am Ende der dreitägigen WM-Qualifikation sogar den Cut für die Goldflotte der besten 25 Segler und gab auf. 

Justus Schmidt und Max Boehme
Fotograf: © Neuza Pereira/EM 49er/Porto

Amtierende Europameister, doch bei der WM krank und chancenlos: 49er-Steuermann Justus Schmidt und Max Boehme

Den für Deutschland entscheidenden Nationenstartplatz werden Erik Heil und Thomas Plößel aller Voraussicht nach heute sichern können. In Abhängigkeit von ihrem Gesamtergebnis werden sich die Kräfteverhältnisse in der nationalen Ausscheidung um das Rio-Ticket vor der dritten und letzte Ausscheidungsregatta im Frühjahr 2016 vor Mallorca verändern. Heil/Plößel können heute mit einem guten WM-Finaltag die Führung übernehmen und ihrerseite mit einem Punktvorsprung in den Ausscheidungs-Showdown im kommenden Jahr starten. Für Justus Schmidt und Max Boehme ist damit in Argentinien der "Worst Case" eingetreten. Ihren Kampfgeist haben sie darüber aber nicht verloren.

Herr Schmidt, wie geht es Ihnen kurz nach diesem Rückschlag bei der WM?

Es ist alles immer noch unfassbar. Die Emotionen sind so extrem wie nach einem Riesenerfolg. So wie nach dem Sieg bei der Europameisterschaft in diesem Jahr. So eine Niederlage wie diese bei der WM muss man erst einmal begreifen. Wir hatten eine geniale Saison und beenden die WM entsprechend wahnsinnig enttäuscht.

Wann hat Ihren Vorschoter die im WM-Lager grassierende Infektionswelle erwischt, deren Ursache im verschmutzten Wasser vermutet wird und die unter anderem laut Olympiasieger Nathan Outteridge mehr als ein Drittel der Flotte lahmgelegt hat?

Zwei Tage vor WM-Beginn. Danach ging es ihm die ganze Zeit schlecht. Es ist aus unserer Sicht eine Zumutung, in so einem Revier eine so wichtige Weltmeisterschaft im 49er stattfinden zu lassen. Die Leute haben uns zwar mit offenen Armen empfangen. Doch von zentraler Bedeutung sind ja das Revier und das Wasser. Wenn davon eine solche Gefährdung ausgeht, dann muss man doch ernsthaft fragen, warum dort eine für Olympia aus Sicht vieler Nationen so entscheidende Regatta ausgetragen wird.

Sie haben die WM ohne Punkte für Ihr Ausscheidungskonto abschließen müssen und werden im Duell mit Ihren Trainingspartnern und Freunden Heil/Plößel heute Abend nach dem WM-Finale voraussichtlich in Rückstand geraten. In Abhängigkeit von der Platzierung ihrer Konkurrenten wird Ihr Rückstand kleiner oder größer ausfallen...

Justus Schmidt und Max Boehme
Fotograf: © Ricardo Pinto/49er EM

Wollen weiter noch um die Olympiateilnahme kämpfen: Justus Schmidt und Max Boehme vom Kieler Yacht-Club

Für uns ist unter den schlechten Rahmenbedingungen bei der WM der 'Worst Case' eingetreten. Wir können nicht gegen unsere direkte Konkurrenz segeln. Das ist bitter. Je nach Güte der Endplatzierung von Erik und Thomas kann das schon zu einer Vorentscheidung zugunsten der beiden führen. Wenn es nicht zur Medaille reicht, kann es zum Showdown vor Palma kommen. So oder so werden wir uns nicht unterkriegen lassen. Wir haben auf unserer Homepage "Pink Panther" hochgeladen. Mit dem Motto "Ich komm wieder, keine Frage." Und wir meinen es so!

Ist die Stimmung zwischen den beiden deutschen Top-Teams in dieser angespannten Konkurrenzsituation nach wie vor so gut, wie es nach außen getragen wird?

Das ist sie tatsächlich. Wir sind Trainingspartner und Freunde. Und bleiben es auch. Wir werden vom 6. bis 20. Dezember gemeinsam ein Trainingslager vor Rio den Janeiro absolvieren. Dort starten wir übrigens aus einem Hafen, wo die Wasserqualität nicht ganz so problematisch ist wie im Olympiahafen.

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