America's Cup

Wird die gesamte Cup-Ausscheidung annulliert?

28.11.2002 Lars Bolle, Fotos: Montage YACHT online - Ein Protest von Prada und Team Dennis Conner gegen OneWorld könnte den gesamten Cup-Verlauf beeinflussen

Fotograf: © Montage YACHT online
Louis Vuitton Cup und America's Cup

Dafür ist der America's Cup berühmt und berüchtigt: Wieder einmal sorgt Streit zwischen den Teams für mehr Aufmerksamkeit als das Geschehen auf dem Wasser. Jetzt können sich sogar die ausgeschiedenen Teams wieder Hoffnung auf ein Weiterkommen machen.

Es ist ein Kampf der Advokaten und deshalb für Otto-Normalsegler auch nur schwer nachzuvollziehen. Der Streit gründet auf einer America's-Cup-Regel, nach der Spionage und Technologietransfer zwischen den Teams verboten sind. Das amerikanische Syndikat OneWorld hat jedoch nicht nur durch den Einkauf vieler ehemaliger Mitglieder des Team New Zealand, sondern auch in schriftlicher Form Design-Informationen von den Neuseeländern erhalten. Das hatte der ehemalige Regel-Anwalt der Neuseeländer Sean Reeves öffentlich gemacht, der von OneWorld abgeworben und später gefeuert worden war. Um einem Protest zuvor zu kommen, hatte OneWorld den Fall einer Selbstanzeige gleich vor das so genannte Arbitration Panel gebracht. Dieser Ausschuss, in dem fünf internationale, ehemalige Richter sitzen und der die höchste Instanz bei Streitigkeiten zwischen den Teams ist, hatte noch vor Beginn der Ausscheidungen zwar einen Regelverstoß festgestellt. Da die widerrechtlich erlangten Daten jedoch angeblich nicht benutzt wurden, bekam OneWorld nur einen Punkt für die ersten beiden Round Robins abgezogen. Damit war der Fall scheinbar beigelegt.

Vor wenigen Tagen jedoch plädierten die Syndikate Prada und Team Dennis Conner über einen gemeinsamen Anwalt auf eine Wiedereröffnung des Falles. Es gäbe klare Beweise, so die Begründung, dass, anders als in der ersten Verhandlung angegeben, Design-Zeichnungen aus dem Besitz von Team New Zealand auch benutzt würden.

Um das Verfahren zu beschleunigen, protestierte Team Dennis Conner zwei Tage später beim Renn-Zieldurchlauf mit der roten Flagge gegen OneWorld wegen "unfairem Segeln", bezogen auf die Nutzung fremder Designerkenntnisse. Damit ist jetzt auch die Internationale Jury involviert, die für Regelverstöße auf dem Wasser zuständig ist. Sie hat den Conner-Protest angenommen. Auf einer Anhörung gestern Vormittag, die verfahrensrechtliche Fragen klären sollte, sagte der Vertreter von Team Dennis Conner, es sei notwendig, unter anderen auch Sean Reeves, der den Stein ursprünglich ins Rollen gebracht hatte, als Zeugen zu befragen. Reeves ist jedoch von einem amerikanischen Zivilgericht des Verstoßes gegen die Verschwiegenheitspflicht gegenüber OneWorld für schuldig befunden worden. Ihm wurde untersagt, weitere Erklärungen zu dem Fall abzugeben.

Die Internationale Jury entschied, dass bei einer Verhandlung weder Zeugenaussagen noch Beweise verwendet werden dürften, die schon in der ersten Verhandlung vor dem Arbitration Panel benutzt wurden. Conners Team wurde auferlegt, bis heute Vormittag neue Beweise und eine komplette Zeugenliste vorzulegen. Heute Mittag entschied die Jury dann, den Protest erst zu verhandeln, wenn das Arbitration Panel, das ja in derselben Sache angerufen worden war, entschieden habe und spielte damit den Ball an die höhere Instanz zurück. Die Verhandlung vor dem Arbitration Panel ist für den 7. und 8. Dezember festgesetzt, also unmittelbar vor Beginn der Halbfinalläufe.

Diese Entscheidung wird mit Spannung erwartet und sorgt für Spekulationen in den Camps. Denn sie könnte den gesamten bisherigen Cup-Verlauf auf den Kopf stellen. Sollten tatsächlich Beweise vorgelegt werden, dass OneWorld fremde Design-Erkenntnisse in den bisherigen Rennen benutzt hat, bleibt den Richtern als Strafe nur der Ausschluss des Teams vom Cup. Da OneWorld dann aber auch an den bisherigen Rennen unberechtigt teilgenommen hätte, könnten die bisher ausgeschiedenen Teams eine Wiedereinsetzung verlangen. So könnte das italienische Team Mascalzone Latino argumentieren, dass ohne OneWorld ja nur acht Teams angetreten wären und sie nicht am Ende der Round Robins hätten ausscheiden müssen. Le Defi könnte anführen, dass dann Victory Challenge nicht sie, sondern Mascalzone Latino als Gegner gewählt hätte. In diesem Fall wären die Franzosen im Viertelfinale gegen die Briten gesegelt und hätten gegen diese ja gewinnen können. Im Endeffekt liefe ein Ausschluss von OneWorld auf eine komplette Wiederholung aller bisherigen Rennen hinaus. Nur hätte dann aufgrund des Terminkalenders das verteidigende Team New Zealand am 10. Februar 2003 keinen Gegner.

Die Richter sind also um ihr Amt wieder einmal nicht zu beneiden. Wegen der Folgen eines Ausschlusses von OneWorld glaubt in Auckland aber auch niemand wirklich an eine derart drastische Strafe. Der Protest wird vielmehr als strategische Maßnahme gesehen, um das amerikanische Team zu verunsichern. Vielleicht, so wird auch spekuliert, habe OneWorld in der zweiten Round Robin und im Viertelfinale gegen Oracle BMW Racing ja bewusst unter seinen Möglichkeiten gesegelt, um durch eine Art Mitleidseffekt von dem Spionagefall abzulenken. Denn alle waren von dem klaren 0:4 gegen Oracle überrascht und jetzt, wo es ums Ausscheiden geht, segelt das Team ja wieder gegen jeden Zweifel erhaben gegen Conners Truppe.

Für Unterhaltung ist also auf jeden Fall weiter gesorgt, nicht zuletzt auch durch die 92-seitige Beweisschrift, die von Prada und Team Dennis Conner dem Arbitration Panel vorgelegt und jetzt auch in Auckland veröffentlicht wurde. Sie lese sich, so Tim Kröger vom französischen Team Le Defi, "wie ein Krimi".

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