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Wie eine deutsche Preiskuh auf dem Viehmarkt

24.08.2008 Tatjana Pokorny, Fotos: YACHT/L. Bolle, tati - Auf nimmer Wiedersehen, Qingdao!

Fotograf: © YACHT/L. Bolle
Korrespondentin Tatjana Pokorny

Die XXIX. Olympischen Spiele sind zu Ende. Und mit ihnen die olympische Segelregatta vor Qingdao. Morgen geht es heim und ich kann mich nicht erinnern, jemals so glücklich über diese Aussicht gewesen zu sein.

Ich war mit offenen Augen und Ohren in dieses Land gekommen und kehre zurück mit dem Eindruck, noch nie ein mehrheitlich so stoisches, unfreundliches und Besuchern gegenüber gleichgültiges Volk kennen gelernt zu haben. Ja, natürlich gab und gibt es Ausnahmen. Aber leider viel zu wenige. Die Öffnung Chinas zur westlichen Welt wird aus meiner Sicht noch eine ganze Weile auf sich warten lassen.

Der letzte Tag in Qingdao hat uns den Rest gegeben. Nach zweieinhalb Wochen Arbeit im Internationalen Medienzentrum, die nur von abendlichen Abenteuer-Ausflügen in die Stadt mit ungewissem Ausgang, oftmals unhygienischen Restaurants und leider auch grenzwertigem Zustand servierter Speisen geprägt waren, sind zwei weitere Kollegen und ich einer Einladung der Organisatoren gefolgt, die Tsingtao-Brauerei mit ihren deutschen Wurzeln und die Qingdao Sports Street zu besuchen. Was wir als freundliches Angebot gewertet hatten, entpuppte sich als Reality-Soap bester Machart

Anfangs sitzen nur wir drei deutschen Journalisten in dem kleinen Reisebus. Ein Hotel weiter steigen noch ein englischer und ein amerikanischer Kollege dazu. Außerdem ein chinesisches Kamerateam, ein chinesischer Fotograf und drei weitere nicht zuzuordnende Chinesen. Dazu ein lustig lächelnder Reiseleiter. Los geht es in Richtung Sports Street, in Qingdao auch Bodybuilding-Straße genannt.

Nach drei Minuten Fahrt werde ich im Bus vom ersten Blitzlicht geblendet. Naja, denke ich mir, der chinesische Kollege macht halt ein Erinnerungsfoto von den blonden Riesen aus dem Westen. Das ist uns auch in Qingdaos Straßen immer wieder passiert.

Nach 15 Minuten Fahrt erreichen wir die Qingdao Sports Street. Alle gängigen Markennamen der westlichen Sportindustrie prangen dort über den Eingängen zu den Boutiquen. Doch unser Blick fällt sofort auf eine in rot gekleidete und zu adretten Reihen formierte Gruppe von etwa 50 Mitsechzigerinnen, die auf einem kleinen Platz einen seltsamen Tanz aufführen und dazu rot-gelbe Puschel an einem Band hin und her schwenken. Ein Kollege wittert sofort, dass die Damen dort nur für uns tänzeln. Ich will das nicht glauben. Doch ganz schnell wird offenkundig: Der Affenzirkus ist tatsächlich für unser sehr überschaubares Journalisten-Quintett organisiert.

Fotograf: © tati
Qingdao Sports Street, Fotografen, Kameramann

Mit Pathos in der Stimme erklärt man uns, dass hier an jedem Wochenende so viel los sei und die Einwohner Qingdaos ihre Sportstraße mit Begeisterung und allerlei Sportgeräten beleben. Unter uns ist der grüne Betonboden im Stile einer Tartanbahn mit weißen Linien versehen. Vor uns beginnt das nächste Blitzlichtgewitter. Das chinesische Kamerateam und der Fotograf haben es ausschließlich auf uns abgesehen und wir begreifen langsam, dass diese Einladung in nichts anderes mündet als eine Propagandaschau der Gastgeber. In den Hauptrollen: Wir! Das Motto der Muppet Show: Schaut mal her, wie wir uns den westlichen Journalisten öffnen und wie beeindruckt sie von uns sind. Wir fühlen uns missbraucht. Wir wehren uns, indem wir mit den eigenen Kameras zurück schießen. Für einen Augenblick sind die Chinesen verwirrt und senken ihre Objekive. Dann halten sie wieder drauf.

Fotograf: © tati
Selbst ungefragt filmen, aber nicht fotografiert werden wollen ...

Wir werden die Straße der sportlichen Lächerlichkeit hinab geführt. Der Reiseleiter ist ja so stolz auf die eifrigen Menschen, die hier angeblich so gerne ihre Freizeit verbringen. Jede Gruppe, an der wir vorbei gehen, präsentiert eine andere Sportart. Was für ein hübscher Zufall. Zwei Rentnerinnen treiben mit einem gebogenen Metallstab einen Metallring über die Straße. Zwei andere haben eine Art Peitsche in der Hand und dreschen damit auf kleine Holzkreisel ein, die sich auf der Laufbahn drehen sollen. Richtig oft — so scheint es - haben sie das aber noch nicht geübt... Ja, ja, die Menschen lieben diese Straße, sagt der Grinsemann. Wir sollten doch einfach mal das eine oder andere Gerät ausprobieren. Sein Bemühen, den Aufnahmen der Kameraleute noch etwas mehr Farbe zu verleihen, prallt an unseren langsam versteinernden Gesichtern ab. Das könnte ihm so passen! Wir werden trotzdem weiter ungefragt gefilmt und fotografiert. Die Krönung des Spektakels: Als wir uns am Ende dieser Parodie noch einmal umdrehen und die Straße hinauf blicken, sind die Mehrheit der ganz offensichtlich nur für uns auf die Straße bestellten Hobbysportler und die glücklich an tollen Spielgeräten turnenden Kinder wie ein Spuk verschwunden.

Entnervt setzen wir uns wieder in den Bus. Jetzt geht es zur Brauerei, sagt der restlos entzückte Mann am Busmikrofon. Wir hassen uns dafür, dass wir unseren letzten Tag mit diesem Budenzauber verbringen. Und wir stellen uns vor, was sie mit dem Bild- und Filmmaterial alles anstellen werden. Morgen schon, da sind wir sicher, werden uns die Lokalressorts der hiesigen Tageszeitungen als hingerissene Gäste ihrer himmlischen Stadt präsentieren. Wir werden natürlich nicht lesen können, was sie schreiben oder im Fernsehen sagen. Aber wir können es uns denken.

Im Museum der Bierbrauerei angekommen, führt uns eine Chinesin durch die Ausstellung. Das Kamerateam und der Fotograf laufen jetzt noch einmal zu Höchstform auf. Ich komme mir längst vor wie eine deutsche Preiskuh auf dem Viehmarkt. Hier interessiert sich kaum einer dafür, dass wir etwas über Menschen und Kultur des Landes erfahren wollen. Wir sind nur Teil einer perfide durchgeplanten chinesischen Seifenoper. Wir bemühen uns inzwischen, den Kameras nur noch den Rücken zuzukehren und ärgern die begleitenden Aufpasser mit zu langem Verweilen in einzelnen Räumen. Sie fallen sogar auf unsere Enttarnungsfinten herein. Drei Schritte zur falschen Tür und die streng drein blickende blasse Frau mit der Handtasche unter dem Arm folgt. Drei Schritte in die andere Richtung und sie bleibt wie ein Schatten an uns kleben. Wir kommen uns vor wie in einer Spionage-Kommödie, doch das Lachen ist uns angesichts der Unverschämtheit dieser ganzen Aktion längst vergangen.

Die einzige Wohltat der dreistündigen Farce sind zwei Gläser frisches Tsingtao-Bier für die Kollegen. Ich mag leider kein Bier und mache mich mit meiner trotz allem sehr freundlich vorgebrachten Ablehnung noch einmal so richtig unbeliebt. Das Kamerateam hätte die große Frau aus Germany so gerne beim Prosit mit den anderen beeindruckten West-Journalisten gefilmt. Unser jetzt deutlicher demonstrierter Unmut beeindruckt die Propagandafilmer aber nicht lange. Sie halten weiter drauf. Und ich denke bei mir: Hilfe, ich doch kein Star, holt mich hier raus! Wir können das Schussfeld erst verlassen, als wir wieder im Bus zurück ins Hotel sitzen und uns hinter den Lehnen der vor uns sitzenden Leute verschanzen. Die freundliche Frage, ob der Busfahrer uns vielleicht an unserem Quartier hinaus lassen könnte, das direkt an der Rückfahrtstrecke liegt, wird von dem uns nicht vorgestellten Boss im Bus regungslos wie schroff abgelehnt. Der Reiseleiter übersetzt lächelnd: „Sorry, it´s not possible...“ Wir haben unsere Pflicht als willfährige Instrumente der chinesischen Öffentlichkeitsarbeit getan. Wir sind den Chinesen in diesem Bus jetzt wieder völlig gleichgültig.

Es ist sehr, sehr schade, dass ich trotz einzelner wirklich um Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft bemühter Chinesen keine positive Bilanz ziehen kann. Weder meine Kollegen noch ich haben im Moment das Bedürfnis, in diesem Leben noch einmal nach Qingdao zurück zu kehren. Und ganz akut habe ich eine große Bitte an meine Freunde daheim: Fragt mich in den nächsten zwölf Monaten bitte, bitte nicht, ob wir chinesisch essen gehen wollen, ok? Ich bin zwar gesund und meistens munter durch den kaum englischsprachigen und leider oft unhygienischen Restaurant-Dschungel der Stadt gekommen, doch meine beiden Kollegen mussten bereits am zweiten Tag zum wohlweislich mitgebrachten Immodium greifen. Sie waren wahrlich nicht die einzigen.

Auch im internationalen Pressezentrum war die Arbeit nicht immer leicht. Wir alle werden vermutlich noch eine Weile von der Standard-Antwort träumen, die wir auf 99 Prozent unserer Fragen von den zu vielen freiwilligen Helferinnen und Helfern am „Informations“-Counter bekamen: „We don´t know. It´s better to wait.“ Dass sich dieser nervtötende Spruch zum „Running Gag“ unter den internationalen Kollegen entwickelt hat, verwundert nicht. Er repräsentiert das Gegenteil dessen, wozu wir gekommen sind. Und jetzt einmal ehrlich: Wie politisch ist denn Segelsport? Es gab für die Gastgeber der olympischen Regatta keinen Grund, als Pressebüro Olympischer Spiele nicht sachlich und fachlich auf Ballhöhe zu sein. Leider waren sie das viel zu selten.

Vor Kommodore Alex, im wahren Leben Dong Yong Quan, liegt entsprechend viel Arbeit. Der Mann ist als internationaler Dreh- und Angelpunkt verantwortlich für den Auf- und Ausbau der olympischen Marina in Qingdao und unter anderem auch Gesprächspartner für das Volvo Ocean Race. Die neue Route des Meeres-Marathons führt die Flotte erstmals auch nach Indien und Asien. Aus Singapur starten die Hochseesegler am 18. Januar in ihre dritte Etappe nach Qingdao, wo einige küstennahe Rennen ausgetragen werden, bevor am 14. Februar der Startschuss zur längsten Etappe aller Zeiten über 12.300 Seemeilen nach Rio de Janeiro fällt. Bis dahin haben die Organisatoren des Zwischenstops in Qingdao reichlich zu tun. Kommodore Alex prophezeit, dass die ersten echten Früchte der Hafeninvestitionen in Gesamthöhe von rund einer Milliarden Euro in fünf Jahren geerntet werden könnten. Der Mann hat Mut und Visionskraft. Dass Asiaten hierher kommen werden, ist angesichts der ehrgeizigen Pläne und zweier 5-Sterne-Hotels sicher. Von den 32 Millionen Besuchern Qingdaos im vergangenen Jahr waren 1.02 Millionen Ausländer, die meisten aus Korea und Japan, einige auch aus den USA und Europa. Wären mehr Einwohner Qingdaos so weltoffen wie Kommodore Alex, wäre ich weit weniger pessimistisch. Nach meinen Eindrücken aus Qingdao aber fürchte ich, dass es noch viele, viele Jahre dauern wird, bis diese Acht-Millionen-Einwohner-Hafenstadt tatsächlich westliche Besucher wird anziehen können, die nicht zu einem besonderen Anlass, sondern einfach so zum Vergnügen kommen. Man soll ja niemals nie sagen, aber ich werde voraussichtlich nicht zu ihnen gehören.

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