Silverrudder 2014

Wenn Wind schwächer ist als Wille

22.09.2014 Jochen Rieker, Fotos: YACHT/B. Scheurer, Silverrudder/stk - Bei der weltweit größten Einhandregatta erreichten nur 41 von fast 190 Teilnehmern das Ziel. Der Rest musste sich Flaute und Strom beugen

Silverrudder 2014
Fotograf: © YACHT/B. Scheurer

Silverrudder 2014

Mit dem letzten bisschen Sommer machten sich am Freitagmorgen 186 Solisten auf den Weg nonstop rund Fünen. Wobei: nonstop trifft es nicht ganz. Ein flauer Start und ein bleiernes Finish brachten viele Boote zeitweise zum Stillstand – und die meisten Segler zur Aufgabe. 

Schon bald war klar, dass der Teilnehmerrekord der einzige wäre, der gebrochen werden würde. An die Zeiten der windigen Auftaktveranstaltung 2013 kam am Ende keiner heran. Aber um Zeiten geht es bei der Silverrudder Challenge auch nicht in erster Linie. Der Event ist mehr Abenteuer als Regatta – am ehesten vergleichbar mit einem großen Stadtmarathon. Man ist dabei um seiner selbst willen, nicht um anderen etwas zu beweisen. Das macht den besonderen Reiz aus.

In Svendborg, dem Start- und Zielhafen, treffen sich Fahrtensegler im Jolli oder Folke mit Halbprofis in hochkarätigen Racern. Mini-Transat-Freaks treffen auf Bavaria- und Hanse-Eigner. Eine eigenwillige, bunte, nette Truppe, die Organisator Morten Brandt-Rasmussen vom dänischen Segelmagazin BadNyt da versammelt. Vor zwei Jahren waren kaum mehr als ein Dutzend Einhandsegler dabei, letztes Jahr mehr als 80, jetzt fast 200 – schon am Mittwochabend lagen die Boote im Stadthafen in Dreier- und Viererpäckchen.

Die Menge an Yachten hat nicht den Charakter des Rennens verändert, aber die Intensität der Herausforderung. Weil die kleinsten Boote unter 25 Fuß zuerst starten, danach im Halbstunden-Abstand die jeweils nächste Gruppe, herrschte im Kleinen und Großen Belt reichlich Verkehr. Er hielt die Solisten permanent in Atem. Zwei kleine Rammings und mehrere Beinahe-Kollisionen wurden der Regattaleitung gemeldet. 

Auch sonst wäre an Schlaf nicht zu denken gewesen. Erst forderte der Leichtwind-Poker am Freitag den Teilnehmern alles ab. Dann kam am Abend der lange vorhergesagte Nordost mit 5 bis 6 Beaufort, der vom Kattegatt steile Wellen nach Federicia schickte. Das Gros des Feldes traf in mondloser Nacht auf die ruppigen Bedingungen, die die ersten Reserven aufbrauchten.

Als der Wind in der Nacht allmählich abflaute, brachten Seenebel und Flaute am Samstagmorgen die nächste Prüfung. So viele Boote, so wenig Sicht. Es war der Moment, wo der Flügelschlag einer Ente oder der Blas eines Schweinswals Schockwellen durchs zentrale Nervensystem schickte.

Manch einer hatte da schon abgebrochen, war eine Marina entlang des Kurses angelaufen oder gleich ganz Richtung Heimathafen abgedreht. Einige ankerten auch. Denn die Prognose versprach nur mehr vom Wenigen: drei Knoten Wind, und ab Samstagnachmittag im Großen Belt Strom gegenan.

An der Spitze dagegen entbrannte ein packender Kampf um die Führung, der sprichwörtlich bis zur Ziellinie andauern sollte. Waren es im ersten Drittel der 134 Seemeilen langen Strecke die beiden Deutschen Morten Bogacki auf einem Mini 650 und Andreas Hirschfeld auf seiner Melges 24 "R2D2", die sich duellierten, wurden sie später von einem anderen Duo abgelöst.

Die beiden Seascape-27-Segler Andraz Mihelin aus Slowenien und Lars Petter Karlsen aus Norwegen schenkten sich nichts. Ab der Großen-Belt-Brücke gesellten sich noch zwei weitere Siegkandidaten hinzu: der Schwede Peter Gustafsson auf einer perfekt präparierten J-111 und William Friis-Möller von Elvström auf seiner IMX-40. 

Am Ende entschied Andraz Mihelin die Regatta in den Kielbootklassen auf den letzten paar Hundert Metern, mit dem letzten Setzen des Spis. Er war schon im Vorjahr ein großartiges Rennen gesegelt, unvorbereitet, auf einer Seascape 18. Der Sieg machte den ehemaligen Mini-Transat-Profi glücklich. "Es ist ein schöner Beweis für das Konzept des Bootes, das genau dafür konzipiert ist", sagte er gegenüber YACHT online. Die bleibendere Erinnerung ans Silverrudder aber habe er auf dem nur 5,50 Meter langen Hochseezwerg 2013. "Ich glaube, näher kann man nicht an die Essenz des Segelns kommen als auf so einer Regatta, auf so einem Boot." 

Als er am Abend in Svendborg einlief, gab ein anderer bereits Interviews: der Däne Anders Bastiansen. Er war auf einem Dragonfly 28 Sport in der Multihull-Klasse spät gestartet und hatte alle vor ihm liegenden Teilnehmer überholt. First Ship Home – und genug Zeit zum entspannten Duschen vor dem abendlichen Get-together, das mangels Finisher eher schwach besucht war.

Wer das Rennen zu dieser Zeit auf dem Tracker verfolgte, konnte Schiffe sehen, die mit 40 Knoten über Land segelten, und Teilnehmer, die auf See mit 7,5 Knoten an anderen vorbeinagelten, die im Kreis oder rückwärts trieben. Es war der Moment der Einsicht, die bitteren Stunden der Massenaufgabe. Kleine Boote kamen per Trailer ins Ziel, die großen liefen unter Maschine ein. Flaute. Gegenstrom. Und wer sich entschlossen hatte, doch noch eine zweite Nacht auf See zu bleiben, vor Anker, sah schon wieder Seenebel aufziehen. 

Auch Stefan Knabe, Olympiateilnehmer im Soling, Admiral's Cupper auf Rubin, warf 18 Seemeilen vor dem Ziel das Handtuch. Er machte seine Luffe 37 mangels Diesel sieben Seemeilen nördlich von Svendborg fest, um am nächsten Morgen nach Heiligenhafen zu segeln. Auf die Frage, ob er genervt sei, frustriert oder doch einigermaßen glücklich, meinte er: "Ich bin total angefressen und starte wieder!"

Erfahrungsberichte vom Silverrudder lesen Sie in Kürze in YACHT 23-2014.

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