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Treibholz-Kollision beendet Medaillenträume
Eine Kollision, ein dadurch hochgeklapptes Ruder und die anschließende Kenterung brachte die deutsche Tornado-Crew um die Medaillenchance. Zum Zeitpunkt des Ausfalls hatte sie auf dem Bronzeplatz gelegen. Das Starbootfinale ging wie erwartet aus, das deutsche Boot hatte keine Chance mehr.
Teamchef Hans Sendes zog dennoch eine positive Bilanz: „Wir haben unsere drei Ziele erreicht: Wir waren besser als in Athen, unsere Teams haben sich in fünf von sechs Disziplinen in den Top Ten platziert und wir haben eine Medaille gewonnen. Alle, die von mehr geträumt haben, sollen mal schön weiter träumen.“
Der Traum der deutschen Tornado-Crew Johannes Polgar/Florian Spalteholz von der zweiten deutschen Medaille platzte im Finale, als ihr Katamaran in aussichtsreicher Position drei liegend mit einem umhertreibenden Holzbalken kollidierte. Dabei klappte das Leeruder hoch wodurch das Boot außer Kontrolle geriet. Polgar/Spalteholz kenterten und konnten die Wettfahrt nicht beenden.
„So ein Brocken ist ganz hart zu schlucken, ich bin ganz schön traurig. Da hast du in einer Sekunde die Medaille vor Augen und schwimmst in der nächsten deinem Boot hinterher und stellst dabei vielleicht einen neuen 100-Meter-Weltrekord auf“, haderte der 30 Jahre alte Steuermann in Qingdao mit dem Unglück, „Zu dem Zeitpunkt der Kollision lagen wir tatsächlich auf dem Bronzeplatz, denn die Argentinier waren zwei, drei Plätze hinter uns.“ Ein Jury-Boot musste die beiden Segler aus Dänisch-Nienhof und Kiel auffischen und zu ihrem im Gelben Meer davon brausendem Tornado bringen. Trainer Rigo de Nijs brachte das Segeldrama auf den Punkt: „Das muss ein schlechter Witz von Gott gewesen sein.“
Erst am Abend konnten die Unglücksraben wieder lächeln. Die deutsche Segelmannschaft traf sich zum gemeinsamen Abschiedsessen und Polgar sagte: „Die Unterstützung vom Team tut uns gut. Wir hatten hier in den vergangenen Wochen eine wirklich gute Stimmung im Team.“ Polgar konnte auch schon wieder scherzen: „Bislang war Holz mein liebstes Baumaterial, aber ich überlege jetzt doch noch einmal, ob ich mir nicht lieber ein Haus aus Marmor bauen soll...“
Während die britische Erfolgsmaschinerie nach fünf Medaillen in Athen auch in China erneut nahezu fehlerlos lief und in der Fushan Bucht sechs Medaillen in insgesamt elf Disziplinen produzierte, müssen die deutschen Segler mit einer Bronzemedaille durch die 49er-Segler Jan-Peter und Hannes Peckolt (Hamburg/Kiel) zufrieden sein. Dass vor zwei Jahren etablierte Standortkonzept mit Leistungszentren in Kiel und Warnemünde bewertet der scheidende DSV-Sportdirektor Sendes trotzdem als Gewinn für die Zukunft: „Wir müssen die Kräfte bündeln. Kanuten oder Fechter machen uns das doch seit 20, 30 Jahren erfolgreich vor. Die Erfolge dieses Konzepts kommen aber nicht über Nacht.“
Im Medaillenspiegel der Segler triumphierte erwartungsgemäß Großbritannien mit vier Gold-, einer Silber- und einer Bronzemedaille vor Australien mit zweimal Gold und einmal Silber. Spanien segelte mit Gold und Silber auf Platz drei. Deutschland belegt unter 400 Seglerinnen und Seglern aus 62 Nationen Platz 14.
Andere Nationen haben nach dem Vorbild Großbritanniens als erfolgreichste olympische Segelnation der vergangenen zehn Jahre längst radikalere Maßnahmen außerhalb konservativer Verbandsstrukturen zur Förderung ihrer Spitzensegler ergriffen. In der Schweiz wurde vor zwei Jahren mit der Swiss Sailing Team AG ein eigenständiges Start-Up-Unternehmen gegründet, das sich ausschließlich um die Spitzenförderung kümmert und zurzeit mit einem Jahresbudget von 800.000 Euro operiert. Hans Sendes hält diesen Weg für eine „sehr gute Idee“, die aber im föderalistischen deutschen Leistungssportsystem „nicht so einfach umsetzbar“ sei. In Deutschland kann der Leistungssport nur teilweise zentral organisiert werden, weil auch die Landesverbände weitreichende Befugnisse haben.
Mit einer kreativen Idee segelte Holland in China zu einer Silbermedaille in der Frauen-Disziplin Yngling. Die Niederländer hatten nach den letzten Olympischen Spielen landesweit nach sportlichen Frauen mit Spaß am Segelsport gesucht. 100 hatten sich gemeldet, neun qualifizierten sich für den Spezialkader, den ein Insider „unser kleines DDR-System“ nennt. Die Ansage der Trainer: Aus den neun Frauen stellen wir vor den Olympischen Spielen teamübergreifend die beste Crew zusammen. So segelten Mandy Mulder, Annemieke Bes und Merel Witteveen zu Silber. Das Projekt verschlang über vier Jahre rund eine halbe Million Euro.
Großbritannien operiert mit einem Jahresbudget von 3,72 Millionen Euro, die Staat und Sponsoren in ihr Erfolgsteam stecken. Dem Deutschen Segler-Verband steht weniger als ein Drittel davon zur Verfügung. „Aber Geld ist nicht alles“, sagt sogar der dreimalige Olympiasieger Ben Ainslie, „ich glaube auch daran, dass Erfolg neuen Erfolg produziert. Demnach dürften die Briten in vier Jahren bei den Olympischen Spielen im Heimatrevier kaum zu schlagen sein.
Allen voran Überflieger Ainslie. Der erfolgreichste Segler der XXIX. Olympischen Spiele hat nach seinem dritten Olympiasieg neben Segelikone Jochen Schümann und dem Russen Valentin Mankin auf Platz zwei der ewigen Bestenliste olympischer Segler Platz genommen und kann in vier Jahren im Heimatrevier vor Weymouth den Rekord des legendären Paul Elvström (4 x Gold) attackieren. Jochen Schümann gratulierte Ainslie aus der Ferne: „Es ist fantastisch, wie der Junge regelmäßig seine Big Points macht. Als Goldjunge ist er der Beste — mehr geht 2008 nicht.“










