America's Cup

„Sie drücken uns die Pistole an den Kopf“

26.03.2009 Lars Bolle, Fotos: bmor-photo - Russell Coutts, Segel-Multitalent und Geschäftsführer des AC-Teams BMW Oracle Racing, im YACHT-online-Interview

Fotograf: © bmor-photo
Der 47-jährige Neuseeländer, Olympiasieger von 1984, lebt mit Ehefrau Jenny und dreien seiner vier Kinder in Valencia. Er ist CEO von Larry Ellisons America´s Cup-Team BMW Oracle Racing

Kurz vor der erwarteten Entscheidung im langwierigen Gerichtsstreit der beiden Syndikate Alinghi und BMW Oracle Racing begründet Coutts noch einmal die harte Linie seines Cup-Teams und wirbt zugleich für eine neue Regattaserie mit Kohlefaser-Yachten vom Typ RC 44.

YACHT: Die Räder in der America´s Cup-Welt stehen seit eineinhalb Jahren still. Ihr Team BMW Oracle Racing hat Cup-Verteidiger Alinghi verklagt, ringt mit den Eidgenossen um den richtigen Weg in die Zukunft...

Wie dürfen wir das verstehen?
Was Alinghi will, würde in der Formel 1 so aussehen: Bernie Ecclestone managt nicht nur die Serie, sondern auch noch eines der teilnehmenden Teams. Das geht doch nicht!

Die Schweizer werfen ihrem Team aber auch mangelnde Verhandlungsbereitschaft vor...
... solange sie eine Art Alleinherrschaft anstreben, müssen wir uns wehren. Es ist sicher ein guter Schritt, die Organisation des Cups unter ein Dach zu bringen. Es ist aber eine schlechte Idee, sie nur einem Team zu überlassen. So war es nie! Bislang hatte immer der Verteidiger einige Vorteile, die Herausforderer aber auch. Über die Cup-Regularien wurde im gegenseitigen Einvernehmen entschieden. Es war auch laut Stiftungsurkunde nie beabsichtigt, dass eine Seite alles bestimmt.

Wer fällt in ihrem Team die Entscheidungen: Sie als CEO des Teams oder Larry Ellison als Teambesitzer?
Larry Ellison ist der Boss. Jeder weiß wie erfolgreich er mit seinen Geschäften ist. Er fällt die finalen Entscheidungen. Aber ich habe eine starke Stimme. Er hört mir zu. So wie er auch anderen gut zuhört. Ich muss sagen, dass ich meine Zusammenarbeit mit ihm bislang sehr genieße. Da könnte man nun meinen, dass ich als Angestellter ohnehin nichts anderes sagen darf. Aber es ist wirklich wahr!

Woran liegt das?
Larry liebt den Segelsport, das Matchracing noch mehr als Fleetraces. Er ist gut und sehr intelligent, sein Gehirn arbeitet wie das eines Ingenieurs. Wir trainieren manchmal zusammen am Computer, um einen besseren Überblick über Rennsituationen und verschiedene Strategien zu bekommen. Er genießt das und natürlich alle technologischen Aspekte des America´s Cup. Er begreift Dinge rasend schnell, analysiert und entscheidet. Meistens hat er Recht.

Sie streiten mit Alinghi um die Auslegung der Stiftungsurkunde, die den America´s Cup seit 1987 reguliert. Muss dieses alte Dokument möglicherweise überarbeitet werden?
Brauchen wir das wirklich? Der America´s Cup hat mehr als 150 Jahre überdauert. Sein Regelwerk dürfte nur mit höchster Sensibilität verändert werden.

Ist die von vielen Cup-Modernisierern idealisierte Formel 1 kein gutes Vorbild?
Wer den Cup wie die Formel 1 organisieren will, könnte ihm seine Einzigartigkeit und seine Magie nehmen und ihn damit zerstören.

Die endgültige Entscheidung im Gerichtsstreit ist nah...
...wenn wir gewinnen, wollen wir immer noch einen America´s Cup mit möglichst vielen Herausforderern austragen. Scheitern wir mit diesem Versuch, bereiten wir uns auf ein Duell gegen Alinghi laut Statuten der Stiftungsurkunde vor.

Sie sind in den vergangenen 14 Jahren durch alle nur denkbaren Höhen und Tiefen eines Cup-Helden gegangen: Sie siegten 1995 und 2000 mit Neuseeland, wurden als Nationalheld von Millionen Menschen gefeiert, wechselten dann in die Schweiz, wurden in der eigenen Heimat als Verräter beschimpft. Sie siegten trotzdem mit den Eidgenossen, entzweiten sich später aber mit ihrem Ex-Boss Ernesto Bertarelli, verließen Alinghi, heuerten bei Rivale Larry Ellison und seinem Team BMW Oracle Racing an und wollen nun mit den Amerikanern noch einmal nach der berühmtesten Kanne des Segelsports greifen. Macht Ihnen das wirklich noch Spaß?
Teilweise nein, teilweise ja. Mir gefällt die aktuelle Situation nicht. Die Louis Vuitton Pacific Serie dagegen, eine Regatta, die im Februar mit vielen Cup-Teams vor Auckland stattfand, hat mir die Augen positiv geöffnet. So einfach und kosteneffektiv kann Cup-Segeln sein! Das hat viel Spaß gemacht und war überaus erfolgreich. Das Segeln selbst liebe ich immer noch sehr.

Wie wäre es, den America´s Cup künftig aus Kostengründen in OneDesigns auszusegeln und den puren Sport in den Vordergrund zu stellen?
Das ginge wohl zu weit. Aber sicher könnte man die Konstruktionsgrenzen enger stecken. Man könnte beispielsweise Einheits-Masten vorschreiben.

Sie selbst haben so eine neue Einheitsklasse initiiert. Die Regattaserie mit Yachten vom Typ RC 44 erfreut sich in der dritten Saison an Zulauf, zu einer Zeit, da anderswo Teilnehmerzahlen und Sponsorenengagements bröckeln. Wie geht das?
Krisenzeiten erfordern ein kosten- und zeiteffektives Management. Unsere Boote sind mit 395.000 Euro (Red.: ohne Segel) vergleichsweise bezahlbar. Wir setzen auf striktes Einheitsdesign. Die Anzahl der Segel ist begrenzt. Und die Klassenvereinigung bietet einen intensiven Service für die Eigner und ihre Teams.

Zusätzlich zu den Kosten für eine neue Yacht fallen Kampagnenkosten von rund 250.000 bis 400.000 Euro pro Saison für Segel, Crew und Logistik an. Das klingt im Vergleich zur Teilnahme an ähnlich hochkarätigen Serien wie beispielsweise dem Audi MedCup bezahlbar...
... wir können dank unseres Partners DHL die Logistikkosten auf bis ein Zehntel der üblichen Kosten reduzieren. Das hilft sehr. Außerdem hat die Klassenvereinigung einen Service-Container und ein Service-Team im Einsatz. Wer während der Regatta einen Schaden hat, dem wird sofort geholfen. Bezahlt wird nur für das Ersatzmaterial.

Liegt der Spaßfaktor vielleicht auch im streng kontrollierten Einheitsdesign der Yachten, die im Gegensatz zu America´s Cup-Yachten wieder die reine sportliche Leistung in den Vordergrund stellen?
Oh ja! Wir hatten in den Fleetraces 2008 sieben verschiedene Gewinner. Die Mischung aus Profi- und Amateur-Wertung fordert auch die Eigner heraus. Das älteste Boot hat die letzte Regatta gewonnen, eines der jüngsten die vorletzte. Über alle bislang 20 fertig gestellten Yachten gibt es eine Gewichtstoleranz von nur 14 Kilogramm, die Masten weisen eine Toleranz von maximal einem Kilogramm auf. So gleiche Boote sorgen für Spannung. So macht Segelsport Spaß.

Wie haltbar sind denn die Kohlefaserrümpfe der RC 44-Yachten?
Die kann man zehn Jahre segeln! Wenn ich mir da so einige andere Klassen ansehe, denke ich immer: Whow! Da brauchst du jedes oder jedes zweite Jahr ein neues Boot. Das ist in heutigen Zeiten nicht mehr zu rechtfertigen. Ich schaue mir diesen `Film´ nun schon seit 20 Jahren an und kann versichern: Es macht niemandem Spaß, Geld zu verschwenden. Auch denen nicht, die es sich leisten könnten.

Mit Markus Wieser gibt es neben einem Dutzend namhafter America´s Cup-Gewinner, Olympiasieger und Weltmeister auch einen deutschen Steuermann, der aber unter der Flagge Dubais startet. Bemühen Sie sich um einen deutschen Austragungsort?
Beworben hat sich noch keiner. Denkbar wäre es. Ok, die Alster ist vielleicht ein bisschen klein dafür. Aber ich könnte mir Kiel gut vorstellen. Doch es sind die Eigner selbst, die über die Austragungsorte entscheiden... Da fällt mir etwas ein: Was macht eigentlich Jochen Schümann?

Soweit wir wissen, arbeitet Jochen Schümann in der Cup-Zwangspause an neuen Projekten...
Der wäre auch ein toller Skipper für eine RC 44. Ich werde ihn mal anrufen...

Interview: Tatjana Pokorny

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