Jules Verne Trophy

Herrmann spricht über den Zielsprint

06.01.2016 Andreas Fritsch, Fotos: Idec Sport - Der Deutsche beschreibt in einer Mail an die YACHT, worum die Gedanken kreisen auf den letzten 1300 Meilen zur Ziellinie vor Ouessant

Idec
Fotograf: © Idec Sport

Boris Herrmann

"Endspurt. Ich liege in der Koje und kann nicht einschlafen, wie so oft zum Ende
großer Reisen. Mein Körper ist wie immer verkeilt zwischen Bordwand und dem
Karbonrohr der Koje, mein Arm und die Hand hängen heraus und die Finger
klopfen der Reihe nach auf das Rohr: "Ein Tag, zwei Tage, drei Tage".
Immer wieder.
Der Schlaf ist kurz, meist nur eine Stunde, Gwenole weckt mich zu einer
der Halsen. Auf dem Weg nach draußen krame ich in meiner Essentasche (jeder
hat seine eigene) und stecke mir etwas in den Mund. Zu viert halsen wir ein Schiff, wo sonst auch üblicherweise 20 Leute kurbeln und machen könnten, und das bei 25 Knoten Wind.

Idec
Fotograf: © Idec Sport

"Idec Sport" ist "Spindrift 2" dicht auf den Fersen. Beide Boote halten sich südlich des schlimmsten Wetters, so lange es geht

Ich habe nun Standby, ein schöner Tag ist angebrochen, dieser Dienstag.
Stechend blaue See, Gischtkielwasser und ordentlich Dampf. Dazu Sonne. Ich
bleibe unter der Kuchenbude sitzen, hole mir Wasser in meiner Trinkflasche
von unten, Snacks sind leider alle. Für ein Tütenessen ist mir nicht
schlecht genug. Ja, die Qualität der Versorgung ebbt
gewohnheitsgemäß ab zum Ende längerer Passagen.

Wir steuern abwechselnd immer halbe Stunden. Die Zeit verfliegt heute am
Ruder. Der Wind hat auf 36 Knoten zugenommen. Ungerefft und mit Gennaker
brettern wir dahin, zerschneiden mit dem Leeschwimmer die Wellen. Kraftvoll
taucht er immer wieder auf aus den Wellen, nach oben gepresst durch sein
Foil, das wir für ordentlich Lift angestellt haben.

Anspannung legt sich auf die Nerven, man ist verantwortlich für alles:
Ein Fehler und die ganze Kiste fällt um, 1000 Meilen westlich der Azoren. Ich
steuere so sanft es geht durch die Wellen um Lastspitzen zu vermeiden.
Weit abgefallen, um Fahrt rauszunehmen, dann wieder anluven zum Beschleunigen,
nach 5 Minuten ist man in Trance und einem Speedrausch, die Winkel werden
etwas aggressiver. Wenn ich flachere Abschnitte voraus sehe, beschleunige
ich auf 38 Knoten, ich könnte jetzt beliebig schnell segeln, 45 war meine
Spitze. Würde ich damit allerdings in eine dieser Wellen bohren, würde
ich ein stabiles Vertrauensverhältnis zerstören und vielleicht auch schwere
Schäden anrichten.

Idec
Fotograf: © Idec Sport

Gut zu sehen: Der heftige Wintersturm, der ab morgen Mittag das Wetter im Zielgebiet bestimmt 

Ein goldener Tag zum Grande Finale, wie ich es mir ausmale: Wir nagen von
Spindrifts Vorsprung weitere Meilen ab und dann wird es Mittwoch, Donnerstag
tricky mit einer massiven Kaltfront, die sich in unseren Weg stellt. Wir
kommen da besser durch und vor Spindrift mit einem Nordatlantikstreckenrekord
in Ouessant und dann in Brest an, an diesem Freitag, um den sich seit Tagen die
schlafraubenden Gedanken drehen!"

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