America's Cup

Hauptbelastungszeuge darf doch aussagen

05.12.2002 Lars Bolle, Fotos: Team New Zealand, OneWorld - Im Protest gegen OneWorld geht es nicht nur um eine Disqualifikation sondern auch um die Reputation internationaler Segelgrößen

Fotograf: © Team New Zealand
Sean Reeves (41), ehemaliger Regelanwalt bei Team New Zealand und später bei OneWorld, heute Hauptbelastungszeuge gegen Oneworld

OneWorld hat zugestimmt, dass Sean Reeves, der Hauptbelastungszeuge im Spionage-Protest, trotz einer Einstweiligen Verfügung, die ihn zum Schweigen verpflichtet, in der Verhandlung am Wochenende aussagen darf.

Syndikatssprecher Bob Ratcliffe bestätigte gestern, dass Reeves an der Verhandlung teilnehmen könne, ohne Klagen von OneWorld befürchten zu müssen. Das kann als Pluspunkt für das amerikanische Team gewertet werden, denn Reeves waren von einem US-Gericht per Einstweiliger Verfügung und unter Androhung einer Geldstrafe von 750.000 US-Dollar Aussagen über teaminterne Vorgänge untersagt worden. "Wir wollen, dass Reeves bei der Verhandlung aussagt", so Ratcliffe. "Wir geben ihm diese Freiheit für die zwei Tage der Verhandlung, um auf fragen zu antworten und Beweise vorzulegen, jedoch nur im Umfang der eigentlichen Untersuchung."

OneWorld wird in einer Sammelklage von den Syndikaten Prada und Team Dennis Conner vorgeworfen, fremde Designunterlagen benutzt zu haben. Nach Ansicht von OneWorld handelt es sich dabei um fünf Haupt-Anklagepunkte. Konkret sollen Zeichnungen der Rumpfform von Team New Zealand und deren Deckspläne benutzt worden sein sowie Beschläge und mechanische Teile kopiert worden sein. Außerdem habe das Team vom ehemaligen Designer der Neuseeländer, Laurie Davidson, Pläne mit Details der neuseeländischen Boote erhalten. Weiterhin sollen Informationen über die Segel, Segellatten und den Mast von Prada benutzt worden sein. Die Anschuldigungen stützen sich auf zwei Eidesstattliche Erklärungen von Sean Reeves vom Juni und August 2002 sowie auf eine E-Mail von OneWorlds Mast-Designer Scott Vogel.

Fotograf: © OneWorld
Craig McCaw, Milliardär und Chef von OneWorld

OneWorld will in der Verhandlung den Vorwürfen mit Eidesstattlichen Erklärungen sowie Versicherungen der wichtigsten Teammitglieder begegnen, darunter kein Geringerer als Syndikatsboss Craig McCaw, die Designer Laurie Davidson, Bruce Nelson und Phil Kaiko, Geschäftsführer Gary Wright und Skipper Peter Gilmour. Einer der wichtigsten Zeugen der Verteidigung wird jedoch der Designer Robert H. Perry sein, früher ein technischer Zeuge für Reeves, der erklärt, es gebe keine Ähnlichkeit zwischen acht von Davidson entworfenen Rümpfen und den Yachten NZL-57 und NZL-60 von Team New Zealand.

Das Arbitration Panel, bestehend aus fünf Richtern, hat am Wochenende kein leichte Aufgabe. Denn der Protest kommt nicht von irgendwem, sondern immerhin dem Challenger of Record (Prada), der eine gewichtige Stimme unter den Herausforderern hat, und dem New York Yacht Club, der hinter Team Dennis Conner steht und einer der renommiertesten Yachtclubs der Welt ist und auf die längste Cup-Tradition verweisen kann.

Im einfachsten Fall wird der Protest abgelehnt. Dann segeln im Halbfinale Alinghi gegen Oracle BMW Racing (der Sieger kommt direkt ins Finale, der Gewinner geht in den Hoffnungslauf) und OneWorld gegen Prada (der Verlierer scheidet aus, der Gewinner segelt im Hoffnungslauf, der Sieger des Hoffnungslaufes ist im Finale). Sollte OneWorld jedoch für schuldig erklärt und disqualifiziert werden, gäbe es verschiedene Szenarien. Entweder wird Prada direkt für den Hoffnungslauf gesetzt (womit die Italiener einen entscheidenden Vorteil hätten), oder Team Dennis Conner, das im Hoffnungslauf des Viertelfinales gegen OneWorld unterlag, wird wieder eingesetzt und darf das Halbfinale segeln. Damit könnte auch das Interesse von Prada und Team Dennis Conner an dem Protest erklärt sein.

Sollte jedoch Team Dennis Conner wieder eingesetzt werden, könnte das theoretisch auch andere ausgeschiedene Teams wieder auf den Plan rufen. So könnte das italienische Team Mascalzone Latino argumentieren, dass ohne OneWorld ja nur acht Teams angetreten wären und sie nicht am Ende der Round Robins hätten ausscheiden müssen. Le Defi könnte anführen, dass dann Victory Challenge nicht sie, sondern Mascalzone Latino als Gegner gewählt hätte. In diesem Fall wären die Franzosen im Viertelfinale gegen die Briten gesegelt und hätten gegen diese ja gewinnen können. Im Endeffekt liefe ein Ausschluss von OneWorld auf eine komplette Wiederholung aller bisherigen Rennen hinaus. Nur hätte dann aufgrund des Terminkalenders das verteidigende Team New Zealand am 10. Februar 2003 keinen Gegner.

An dieses Szenario glauben aber offenbar die Betroffenen selbst nicht. Mascalzone Latino ist schon abgereist, Victory Challenge packt gerade die Boote ein und hat schon die Rückflugtickets gebucht und auch Le Defi bereitet sich auf die Heimreise nach Lorient vor.

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