MOD 70

Foncia gewinnt Rennen in Kiel

02.09.2012 Andreas Fritsch, Fotos: YACHT/A.Fritsch, MOD 70, YACHT/A. Fritsch - Michel Desjoyeauxs Team gewinnt das erste City-Race. Wie segeln sich die Multihull-Riesen? Wir waren bei Yann Guichards Spindrift an Bord

MOD 70
Fotograf: © YACHT/A.Fritsch

"Spindrift"-Skipper Yann Guichard am Ruder

Die Franzosen wissen schon, warum sie ihn den "Professor" nennen: Michel Desjoyeaux und sein Foncia-Team bewiesen bei den sechs Läufen zum ersten "Betfair-City Race"-Circuit in Kiel, dass sie nicht nur Offshore Weltspitze sind, sondern auch beim Kurzstrecken-Rennen um die Tonnen. In sechs Rennen zwei Siege, zwei zweite, ein dritter und vierter Platz reichten zum Sieg vor Yann Guichards "Spindrift" und Sébastien Josses "Edmond de Rothschild". Trotzdem waren die Rennen spannend, denn dominierte "Foncia" den ersten Tag der Rennen mit zwei Siegen, war es "Spindrift" mit genauso vielen am zweiten. Den Zuschauern wurde dabei an der Förde viel Aktion bei feinstem Wetter geboten, und hie und da reichte der Wind, damit die Boote mit dem Schwert aus dem Wasser segelten, der Anblick, für den viele Fans gekommen waren. 

Der kurze Race-Kurs an der Kieler Innenförde erwies sich dabei als tükisch: Windlöcher dicht unter der Landabdeckung, fette Winddreher, zickige Böen – Publikum und Seglern wurde einiges geboten. Im zweiten Rennen des Tages durfte die YACHT an Bord von Yann Guichards "Spindrift" gehen. Wie ist es, die 70-Fuß-Monster mit 40 Knoten Speed-Potenzial im engen Fleetrace gegeneinander zu segeln? 

Kaum an Bord beginnt zunächst ein kurzes Händeschütteln mit der Crew, dass zum Schaulaufen durch französische Segelprominenz wird: Ein Vendee Globe Segler und Figaro-Gewinner (Yann Elies), ein ORMA-Transat-Sieger, Transat-Rekordhalter und lange Zeit Skipper des größten und schnellsten Kats der Erde "Banque Populaire" (Pascal Bidegorry). Verrückte französische Segelwelt: Das Überangebot an Top-Leuten und der derzeitige Mangel an Sponsoren für eigene Teams führt dazu, dass solche Hot-Shots hier nur als Trimmer an Bord sind. Am Ruder steht Yann Guichard, AC 45 und Extreme 40 Skipper, Olympiateilnehmer im Tornado. Schwer beeindruckend. Und das ist auf fast allen anderen Booten am Start ähnlich. 

MOD79
Fotograf: © YACHT/A.Fritsch

Übersicht: Die Ausmaße des Bootes sind enorm, der Skipper braucht Späher ...

Dem Gast werden nur kurz die wenigen Spielregeln erklärt (1. Nur auf dem Trampolin ganz am Bug bleiben. 2. Kopf runter bei Wende und Halse! 3. Eine Hand immer am Trampolin. 4. Have fun!) dann beginnt schon das Vorstart-Geplänkel. Die Boote starten raumschots, was die ganze Sache etwas ungewohnt macht. Denn es gibt zwar eine bevorteilte Seite der Startlinie, weiter östlich auf der Förde, weil dort mehr Wind weht, aber noch wichtiger ist der Abstand zur Linie. Was nützt es, bei Null an der Linie zu sein, wenn das Boot fast steht und der Konkurrent von hinten mit 15 Knoten Fahrt vorbeirauscht?

MOD 70
Fotograf: © YACHT/A.Fritsch

Tonnenrundung, "Foncia" ist dicht dran

Und genau so macht es "Spindrift" Skipper Yan Guichard par excellence im zweiten Rennen des Tages. Während "Foncia" und "Oman" zu früh an der Linie sind, vier, fünf Sekunden vor dem Start viel Fahrt rausnehmen müssen, nageln wir aus der zweiten Reihe mit Top-Speed heran. Bei Null nicht exakt auf der Linie, aber einige Sekunden später zieht unser Boot trotzdem locker an Michel Desjoyeauxs "Foncia" vorbei in Führung. Die Kohlefaserwinschen geben ihr quälendes, klagendes Geräusch beim Dichtholen und Fieren der Schoten ab, der Tri steigt in jeder Bö noch ein, zwei Meter in die Luft, beschleunigt ruckartig. "Foncia" klebt direkt am Heck von "Spindrift". Bekommt sie eine Bö zuerst, schießt sie so dicht heran, dass man sich fragt, ob so ein Boot in der Größe von zwei Tennisplätzen eigentlich auch so elegant ausweichen kann, wie man es vom Monohull kennt. Die Ausmaße der Boote sind jedenfalls alles andere als übersichtsfördernd. Skipper Guichard reckt immer wieder weit den Hals, um den Überblick zu bewahren, die Abstände richtig einzuschätzen. Vor jeder Tonnenrundung und wenn es eng wird, muss ein Crewmitglied vom Bug die Abstände zurufen. Schließlich fliegen beide Boote fast gleichauf die Förde in Richtung Wendemarke.

MOD703
Fotograf: © YACHT/A. Fritsch

Kurz nach dem Start: "Foncia" und "Spindrift" liegen gleichauf

Auf "Foncia" klappt es mit der Übersicht offensichtlich noch nicht so top, jedenfalls kommt sie "Spindrift", obwohl dies Lee-Boot ist und damit Vorfahrt hat, sehr nahe, und als Skipper Guichard Desjoyeaux hochluven will, kommt es fast zur Berührung. Lautes Geschrei von Boot zu Boot auf Französisch, dann fummelt Yann Elies die Protest-Flagge aus der Brusttasche. "Foncia" luvt hektisch und zu spät, verliert Speed. Und schon sind wir Erste und segeln mit ein paar Bootslängen Vorsprung auf die Tonne zu.

Die Rundung ist für Monohull-Segler ungewohnt. Wird hier sonst mit Schmackes das Boot herumgerissen, und zack, ist die Tonne achteraus, bleibt der Tennisplatz fast stehen, geht quälend langsam um die Marke, während hinten pfeilschnell "Foncia" heranschiesst. Das Ganze fühlt sich an wie Zeitlupe. Erster Impuls: Die knallen uns voll rein. Aber dann, wie von Zauberhand, klärt sich die Situation: Fast simultan bleibt plötzlich "Foncia" stehen, da nun in – und durch den Wind. Zeitgleich prescht "Spinndrift" los, weil die Segel endlich wieder Wind zu fassen bekommen. Seeehr ungewohnt, aber typisch für Kats und Tris, wie die Profis erzählen. 

Und dann kommt die erste von ein paar Böen, auf die Zuschauer und Crew seit einer Stunde gewartet haben: Das Boot rauscht los, der Mittelrumpf fährt wie im Fahrstuhl schlagartig aus dem Wasser, nur noch der Leeschwimmer zieht durch die Ostsee. Die Beschleunigung ist wie der berühmte Tritt in den Allerwertesten, das Boot prescht los, die Rümpfe fangen an zu singen. Und auf einmal sitzt man ganz schön weit oben über dem Wasser. Vier, fünf Meter sind es jetzt schon nach unten. Sofort werden die Trimmkommandos von Skipper Guichard deutlich hektischer und lauter, man merkt, jetzt steigt auch bei den Profis der Adrenalinpegel. Immerhin: Umfallen können die Dinger schließlich auch, und mehrere der anwesenden Herren haben das früher in der ORMA-60-Serie auch mit schöner Regelmäßigkeit bewiesen.

MOD703
Fotograf: © YACHT/A. Fritsch

Mod70

Der jetzt lachhaft kurze Race-Course fliegt vorbei, nach gefühlten zehn Sekunden ist das Boot wieder bei der Startlinie und damit zum Gate bzw. zur Wendemarke der zweiten Runde gesegelt. Jetzt muss der Gennaker wieder eingerollt werden. Die Grinder surren wie im Hamsterrad, das Vorsegel schlägt hart, aggressiv, fast schon mit metalischem Knallen im Wind – und dann bricht Hektik aus. Skipper Guichard bellt Kommandos, der Vorschiffsmann fliegt wie ein Derwisch übers Trampolin. Das Gennaker-Fall hatte nicht genug Spannung, das Vorsegel dreht eine dicke Tasche ein, die sich wieder mit Wind füllt, und die Tonne ist schon zum Greifen nah. So kommt der Tri nicht durch den Wind. Segel wieder ein Stück raus, Fall nachgesetzt, schnell noch einmal gewickelt, und es klappt gerade noch so vor der Tonne. 

Wieder die Zeitlupe um die Tonne. "Foncia" ist dank des Segel-Missgeschicks wieder dichter dran. Das Hinterfeld kommt jetzt nun bedrohlich nahe, direkt aus Kollisionskurs entgegen. Für solche Boote ist die Förde wahrlich ein Ententeich. Wieder eine Bö, die "Foncia" zuerst bekommt, wieder schießt der Wiedersacher heran. Wahnsinn, wer ein paar Böen richtig erwischt, kann so derart Löcher zufahren, wie es sich Kielboot-Regatta-Segler immer wünschen, es aber so selten mal schaffen. So etwas wie komfortable Führung gibt es hier nicht. In vielen anderen Wettfahrten sind Führungswechsel im Rennen an der Tagesordnung.

Aber es reicht. Noch einmal Slow-Motion-Tonnen-Ballett, dann geht "Spindrift" auf das letzte Leg ins Ziel, "Foncia" im Kielwasser. Die Wettfahrtleitung schießt uns ab, die Crew grinst zufrieden, der erste Tagessieg ist in trockenen Tüchern.  

Keine Frage: Die Boote bieten ein fantastisches Spektakel sowohl für die Crews als auch das Publikum an Land. Sicher, alteingesessene Dickschiffsegler werden das taktische Vorstartgeplänkel und die knackigen Tonnenmannöver vermissen. Aber mal ehrlich: Wen juckt's? Wer sich selbst noch einen Eindruck von den Booten verschaffen will, kann heute ab 14 Uhr den Start zur Offshore-Etappe nach Dublin live vor Ort verfolgen. 

  • Twitter
  • Facebook
  • myspace
  • del.icio.us

Weiterführende Artikel

MOD 70 Kiel: Start zur See-Etappe am Sonntag 03.09.2012 — MOD70 European Tour: "Foncia" bei Tour-Auftakt unschlagbar

Michel Desjoyeaux war auch am Samstag Herr der Lage und wehrte "Spindrift Racing" ab. Auf der ersten See-Etappe liegen die zwei Teams vorn mehr

MOD70: MOD70 vor Kiel 01.09.2012 — MOD70 European Tour: Foncia in Führung, Müller verletzt

Nach drei Races führt "Professor" Michel Desjoyeaux. Lokalmatador Michael Müller auf "Oman Sail" erlitt eine Schnittwunde am Bein mehr

Es "müllert" bei Oman Sail: Michael Müller 15.08.2012 — MOD 70: Es "müllert" bei Oman Sail

Deutschlands Parade-Ozeansegler Michael Müller hat beim Team des Sultanats unterschrieben. Sein erster Auftritt ist in Kiel ab dem 29. 8. mehr

MOD70: MOD 70 in voller Fahrt 13.07.2012 — MOD 70: Premiere gelungen, nächster Stopp Kiel

Das erste Rennen der neuen Multihull-One-Design-Klasse transatlantik gewann der Franzose Yann Guichard. Im August racen die Boote vor Kiel mehr

Neueste Artikel dieser Rubrik

KiWo Arena: <p>
	KiWo Arena</p> 31.07.2014 — Sailing World Cup: Weltcup-Absage: Kiel zu imposant?

Schlechte Nachrichten aus England: Der Welt-Seglerverband Isaf hat Kiels Bewerbung um ein Weltcup-Comeback eine deutliche Abfuhr erteilt mehr

Bart's Bash: Werbeaktion f&uuml;r Bart&#39;s Bash 31.07.2014 — Bart’s Bash: Die größte Segelregatta der Welt

Am 21. September segeln Clubs rund um den Globus eine Regatta und werden zusammen gewertet – jeder Verein und Segler kann mitmachen mehr

ORCi-WM: Die DK 46 &quot;Tutiuma&quot; tritt mit reiner Frauencrew an 29.07.2014 — Seesegel-WM: Riesiges Aufgebot vor Kiel

Mit dem Melderekord von über 170 Yachten aus 19 Nationen ist die Weltmeisterschaft in Kiel das Highlight der Seesegler in diesem Jahr mehr

Roland und Nahid Gäbler: Roland und Nahid G&auml;bler im Tornado erfolgreich 27.07.2014 — Tornado-EM: EM-Titel Nr. 13 für Tornado-Ass Gäbler

Roland und Nahid Gäbler bleiben als gemischtes Doppel in der Ex-Olympiaklasse Tornado unschlagbar, gewannen die Mixed-EM vor Travemünde mehr

ACWS Newport: <p>
	Gest&auml;rkt durch die Herausforderer: Verteidiger Oracle Team USA</p> 25.07.2014 — America's Cup: Die Europäer trommeln für den Cup

Vier Herausforderer werben für Frieden, Freundschaft und ein gutes Format für den 35. America's Cup. Natürlich nicht ohne Eigeninteresse … mehr

Artikel empfehlen |  Artikel drucken

YACHT im Abonnement

Verpassen Sie keine Ausgabe, sparen Sie bares Geld und lassen Sie sich jede Ausgabe bequem ins Haus bringen. Bestellen Sie jetzt Die Nr. 1 bei Seglern im ABO!

Jahresabo

Freuen Sie sich über ein tolles Begrüßungsgeschenk!

Geschenkabo

Verschenken Sie für ein Jahr YACHT und Sie erhalten ein Geschenk Ihrer Wahl.

Freundschaftsabo

Wertvolle Prämien für die Vermittlung eines neuen Abonnenten.

Kennenlernabo

6 Hefte nur € 18,00 und ein Begrüßungsgeschenk Ihrer Wahl.