Personalentscheidung
Erfolgreichster Olympiatrainer verlässt Deutschland
Mit den Peckolt-Brüdern gewann de Nijs in China Bronze, fast hätte es zu einer zweiten Medaille im Tornado, auch von ihm betreut, gereicht. Damit war der 44-Jährige der mit Abstand erfolgreichste Segeltrainer der deutschen Mannschaft. Für eine Führungsposition im Verband reichte das aber offenbar nicht.
Von vielen Seglern im Leistungsbereich wurde nach den Olympischen Spielen von China gegenüber dem DSV gefordert, den Niederländer an federführender Stelle im Verband zu behalten. Sechs Jahre hatte er vor allem die 49er-Klasse, letztlich mit Erfolg, betreut.
In einem offenen Brief an den DSV sprachen sich am 2. September einige Top-Athleten für eine Weiterbeschäftigung von de Nijs aus:
"Rigo ist ein sehr guter Trainer. Sein Engagement ist unübertroffen im Trainerlager", so Marcus Baur, zweimaliger Olympiateilnehmer, Vizeweltmeister und zweimaliger Europameister. Johannes Polgar, Olympiateilnehmer und mehrfacher Deutscher Meister, schrieb: "Ich kann mir keinen besseren Trainer vorstellen. Während der Spiele hat er alles perfekt koordiniert." Und nicht zuletzt waren auch die Medaillengewinner von seiner Leistung überzeugt. Jan-Peter Peckolt: "Das Training mit Rigo war zielgerichtet und sehr effektiv. Er hat fundierte Kenntnisse und kann diese gut vermitteln. Ich kenne keinen besseren 49er-Trainer als Rigo."
Doch zu einer Verpflichtung kam es nicht. Am vergangenen Dienstag (23. September), wurde dem Trainer mitgeteilt, dass es vorläufig keinen Bedarf gäbe. In einem Brief an den DSV und einige Aktive schrieb daraufhin de Nijs:
"Vielen Dank für das Gespräch am letzten Dienstag in Hamburg, in dem Sie mir unter anderem mitgeteilt haben, dass meine Bewerbung als Trainer Koordinator hinfällig sei, da es diese Position in der zukünftigen Leistungssportstruktur des DSV nicht mehr geben wird. Meine Motivation dieser Bewerbung richtete sich unter anderem auch auf Management-Fähigkeiten im sporttechnischen Bereich. Da aus dem Gespräch hervorging, dass das sporttechnische Management im DSV weiterhin ehreamtlich geführt werden wird, sehe ich meine Zukunft hier als ein Problem."
Die Begründung für die Absage, die de Nijs anführt, ist insofern erstaunlich, als die offizielle Darstellung des DSV erheblich davon abweicht. Zum besseren Verständnis kurz zu den Hintergründen:
Der Deutsche Segler-Verband hat sich zu einer Zusammenlegung von zwei bisher getrennten Funktionen entschlossen. Für Leistungssport und Wettsegeln allgemein war innerhalb des Verbandes bisher der Sportdirektor verantwortlich. Diese Funktion übt noch Hans Sendes aus, scheidet jedoch in einigen Monaten altersbedingt aus. Als seine Nachfolgerin, also als Sportdirektorin, wurde während der Kieler Woche dieses Jahres die 33-jährige Berlinerin Nadine Stegenwalner, Sportwissenschaftlerin und ehemalige Europameisterin im Matchrace sowie in der Yngling, vorgestellt. Zusätzlich gab es die Stelle des Trainerkoordinators, die der Rostocker Malte Philipp innehatte.
Beide Aufgabenbereiche wurden nun zusammengelegt. Stegenwalner ist also Sportdirektorin und Trainerkoordinatorin. "Sie wird sich ab jetzt nur noch auf den olympischen Leistungsbereich konzentrieren", erklärte Hans Sendes gegenüber YACHT-online die Umstrukturierung. Die bisher mit der Funktion als Sportdirektor außerdem verbundenen allgemeinen Aufgaben, wie Koordination der Klassenvereinigungen, Beschäftigung mit Meisterschaftsordnungen, Wettfahrtregeln und ähnlichem würden DSV-intern neu vergeben.
Damit würde die Position des Leistungssports innerhalb des DSV gestärkt, so Sendes, da jetzt die sportpolitischen Aufgaben, wie die Koordination mit dem DOSB, der Wada oder der Isaf, und die sportfachlichen, wie die Betreuung der Bundestrainer in einer Hand lägen und es weniger Olympia-spezifische Bereiche abgetrennt seien. Ansonsten würde es bei den weiteren bisherigen Strukturen, wie dem Olympia-Segel-Ausschuss als ehrenamtlichem beratendem Organ sowie übergeordnet dem DSV-Präsidium bleiben, da diese per DSV-Satzung festgelegt seien.
Zu einer Verpflichtung von Rigo de Nijs für diesen fusionierten Posten habe es nicht kommen können, so Sendes weiter, da seine Bewerbung als Trainerkoordinator zu spät eingegangen sei und der Posten bereits an Nadine Stegenwalner vergeben gewesen sei. Außerdem wären seine Vorstellungen über die strategische Ausrichtung des Trainings nicht durchsetzbar gewesen. Der Deutsche Olympische Sportbund würde eine Zentralisierung im Leistungssportbereich vorschreiben, die der DSV vor drei Jahren mit der Installation zweier Stützpunkte, Kiel und Rostock, angefangen hat umzusetzen. Dieses Stützpunktkonzept habe de Nijs nicht mittragen wollen. Auch als hauptamtlichen Bundestrainer habe man keine Verwendung gesehen, da es nicht sicher sei, dass es den Tornado weiterhin als olympische Disziplin geben werde.
"Das ist vollkommen falsch", zeigte sich de Nijs gegenüber YACHT-online konsterniert. "Mir wurde am Dienstag gesagt, es gäbe keinen Trainerkoordinator mehr." Erst aufgrund dieser Auskunft habe er seine Bewerbung zurückgezogen. Dass es die Stelle dagegen weiterhin gäbe, nur eben als Zusammenlegung mit dem Sportdirektor-Posten, sei ihm nicht mitgeteilt worden. Er habe sich schon Anfang 2008 als Sportdirektor beworben, es sei aber schnell klar geworden, dass die vielen nicht leistungssportspezifischen Aufgaben, die mit dieser Position verbunden waren, nicht in sein Berufsbild passten. "Hans Sendes selbst hat mit dann geraten, mich als Trainerkoordinator zu bewerben," so de Nijs. Diese Bewerbung habe während der Kieler Woche schon vorgelegen.
Es kann also zumindest zeitlich nicht die Rede davon sein, dass seine Bewerbung zu spät eingegangen ist. Außerdem ist die DSV-Argumentation insofern fragwürdig, als Frau Stegenwalner seinerzeit nur als Sportdirektorin vorgestellt wurde und auch der damalige Trainerkoordinator Malte Philipp zu diesem Zeitpunkt nichts davon wusste, dass er seinen Job würde abgeben müssen. Ob die Entscheidung zur Zusammenlegung intern bereits gefallen war, ist dahingestellt, kommuniziert wurde sie jedenfalls nicht.
Doch auch nach der Zusammenlegung der Posten wäre de Nijs durchaus ein möglicher Kandidat gewesen, hätte er sich doch auf den olympischen Bereich, wie jetzt ja auch Nadine Stegenwalner, konzentrieren können. Denn auch die weiteren Darstellungen des DSV kann er nicht nachvollziehen. "Dass ich das Standortkonzept nicht mittragen würde, ist nicht wahr. Ich habe sogar mehrfach Vorschläge zur Optimierung gemacht und es als einziger Trainer mit der 49er-Truppe in Kiel konsequent und mit Erfolg umgesetzt. Wieso sollte ich also dagegen sein?"
Auch für einen Bundestrainer gäbe es mehr als genug Arbeit: "Allein im 49er gibt es derzeit zehn deutsche Teams, die dringend einer Führung bedürfen. Und dass es im Tornado derzeit keine Kandidaten gibt, liegt ja nur an der ungewissen Olympiaentscheidung. Da kann sich ganz schnell Bedarf ergeben." (Es häufen sich die Anzeichen, dass der Tornado als elfte Disziplin ins olympische Programm zurückkehrt.)
Bleibt die Frage nach dem Warum. Fehlen die Mittel? Der deutsche Segelsport wird aufgrund des Medaillenerfolges von Qingdao für die kommende Olympiade vermutlich mehr Mittel vom DOSB zugesprochen bekommen. War der Holländer zu unbequem, zu radikal? Die Antwort sei dahingestellt, Fakt ist:
Der erfahrenste und erfolgreichste 49er-Trainer, der dem deutschen Team zur Verfügung stand, geht mangels eines Angebotes. Das wiederum freut andere. De Nijs schreibt in seinem Brief weiter:
"Die Dansk Seijlunion hat mir eine Position angeboten, die meinen Vorstellungen weitestgehend entspricht. Das bedeutet, dass ich nach meinem Vertragsende am 30.10.2008 dem DSV als Bundestrainer in einer Vollzeitbeschäftigung nicht mehr zur Verfügung stehen werde. Bezüglich projektgebundener Aktivitäten bin ich zukünftig jedoch gerne bereit, um Möglichkeiten einer Zusammenarbeit zu finden."
Diese werden laut Hans Sendes in Zukunft auch angestrebt werden. Das genaue Konzept, in dem auch die Bundestrainer festgelegt werden, soll bis Ende des Jahres stehen.
Derweil haben die Briten schon mit dem Training vor Weymouth, dem Olympiarevier von 2012, begonnen.










