Regatta-News

Ellen MacArthur: Kanaren querab nach nur 72 Stunden

02.12.2004 Matthias Beilken - Doch trotz Rekordzeit bereitet unstetes Wetter der Skipperin Kopfzerbrechen

Es war eine schwierige Nacht. Doch wie zum Ausgleich segeln Ellen MacArthur und der 75 Fuß große Trimaran "B&Q" nun auch durch einen schweren Tag. "Der Wind kommt von überall - gerade hat er um 120 Grad gedreht - und schwankt stark in der Stärke. Ich kann das Schiff kaum fünf Minuten auf sich gestellt lassen."

Die Distanz zwischen dem Cockpit von "B&Q" und der Schlupfkajüte ist aus exakt diesem Grund ohnehin kaum größer als zwei Schritte. Doch selbst die spart sich die Skipperin: "Ich gehe kaum unter Deck. Ich muss ohnehin ständig die Segel trimmen", mailte die erschöpfte Ellen MacArthur.

Immerhin: Das orange-blaue Riesenboot segelt noch vor der derzeitigen Zwischenzeit des Rekordhalters Francis Joyon Richtung Äquator - und rund drei volle Tage vor ihrer eigenen: Denn als sie bei der Vendée Globe Challenge 2000 mit ihrem Open 60 "Kingfisher" die geografische Breite der Kanarischen Inseln erreicht hatte, waren bereits fünf Tage und zehn Stunden vergangen. "B&Q" hat Madeira weit östlich passiert, um die Windabdeckung der Insel zu umgehen. Es klingt lächerlich, aber gerade hat Ellen MacArthurs Einhandkollege Vincent Riou (Frankreich) mit seinem Open 60 "PRB" als Erster des Feldes in der Vendée Globe Challenge Madeira passiert. In Lee zwar und mit einem Abstand von 70 Seemeilen. Jedoch hat er behauptet, er habe die durch die Abdeckung verursachten Unregelmäßigkeiten im Wind dort noch gespürt.

Ellens Wetterberater sagen indes bessere, aber weiterhin unkonstante Bedingungen voraus. Sie raten ihr, als Nächstes ein Fenster auf etwa 27 Grad Nord und 21 Grad West anzusteuern.

"Noch bin ich mit dem Kopf nicht vollständig bei der Sache. Auch esse ich noch nicht regelmäßig genug. Ich bin noch sehr nervös. Zur Beruhigung habe ich heute ein winziges Leck im Frischwassertank abgedichtet. Obwohl das nicht von überragender Bedeutung war." An Ansonsten befindet sich das Boot Ellen MacArthurs, aus dem vor dem Rekordversuch sogar die Maschine ausgebaut sowie Fender und Festmacher an Land gelassen wurden, noch in bemerkenswert gutem Zustand.

Yacht-Autorin Sabina Griffith traf Ellen MacArthur vor ihrem Start in Falmouth.

Sabina Griffith: Der Rekord für die Solo-Weltumsegelung steht bei 72 Tagen, 22 Stunden, 54 Minuten und 22 Sekunden. Ist das noch zu toppen?

Ellen MacArthur: Fragt mich das, wenn ich wieder zurück bin. Es wird auf jeden Fall sehr, sehr schwer werden, diese unglaubliche Leistung zu überbieten.

Wie schnell müssen Sie segeln, um die Zeit zu unterbieten?

Das bedeutet, dass ich auf den 27.000 Seemeilen durchschnittlich 15,83 Knoten Speed fahren muss. Und das über zweieinhalb Monate. Das wird nicht einfach sein.

Mit dem Open 60 "Kingfisher" haben Sie im Rahmen der Vendée Globe Challenge 2000 schon einmal allein den Globus umrundet und nur knapp den Sieg verpasst. Damals hatte man den Eindruck, dass da ein enges Band besteht zwischen Ihnen und der Maschine. Wie wichtig ist für Sie die Beziehung zu Ihrem Boot?

Nach der Vendée Globe Challenge dachte ich, dass ich nie mehr eine so intensive Beziehung zu einem Boot werde aufbauen können. Ich habe mich getäuscht. Mit "B&Q" habe ich jetzt über 20.000 Seemeilen hinter mir. Vor allem der Rekordversuch über den Atlantik hat uns endgültig zusammengeschweißt. Ja, eine Beziehung zu seinem Boot zu haben, ist für mich sehr wichtig. Du bist da draußen weit weg von allem, und du balanciert ständig an der Grenze der Belastbarkeit. Sowohl deiner eigenen als auch der des Bootes. Für Außenstehende mag dies hier eine Rennmaschine sein, für mich ist sie aber eher eine Person. Eine Person mit einem eigenen Willen - und mit eigenen Rechten.

Was würden Sie sagen, ist der größte Unterschied zwischen einem Einrumpfboot wie "Kingfisher" und einem Trimaran wie "B&Q"?

Der Stress. Die enorme Geschwindigkeit und die Kräfte, die auf einem solchen Trimaran angreifen, bedeuten permanenten Stress. Du bist ständig in Alarmbereitschaft. Wenn bei 33 Knoten etwas schief läuft, hast du nicht viel Zeit zu reagieren.

Empfinden Sie Angst?

Wenn du keine Angst empfindest, solltest du so etwas besser nicht tun.

Wie gehen Sie mit der Angst um? Während des Vendée Globe gab es einen Moment, als Sie im Sturm auf den Mast klettern mussten. Da haben Sie in die Kamera geheult, und ich glaubte, einen Anflug von Panik in Ihrem Gesicht zu erkennen. War dem so?

Nein, das war keine Panik, das war totale Erschöpfung. Das ist ein großer Unterschied. Panik empfinde ich höchstens nach einer gefährlichen Situation, wenn ich das Geschehene Revue passieren lasse und denke, uuups, das war knapp. Wenn etwas passiert, handelt man meist instinktiv, ohne groß nachzudenken. Schlimm ist es, wenn du völlig ausgelaugt und müde bist und denkst, du schaffst das alles nicht mehr.

Den richtigen Schlafrhythmus zu finden scheint beim Einhandsegeln ein sehr wichtiger Punkt zu sein. Wie handhaben Sie das?

Schlaf gibt es bei so einem Trip nur häppchenweise. Ich trage einen Schlafmonitor, der mir sagt, wann ich mich hinlegen sollte. Das mache ich dann auch, sofern es das Wetter und die Bedingungen zulassen. Das Problem ist meist nicht die Müdigkeit, die segelt immer mit, sondern die Entspannung. Wenn du nicht einschlafen kannst, weil der Sturm heult oder das Material ächzt, hast du ein Problem. Denn schlafen musst du früher oder später. Wenn du keinen Schlaf findest, kannst du nicht allein segeln. So einfach ist das!

Gretchenfage: Warum machen Sie so etwas?

Weil ich gern segle, weil ich gern auf dem Ozean bin.

Schön und gut, aber warum allein?

Weil das die ultimative Herausforderung ist.

Sie haben gesagt, wenn sich das richtige Wetterfenster nicht bis Januar öffnet, muss die Aktion abgeblasen werden. Warum?

Weil man den südlichen Ozean besser im (Südhemisphären-)Sommer durchquert. Wenn du zu spät kommst, bist du tot. So einfach ist das. Es ist auch schon im Sommer schlimm genug.

Wie viel Kalorien verbrauchen Sie im Durchschnitt?

Das kommt darauf an, wo ich gerade bin, ob in der Nähe des Äquators oder im Südpolarmeer. In der Antarktis verbrauche ich so zwischen 3.500 und 4.000 Kalorien pro Tag.

Und was gibt die Küche da zum Beispiel her?

Hier hätten wir etwa Kartoffeln mit Spinat und Käse, gefriergetrocknet, versteht sich. Einfach heißes Wasser drauf und zehn Minuten quellen lassen, fertig! Bei einem solchen Projekt zählt jedes Gramm. Bei "B&Q" haben wir alles so leicht wie möglich gefertigt, sodass sie lediglich acht Tonnen auf die Waage bringt. Und dass ich so klein bin, ist hoffentlich ein entscheidender Vorteil. Ich wiege weniger als meine männlichen Segelkollegen, und ich brauche weniger zu essen, was wiederum weniger Proviant bedeutet.

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