Rekordversuch

"Eine Maschine, die viel abverlangt"

08.01.2013 Johannes Erdmann, Fotos: Team Maserati / B. Herrmann, maserati.soldini.it - Zum ersten Mal seit dem Start am Silvestermorgen meldet sich Boris Herrmann von Bord der "Maserati". Das Team ist gut im Rennen

Fliegende Gischt an Deck des Volvo 70
Fotograf: © Team Maserati / B. Herrmann

Fliegende Gischt an Deck des Volvo 70

Entlang der Kapverden segeln wir auf den klassischen Segelrouten hinein in den stärksten Passat. "Downwind VMG-running", also so tief wie möglich vor dem Wind, was im Barcelona World Race wegen der ständigen Gefahr zu unterschneiden sehr stressig war. Jetzt, hier weiter aus Osten kommend, segeln wir mit 110 Grad zum Wind: "fast jib-reaching" – und das eliminiert jede Spur von Passatfeeling. Helm zuklappen und aufpassen, dass einem hinterm Rad nicht die Füße weggeschlagen werden. Zwar lässt sich hier an Bord keiner von 20 Knoten Speed vom Hocker reißen, zumal es ständig mit diesem idiotischem, permanentem Firehosing (mit Wasser eingedeckt werden, d. Red.) verbunden ist. Ein nasses Elend. Auf unserem IMOCA hätten wir bei der gleichen Geschwindigkeit mit einem Buch unter Deck sitzen können …

Doch irgendwie hat mich die letzte Session an Deck richtig begeistert. Vielleicht lag das auch an dem ersten starken Kaffee in 2013! Und daran, dass ich endlich wieder richtige Seebeine habe, voll drin bin, in diesem Rennen. Wenn ein Trip so lang ist, dauert es länger, reinzukommen. Ich habe mich bisher mit Schreiben und allem nicht wirklich Essenziellem zurückgehalten und stattdessen die Freiwachen genutzt, um mich zu erholen und ein Polster aufzubauen.

Zurück zum Passatsegeln bei 110 Grad, dem schnellsten Windwinkel: Wir sind durchschnittlich zwei Knoten schneller als der Wind. Es bläst mit 18 bis 22 Knoten und wir segeln mit 20 bis 25 Knoten. Das Ruder liegt leicht in der Hand, die Yacht reagiert auf feinste Trimmänderungen an der Großschot. Wir wechseln uns wie bewährt stündlich auf allen Posten ab und ruhen danach vier Stunden – wobei die erste halbe Stunde in der Koje damit vergeht, dass die Hände langsam wieder trocknen und sich entschrumpeln.

Boris Herrmann am Ruder der "Maserati"
Fotograf: © Team Maserati / B. Herrmann

Boris Herrmann am Ruder der "Maserati"

Die Stimmung ist gut. Sechs Nationen sind an Bord und nicht für alle gibt es eine gemeinsame Sprache. Unser Chinese "Tiger" (Ex-"Team Sanya") entpuppt sich als witziger Zeitgenosse und guter Segler (seiner Meinung nach der einzige aus seinem Land). Er hat von vielem eine hohe Meinung und hebt generell die Stimmung. Unsere multihullerfahrenen Franzosen Ryan Breymayer (eigentlich Amerikaner, d. Red.) und Sebastien Audigane ziehen etwas lange Gesichter, dass sie sich hier nur für den Gegenwert von schlappen 20 statt wie gewohnt 40 Knoten alle acht Stunden für vier Stunden die Fresse polieren lassen müssen. Das Wasser hämmert so hart auf den Helm ein, dass der Lärm in den Ohren schmerzt. Der berühmte scheinbare Wind ist dafür verantwortlich.

Manchmal müssen wir für einen kurzen Moment "anhalten", um etwas zu klarieren. Wir fallen also ab und dann ist es plötzlich absolut friedlich und lieblich. Wenn alles klar ist, schwenken wir wieder den Kiel nach Luv und holen die Segel dicht, was vor dem Wind einfacher ist als bei korrekt angeluvtem Kurs. Es ist so cool, das Schiff dann mit Luvkrängung in den Wind zu drehen und zu sehen, wie es in nullkommanix von zehn auf 22 Knoten beschleunigt: Was für eine Maschine! Eine Maschine, die uns dennoch viel abverlangt.

Ein Segelwechsel ist harte Arbeit, die Bootsbewegungen brutal, der Komfort höllisch. Am Silvestertag sind wir mit dem Fraktional-Zero gestartet, haben dann auf den größeren "A6" gewechselt und später wieder zurück auf den "FRO". Alle Wechsel natürlich in meinen Freiwachen. Zu essen hatte es etwas zu wenig, aber sehr gute Gnocchi gegeben. Nach diesem letzten Segelwechsel 2012 blieben mir nur noch 25 Minuten bis zu meiner Wache. Zu wenig Zeit, um sich umzuziehen und korrekt in die Koje zu legen.

Es ging holperig downwind bei 35 Knoten durch grobe See. Nach Südosten in die erste, schwarze Atlantiknacht hinaus. Ich habe mich im nassen Ölzeug nach hinten auf den "Stack" gelegt und die salzig brennenden Augen zugemacht, den Kopf zwischen zwei Gummisäcke keilend. Mein Wachpartner Corrado ist mir gefolgt und hat neben mir den scheinbar einzigen trockenen Flecken des Bootes gefunden: Ein Platz auf dem Boden zwischen lauter Zeugs. Völlig erschöpft, ohne dabei den Körper anzuheben, schiebe ich meine kalte, nasse Hand zu der großen Tasche auf meinem Hosenbein, um einen Müsliriegel hervorzuholen. Ich breche ihn in zwei Hälften und gebe Corrado eine Hälfte. Er, der immer lächelnde, immer fröhliche Gentleman sagt "danke". Ich wünsche ihm ein "frohes neues Jahr". Er reicht mir die Hand. Sehen kann ich es nur gerade eben im Zwielicht der Navigationsinstrumente. Ich lasse mich zurücksacken.

Tracker
Fotograf: © maserati.soldini.it

Tracker am 8. Januar 2013

20 Minuten später weckt uns jemand. Das neue Jahr beginnt mit kaltem Wasser im Gesicht und 35-Knoten-Surfs. Frohes Neues, liebe YACHT-Leser und -Leserinnen! Wenn jemand Lust hat zu kommentieren, worüber ich nächstes Mal schreiben soll, dann könnt ihr das gern bei Facebook tun. Die Kommentare werden mir an Bord gemailt.

Vielen Dank fürs "Folgen"!

Herrmann in seiner Hochsee-Segelmontur
Fotograf: © Team Maserati / B. Herrmann

Herrmann in seiner Hochsee-Segelmontur

Verfolgen kann man unsere Geschicke außerdem bei twitter, auf maserati.soldini.it und borisherrmannracing.com

Boris

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