Kieler Woche

Einbruch, Umbruch und Aufbruch

24.06.2012 Tatjana Pokorny, Fotos: okpress, segel-bilder.de - Trotz schwacher Teilnehmerzahlen herrscht Aufbruchstimmung im Wimbledon des Segelsports: Die Kieler Woche bleibt so jung wie ihre Teilnehmer

Das Kieler-Woche-Team 2012
Fotograf: © okpress

Das Team vor und hinter den Kulissen der Kieler Woche

130 Jahre nach ihrer Premiere segelt die Kieler Woche auf zu neuen Ufern. Die weltgrößte Regattaserie startet mit gesunkenen Teilnehmerzahlen im Rücken, einem neuen Regattachef für 2013 und vielen neuen Ideen in die Zukunft.

Für den Teilnehmerschwund – 2012 waren es mit 3.500 Startern rund 1.000 weniger als im vergangenen Jahr - sind vor allem die unbeständige Klassenpolitik des Welt-Seglerverbandes (Isaf), aber auch die zeitliche Nähe zur bevorstehenden olympischen Regatta vor Weymouth in England verantwortlich.

Wolfgang Hunger/Julien Kleiner bei der Kieler Woche 2012
Fotograf: © segel-bilder.de

Wolfgang Hunger mit Julien Kleiner unwiderstehlich auf dem Weg zum 20. Kieler-Woche-Sieg

Gefangen in der Zeit-Falle zwischen der in einen ohnehin vollen europäischen Terminkalender gequetschten Weltcup-Regatta Sail for Gold, die zwei Wochen vor der Kieler Woche im Olympiarevier stattfand, und der olympischen Regatta samt erforderlichem Vorabtraining, konnte die Kieler Woche in diesem Jahr nur verlieren. Die Folge: Kaum ein internationaler Olympiastarter kreuzte vor Kiel auf. Dabei hatten die Organisatoren überaus flexibel auf die vom Welt-Seglerverband erst im Mai eingeführten neuen olympischen Disziplinen und das unglückliche Timing reagiert. Doch gegen die Fokussierung der Olympioniken auf Weymouth war kein Kraut gewachsen. Der nach 26 Jahren im Kieler-Woche-Einsatz scheidende Organisationschef Jobst Richter äußerte sich entsprechend deutlich: "Die Isaf hat mehr als einmal unsere Pläne durchkreuzt."

Leichtes Heimspiel für deutsche Olympioniken

Angesichts dieser Konstellation hatten die deutschen Olympiastarter ein weitgehend leichtes Heimspiel, konnten noch einmal Selbstbewusstsein tanken. Lasersegler Philipp Buhl aus Sonthofen, die 49er-Olympiastarter Tobias Schadewaldt und Hannes Baumann aus Kiel, die 470er-Olympiateilnehmer Ferdinand Gerz und Patrick Follmann aus München sowie die Berliner 470er-Nachwuchs-Crew Annika Bochmann/Elisabeth Panuschke gewannen vier der nur sechs ausgeschriebenen Titel in olympischen Klassen. Kriminal spannend verlief wie schon im vergangenen Jahr der Showdown zwischen Philipp Buhl und dem olympischen Hoffnungsträger Simon Grotelüschen im Laser. Die beiden Sparringspartner lieferten sich in der ersten olympischen Hälfte der Kieler Woche erneut ein kämpferisches Medaillenfinale, das dieses Mal der jüngere Buhl nach einem taktischen Fehler von Simon Grotelüschen für sich entscheiden konnte.
 
Drei aussterbende olympische Disziplinen – Surfen für Männer und Frauen sowie das Matchrace für Frauen – konnten mangels Masse gar nicht ausgetragen werden. DSV-Sportdirektorin Nadine Stegenwalner erklärte: "Die Isaf hat für die Olympischen Spiele 2016 40 Prozent des olympischen Programms verändert. Das bedeutet einen gewaltigen Umbruch für alle Beteiligten."

"Die innovativste Regatta der Welt"
 
Dennoch bleibt die Kieler Woche, die vorerst zum letzten Mal Gastgeberin eines Weltcup-Finals war, die weltgrößte Regattaserie. 2013 wird sie Teil einer selbst mitgegründeten Europa-Serie sein. Schon in diesem Jahr hatten die Veranstalter blitzschnell auf die erst im Mai für 2016 neu eingeführten Olympiadisziplinen reagiert und Kiten als Demonstrationssport aufgenommen. Job Richter sagte: "Die Kieler Woche ist die innovativste Regatta der Welt."
 
In der zweiten, nicht olympischen Hälfte der Kieler Woche jagte der 51 Jahre alte Seriensieger Wolfgang Hunger einmal mehr seinen eigenen Fabelrekord: Der neunmalige Weltmeister ersegelte mit Vorschoter Julien Kleiner im 505er seinen 20. Kieler-Woche-Sieg und sagte: "Früher habe ich meine Siege hier nicht gezählt, aber mit der Zeit sind sie mir doch ans Herz gewachsen. Die Wertigkeit dieses Sieges ist schon höher als sonst."

Auch Zweikufen-Ass Detlef Mohr konnte ein kleines Sieg-Jubiläum feiern: Gemeinsam mit Vorschoterin Karen Wichardt feierte er seinen vierten Kieler-Woche-Erfolg. Für den Steuermann selbst war es der insgesamt zehnte Triumph. Krimiautor Jan von der Bank, 2005 Weltmeister im Contender, musste sich in diesem Jahr dem Dänen Søren Andreasen beugen und mit Platz zwei zufrieden sein. 

Philipp Buhls kurz aufkeimende Hoffnung auf einen zweiten Kieler-Woche-Sieg binnen einer Woche vereitelten Szabolcs Majthenyi und Andras Domokos. Mit acht Siegen in zehn Wettfahrten ließen die achtmaligen ungarischen Weltmeister im Flying Dutchman dem deutschen Talent und seinem Vorschoter Adalbert Netzer trotz eines Frühstarts keine Chance. Noch dominanter gewannen nur Johannes Polgar und Markus Koy die nach dem Olympiaaus für 2016 in die internationale Hälfte verlegte Serie der Starboote. Nach zehn Wettfahrtsiegen in Folge durfte sich das im Minifeld konkurrenzlos gute Duo das letzte Rennen im Dauerregen schenken. Viel wichtiger aber ist ihnen und den vielen prominenten Starboot-Crews, die bereits vor Weymouth für ihre olympische Abschiedsgala trainieren, die Hoffnung auf das vielleicht doch noch mögliche Olympia-Comeback der Kielbootklasse, um das sich die Gastgeber der Olympischen Spiele 2016 hinter den Kulissen aktuell bemühen.

Seesegler sahen Rot
 
Auf der Seebahn sahen die Kieler-Woche-Teilnehmer auf den Big Boats meistens Rot: Jochen Schümanns Profisegler auf der rot-weißen "All4One" gewannen alle Wettfahrten, an denen sie teilnahmen. Das galt auch für den abschließenden Senatspreis am Samstag, als statt Schümann 470er-Olympiastarter Ferdinand Gerz am Steuer stand.

Die Kieler Woche 2013 findet vom 22. bis zum 30. Juni statt. Neuer Orgaisationsleiter ist dann der olympisch erfahrene Mönkeberger Unternehmensberater Peter Ramcke. Sein Ziel: "Ich möchte mit unserem Team von rund 350 größtenteils ehrenamtlichen Mitarbeitern die weltweite Vorrangstellung der Kieler Woche weiter ausbauen."
  

  • Twitter
  • Facebook
  • myspace
  • del.icio.us

Neueste Artikel dieser Rubrik

Silverrudder 2014: Silverrudder 2014 22.09.2014 — Silverrudder 2014: Wenn Wind schwächer ist als Wille

Bei der weltweit größten Einhandregatta erreichten nur 41 von fast 190 Teilnehmern das Ziel. Der Rest musste sich Flaute und Strom beugen mehr

WM 2014 Santander Victoria Jurczok/Anika Lorenz: <p>
	WM 2014 Santander Victoria Jurczok/Anika Lorenz</p> 21.09.2014 — Segeln olympisch: Nicht unter den besten 15 Nationen

Nach Pleiten, Pech und Pannen belegte Team Germany bei der WM in der Nationenwertung nur Platz 18. Ein kleines Happy End gab es im 49er FX mehr

Vadlau/Ogar 470er-Weltmeisterinnen 2014: Vadlau/Ogar 470er-Weltmeisterinnen 2014 20.09.2014 — Segeln olympisch: Historisches WM-Gold für Österreich

Erstmals in der Sportgeschichte haben Österreicherinnen in einer olympischen Segeldisziplin WM-Gold gewonnen: Vadlau/Ogar siegten im 470er mehr

470er Crews Santander WM 2014: <p>
	Philipp Buhl</p> 19.09.2014 — Segeln olympisch: Klasse um Klasse am Ziel vorbei

Die deutsche Segel-Nationalmannschaft hatte sich für die WM vor Santander viel vorgenommen. Geblieben ist die Hoffnung auf bessere Zeiten mehr

Laser-Weltmeister Nicholas Heiner: Laser-Weltmeister Nicholas Heiner aus Holland 18.09.2014 — Segeln olympisch: "Der größte Aussetzer meines Lebens"

Philipp Buhl strahlt bei der WM auch ohne Medaille. Surfer Toni Wilhelm dagegen agierte mit Brett vor dem Kopf statt unter den Füßen mehr

Artikel empfehlen |  Artikel drucken

YACHT im Abonnement

Verpassen Sie keine Ausgabe, sparen Sie bares Geld und lassen Sie sich jede Ausgabe bequem ins Haus bringen. Bestellen Sie jetzt Die Nr. 1 bei Seglern im ABO!

Jahresabo

Freuen Sie sich über ein tolles Begrüßungsgeschenk!

Geschenkabo

Verschenken Sie für ein Jahr YACHT und Sie erhalten ein Geschenk Ihrer Wahl.

Freundschaftsabo

Wertvolle Prämien für die Vermittlung eines neuen Abonnenten.

Kennenlernabo

6 Hefte nur € 18,00 und ein Begrüßungsgeschenk Ihrer Wahl.