Regatta-News
"Ein waberndes, pulsierendes Band"
"Doldrums" heißt die Zone am Äquator, in der das Pech aus den Decksnähten der alten Segelschiffe geschmolzen sein soll. Ein Gebiet, von dem Menschen lange dachten, aufgrund der Hitze sei organisches Leben dort überhaupt nicht möglich. Eine mystische und auch lästige Zone:
Weltumsegler müssen sie jeweils zweimal auf ihren Reisen von Europa aus queren, sich ihrer Unberechenbarkeit zweimal stellen. "B&Q", der der Weltrekordzeit wieder rund anderthalb Tage voraussegelnde 75 Fuß große Trimaran von Ellen MacArthur, wird voraussichtlich morgen den südlichen Rand dieses Bandes erreichen.
Mit heutigen Methoden, die sich von ständiger Satellitenbeobachtung bis hin zu theoretischer Modellierung erstrecken, geben die Doldrums zwar viele ihrer Geheimnisse preis - aber längst nicht alle. "Der Fachbegriff Innertropische Konvergenzzone' trifft die Sache vielleicht besser", so Dr. Meeno Schrader, Ellen MacArthurs Co-Router aus Kiel. "Weil er besser verdeutlicht, was dieses mysteriöse Band eigentlich ist: eine Zone. Mal ist sie 180, mal nur 30 Seemeilen breit. Sie verändert ihre Geometrie ständig. In dieser Zone herrschen hauptsächlich lokale Wetterphänomene. Absolute Flaute, Sturmböen und Schauer wechseln sich ab." Ziel des Kieler Routers, der eng mit seinen Kollegen von Commanders Weather in den USA zusammenarbeitet, ist, den Tri durch ein möglichst schmales Stück dieses Bandes zu schicken.Woran genau man sehe, wann die Zone schmaler wird? "Detailarbeit, Erfahrungs- und Expertensache", sagt Schrader.
Die ITCZ, so die englische Fachabkürzung, ist also eine Zone, nicht nur eine einfache Konvergenz. Diese Zone auf dem Atlantik ist generell in der Nähe des afrikanischen Kontinents breiter und weiter im Westen schmaler. Für nach Europa fahrende Yachten empfiehlt sich eine Querung der Zone weit im Westen jedoch oft nicht. Da nach Verlassen des Bands mit sehr großer Wahrscheinlichkeit der Nordostpassat einsetzt und somit Gegenwind programmiert ist.
Eine Konvergenz, so steht es im Wetterlexikon, ist eine horizontale Zusammenführung von Luftmassen, eine Kollision quasi. "Im Straßenverkehr bleiben Autos auf der Erde stehen, nachdem sie zusammengestoßen sind", so Schrader. "Ein Luftpaket jedoch kann immer nach oben in die Atmosphäre ausweichen, wenn es mit einem anderen kollidiert." Folge: Es bilden sich Wolken - vereinfacht dargestellt. Jede Front, jeder Trog oder jeder Böenkragen sei auch in unseren Breiten eine sich verlagernde Konvergenz, so der Experte.
Wesentlich schwächere jedoch als die sich kaum verlagernde am Äquator. Die Konvergenz, die die Wettersysteme der beiden Halbkugeln voneinander trennt. "In der ITCZ kollidieren die Luftmassen nicht frontal. Die beiden Passate, der Nordost und der Südost, laufen zwar aufeinander zu, bringen es aber gerade auf eine Richtungsänderung von 90 Grad", erläutert Dr. Schrader. Dennoch: Durch die Abwesenheit der Coriolis-Kraft auf dem Äquator (die Größe der Scheinkraft hängt von der geografischen Breite ab. Sie bewirkt, dass ziehende Luftmassen in drehende Bewegungen versetzt werden und die "ziehenden Luftmassen" - Wind - teilweise abschwächen) führt jede in Bewegung geratene Luftmasse geradewegs in ein Inferno. Vertikal wie horizontal: Ein "vertikales Inferno" äußert sich in Form einer schnell wachsenden Quellwolke, die kurz darauf in der Atmosphäre einen gefährlich aussehenden "Amboss", eine Kappe aus Eiskristallen, bildet. Solche Riesenwolken entstehen in der ITCZ in rasanter Folge und prägen die Fotos aus jener Region. Wehe dem, der in den Bereich eines solchen Wettermonsters gerät.
Jedoch besteht die Taktik von Rennyachten in den Doldrums zumindest teilweise in der Annäherung an solche Riesenwolken. Sogar auf Satellitenbildern sind sie sichtbar. Grund: In der Nähe der Monster herrscht immerhin ein bisschen Wind. Weht der nicht, finden sich auch moderne Segler in derselben Situation wie ihre Urahnen - in der Situation, die Legenden schreibt: Sie bleiben in den "Doldrums" stecken.
Es dürfte die siebte oder achte Durchquerung der "Innertropical Convergence Zone" ITCZ sein, auf die Ellen MacArthur mit derzeit 19,5 Knoten Speed (Durchschnitt!) zurast. Ihre Lücke sehen sie und ihre Wetterberater bei etwa 30 westlicher Länge. "Wir positionieren uns zwar Tage vorher", sagt Dr. Schrader. "Doch es ist nicht ungewöhnlich, dass der Kurs kurz vor dem Eintritt in die ITCZ noch mal radikal korrigiert wird." Die "Zone" ist und bleibt eben höchst volatil. Zum Vergleich: Ellens virtueller Gegner Francis Joyon kreuzte die ITCZ wesentlich weiter westlich. Zusätzlich zu dem Unglück, dass er momentan wieder virtuel hinter "B&Qs" Zeit liegt, kommt noch, dass er in diesem Seegebiet nur sehr niedrige Geschwindigkeiten verzeichnen konnte.










