Maserati-Rekordfahrt

Boris Herrmann: "Was für eine Horde"

31.01.2013 Lars Bolle, Fotos: maserati.soldini.it - Südpazifik: Der erste fliegende Fisch. Das erste Routing, das San Francisco erreicht. Zeit für einen Blick zurück auf die Rundung Kap Hoorns

KH_Maserati
Fotograf: © maserati.soldini.it
Die "Maserati"-Crew feiert die Passage des berüchtigten Kaps an der Südspitze Chiles

Das Hoorn mit seiner grauen Kälte und beklemmenden Verheißung von Gegenwind liegt über eine Woche zurück. Was bedeute uns das Hoorn, wurden wir von der italienischen Sportsweek gefragt. Ich habe mich in dem kurzen Text der Versuchung zu pathetischem Nonsens verwehrt und irgendetwas Banales über unseren Tag geschrieben.

Mit der Distanz verdichtet sich der Moment: Es war, als wenn man an Silvester eine Minute vor zwölf noch mal schnell in die Küche rennen würde, um mehr Sekt zu holen oder so ähnlich. Festlich erregt klettere ich mit meiner Spiegelreflexkamera zwischen Niedergang und Navstation hin und her, gleichzeitig wütend auf unseren talentbefreiten Mediamann, der draußen lieber selber zwischen den anderen posiert als seinen Job zu machen. Ein wilder Aktionismus, eine innere Unruhe, die mich treibt, das Licht und Wasser, die bärtigen Männer mit ihren Flaggen, Bannern und Zigarren auf meine Art abzulichten und den Moment irgendwie einzufangen, ein Akt der Gegenwehr gegen die Flüchtigkeit dessen, was geschieht, mich selbst vergewissernd.

Die Position im Südpazifik am 30. Tag
Fotograf: © maserati.soldini.it
Die Position im Südpazifik am 30. Tag

Von so weit weg wie möglich, mit aller verfügbaren Brennweite, eingekeilt am Mastschott, durch den Niedergang peilend, das ist meine Art. Ich hasse diese kleinen wasserdichten Knipskästen, selbst die idiotische wasserdichte Hülle für die Spiegelreflexkamera: So etwas wird diesem Moment nicht gerecht. Ich will die Gesichter einzeln in meinem Ausschnitt. Die Wolken brechen auf. Gischt, die den Typen ins Gesicht fliegt, wird glitzernd ausgeleuchtet. Es ist überhaupt nicht mein Job, mein Recht, den Anderen meine Sichtweise aufzudrängen. In so einem (diesem) Team ist kaum oder kein Platz für jegliches Pathos. Es schmälert meine eigene Leidenschaft etwas zu sehen, was sie nicht sehen. Dreht sich einer von ihnen überhaupt um zu der ikonischen Silhouette, die zwischen den Schauerböen zu erahnen ist? Was für eine Horde. Lieber nehme ich einen ordentlichen Schluck Whiskey. Ehrliche Matrosen. Schlichte Freuden. Sonnenbruch ist zu Ende. Wieder höllisches Grau und eine Kälte, die alle zu Hunden macht.

Die von Boris Herrmann beschriebene Situation im Video

Ich rempel unten mit Gio zusammen, unsere Blicke kreuzen sich, kurze Erleuchtung: "Quelle belle histoire!" Wir rütteln irgendwie ein bisschen aneinander, etwas zwischen Schulterklopfen und Umarmung. "Was für ein Glück!", sagen mir seine Seemannsaugen: Kap Hoorn lässt uns passieren. 35 Knoten auf die Nase, raue See. Das ist okay. Nicht wie "Gitana"  fünf Tage bei den Falklands warten wegen 80 Knoten Westwind. Wir krachen mit viel Lage durch die See, zwölf Knoten Fahrt, 38 Grad am Wind. Was für eine verfluchte Maschine, dieser Dampfer, selbst unter Sturmfock und zweitem Reff. Der Weg ist frei für die nächsten tausend Meilen, frei für eine alte, neue Routine, frei von Pathos. Ein langer Weg heim nach fünf Minuten Sonnenschein, ohne die alles reiner Nonsens wäre.

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