Regatta-News

Blitzstart von Ellen MacArthur

29.11.2004 Matthias Beilken - "B&Q" unterwegs - auf der Route der tausend Marathons

Nach nur kurzer Standby-Zeit ist die 28-jährige Hochsee-Ikone in Falmouth/England aufgebrochen, um in Rekordzeit um die Welt zu jagen.

Seit Mitte November liegt der blau-orange lackierte, 75 Fuß lange Trimaran von Ellen MacArthur fertig verproviantiert in Falmouth. Weil von dort aus die Startlinie zwischen Lizard Point und der Insel Ouessant in nur wenigen Stunden zu erreichen ist. "Wir werden jedoch noch länger auf ein Wetterfenster warten müssen", war aus MacArthurs Hauptquartier kürzlich zu hören. An diesem Wochenende indes hat sich überraschend ein solches Fenster aufgetan, eine Konstellation von Hochs und Tiefs, die MacArthur und "B&Q" in Höchstfahrt zuverlässig in Richtung Äquator katapultieren kann, eine so genannte "Äquatorschleuder". Also löste die Skipperin die Festmacher des leichtfüßigen Riesendreirumpfers, machte sich auf zum Start - und später Ernst.

Aufgrund der zuverlässigen Wettermodelle stand schon am Abend fest: Sobald der Wind nördlich dreht, geht MacArthur mit maximalem Speed über die Linie. Allein. Eine Erdumrundung von Ouessant nach Ouessant liegt nun vor den drei Steven des Tris, rund 27.000 Meilen. Das entspricht einer Distanz von rund tausend Marathons. Die Hatz soll weniger als 72 Tage dauern. Nur dann unterbietet sie den Rekord des Franzosen Francis Joyon, der am 3. Februar diesen Jahres mit seinem Trimaran "Idec" den Globus umrundet hat.

Wie Joyon ganz allein den 27 Meter langen Trimaran (die ehemalige "Sport Elec" von Olivier de Kersauson) gebändigt und sogar innerhalb der Jules-Verne-Fabelzeit (80 Tage) um die Erde gejagt hat, weiß eigentlich niemand. Jedoch trauen Experten "der kleinen Engländerin" Ellen MacArthur zu, auf ähnliche, unerklärliche Weise Energiereserven aktivieren zu können.
Immerhin: Die Jungfernfahrt des Tris über den Atlantik nutzte MacArthur (sie hatte "B&Q" zuvor teilweise einhand von Australien nach Europa gesegelt), um ihr neues Gefährt auf einem Rekordversuch schon einmal so richtig zu prügeln. Denn der fast unschlagbaren Bestmarke Joyons um die Welt entspricht eine ebenso fantastische Zeit des französischen Einhand-Cracks Laurent Bourgnon auf dem Atlantik, die MacArthur zum Auftakt ihrer Rekordversuche unterbieten wollte. Mit seinem 60-Fuß-Trimaran "Primagaz" jagte Bougnon 1994 in nur sieben Tagen und zwei Stunden einhand über den Großen Teich, und legte dabei in 24 Stunden 524 Meilen zurück - ebenfalls ein Rekord, der von einem quasi übermenschlichen Wesen aufgestellt worden ist. Zumindest hat ihm das bis dato noch kein Mensch nachmachen können. Bis auf Ellen MacArthur, fast. Nur rund eine Stunde trennte sie davon, diesen alten Rekord zu schlagen - gewissermaßen auf der Jungfernfahrt ihres neuen Gefährts.

Dieses neue Gefährt rast nun nach Süden. Für ein derartig schnelles Fahrzeug liegt der Horizont etwas weiter voraus als gewöhnlich. MacArthur und ihr Wetter-Team von der amerikanischen Firma Commanders' Weather peilen von der Startlinie im Kanal bereits ein Tief an, das etwa 800 Meilen entfernt vor Portugal kreiselt und sie und "B&Q" schnell durch eine Hochdruckbrücke schleusen soll, die zwischen dem Tief und dem Passatgürtel liegt: "Wenn wir dort sind, werden noch um die 40 Knoten Wind wehen, und eine kritische Halse Richtung Süden steht dann an. Das ist zwar nicht ideal, aber machbar. Das Hoch sollte uns dann weitere 36 Stunden nach Süden tragen", so Ellen MacArthur. Rekordskipper denken eben in etwas anderen Distanz-Dimensionen als Fahrtenskipper.

Wie für die Flotte der Vendée-Globe-Skipper, auf die MacArthur vielleicht im Südozean treffen wird, führt die taktisch anspruchsvolle Route erst einmal durch die Tropen und über den Äquator. Erst dann beginnt die legendäre Reise südlich des 40. Breitengrades. MacArthur segelt allein durch Gewässer, die sie seit ihrem Erfolg bei der Vendée Globe Challenge 2000 mit ihrem Open 60 "Kingfisher" wieder einhand erleben wollte.

MacArthur hat allen Grund, in der Reise etwas Besonderes zu sehen. Zwölf Astronauten waren bis heute auf dem Mond. Jedoch hat erst ein Skipper - Francis Joyon - die Distanz um die Welt einhand in einem Multihull bewältigt.

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