America's Cup

"Das war wie ein Märchen"

26.09.2013 Tatjana Pokorny, Fotos: ACEA / Gilles Martin-Raget - Die Kiwis haben wie die Löwen gekämpft, hatten aber keine Chance. Das Oracle Team USA verteidigte den America's Cup mit einem Raketenboot

AC 34 Finale
Fotograf: © ACEA / Gilles Martin-Raget

Larry Ellisons Team Oracle USA feiert den Sieg im America's Cup

David hat den Kampf gegen Goliath verloren. Am Ende des mit 19 Tagen längsten Cup-Duells der Geschichte lief die Maschinerie der Verteidiger perfekt und ließ fast vergessen, dass die Herausforderer in dieser Regatta einmal acht Matchpunkte und den Gegner dominiert hatten.

Obwohl Dean Barker und seine Kiwis im 19. und letzten Rennen am Mittwoch den Start mit fast perfektem Timing gewannen, die erste Marke vor den Amerikanern erreichten, Oracle erneut an den Abgrund eines Nosedives geriet und Team New Zealand auch an der zweiten Tonne noch führte, schien es im Finalrennen von Beginn an nur eine Frage der Zeit, wann der entfesselte US-Katamaran sein neues unwiderstehliches Geschwindigkeitspotenzial wieder entfalten würde. Und er tat es.

Am Wind mit Kurs auf Marke drei war es so weit. Das amerikanische Team raste mit oft fünf, sechs Knoten schneller als die Neuseeländer über den Kurs. Die konnten mit ihrem stumpfen Schwert nur machtlos mitansehen, wie die Verteidiger dem Triumph entgegensegelten. Die zu Beginn des Duells so schnelle "Aotearoa" hatte den Quantensprung des US-Bootes nicht mitvollzogen. Und der Cup endete wie immer. So, wie es schon 2003 Russell Coutts’ Freund und Taktiker Brad Butterworth formuliert hatte: "Den America's Cup gewinnt immer das schnellste Boot." Das bestätigte auch Regattadirektor Iain Murray, der alle Höhen und Tiefen seines Jobs durchlebte und am Ende feststellte: "Das war wie ein Märchen. Die Regatta kam mir vor wie ein unrealistisches Drehbuch."

Nicht einmal bei der abschließenden Pressekonferenz wollte das amerikanische Team so recht mit der Sprache heraus, was nun genau ihren Katamaran binnen einer Woche von einem erstaunlich unterlegenen zu einem erstaunlich überlegenen Boot gemacht habe. Die Frage danach, was am und ab dem 13. September mit dem Boot geschehen sei, umschifften sowohl Rennstallbesitzer Larry Ellison als auch Skipper James Spithill, indem sie allen nur denkbaren Abteilungen in ihrem Team immer wieder allgemeine Komplimente machten.

Schließlich aber ließ sich Larry Ellison doch einen Verweis auf CEO Russell Coutts entlocken, der bei der Pressekonferenz der Sieger fehlte: "Er ist unser Anführer. Er hat gesagt, dass es unsinnig ist, dass wir am Wind langsamer sind. Er machte die Ansage: Tiefer und schneller statt höher und langsamer." Essentielle Aufschlüsse über einzelne Modifikationen verriet Ellison damit nicht, beantwortete aber noch die Frage nach der Zukunft des eigentlichen Dirigenten dieser 34. Cup-Auflage und Motors hinter dem Team-Erfolg: "Russell Coutts hat in meinem Team so lange einen Job, wie er will. Er war in allen Bereichen tonangebend. Er wird dem America's Cup nie verloren gehen."

Seglerisch waren Amerikaner und Neuseeländer bei dieser 34. Cup-Auflage oft ebenbürtig. Oracles Steuermann James Spithill gelangen zwar die furioseren Starts, doch auch Dean Barker konnte oft punkten. Er tat das einfach weniger auffällig. Zuletzt gingen ihm mit der unterlegenen "Aotearoa" die Möglichkeiten zum Glänzen aus. Dass er überhaupt noch auf Ballhöhe mit dem US-Team agieren konnte, zeugte von großer Leistung. Er wusste bereits nach dem 18. Rennen, so erzählte er später, dass es mehr als schwer werden würde, den Amerikanern die Kanne zu entreißen. Neuseelands Premierminister John Key sagte: "Es tut mir sehr leid für das Team. Sie haben nicht nur Wochen, nicht nur Monate, sondern Jahre für diese Kampagne gearbeitet. Das Oracle-Syndikat hatte eine enorme Menge Geld hinter sich, und wir sind ein kleines Land von sehr weit her. Wir sind wohl sehr gut im Segeln, mussten aber gegen ein dickes Scheckbuch antreten."

AC 34 Finale
Fotograf: © ACEA / Gilles Martin-Raget

Die neue Nummer drei der ewigen Bestenliste der Steuerleute im America's Cup: James Spithill

AC 34 Finale
Fotograf: © ACEA / Gilles Martin-Raget

James Spithill im Glück

AC 34 Finale
Fotograf: © ACEA / Gilles Martin-Raget

Larry Ellison happy: Sein Team hat den America's Cup für ihn verteidigt

Entgegen vieler Sorgen um den Fortbestand der bekanntesten Sportmannschaft seines Landes sagte Key dem "New Zealand Herald": "Wir wollen uns zusammensetzen und mit dem Team diskutieren. Aber man muss den letzten Wochen schon attestieren, dass Neuseeland ein hohes Maß an Profil gewonnen hat, sowohl im Louis Vuitton Cup als auch im America's Cup." Die Homepage der führenden neuseeländischen Tageszeitung zierte am Donnerstag ein großer schwarzer Kasten mit weißer Aufschrift: "Emirates Team New Zealand. Ihr habt hart gekämpft und wir sind stolz auf euch. Der ‘New Zealand Herald‘." Was die Neuseeländer besonders schmerzt, ist die Verlaufskurve ihrer Cup-Kampagne: Sie haben den Design-Wettbewerb lange vor dem Finale angeführt, waren als Erste mit ihrem Katamaran im Wasser und als Erste auf den Foils. Am Ende hat ihnen im Wettrüsten mit einem finanziell weit überlegenen Gegner das Geld gefehlt.

AC 34 Finale
Fotograf: © ACEA / Gilles Martin-Raget

Die Leiden des Dean Barker hatten am Mittwoch ein Ende. Seine Zukunft blieb vorerst ungewiss. Larry Ellison zollte dem 41-Jährigen Neuseeländer viel Respekt und sagte: "Kein Mensch sollte die Last einer ganzen Nation so schwer auf seinen Schultern tragen müssen"

Der siegreiche Oracle-Steuermann Jimmy Spithill stieg in der ewigen Bestenliste der Cup-Steuerleute mit 13:8 Siegen in seinen beiden Cup-Einsätzen 2010 und 2013 auf Platz drei hinter Russell Coutts (14:0) und Dennis Conner (13:10; 17:10 inklusive seiner Rolle als Startsteuermann der "Courageous" 1974) auf. Dean Barkers bisherige Cup-Reise verlief dagegen eher wie eine Achterbahn. Der 41-jährige vierfache Vater aus Auckland liegt mit einer Bilanz von 11:21 Siegen nach vier Cup-Einsätzen auf Platz fünf der Bestenliste. "Ich habe traumatische, aber auch traumhafte Momente erlebt", sagte Barker in San Francisco. Von seinem ersten Sieg im letzten Rennen beim Cup-Triumph der Kiwis im Jahr 2000 (damals hatte ihm Russell Coutts zum Abschluss das Steuer überlassen) über die erfolgreiche Verteidigung 2000 und den Mastbruch samt Niederlage der neuseeländischen Yacht gegen Alinghi 2003 bis hin zu diesem längsten America's-Cup-Duell der Geschichte diente Dean Barker seiner Nation stets mit viel Respekt, großem Können und in der Niederlage als vorbildlich fairer Sportsmann.

Barkers Zukunft ist nun so ungewiss wie die seines Teams. Weil nicht klar ist, ob sich der kleine Pazifik-Staat Neuseeland noch einmal ein Investment von rund 20 Millionen Euro in das beliebteste Sportteam des Landes leisten kann, das seinen Auftrag nicht erfüllen konnte: Die Kanne kommt vorerst nicht zurück nach Auckland. Möglicherweise kommt dem Emirates Team New Zealand auch sein stärkster Antreiber abhanden. Ganz leise ließ Teamchef Grant Dalton wissen, dass seine Zeit vielleicht gekommen sei. Sein Abgang wäre ein Riesenverlust für die Mannschaft.

Auch mit Blick auf die 35. Cup-Auflage blieb zunächst vieles im Dunkeln. Einigkeit besteht auf allen Seiten darin: Es müssen wieder mehr Nationen her. Das streben auch die alten und neuen Cup-Verteidiger an. Wie, das verrieten sie am Abend nach ihrem Triumph noch nicht. Larry Ellison sagte: "Dieser America's Cup hat den Segelsport für immer verändert. Es war die schönste Regatta, die ich jemals auf dem Wasser gesehen habe. Wir haben versucht, den Cup für das Segelpublikum attraktiver und einem breiten Fernsehpublikum zugänglich zu machen. Es ist aber auch kein Geheimnis, dass es teuer war. Wir wollen das ändern, denn der America's Cup braucht wieder mehr Nationen."

Offen blieben der Name des neuen Challenger of Record, den es bereits gibt. Es dürfte sich dabei vermutlich um Torbjörn Tornquists Rennstall Artemis handeln, denn die Amerikaner und die Schweden verbindet vieles, unter anderem die enge Freundschaft zwischen Oracles Erfolgstaktiker Ben Ainslie und Artemis gerade zum Teammanager erhobenen Iain Percy. Ainslie war es dann, der am Abend des Finaltages noch einmal an seinen verstorbenen Freund Bart Simpson erinnerte, der bei einem Trainingsunfall am 9. Mai sein Leben verlor. Der viermalige Olympiasieger sagte: "Ich denke heute an Andrew Simpson. Er war ein unglaublicher Segler, Mensch und Vater. Es ist traurig für uns alle, dass er nicht mehr bei uns sein kann. Meine Gedanken sind bei ihm. Er hätte das hier geliebt. Er lebte für den Segelsport."

Der Tod des britischen Starboot-Olympiasiegers hatte den 34. America's Cup überschattet. Zu wenige Teilnehmer, Querelen mit der gastgebenden Stadt San Francisco, geringes Zuschauerinteresse an der Herausfordererrunde und schließlich ein Schummel-Skandal, in dessen Folge den Verteidigern im Vorwege des Cup-Duells zwei Punkte abgezogen wurden, hatten für nicht enden wollende Negativ-Schlagzeilen gesorgt. Dass der America's Cup am Ende doch die Funken sprühen ließ, hat viele Kritiker teilweise versöhnt. Gut gelaunt konterte Larry Ellison am Mittwochabend sogar die Frage nach möglichen regelwidrigen Veränderungen an dem rasanten US-Katamaran: "Die Vermesser haben das Boot jeden Tag aufs Neue geprüft und von innen gesehen."

Auf welchen Booten und in welchem Revier die 35. Cup-Auflage ausgetragen wird, behielten die Herren des Cups vorerst für sich. Dass sich zwischen Larry Ellison und der Stadt San Francisco trotz gegenseitigen Lobs am Tag der Sieger keine Liebesbeziehung entwickelt hat, ist bekannt. Dass Oracles Team-Dirigent Russell Coutts nicht zur Pressekonferenz erschien, hatte laut Larry Ellison einen einfachen Grund. Der 51-jährige fünfmalige America's-Cup-Sieger habe den aktuellen Seglern auf der Bühne den Vortritt lassen wollen. Ob das wirklich der einzige Grund seines auffälligen Fernbleibens war, bleibt abzuwarten. Coutts war immer schon für Cup-Überraschungen gut. Seine enttäuschten Landsleute wird es jedoch kaum trösten, dass mit Sir Coutts am Mittwochabend wenigstens ein berühmter Kiwi Hand an die verschnörkelte Silberkanne legen durfte.

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