Das besondere Boot

Der Scheinriese von der Elbe

15.02.2012 Martin-Sebastian Kreplin, Fotos: Sönke Hucho/YACHT - Der Spitzgatter "Lizard" ist auf den ersten Blick eine ausgewachsene Yacht. Und auf den zweiten kaum größer als ein Pirat. Das Porträt

Lizzard
Fotograf: © Sönke Hucho/YACHT
Ein Segeltag auf der Unterelbe

Herr Tur Tur hat ein trauriges Schicksal. Weil er von fern übermenschlich groß aussieht, traut sich keiner näher an ihn heran. Und so entdecken nur Jim Knopf und Lukas der Lokomo­tivführer im Roman von Michael Ende, dass es auf der Welt einen Scheinriesen gibt. Einen Menschen nämlich, der immer kleiner wird, je mehr man sich ihm nähert.

Lizzard
Fotograf: © Sönke Hucho/YACHT
Wriggen zum Ankerplatz
Lizzard
Fotograf: © Sönke Hucho/YACHT
Constanze Bruns an der Pinne der "Lizzard"

Hätte der Scheinriese Tur Tur eine Yacht besessen, die „Lizard“ hätte perfekt zu ihm gepasst. Auch sie wirkt von weitem betrachtet groß und erwachsen, wenn auch nicht so furchterregend wie die Romanfigur, die später als lebender Leuchtturm auf der In­sel Lummerland ihren Dienst antritt. Tritt man an den hübschen Spitzgatter heran, traut man seinen Augen kaum, glaubt tatsächlich fast eine Requisite der Augsburger Puppenkiste vor sich zu sehen. Auf fünf Meter achtzig schrumpft die aus der Entfernung noch so stolze „Lizard“ zusammen; einer Piratenjolle fiele es schwer, sich hinter dem Doppelender zu ver­stecken. Kein Wunder, beide haben annähernd dieselbe Wasserlinienlänge.

„Eigentlich wollte ich etwas Schönes, Schlankes. Eine Schäre vielleicht, oder einen Seefahrtskreuzer“, verrät die Geigenbaumeisterin aus Stade ihre ursprünglichen Pläne. Irgendwann ein eigener Seefahrtskreuzer, das wäre schon was – dann erzählt ein Bekannter Bruns von einem hübschen Spitzgatter, der nur wenige Ki­lometer entfernt in einer Scheune auf bessere Zeiten wartet. Und auch, wenn sie nie einen Doppelender haben wollte: Wenn es schon um die Ecke ist, dann kann man ja mal vorbeischauen. Und zuschlagen.

Dass es sich gelohnt hat, da ist sich Constanze Bruns mittlerweile sicher. In Zeiten, wo die Einstei­germodelle von Großserienwerften die Zehn-­Meter­ Grenze überschritten haben und schon in einer Kam­mer mehr Platz bieten als „Lizard“ im ganzen Schiff, freut sich die junge Frau über ihren ungewöhnlichen Spitzgatter. Sie spricht lachend von „gebückter Demutshaltung“, ohne die in der Kajüte keine Bewegung möglich ist, stört sich nicht daran, dass in der Plicht niemals zwei Leute sich gegenüber sitzen können und greift bei Flaute statt zum Gasgriff zum Wriggriemen.

Mehr über den Scheinriesen "Lizard" und seine Eignerin lesen Sie in der aktuellen Ausgabe der YACHT, jetzt am Kiosk.

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