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Traumzeit oder "get your priorities right!"

Von Christian Uehr

Als interessierter Leser der Rubrik "Fragen" auf dieser Webseite fällt mir auf, dass viele Anfragen von Seglern stammen, die sich offenbar in einer Phase ihres Seglerlebens befinden, die ich Traumzeit nenne; die Symptome sind eindeutig. Aber Traumzeit ist nichts Negatives, sie ist eine unvermeidbare und wichtige Vorphase jeder Weltumsegelung. Die Traumzeit kann sehr lange dauern (bei uns vergingen 20 Jahre bis wir die Leinen zu einer Weltumsegelung los werfen konnten), sie muss es aber nicht. Auch eine lange Traumzeit ist keine verlorene Zeit, wenn man sie richtig nutzt.

Die "Hardware-Orientierung" der Fragen gibt einen Hinweis, womit sich die Mehrheit der Segler in ihrer Traumzeit überwiegend zu beschäftigen scheinen. Ich weiß nicht ob das stimmt, aber ich würde gerne eine Empfehlung aus unserer Langfahrterfahrung geben: 
" Get your priorities right! Kümmern Sie sich um die Hardware, aber denken Sie auch über die entscheidenden Faktoren einer solchen Unternehmung nach, sich selbst, Ihre mögliche Crew und Ihre Umgebungskonstellationen wie Familie und Freunde!"

Das ist natürlich nicht alles, was bei der Entwicklung eines Langfahrtkonzepts zu bedenken und zu regeln ist, aber ohne Berücksichtigung des „Faktors Mensch“ ist alles nichts. Vielleicht sollte man möglichst früh folgende Punkte klären bzw. daran arbeiten:
- Kann ich mir ein solches Unternehmen zutrauen, welche Voraussetzungen fehlen mir noch?
- Wie steht der Partner zu meinem Traum, ist es unser Traum oder nur meiner? 
- Was hindert oder könnte meinen Partner hindern so zu träumen wie ich?

Zu Letzterem gehört, was wir alle schon erlebt haben: Der Skipper macht einen Fehler beim Anlegen oder hat nur Pech und die Bordfrau kann nicht verhindern, dass der Anleger schief geht. Dann wird die Bordfrau für das Scheitern verantwortlich macht. Der bekannte englische Karikaturist Mike Peyton hat einen tollen Witz dafür: Auf einem Boot mit zwei Männern sagt der andere zum Skipper: „Schrei’ mich nicht so an, ich bin deine Crew – nicht deine Frau!“ Einfacher kann man auch einer segelbegeisterten Partnerin das Segeln nicht abgewöhnen, geschweige denn, sie für eine spätere Weltumsegelung begeistern.

Auch die Arbeitsteilung an Bord sollte in der Traumzeit überprüft werden: Nachdem wir wieder einmal die Schlei mit unserer alten SUBEKI (Hanseat33R) aufgekreuzt hatten, wobei wir mehrere gegenan motorende Segelboote überholten, sprach mich in Maasholm ein körperlich kräftiger, männlicher Segler an: „Toll, wie Sie gesegelt sind, aber leider schaffen wir das nicht, meine Frau ist zu schwach!“ Auf meine verständnislose Frage: „Wieso zu schwach?“ erfolgte seufzend die Aufklärung: „Sie kann die Schoten bei der Wende nicht schnell genug dichtholen“. Meine Nachfrage: „Und Sie?“. Nun sah er mich völlig verständnislos an: „Ich bin doch der Skipper und ich stehe am Ruder!“. 

Wie funktioniert das bei uns? Wenn ich ehrlich bin, ist SUBEKI nach so vielen gemeinsamen Segeljahren eigentlich ein „skipperloses“ Boot, wenn der Skipper grundsätzlich das Ruder hat und die „Crew“ nur auf seine Anweisung tätig wird. Da wir beide wissen, was zu tun ist, hat bei uns derjenige das Sagen, der „am dichtesten am Problem dran ist“, oder „die Sache machen“ muss. Dazu brauchten wir weder einen Kapitän (master next God) noch einen Schiffsrat.

Frauen unterschätzen sich häufig, im Gegensatz zu Männern. Bei uns erledige ich die Arbeiten an Bord, die auch körperliche Kraft erfordern können, wie Winschen, Vorschiffsarbeit, Anlegen, Ankern, Beiboot; Sybille hat dabei das Ruder und macht die Navigation. Diese Aufteilung hat sich nicht nur bei uns, sondern auch bei vielen anderen Langfahrtseglern bewährt und ist bei Weltumseglern fast schon Standard. (Sybille meint: Am Ruder stehen ist wie Autofahren und das kann jeder.)

Wenn Sie wirklich eine Langfahrt anpeilen, empfehle ich dringend, diese Arbeitsteilung auch jetzt schon bei sich an Bord einführen. Vielleicht trägt das mit dazu bei, dass aus dem Wunsch einer Weltumsegelung ein gemeinsamer Traum werden kann.
Neben der Arbeitseinteilung an Bord und den seglerischen Fähigkeiten gibt es noch Anderes, das zumindest gleich wichtig ist, was man auch in der Traumzeit bewusst „einüben“ oder doch zumindest stärken kann: Gegenseitige Fehlertoleranz und „Nicht-zu-schnelles-Aufgeben“, wenn die Dinge mal nicht so laufen, wie erhofft.

Beide Partner müssen auch den Wunsch haben und die Fähigkeit entwickeln, sich auf etwas Neues einzulassen; nicht nur auf neue seemännische Kenntnisse und Erfahrungen, sondern auch auf andere Menschen und Kulturen. Es bedeutet auch, sich darauf einzustellen, bei Abfahrt für eine gewisse Zeit loslassen zu können, von Familie, Freunden, Haus, sozialem Status und lieb gewordenen Alltagsritualen. Das notwendige Loslassen ist nur die eine Seite der Medaille, das Verbindungshalten aus der Ferne und die bewusste Pflege alter Freundschaften die andere.

Man sollte diese Herausforderungen nicht unterschätzen, sich ihnen gemeinsam stellen und gegenseitig Hilfestellung geben, damit der Blauwassertraum nicht schon vor Abfahrt oder auf den Kanaren platzt.

Wenn man in der Traumzeit noch kein Boot hat, kann man Erfahrungen durch viel gemeinsames Chartern gewinnen und dabei sich selbst wie den Partner mit Stärken und Schwächen auch an Bord (!) kennen und anzunehmen lernen. (Seglerisch und in unserem „Binnenverhältnis“ haben wir am meisten von „learning by doing“ profitiert, indem wir fast fünfzehn Jahre gechartert haben, bis wir uns ein eigenes Boot leisten konnten.

Man kann in der Traumzeit Dinge lernen, die einem später nutzen werden, wie Sprachen (unbedingt Englisch, wenn möglich auch Französisch), Tauchen, Amateurfunk oder Grundlagen der Elektrotechnik sowie Erste Hilfe für Menschen (und Dieselmotoren). 
Auch wenn es möglich ist, sich nur mit GPS und Sportbootführerschein bewaffnet, ohne ein Mindestmaß an Erfahrung, mit einem kurzfristig gefundenen Partner und einem eBay-Boot, ins Blauwassersegeln zu stürzen und trotzdem wieder heil zu Hause anzukommen, halten wir das nicht für ideal. Natürlich haben wir auch Paare getroffen, die nicht lange gefackelt haben und losgesegelt sind. Wir wissen aber nicht, wie viele tief enttäuscht an ihren Vorbereitungsmängeln scheiterten.

Als letzten Punkt noch zwei Warnungen: Man kann sich auch "übervorbereiten"! Wer alle Vorbereitungen abgeschlossen hat und dann nicht umgehend losfährt – fährt nie! Und – man kann sich nicht auf alles vorbereiten, man braucht immer ein Quäntchen Glück.

Diese Gedanken und Warnungen sind auch im Buch der Uehrs über deren siebenjährige Weltumsegelung niedergelegt, das, auch wegen der technischen Erkenntnisse, jedem Weltumsegelungs-Träumer nur empfohlen werden kann. Es ist erschienen unter dem Titel "Sieben Jahre, sieben Meere und drei Ozeane" und zum Beispiel hier erhältlich.

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Bobby Schenk
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