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BOBBY SCHENK
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Anlegemanöver - der große Wurf 

Mal ehrlich: Auch der Routinierteste unter uns ist vor einem Anlegemanöver mit der Yacht etwas nervös. Man könnte es verschämter auch so ausdrücken: Er steht unter Spannung! Warum? Es kann so viel passieren und einige Faktoren hat man nicht im Griff. Da ist es gut, wenn man sich zu helfen weiß und immer ein Fenster für andere Lösungen offen lässt.


Das kann jeder Mitsegler in einer halben Stunde lernen

Es kann viel passieren bei einem Anlegemanöver unter widrigen Bedingungen. Der Wind kann im letzten Moment kurz vor der Pier noch drehen, die Yacht schert bei der ohnehin schwer zu kontrollierenden Rückwärtsfahrt unverhofft aus, Strömung versetzt das Boot nach der Seite und so fort. All dies hat auch der erfahrenste Skipper nicht hundertprozentig unter Kontrolle. Richtig ärgerlich wird es allerdings dann, wenn ein Manöver durch Umständen verdorben wird, die simpel zu beherrschen und deren Handling einfach zu erlernen ist. Für jedermann.

Vor ein paar Tagen durfte ich anlässlich eines Törns im Mittelmeer Zeuge eines lehrreichen Anlegemanövers werden. Gelegenheit, sich wieder mal der Basics zu erinnern , ohne die ein Anlegemanöver leicht schief gehen kann.

Es war in einer nahezu überbelegten Marina in Sardinien bei aufkommendem Mistral. Der äußerst erfahrene Skipper Michael musste seine fast 16 Meter lange Yacht am Ende eines Stegs vor Muringleine und deutlichem Seitenwind anlegen. Das wurde ihm über Funk von der Marinaleitung vorgeschrieben, obwohl er gerne einen zum Anlegen günstigeren Liegeplatz gehabt hätte. Seine Mannschaft, nicht gänzlich unerfahrene Segler, hatte sorgfältig die Fender ausgebracht und die Achterleinen vorbereitet. Vom Skipper war die Crew schon lange zuvor ausführlich auf das bevorstehende Anlegemanöver vorbereitet worden, auch durch den nachdrücklichen Hinweis, dass es im Wesentlichen darauf ankäme, die Achterleine nach dem Festmachen sofort durchzusetzen, um nicht aufs kleinere Nachbarschiff gedrückt zu werden.

Exakte Rückwärtsfahrt unter schwierigen Bedinungen - und dann das!

Zielgenau manövrierte sich der Skipper am Ruder in geduldiger Rückwärtsfahrt mit dem Heck zur Pier. Das Bugstrahlruder erwies sich bei den Windverhältnissen als nicht besonders wirkungsvoll - wie die meisten Anlegehelfer dieser Art.

Der entscheidende Moment, die "Übergabe" der Achterleine , kam näher. Die Seglerin am Heck hatte die Leine mit einem Palstek versehen, der deutlich größer war als die Buchten, die sie in der rechten Hand hielt. Sehr weit würde sie die Leine deshalb wohl nicht werfen können. So kam es auch.

An der Pier wartete eine Marina-Angestellte auf die Leine, die letztlich auf den Holzbrettern landete. Die Yacht bewegte sich wieder etwas nach vorne und zog den zu kurzen Part der Festmacherleine quer über den Steg. Die Marinera bückte sich noch, aber da war die Leine schon im Bach. Manöver misslungen.

Neuer Anlauf: Der Skipper wies die Seglerin an der Achterleine an, die Leine mit einem kleineren Palstek zu versehen, weil die Eisen-Poller auf der Pier einen relativ kleinen Durchmesser hatten. Den sollte sie dem Mädchen auf der Pier übergeben mit der Anweisung, die Leine nicht lange zu bedienen, sondern den Knoten einfach auf den Poller zu legen, damit die Leine dann an Bord schnellstmöglich durchgesetzt werden könne.

Wiederum erfolgte eine geduldige Rückwärtsfahrt zentimetergenau mit dem Heck zur Pier. Der Palstek wurde übergeben. Jetzt konnte eigentlich nichts mehr schief gehen. Denkste! Die Helferin an Land trug schnell die Leine zum Poller und legte sie - das darf doch nicht wahr sein - in vier oder fünf Törns um den Poller herum, um sodann eine weitere Achterleine entgegenzunehmen. Es war klar, was jetzt folgen würde. Es kam "Dampf" auf die so wichtige Achterleine, von der ja das ganze Manöver abhing. Langsam schlängelte sich der Tampen um den glatten Eisenpoller herum. Und fiel kurz darauf kraftlos ins Wasser. Zweites Manöver misslungen - neuer Anlauf mit recht lautstarken Belehrungen der bedauernswerten Marinera mittels englischer und italienischer Brocken.

Auch interessant und nebenbei: Obwohl es sich bei Michael um einen höchst erfahrenen Skipper handelte, der hier zwei Super-Anlegemanöver gefahren war, die ohne seine Schuld daneben gegangen waren, wurden ihm nunmehr von allen Seiten Vorschläge gemacht, wie das Manöver besser zu fahren sei. Sie prallten erfreulicherweise ab und Michael legte die riesige und sehr windempfindliche Yacht trotz der nicht ganz leichten Situation bravourös an die Pier, nachdem er dem hilflosen Mädchen lautstark klargemacht hatte, den "Palstek einfach um den Poller" zu legen.

Fehler, die leicht vermieden werden können

Lehren aus diesem Vorfall sind leicht zu ziehen: Zahlreiche Manöver mit Yachten gehen nur deshalb schief, weil die Mannschaft nicht in der Lage ist, Leinen richtig zu bedienen. Was ein Kinderspiel - wortwörtlich - ist. Im obigen Vorfall wurden folgende Fehler gemacht, die zum zweimaligen Scheitern des Manövers geführt haben.

1. Beim ersten Manöver wurde die Leine nicht so geworfen, dass sie über die gesamte Stegbreite auf diesem gelegen hat. Denn dann hätte selbst diese "Helferin" Zeit genug gehabt, sich zu bücken und die Leine aufzuheben. (Ob sie sie richtig bedient hätte, ist natürlich mehr als zweifelhaft, wie das zweite Manöver gezeigt hat). Ursache hierfür war, dass die Seglerin am Achterschiff die Leine mit viel zu großen und unterschiedlichen Buchten aufgeschossen hatte und so die Leine gar nicht richtig über die Reling werfen konnte.

2. Beim zweiten Manöver kann nun wirklich niemand davon ausgehen, dass eine Angestellte (in Arbeitskleidung) einer großen und vollbesetzten Marina nicht in der Lage sein würde, einen Palstek über den Poller zu legen. Das würde ich nicht mal bei einem harmlosen Spaziergänger mit Rollator annehmen.

Die Lehre hieraus

Es ist nur ein schwacher Trost, dass in der überwiegenden Zahl aller schief gegangener Manöver die Ursache in einer schlechten Leinenbedienung zu finden ist. Denn das Leinenwerfen, von dem so viel abhängen kann, ist ein Kinderspiel, wenn man sich an ein paar Regeln hält:

Die 10 bis 20 Meter lange Leine wird ordentlich, also ohne "Achten" in gleichmäßig nicht zu großen Buchten aufgeschossen. - Mit oder ohne Palstek für den Poller. Wenn aber mit, dann sollte der Palstek keinen größeren Umfang haben als die Buchten.

Der bordseitige Tampen wird gesichert, zum Beispiel, indem man sich mit einem Fuß draufstellt. In die Wurfhand kommt dann ein Drittel bis ein Viertel der Buchten, während die andere (geöffnete) Hand die übrige Leine trägt.

Beim Werfen der Leine achte man darauf, dass man nicht an der Reling oder sonstwo hängenbleibt. Es ist wohl Ansichtssache, ob man die Leine mit beiden Händen wirft, oder ob man den Rest der Leine aus der anderen Hand abziehen lässt.

Kaum ein anderes Manöver lässt sich so leicht üben wie das erfolgreiche Leinenwerfen. Man braucht nichts anderes als Leine und einen Steg. Dann kann man selbst leicht überprüfen, wie weit man die Leine so werfen kann, dass sie gerade über den Steg fliegt und möglichst gestreckt zu liegen kommt. Übermäßige Erwartungen an die geworfene Länge braucht man sich nicht zu machen. Aus unzähligen Leinenwurf-Wettbewerben weiß ich, dass für den Durchschnittssegler um die 10 Meter schon ganz ordentlich sind. Gegen den Wind entsprechend weniger. Es ist von Bedeutung, dass man sich da nicht überschätzt, denn ein Wurf, der im Wasser landet, kann das beste Manöver verderben, weil mit Einholen und Aufschießen der nassen Leine übermäßig viel Zeit verloren wird.

Auch der blasierte Ehrgeiz, eine Leine möglichst trocken zu übergeben, ist nicht angebracht. Zu wichtig ist der erfolgreiche Wurf, als dass man sich um trockene Hände oder Hosenbeine zu kümmern hätte

Grundsätze für ein erfolgreiches Anlegemanöver:

Leinen sollten während der Manöver grundsätzlich an Bord bedient werden. Deshalb muss beim Vorhandensein von Pollern im Tampen ein Palstek sein. Stellt sich dann am Steg heraus, dass der Palstek nicht den notwendigen Durchmesser hat, kann man sich sekundenschnell so behelfen, wie die Abbildung links zeigt. Obige Helferin auf der Pier ist sicher eine unrühmliche Ausnahme, mit der man eigentlich nicht zu rechnen braucht. Eher sind Marineros zu beflissen, ja übernehmen gelegentlich selbst das Anlegemanöver in Form von lauten Kommandos. Das sollte man sich als Skipper nicht gefallen lassen, zumal man so vor seiner Crew allzu leicht blamiert würde. Ganz schlimm ist es, wenn ein Crewmitglied einen Befehl aus dem Munde eines Marineros ausführt. Nur Anweisungen des Skippers gelten. Man verbeiße sich auch Vorschläge an den Skipper, der hat beim Anlegen unter schwierigen Bedingungen genug mit sich selbst und seinem(!) Manöver zu tun. Will man bei einem Anlegemanöver, bei dem es auf das richtige Leinenbedienen ankommt, auf Nummer Sicher gehen, kann man vor dem Anlegen einen geübten Mann mit dem Beiboot an der Pier absetzen.

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