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BOBBY SCHENK
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  In den Wind gesprochen (19):

Tatort Segelyacht

Als die Yacht Finnegan im Juli 2012 auf den Chagos Inseln eintraf, war nur noch ein Österreicher an Bord, vom Skipper der Yacht auf Sri Lanka als Crew engagiert. Vom Skipper, Sean Terry, fehlte jede Spur, worauf der Mitsegler, ein begeisterter Taucher, zunächst mal verhaftet wurde. Seine Einlassung (laut Kronenzeitung): Der Skipper sei freiwillig, in einer Art Tobsuchtsanfall, über Bord gesprungen.

Kann sein, muß nicht sein. Unfall, Selbstmord oder Kapitalverbrechen? Das wird wohl kaum mehr aufzuklären sein. Jedenfalls ist ein Schuldnachweis bei der - bisher bekannten – Sachlage nach dem weltweit geltenden Grundsatz : „Im Zweifel für den Angeklagten“ bzw. Verdächtigen sicher nicht zu führen.

Und das führt in Versuchung.

Dass eine Yacht mit weniger Besatzungsmitgliedern ankommt, als sie beim Ablegen an Bord hatte, ist bei weitem keine Seltenheit. In Französisch Polynesien erreichte eine amerikanische Segelyacht den Hafen mit zwei Mann weniger als beim Auslaufen. Ein Eignerehepaar verschwand auf dem Weg von der Südsee nach den USA und wurde nach Jahren am Sandstrand einer kleinen Insel als Skelett wiedergefunden. Glücklicherweise konnte auch die Crew – lebend – gefunden und in Amerika verurteilt werden.

In Deutschland ist wohl der Fall der APOLLONIA am bekanntesten, auf der der Eigner und seine Freundin von der auf den Kanaren mitgenommenen Crew getötet wurden. Aber auch der Fall der deutschen Segelyacht PAN TAU erregte über Jahrzehnte weltweites Aufsehen. Ihre Eigner, Clem und Ulla Ebber (Photo), wollten nach Australien auswandern, doch die Reise mit ihrer Yacht war ihnen zu beschwerlich. So heuerten sie den deutschen Hans Nagel an, der später zwei Engländerinnen mit an Bord nahm. Unter merkwürdigen Umständen wurde Skipper Nagel auf hoher See getötet, wahrscheinlich erstochen. Weder die beiden Engländerinnen, noch ein weiterer Mitsegler wurden je vor Gericht gestellt. Ein Auslieferungsansinnen Deutschlands lehnte der englische Richter ab mit der Begründung, nach 24 Jahren ließe sich der Sachverhalt nicht mehr sicher feststellen. So bleibt der Tod des unglücklichen Nagel wohl für immer ungesühnt.

Berüchtigt ist auch der Fall HAKUNA MATATA, ein australischer Katamaran, auf dem ein Amerikaner namens Kevin an Bord des Kats in Moorea (Französisch Polynesien) seinen Bruder und ein Liebespaar erschoss. Das vierte „Opfer“ war Kevin selbst, der die Tat gestand und sich anschließend vergiftete.

Ziemlich makaber, diese Aufstellung aus jüngerer Zeit, oder? Aber solche Verbrechen hat es immer schon gegeben, was wohl auch daran liegt, dass eine Yacht für Kapitalverbrechen der ideale Tatort (falls man das so nennen darf) ist. Zeugen fehlen häufig, und die spurlose Beseitigung der Opfer, in einer zivilisierten Welt an Land fast ein unlösbares Problem, ist ganz einfach zu bewerkstelligen. Auch die Tatausführung bereitet meist keine größeren Schwierigkeiten. Ein leichter Stoß zur „rechten“ Zeit, und schon ist es passiert. Umso verlockender ist die Versuchung, vorhandenen Mordgelüsten nachzugeben.

Das Piratenproblem, also die Gefahr, die von außen droht, hat in den letzten Jahren die Tatsache überlagert, dass die Begehung von Straftaten auf einer oder mittels einer Yacht für Kriminelle besondere Vorteile bietet und somit einen ständigen Anreiz darstellt. Wobei neben anderen Kapitalverbrechen auch die Möglichkeit, Drogen zu schmuggeln, eine erhebliche Rolle spielt. Dass Sponsoren mit Lügenmärchen über sogenannte Rekordfahrten (der angeblich wissenschaftliche Hintergrund ist oft die besondere Würze) über den Tisch gezogen werden, sei nur am Rande bemerkt, obwohl die eigentlich Geschädigten ja auch die Kunden dieser Firmen, also nicht selten wir Yachtsegler, sind. Direkt betroffen sind wir, wenn wir die Versicherungsprämien überweisen. Denn mit unserem Geld werden auch die fingierten oder manipulierten Schiffsverluste bezahlt. Ein paar Beispiele gefällig?

Ein Österreicher unterschlägt als angeblicher Charterer einen Katamaran aus der Flotte von Eckeryachting; die Versicherung zahlt die Schadenssumme (Größenordnung fast eine Million Mark) an die Eigentümer, weil der Kat in der vertraglich vereinbarten Zeit unauffindbar war.
Oder: Persönlich sind mir fünf Yachteigentümer bekannt, deren Schiffe aus nicht geklärten Gründen abgesoffen sind. Die Eigner waren immer allein an Bord, unabhängige Zeugen fehlten. In mehren Fällen war die angegebene Ursache die Kollision mit einem treibenden Container. Auf gezielte Anfrage beim Yachtversicherer Pantaeneus erfahre ich, dass Fälle von verlorenen Containern auf hoher See ausserordentlich selten sind. Deshalb nenne ich es einen tollen Zufall, so ein Ding zu treffen und dann schnell aus der Rettungsinsel gerettet zu werden. Dagegen mutet es schon fast banal an, wenn nach Auflaufen auf ein Riff die Reparaturkosten als Folge der Kollision mit einem Wal abgerechnet werden.

Was mich das alles angeht ? Nun, ein bisschen Problembewußtsein schadet nicht. Das Bewußtsein, dass man eine Luxusyacht mit der Versicherungssumme aus dem Totalverlust mitfinanziert hat, sollte doch sensibel für solche Unglücksfälle machen. Und einiges zum eigenen Schutz kann man auch tun. Dazu gehört, dass man auf der Hut ist, wenn man eine dahergelaufene Crew mitnimmt. Kennt man den sympathischen Typen so genau? Erzählen kann einem auf dem Ankerplatz jeder nahezu alles. In der Kleinstadt würde man den Nachbarn fragen, ob ihm der junge Mann bekannt ist, oder sich woanders erkundigen. Das geht auf dem Ankerplatz oder im Hafen nicht. Würden Sie einen Fremden in Ihr Haus, in Ihr Wohnzimmer zum "Mithelfen" aufnehmen? Also, wenn schon Crew, dann sollte man sich Empfehlungsschreiben von anderen Eignern zeigen lassen oder sich zumindest selbst die ernsthafte Frage stellen, warum sich der junge Mann ohne Yacht hier wohl rumtreibt.
Ein Rat, nachdem ich viele Crewerlebnisse am Rande "miterlebt" habe: Gar nicht erst der Versuchung unterliegen, andere für sich arbeiten oder Wache gehen zu lassen! Meistens geht es schief. Entweder lassen der Fleiß und das Verantwortungsgefühl auf den Nachtwachen schlagartig nach, sobald der Hafen in Europa mal achteraus liegt, oder der sympathische junge Mann zeigt nach dem Auslaufen sein wahres, weniger sympathisches Gesicht. Noch schlimmer wird es, wenn bei einer der immer häufigeren Drogenrazzien beim Mitfahrer, und damit auf Ihrer Yacht, ein paar Gramm verbotenen Stoffes (oder mehr) gefunden werden. Von den generellen Schwierigkeiten, ein dahergelaufenes Crewmitglied ohne Rückflugticket in seine Heimat in einem fremden Land loszuwerden, mal ganz zu schweigen.

Wenigstens letztere Probleme hatte Steve von der KAPDUVA mit dem netten jungen Mann nicht, den er in Kapstadt als ausserordentlich emsig und sympathisch kennengelernt und deshalb auf die Fahrt nach St.Helena als Crew mitgenommen hatte. Schon nach hundert Meilen stellte der nette Mitsegler jegliche Arbeit ein und beschränkte sich darauf, das alte und sehr erfahrene Eignerehepaar zu nerven. Obwohl die Crew als Beruf "Mechaniker" angegeben hatte, rührte sie keinen Finger, reichte Steve nicht einmal das Werkzeug, als der schwitzend unter der Maschine liegend versuchte, eine Schraube zu lösen. Stattdessen hörte Steve - es war noch die Zeit des kalten Krieges - die Frage: „Steve, what do you think about the Russians?"

Steve knurrte nur hasserfüllt: "In the moment nothing!" Das war wohl in den Wind gesprochen!

Bobby Schenk

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