DIE HOMEPAGE VON
BOBBY SCHENK
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  In den Wind gesprochen (3):

Das wirkungsvollste Mensch-über-Bord-Manöver

Der Fall "Mensch über Bord" ist wahrscheinlich die häufigste Todesursache in der Sportschifffahrt. Sie schlägt scheinbar wahllos zu, ohne Rücksicht auf Alter, Geschlecht, Sportlichkeit oder gar Erfahrung. Das macht nachdenklich. Es kann nämlich jeden von uns treffen, auf so eine erbärmliche Art zu enden, zu jeder Zeit.

Dabei wäre es so einfach, daraus den entgegengesetzten Grundsatz abzuleiten, der da lautet: Es kann niemanden von uns treffen, zu keiner Zeit!

Die so einfache und preiswerte Lösung - wir kennen sie alle - heißt "Sicherheitsgurt", mit dem man sich an die Yacht sichern muss. Es ist mir ein echtes Anliegen, darauf hinzuweisen, dass gerade die in der Öffentlichkeit häufig geführten Diskussionen um die Rettungsweste, oder wie sich Laien ausdrücken "Schwimmwesten" und die etwaige Tragepflicht den Blick auf die simple Wahrheit verstellt haben, dass die Weste erst dann "zum Tragen" kommt, wenn das Unglück schon passiert ist. 

Genauso daneben liegen die zahlreichen Theorien um das beste Mann-über-Bord-Manöver. Wenn diese Manöver in der Segelschule intensiv und tagelang (noch dazu unter Segel) gelehrt werden, der Sicherheitsgurt mit Leine dagegen aber kaum erwähnt wird, dann muss sich doch dem Anfänger der Eindruck aufdrängen, dass es wichtiger ist, an den im Wasser treibenden Verunglückten heranzukommen, als zu vermeiden, dass dieser erst gar nicht ins Wasser fällt, oder sich von der Yacht entfernen kann. Ein wenig schizophren, oder?

Diese Frage beantwortet sich wohl von selbst: Soll man ein Unglück von vorneherein vermeiden oder später das Beste draus zu machen?

Trotzdem kümmert man sich schon in der Ausbildung weniger um die Unglücksvermeidung als um die entsprechenden Manöver, einen Mann aus dem Wasser zu retten. Warum ist das so? Ich hoffe nicht, dass dahinter der Wunsch der Segelschule steht, die Eleven irgendwie zu beschäftigen, die Ausbildung in die Länge zu ziehen. Zur Lifeline dagegen ist eigentlich nicht viel zu sagen, nichts zu lehren, so ein einfaches Vorbeugungsmittel - und so effektiv - ist sie. Möglicherweise hat dieses Missgewicht bei der Ausbildung etwas mit der geschichtlichen Entwicklung des Segelsports zu tun. Denn die Segelausbildung hat sich bis vor einem halben Jahrhundert ja zum größten Teil an Jollensegler gerichtet. Und bei denen ist es sicher richtig, zu trainieren, unter Segeln wieder an den Mann im Wasser heranzukommen. Denn bei kenterbaren Jollen verbietet sich der Einsatz von Einrichtungen, die den Mann ans gekenterte Boot fesseln könnten. Nicht so bei unseren trägen Kielbooten, die unkenterbar sein sollten und in der Regel auch sind. Der weit überwiegende Anteil unter den Seglern wird später auf einem Kielboot  unterwegs sein - man denke nur an die zahlreichen Yachteigner und vor allem an die Massen von Chartersegler.

Fast wird der Fall "Mensch über Bord" in der Ausbildung - und in Teilen der Fachpresse - als etwas Alltägliches, Unumgängliches hingestellt. Dabei sollte immer wieder und wieder betont werden, dass dieser Fall nie, niemals eintreten darf. Hier in erster Linie auf die Rettungsweste statt auf den Sicherheitsgurt hinzuweisen, ist, als rate man einem Fensterputzer am Wolkenkratzer zu einem Fallschirm statt zu einem Sicherheitsgurt.

Längst vergessen ist die Tatsache, dass Rettungswesten in der Seefahrt in erster Linie dazu bestimmt waren, Schiffbrüchige nach dem Sinken des Schiffes solange über Wasser zu halten, bis Hilfe gekommen ist. Und dafür sind "Schwimmwesten" auch heute noch zu gebrauchen. Schuld an der schiefen Betrachtung der Rettungsweste statt dem Sicherheitsgurt ist aber auch die Presse, sie weiß es halt nicht besser, wenn sie den Todesnachrichten aus der Sportschifffahrt immer wieder den geistreichen Satz ans Ende stellt: "Der Verunglückte trug keine Schwimmweste!". Sie sollte sich da aus dem Straßenverkehr ein Beispiel nehmen, wo es genauso lapidar, aber richtig in diesen Fällen heißt: "Der Verunglückte war nicht angegurtet."

Man könnte einwenden, das hieße ja, man sollte sich immer an die Yacht sichern, den Karabinerhaken immer möglichst mittschiffs einpicken? Auch bei gutem Wetter?

Ja, genau das heißt es. Was machen wir denn im Auto, wenn wir nur mal schnell mit der Stadtgeschwindigkeit „50" zum Einkaufen fahren? Wir gurten uns an. Und ausgerechnet vom Rennfahrer Niki Lauda stammt sinngemäß der mahnende Satz: "Wer auch nur einen Meter ohne Sicherheitsgurt fährt, ist nicht normal!"

Tatsache ist, dass die Einführung der Gurtpflicht beim Autofahren schlagartig die Anzahl der tödlichen Verkehrsunfälle halbiert, Hunderttausende schwere Gesundheitsschäden verhindert hat. Inzwischen hat der Gurt im Auto, statistisch schlüssig nachweisbar, Zehntausende von Menschenleben gerettet - allein in Deutschland. Interessant und bezeichnend für die zitierte menschliche Vernunft ist, dass die lebensrettende Maßnahme der Gurtpflicht erst mit Zwang, nämlich mit Bußgeldern durchgesetzt werden konnte.   

Wenn ich auf dem Wasser für den Sicherheitsgurt unterwegs auf der Yacht plädiere, heißt das nicht, dass das Tragen einer Weste überflüssig ist. Sie schadet nicht. Am meisten aber nützt sie, wenn wir gleichzeitig mit der Weste den integrierten Sicherheitsgurt anlegen - und uns einpicken! Das ist die beste aller Sicherheitsvorkehrungen. Danach kommt gleich der einfache Sicherheitsgurt mit eingepickter Sorgleine, der aber, traurig, vom Fachhandel kaum noch angeboten wird. Wahrscheinlich, weil man mit dieser Vorrichtung weitaus weniger Umsatz machen und dem Käufer auch keine Wartungspflicht alle paar Jahre einsuggerieren kann.

Die drittbeste Lösung, immer noch besser als das einfache Tragen einer Rettungsweste, ist das Provisorium des Schottampens um die Hüfte mittels Palstek gewickelt, der ebenso das Überbordgehen verhindert, sollte eine See ins Cockpit einsteigen und zum Beispiel den Rudergänger über Bord floaten. Ich habe mehrfach erleben müssen, dass eine See bei schönem Passatwetter von achtern eingestiegen ist und das Cockpit randvoll gefüllt und die Insassen auf den Backskisten schwerelos gemacht hat.

Manchmal verstehe ich es nicht: Da segeln zahlreiche Yachten bei schönstem Wetter auf der Förde herum und aus allen Cockpits leuchten die roten Rettungswesten im Sonnenlicht. Eigentlich spricht das für das Sicherheitsbewusstsein von Crew und vor allem Skipper. Würde man diese netten Leute fragen, warum sie eine Weste bei diesem schönen Wetter tragen, bekäme man die Antwort. "Für den Fall, dass ich über Bord gehe!" Eine zynische Gegenfrage läge mir dann auf der Zunge: "Wollen Sie denn ins Wasser fallen?"

Aber klar! Es gibt Argumente gegen den Sicherheitsgurt. Die kommen meist von jenen, die sich gerade eine mehrere hundert Euro teure ohnmachtsichere Rettungsweste gekauft haben und nicht einsehen wollen, dass sie sich damit nur für die viertbeste Vorsichtsmaßnahme entschieden haben und mit viel weniger Geld mehr für ihre Sicherheit tun könnten. Oder aber sie glauben irrtümlich, dass sie ein Mensch-über-Bord-Manöver unter allen Umständen beherrschen.

Das Hauptargument gegen einen "Lifebelt" ist, dass er unter Umständen so ungeschickt eingepickt ist, dass man trotzdem über Bord fallen kann, sodass der Mann außenbords hängt. Ja, das ist leicht möglich, deshalb sollte man nach Möglichkeit die Leine mittschiffs zu sichern.

Aber, gesetzt der Fall, der Mann wird nach draußen geschleudert und hängt jetzt weitgehend hilflos an der Leine im Wasser! Ja und? Das ist ja genau der Idealzustand, den man mit einem Mensch-über-Bord-Manöver erst ansteben möchte. Dass nämlich der Verunglückte rechtzeitig erreicht wird, und dass es zunächst mal gelingt, den Mann an der Yacht zu fixieren. Ein prominentes Beispiel: Hätte sich Karl Vettermann, der Barrawitzka-Autor und extrem erfahrener Fahrtensegler nur so lässig und keineswegs perfekt mit Gurt gesichert wie auf den Fotos, dann würde er heut noch leben. Nicht wegen der Rettungsweste, sondern wegen dem integrierten Lifebelt! Nach den Angaben seiner Mitsegler ist er nämlich zwischen Barbados und St.Lucia bei gutem Wetter achtern durch den Heckkorb gerutscht und konnte nicht mehr erreicht werden.

Eric Tabarly gilt als einer der größten Yachtsegler des letzten Jahrhunderts. Er hat zweimal das Einhand-Transatlantikrennen gewonnen. Er skipperte Yachten um die Welt. Er wurde von Charles de Galle als Nationalheld geehrt und gefeiert und konnte auf eine ganze Reihe von seglerischen Rekordleistungen zurückblicken. Ein einziger Fehler, der mit Abstand schwerste, überschattet seine Biographie. Am 13. Juni 1998 trug er bei einem Segelausflug keinen Sicherheitsgurt, als er über Bord rutschte. Ob er eine Weste getragen hat, ist nicht bekannt - ist auch bedeutungslos, denn seine Leiche wurde erst mehrere Tage später gefunden.

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