DIE HOMEPAGE VON
BOBBY SCHENK
exclusiv bei

Wolfgang Hausner:

Vom Krokodiljäger zum Rekordweltumsegler

Der Österreicher Wolfgang Hausner gehört zu den ganz Großen im Blauwassersegeln. Man kann ihn getrost in eine Reihe stellen mit Bernard Moitessier oder Marcel Bardiaux. Nachdem  Mitte des letzten Jahrhunderts der damaligen Crew der Zeitschrift YACHT das Meisterstück gelungen war, einen Katamaran bei einem YACHT-Test umzuschmeissen, genossen Katamarane generell nicht den besten Ruf. Was den Segelneuling Wolfgang jedoch nicht irritierte. Ein Kat sollte es sein. Und der sollte dann auch gleich einen Weltrekord aufstellen. Aber zunächst fehlte es an allem, am notwendigen Geld,  an elementaren Segelkenntnissen und am Wissen , wie man eine hochseetüchtige Segelyacht zusammenzimmert. All das schreckte den unbeugsamen jungen Mann nicht. Er griff einfach zu!

An solch echte Kerle mögen manche hierzulande denken, die von der großen Freiheit träumen, sich aber dann doch für das betreute Segeln auf den Ozeanen mit guter Rente oder Vermögen im Hintergrund entscheiden. Vollkasko natürlich.

 

Angst vor der Karriere

Eine Segelyacht war keine fixe Idee gewesen. TABOO hatte sich erst langsam herauskristallisiert. Am Beginn war die simple Sorge gestanden, ich könnte im Berufsleben Fuß fassen, bevor ich es wollte. Ich hatte eine einzige Art von Voraussicht gehabt: Wenn du anfängst, in deinem Beruf erfolgreich zu sein, wenn du Stufe um Stufe zu klettern beginnst, wirst du nie wieder bereit sein, Monate und Jahre für Nutzloses zu opfern. Wenn ein Schmalspur-Techniker — das war ich damals — erst einmal beginnt, beruflichen Ehrgeiz zu entwickeln, ist alles aus. Darum sprang ich im letzten Moment ab — mit 21 Jahren, nach dem ersten Berufsjahr. Zur Sicherheit (mit dem Frachtschiff) dorthin, wo die Fahrkarten nach Österreich am teuersten sind: Australien.

Mein erster Job in Australien war das Abtragen einer Mauer, denn mein Englisch war damals zu schlecht, um in meinem Beruf als Technischer Zeichner arbeiten zu können. Ich taugte für solche Arbeit, denn ich war sehr kräftig, ich war seit meiner Kindheit in einem Ruderklub gewesen, hatte manchmal aus Spaß zwölf Stunden am Tag gerudert.

Krokodiljagd

Als ich genug Geld hatte, um ein Gewehr und Camping-Zeug zu kaufen, ging ich mit einem gleichaltrigen Deutschen nach Nord-Queensland auf Krokodiljagd. Das war 1962, und ich war gerade verrückt genug, um jede Art von Tätigkeit zu akzeptieren, wenn sie nur nach Abenteuer klang. Ich vertrug mich nicht sehr gut mit meinem Begleiter; er trug schwer an unverdautem Nietzsche, und ich war ziemlich erdbezogen, jedenfalls kam es zu einer wilden Keilerei außerhalb unseres Zelts, tags darauf trennten wir uns. Ich blieb noch einige Wochen und schoss rund 50 Krokodile. Es war das letzte Jahr, in dem das Abknallen von Krokodilen noch offiziell gestattet war, und in meinem damaligen Alter machte ich mir keine Gedanken über die Erhaltung der Tierwelt — ich rechnete nur nach Bauchumfang der Häute und multiplizierte das mit dem zu erwartenden Preis. Im Lauf der Jahre, als mein Leben immer mehr auf die Natur ausgerichtet wurde, stellte sich automatisch die gesunde Beziehung gegenüber Tieren ein: Ich schoss, angelte oder harpunierte immer nur so viel, wie ich zum Essen brauchte.

Die einzige Ausnahme blieb die Jagd auf Haie, deren Gebisse man verkaufen kann — ich habe mir dafür so etwas wie eine moralische Rechtfertigung zugelegt, was auf den Galapagos am einfachsten war, weil die Haie dort die jungen Robben fressen. Davor hatte ich die wohl aufregendste Begegnung mit einem Hai, einem Tigerhai: Der Kerl maß 3,73 Meter, wie sich später herausstellte und die Begegnung mit ihm fand unter Wasser, sozusagen Mensch gegen Hai, statt. Jeder Schnorchler weiß, dass unter Wasser alle Gegenstände ein Drittel größer erscheinen, was die ganze Sache dann doch recht spannend gemacht hat. Ich war "bewaffnet" mit einer Harpune, auf deren Spitze ein Powerhead aufgeschraubt war. Dieses Ding ist ein kleiner Sprengsatz, der dann explodiert, wenn der Harpunenpfeil auf ein Hindernis aufstößt. Ich zitiere aus meinen Aufzeichnungen: "Jetzt kam er auf mich zu, ziemlich langsam, aber mit aufgerissenem Maul. Ich hatte eine sehr deutliche Empfindung in diesem Moment, ich werde sie nie vergessen: Nur keine Fehlzündung mit der Scheißpatrone, denn früher schon hatte ich einige Fehlzünder gehabt..."

Heute töte ich keinen Hai mehr wegen der zwanzig Dollar, die mir sein Gebiss einbringen würde.

Da im Zusammenhang mit Krokodil-Jagen immer wieder die Frage auftaucht, wie man die Biester schießt, will ich es kurz erklären. Tagsüber sind die Tiere derart zurückgezogen, dass man sie kaum findet, außerdem müsste man schon fast auf ihnen stehen, um sie zu bemerken. Nachts kommen sie raus und sind relativ gut erkennbar, wenn man mit einem starken Suchlicht über das Wasser leuchtet. Was man sieht, sind die Augen: Zwei rot funkelnde Punkte von unglaublicher Intensität. Jüngere Tiere erkennt man an der gelblichroten Färbung im Unterschied zu dem tiefen Rubin der ausgewachsenen — natürlich immer nur dann, wenn die Tiere angestrahlt werden. Man muss sie genau ins Hirn treffen und daher dementsprechend nahe zum Schuss kommen. Normalerweise geht man zu dritt auf die Jagd: Einer steuert das Boot, einer bedient den Scheinwerfer, der dritte schießt. Ich musste das allein machen, was überhaupt nur deshalb möglich war, weil angestrahlte Krokodile sich nicht von der Stelle zu rühren pflegen. Ich hatte meine Lampe auf dem Gewehr fixiert. Mit einer Hand steuerte ich das Boot, in der anderen hielt ich Gewehr samt Lampe. Wenn ich ein Krokodil entdeckte, steuerte ich es an und stellte in etwa zehn Meter Entfernung den Motor ab. Während ich noch Fahrt machte, zielte ich zwischen die Augen und drückte ab. Bei einem guten Schuss würde das Krokodil blitzartig auf den Grund des fast immer seichten Wassers sinken. Mit Drahtringen an einem Stock kann man das Tier dann bergen. Manchmal sprang ich auch hinein, um ein Tier herauszuzerren — dies gewöhnte ich mir sehr rasch ab, als ein getroffenes Croc offensichtlich nur benommen war und plötzlich aktiv wurde — glücklicherweise hatte ich es beim Schwanz angefasst.

Nach der Rückkehr in mein Lager pflegte ich bis zum Morgengrauen zu schlafen, dann häutete ich das Reptil ab. Die Haut musste von allem Fleisch und Fett gereinigt und eingesalzen werden, sie wurde dann im Schatten eines Baumes zum Trocknen aufgehängt und noch mehrmals am Tag mit Salz eingerieben. Wenn das Zeug trocken war, bekam es noch einmal eine Salzschicht für den Abtransport. Später verkaufte ich die Ausrüstung, ging nach Darwin und dann für sechs Wochen in ein Uranbergwerk. Dort traf ich Erik Veng, einen gleichaltrigen Dänen, mit dem ich zum ersten Mal das Thema »Segelboot für Hochseereisen« diskutierte.

Der Anreiz fürs Träumen vom eigenen Schiff: Die Doppelfunktion, nämlich Unterkunft und Fortbewegung.

Was mir gefiel, war die Doppelfunktion von Unterkunft und Fortbewegungsmittel, denn von einer Faszination des Segelns war damals keine Rede. Ich war bis dahin zweimal auf der Alten Donau in Wien segeln gewesen, das erste Mal bei Flaute, beim zweiten Mal war ich gekentert. Ich empfand den Bau eines Segelboots nicht als besondere Schwierigkeit - und in einem gewissen Maß stehe ich auch heute dazu, es gibt viele Bastler, die schwierigere Sachen fertigbringen. Anfang 1963 war für uns klar, dass wir irgendwie an größeres Geld kommen mussten, also verdingten wir uns bei Langustenfischern in Geraldton, Westaustralien. Erik arbeitete für einen Australier, ich für einen finnischen Quartalsäufer, in beiden Fällen waren wir die einzigen Helfer der Skipper.

Dies war auch mein erster echter Kontakt mit dem Meer. Allerdings nicht auf die Art von Marine-Kadetten: Als ich auf das Boot kam, war der Alte besoffen, und ich musste sofort ans Steuer und dem anderen Boot folgen, bis zu unserem Revier. Das war eine Gruppe von Koralleninseln, die Abrolhos-Islands, etwa fünfzig Meilen vor der Küste. Der Finne - später wieder nüchtern - war ein Star in seinem Metier, er wusste großartig Bescheid über Langusten. Die Arbeit war schwer, täglich mussten rund hundert Körbe runtergelassen oder geborgen werden. Das Prinzip ist einfach. Man steckt Köder - in unserem Fall gefrorene Fischköpfe aus Japan oder gespaltene Schafsköpfe aus Australien - in einen Korb und lässt ihn in Langusten-gewässern auf etwa 20 bis 40 Meter Tiefe. In der Nacht kriechen Langusten durch eine relativ kleine Öffnung in den Korb und können dann nicht mehr raus. Als Helfer eines Langustenfischers verdiente man ungefähr das Drei- oder Vierfache eines normalen Jobs, außerdem hatte man während der ganzen Zeit keine Chance, auch nur einen Cent auszugeben. Nach dreieinhalb Monaten waren wir - für unsere Verhältnisse - reich und zogen andere Kulissen auf: Arbeit bei der Weizenernte.

Hilfsarbeiter, Krokodiljäger, Langustenfischer - warum nicht in einer Goldmine malochen?

Die nächste Station war eine Goldmine in Kalgoorlie. Ich begann mit schlecht bezahlter Drecksarbeit und brachte es bis zum Job eines Elektrokarren-Chauffeurs im Stollen. Das war rund 400 Meter unter der Erde, ich war absolut allein und hatte auf meiner Route einige Tunnels, die so eng waren, dass meine angehängten Wägelchen dauernd touchierten. Wahrscheinlich war es der gefährlichste Job, den ich je gemacht habe - bei einem Stolleneinbruch auf meinem Arbeitsplatz wurde mir das sehr deutlich.

Darfs ein wenig länger sein? - Konstruktionspläne werden gestreckt!

Mitte 1963 begannen wir in Fremantle, in der Nähe von Perth, mit dem Bau eines vorerst noch namenlosen Katamarans. Schon seit etlichen Monaten hatten wir uns Pläne kommen lassen und Gedanken gemacht. Die meisten Pläne waren für etwa sieben Meter Bootslänge oder in der Gegend von 18 Metern, es gab kaum ein Mittelding. Und irgendwie hatten wir von vornherein an zehn, elf Meter Länge gedacht. Ein Katamaran reizte uns aus mehreren Gründen. Erstens wollten wir in unserem Überschwang unbedingt die Welt umsegeln (ein Ziel, das ich später fast völlig aus den Augen verlor), und mit einem Katamaran hatte dies zu jener Zeit noch niemand zuwege gebracht — so ergab sich für uns ein handfestes sportliches Ziel. Zweitens war uns klar, dass wir bei gegebener Länge mehr Innenraum haben würden als auf einer Einrumpfyacht, außerdem würde ein Katamaran relativ schneller sein. Von der theoretischen Beschäftigung mit der Materie wussten wir auch, dass das Fehlen von Rollbewegungen den Komfort erhöhen würde. Schließlich entschieden wir uns für den Plan des Engländers Erick Manners, der einen 27-Fuß-Katamaran konstruiert hatte. Meiner Meinung nach hatte der Manners-Plan einige schwache Stellen, das hatten wir sogar damals als Greenhorns erkannt. Wir behielten die asymmetrische Rumpfform (außen flacher) und die gesamte Steueranlage bei, streckten aber die Pläne auf knappe zehn Meter Länge, veränderten das Unterwasserschiff, das Rigg und die Kajüte. Was dann letzten Endes herauskam, ersehen Sie am besten hier:


Der Partner und Freund muß aussteigen.

Sechs Wochen nach Baubeginn erwischte es Erik: Er war mit dem Motorroller Fish & Chips holen gefahren, als er von einem Auto niedergefahren wurde. Er hatte eine zerschmetterte Hüfte, kam auf sechs Monate ins Krankenhaus und blieb schwer gehbehindert für immer. Vorerst sah es allerdings aus, als würde Erik vielleicht wieder fit werden, jedenfalls blieb der Däne noch einige Zeit mein stiller Partner. Ich arbeitete zwischendurch als Technischer Zeichner, um weiteres Geld aufzutreiben, hatte aber bis Jänner 1965 das Boot so weit fertig, dass es — ohne Mast, Ruder und Inneneinrichtung — vom Stapel gehen konnte. Erik hatte sich inzwischen in eine seiner Krankenschwestern, eine Chinesin, verliebt — und sie war es auch, die den Namensvorschlag »TABOO« machte. Es war einfach ein guter Name, an sonst steckte keine Beziehung dahinter. Trotzdem war er ziemlich passend, denn er drückte Exotisches und Geheimnisvolles aus — genau das, wonach uns zumute war. Es dauerte noch vier Monate, bis TABOO segelfertig war.

Wolfgang kann gar nicht segeln. Was nun?

Für einen angehenden Weltumsegler fehlte mir nur eines: Ich konnte nicht segeln. Ich empfand das nicht als sonderlich tragisch, jedenfalls waren der auf Krücken gehende Erik und ich stolz genug, bei der Jungfernfahrt keine »richtigen« Segler an Bord zu lassen. In der Folge musste ich zwar Geld verdienen, benutzte aber jede freie Stunde zum Segeln auf TABOO, dann auch als Crew auf einer Yacht bei Hochsee-Rennen. Als Techniker fiel es mir auch nicht sonderlich schwer, innerhalb einer Woche die Theorie der Navigation in mich hineinzupauken und sie sogar zu kapieren, an Bord trainierte ich die Praxis. Inzwischen ergab sich noch ein besserer Job, nämlich als Tischler bei einem Bootsbauer, dessen Schuppen direkt neben dem TABOO-Liegeplatz war.

Zum Einhandsegeln gezwungen.

Immer deutlicher kristallisierte sich heraus, dass Erik nie wieder völlig gesund werden würde, er hielt lange Segelfahrten körperlich nicht aus. Eine Alternative zu ihm gab es für mich nicht: Ich sträubte mich ganz einfach gegen die Idee, den Platz auf TABOO mit einem Fremden zu teilen. Dass ich das Alleinsein ganz blendend vertragen konnte, wusste ich spätestens seit der Krokodiljagd. Sicherlich reizte mich außerdem das Sportliche — «Einhand im Katamaran um die Welt«, das klang nach Rekord. Das Rekord-Denken ist mir inzwischen gründlich vergangen, aber vom Einhandsegeln halte ich nach wie vor sehr viel. Sich mit einem Freund zusammenzutun, klappt für so lange Reisen nur in den seltensten Fällen, vielleicht außer man ist schwul. Eine «normale« Verbindung, also Mann und Freundin oder ein Ehepaar, das könnte ich mir eher vorstellen. Was mich betrifft, war das Alleinsegeln eigentlich nur konsequent. Ich hatte mich ja deshalb für ein Segelboot entschieden, um völlig unabhängig zu sein. Ich wollte zwar die Welt sehen, aber nicht rumgurken mit einem Kursschiff nach Samoa. Und wenn einer schon so egozentrisch ist, dass er sich nicht den normalen Transportmitteln anpassen will, dann will er auch auf dem Boot auf niemand Rücksicht nehmen müssen. Mit Einsamkeit hat das Ganze überhaupt nichts zu tun: Auch lange Etappen dauern selten länger als 40 Tage — und das lässt sich ja wirklich bestens aushalten, ohne jemanden zum Anquatschen oder zum Streiten zu haben. Und wenn ich gelandet bin, suche ich ja den Kontakt mit den Menschen, die dort leben, keine Rede von einsamer Wolf oder kontaktscheu, im Gegenteil, ich mag die Abwechslung. Damit will ich nicht sagen, dass alle Einhandsegler ein ähnliches Motiv haben, natürlich sind ein paar Käuze dabei, die sich als echte Menschenfeinde und Außenseiter gebärden — und es dann wohl auch sind.

Zur Probe mal schnell um eines der gefährlichsten Kaps

Ich wurde immer zufriedener mit meiner Arbeit, obwohl Kleinigkeiten wie ein Mastbruch passierten. Es steckten rund 12.000 (damalige) US-Dollar und ungefähr 5000 persönliche Arbeitsstunden in TABOO. Ich musste vorerst noch arbeiten, um die Schulden abzuzahlen, währenddessen wurde ich immer besser mit dem Boot vertraut. Ich hielt es für hochseetüchtig und scheute mich daher nicht, als Generalprobe um eines der drei großen Kaps zu fahren, um Kap Leeuwin an der Südwestecke Australiens. Die Sache verlief etwas spektakulärer, als ich gehofft hatte: Ich wurde grauenhaft seekrank und geriet in einen Sturm von zehn Windstärken, der nicht sehr viel länger hätte dauern dürfen, denn mein Treibanker zeigte Auflösungserscheinungen.

Der Anfänger vertraut einem Kat!

Seit Beginn des Bootsbaus war ich dumm genug gewesen, von meinem Plan der Erdumrundung zu reden. Ich erregte damit einiges Aufsehen, allerdings nur deshalb, weil ich einem Katamaran vertraute. Mehrrumpfboote sind in Australien nicht sonderlich üblich, und TABOO war der erste Hochsee-Kat, der in Westaustralien vom Stapel gelaufen war. Ein guter Freund, John Spire, und seine Frau folgten einige Monate später mit einem Katamaran, allerdings hatten sie schon fünf Jahre vorher zu bauen begonnen. John war einer der wenigen, der mir eine echte Chance gab, mit TABOO irgendwo hinzukommen. An Wochenenden segelten wir oft gemeinsam und ankerten nebeneinander.

Eine(?) Mädchengeschichte...

Es gab aber nicht nur sachliche Aspekte, da war auch eine Mädchengeschichte, die sich etwas zuspitzte. Roslyn, meine 18jährige australische Freundin, wollte unbedingt mit aufs Boot, notfalls auch, indem sie von zu Hause durchbrennen würde. Davon hielt ich aus mehreren Gründen nicht das geringste, im übrigen hatte ihr der Vater bereits den Umgang mit mir verboten. Er war Regierungsbeamter und hätte im Fall eines Unsinns Himmel und Hölle in Bewegung gesetzt, inklusive Royal Australian Navy. Nicht wesentlich erleichtert wurde die Sache durch das plötzliche Auftauchen meiner österreichischen Freundin Elisabeth. Wir hatten über die Jahre brieflichen Kontakt gehalten, dabei hatte ich den Fehler gemacht, ein Datum für meine Abreise zur Weltumseglung zu nennen. Sie reagierte durch Standortverlegung von Korneuburg nach Fremantle und war fest entschlossen, mitzufahren. Ich trat zur Flucht nach vorn an und rückte das Abreisedatum vor. Dass ich das indonesische Visum noch nicht hatte, musste ich in Kauf nehmen; Freunde würden helfen, mir den Pass nach Carnarvon (W-Australien) nachzuschicken. Ich fixierte ein Abschieds-Dinner in einem Fluss Restaurant in Fremantle, TABOO war dort am Steg festgemacht. Fernsehen war auch dabei, die zogen den Bericht als kleine menschliche Feature-Story auf und filmten Elisabeth und mich beim letzten gemeinsamen Essen. Wegen des außergewöhnlichen Anlasses trank ich etwas Alkohol, den ich nicht gewohnt war und auch nicht vertrug, jedenfalls war ich nicht ganz Herr der Situation, als wir in die Koje fielen.

Am Morgen war Elisabeth weg, und ich war schwer beeindruckt: Das Mädchen hatte Format, ersparte uns eine große Szene. Die Fernsehleute und ein paar Zeitungsjournalisten waren da, als erstmals ein Mensch zur Einhand-Weltumsegelung im Katamaran aufbrach. Es war der 28. April 1967.

Ein paar Meilen von der Küste kroch plötzlich Elisabeth aus dem Segelstauraum.

Meine erste Reaktion war, sie unter Deck zu scheuchen, um mich nicht als Betrüger dastehen zu lassen, von Einhand konnte ja nicht mehr viel Rede sein. Meine Wut über die Sache war so groß, dass unser Verhältnis weniger denn je eine Chance hatte, zu einer Liebe zu werden. Im übrigen hatte Elisabeth auch ungünstige äußere Begleitumstände: Sie bekam in einem NW-Sturm ihre volle Ration, wurde sofort seekrank und kotzte wie ein Reiher. Ich hatte den Treibanker 40 Stunden lang draußen, Elisabeth war sechs Tage lang zerstört.

Ich wollte die Zeit bis zum Eintreffen des indonesischen Visums dazu benützen, um Vorräte an getrocknetem Fleisch anzuschaffen und machte jede Menge Jagdausflüge an der kaum bewohnten australischen Nordwestküste und den vorgelagerten Inseln. Dabei ging mir Elisabeth noch weiter auf die Nerven, als sie dauernd wegen meines Mordens der lieben Tiere raunzte. Ich sagte ihr, dass sie dann konsequenterweise auch das Fleisch der Tiere nicht anrühren dürfe, aber es schien ihr immer ganz gut zu schmecken. Einmal pirschten wir uns wieder durch das hohe Stechgras, als sie fragte, ob sie auch mal schießen dürfe, nur so probieren. Aber bitte, ich gab ihr den Prügel, eine alte .303 Lee Enfield. Sie schoss wie eine Wilde, verballerte meine halbe Munition, traf überhaupt nichts, wurde aber richtig blutrünstig dabei. Eine blaue Schulter behielt sie einige Tage als Andenken — und ich hatte mich weiter von ihr entfernt als je zuvor.

Ansonsten waren die Tage des Jagens und Fischens ziemlich unbeschwert, die meisten Tiere waren nur zum Einsammeln, nur die Kängurus wollten überlistet werden, was nicht ganz einfach war, weil das Bewegen im Stechgras Lärm machte und außerdem zu kleinen Verletzungen führte. Als Beispiel für diese Zeit nehme ich einen Tag aus dem Logbuch und übersetze (ich führte mein Logbuch immer in Englisch):
Mittwoch, 24. Mai 1967:

"Wir waren den ganzen Morgen damit beschäftigt, das Fleisch (einer tags zuvor geschossenen Schildkröte) aufzuschneiden, Teile davon zu kochen und rohe Stücke im Netz zum Trocknen auszulegen, wie wir es mit dem Känguru und dem Hai gemacht hatten. Ich legte ein Moskitonetz drüber, denn die Fliegen waren ziemlich lästig."

Das Schildkrötenfleisch ist wirklich großartig. Das Fett schnitten wir weg, es hatte eine grünliche Farbe, wir schnitten es in kleine Stücke und kochten es, das ergab zwei Flaschen Öl. E. macht Suppe, Steaks, Gulasch, und jetzt am Abend geben wir ein großes Stück ins Backrohr, nachdem ich mit dem Brotbacken fertig geworden bin. Wenn man die ganze Zeit nur Fisch oder Fleisch isst, wird man ganz gierig auf süße Drinks und Brot mit Butter und Honig. Vor Sonnenuntergang fuhren wir mit dem Dinghi hinaus zu der Stelle, wo ich gestern Nacht die Schildkröte geschossen hatte. Der Platz ist voll Leben mit Fischen, Rochen und zwei oder drei Schildkröten. Als wir im Mondlicht zurückruderten, kollidierten wir mit einem größeren Tier. Es schoss davon mit einem großen Splash, wobei das Wasser für 15 Meter ganz aufgewühlt und E. ganz nass wurde. Die kleinen Haie dürften ziemlich dumm sein, sie kamen bis auf drei Meter an das Dinghi heran und schossen dann davon!

Auf diese Weise verbrachten wir rund einen Monat. Zwischendurch hatten wir eines der beiden Hühner gegessen, die mir von Freunden in Fremantle lebend mitgegeben worden waren. Erstens taten sie nicht ihren Job (Eierlegen), zweitens hatte ich Sorge, dass ich später freundschaftliche Gefühle für die Tiere entwickeln könnte — man wird ja schrullig allein auf See —, so wollte ich sie zur Sicherheit vorher braten.
Unsere nördlichste Gegend war das Dampier-Land, dort erreichte mich die Nachricht, dass Pass samt Visum in Carnarvon bereitlägen, also segelten wir auf raschestem Weg wieder zurück. Elisabeth wollte nicht einsehen, dass hier Endstation war, es gab Szenen und Tränen, als ich sie in einen Bus nach Perth setzte und sie John und Juliet Spire empfahl, die an der Blinden-Passagier-Sache nicht ganz unschuldig gewesen waren.

Ab da gings einhand weiter, rund um den Erdball. Damit war Wolfgang Hausner der erste Mensch, der die Erde einhand in einem Katamaran umsegelte.

Und wie ging Hausners Leben weiter?

Die TABOO ging 4.11.1974 auf einem Riff in Neuguinea, das nicht in der Seekarte verzeichnet war, verloren. Wolfgang konnte sich mit dem Beiboot retten. Auf den Philippinen baute er sich dann einen größeren Katamaran, der ebenfalls einen Sturm nicht überlebte. Unverdrossen machte er sich an den Bau eines neuen 17 Meter langen Katamarans TABOO III, der am 16.12.79 von Stapel lief. Mit der Österreicherin Gerti, mittlerweile seine Frau, und seiner in Tahiti geborenen Tochter Vaitea umsegelte er noch einmal die Welt.

Wolfgang lebt nunmehr, meist in Südost-Asien, seit 38 Jahren auf seinem Sperrholz(!)-Katamaran. Das finanzierte er früher (!) vom Handel mit Schnecken. Hausner hat erfolgreich mehrere Bücher über sein Leben geschrieben, sein bekanntestes dürfte "taboo" mit dem knalligen Untertitel "eines Mannes Freiheit" sein, zu dem eine Besucherin eines meiner Vorträge kopfschüttelnd meinte: "Ein Buch mit so einem Untertitel kann ich doch nicht meinem Mann zu Weihnachten schenken!"

Heute nehmen Wolfgang und seine philippinische Partnerin gerne zahlende Gäste mit. Mein Tip: Wenn jemand Blauwassersegeln in seiner ursprünglichsten und ehrlichsten Form aus erster Hand erfahren möchte, ist er bei Wolfgang (schließlich dürfte Hausner der erfahrenste Blauwassersegler überhaupt sein) bestens aufgehoben - siehe www.Wolfgang-Hausner.com

Bobby Schenk

zur Home-Page

Page by Bobby Schenk,
E-Mail: mail@bobbyschenk.de
URL of this Page is: http://www.yacht.de/schenk/kn003/kroko.html

Impressum und Datenschutzerklärung