|
||||||||||||
Elektrizität an Bord - Segen oder Fluch?
von Bobby Schenk
Wer kennt sein Schiff schon in- und auswendig?
In den letzten Jahren hat sich viel im Schiffbau bewegt. Die Werften sind um einiges professioneller geworden wie noch vor einem Jahrzehnt. Hat man vor vielen Jahren irgendwelche Elektriker - oder welche, die sich einfach so nannten, mit dem Lötkolben rumbraten lassen (wie ich es in einer extrem teuren sogenannten "Edelwerft" selbst beobachten konnte), so werden heute für die Elektroinstallation Fachfirmen beauftragt, die exakt planen und nach den anerkannten Regeln des Elektrohandwerks die Installation vornehmen.
So weit so gut. Aber: Mit welchen Schiffen gehen wir denn auf Langfahrt ? Die Regel sind doch keine Neubauten aus erstklassigen Werften, ja nicht einmal aus bekannten Serienwerften. In 80 Prozent aller Fälle kaufen wir gebrauchte Schiffe oder - seltener - bauen unser Schiff selbst. Im letzten Falle wären wir noch ganz gut dran, da kennen wir die elektrische Installation wie unsere Westentasche. Aber ansonsten? Selbst, wenn wir ein nagelneues Schiff erworben haben, garantiert uns in ein paar Jahren niemand, auch wir selbst nicht, dass wir da nicht mit Pfusch im Schiffsbauch rumsegeln. Denn die Praxis sieht doch so aus: Nach einiger Zeit kommt weiteres Zubehör aufs Schiff und wenn man den Schiffshändler fragen würde, wie es mit dem Einbau steht, dann kriegt man garantiert die Antwort: "Einfach irgendwo an die 12-Volt-Leitung hinhängen!"
Die Praxis zeigt es: Das Notebook hängt bei der Navigationsbeleuchtung mit dran, schließlich ist ja nur selten eine Leitung für diesen Zweck von der Werft gelegt und auch frei. Der berühmte Zigarettenanzünder ist schon von der neuen Kühlbox belegt und das moderne Satellitenradio mit seinem sparsamen Verbrauch wurde noch an die Leitung zu den Leselampen geklemmt. In den heißen Gegenden merkt man plötzlich, dass auch ein elektrischer 12-Volt-Ventilator aus dem Autohaus nützlich wäre, worauf der sich - elektrisch - zur Kajütbeleuchtung gesellt. Jedem Ing., der mit VDI-Vorschriften groß geworden ist, würde es schlecht, wenn er Röntgenaugen hätte und durch die Rohre und den Schaumstoff durchblicken und die "Zusatzinstallation" überblicken könnte. Und uns würde auch übel, wenn wir realisieren würden, wie riskant solche Basteleien sind, auch wenn es sich nur um den so harmlosen 12-Volt-Strom handelt, wo man ja schadlos Plus und Minus in die Hand nehmen kann.
Ein Fall aus der Praxis. Da motorte eine 10 Jahre alte 42-Fuß-Segelyacht bei Flaute Richtung Hafen. Plötzlich wurde Rauch irgendwo aus einem Schrank bemerkt, in dem sich die Sicherungen befanden. Dann spielte schon der Steuerautomat verrückt und es verbreitete sich der beißende Geruch, den wir alle kennen, wenn wir mal ein Elektrogerät an die falsche Spannung angeschlossen oder die falsche Spannung gewählt hatten.
Dem Skipper war jetzt der Ernst der Lage klar, denn jeder weiß (sollte es zumindest wissen), dass ein Kabelbrand so ungefähr das Bösartigste ist, was einem das Schicksal auf einer Yacht zudenken kann. Übrigens nicht nur auf einer Yacht, man denke an das Unglück auf dem Düsseldofer Flughafen, das am 11. April 1996. Dort war es die schmelzende Isolierung, die 17 Menschen das Leben kostete.
In diesem Falle hatte der Skipper nochmals Glück. Obwohl schon die Flammen aus der Elektrik schossen, brachte er, bereits im Hafen, das Feuer gerade noch unter Kontrolle.
Was
war die Ursache für die Beinahe-Katastrophe? Es war ein ganz gewöhnlicher Ventilator, dessen Lager
gefressen hatte und, das war die Hauptursache, der von der namhaften Werft(!!)
nicht eigens abgesichert war. Eigentlich logisch. Jeder Laie hat es schon
gesehen: Auch unsere "harmlosen" 12-Volt-Batterien, die uns nicht
einmal einen Schlag, höchstens ein Prickeln versetzen können, sind immerhin so
energiereich, dass sie einen Anlasser mit mehreren Pferdestärken oder auch eine
kräftige Ankerwinde betreiben können. Oder, wenn wir die Drähte sich nur
berühren lassen, unter sprühenden Funken, das Metall der Drähte zum Schmelzen
bringen können. Wenn es nun einen Kurzschluss gibt, der nicht sofort durch das
Ansprechen von entsprechend dimensionierten Sicherungen unterbrochen wird,
entstehen so hohe Ströme, dass der Draht zu glühen und schließlich mitsamt
Umgebung unter Abtropfen der Isolierung zu brennen beginnt. Das Problem beim Löschen: Der oder die
Drähte glühen auf der ganzen Länge, der Brandherd ist nicht mehr
einzugrenzen. Fast immer ist ein Totalverlust der Yacht zur Folge, der Mann im
obigen Beispiel hat unverschämtes Glück gehabt.
Ich
werde diesen Vorfall jedenfalls auf meinem Schiff zum Anlass nehmen, die gesamte
Elektrische Installation auf solche Problemherde hin zu überprüfen. Es ist
allerdings eine Illusion, zu glauben, dass man die Forderung "pro
Verbraucher einen Stromkreis" in der Praxis durchsetzen kann. Das war
vielleicht vor 50 Jahren so, wo man allenfalls die Positions- und ein paar
Leselampen zu speisen hatte, heute finden sich schon bei mittelgroßen Yachten
ein paar Dutzend Verbraucher, die nur über Hauptleitungen mit nachfolgenden
Verteilerdosen mit Strom versorgt werden können. Und dann wird man eben die
erwähnten zugekauften Verbraucher entdecken, die alle ebenfalls separat
abzusichern sind, im äußersten Falle, ich betone: im äußersten Falle mit fliegenden
Sicherungen, also mit diesen schwarzen Röhrchen, die in der Zuleitung hängen.
Trotzdem: Viel, viel
besser als gar keine Sicherung!
Insbesondere ist eine solche Untersuchung wichtig nach einem Blitzeinschlag. In letzter Zeit haben sich Berichte über Blitzschäden gehäuft - siehe die Fälle Harlekin und Nathape. Das mag daran liegen, dass viel mehr Fahrtenyachten wie früher unterwegs sind, und deshalb auch besonders gewittergefährdete Gebiete häufiger durchfahren werden - Panama, Malacca-Sttraße und so weiter. Aus der Anzahl von Blitzeinschlägen lässt sich der vorsichtige Schluss ableiten, dass Menschen selten zu Schaden kommen, unsere heute hochspannungsempfindliche Elektronik und damit die Kabel häufig Schaden nimmt. Gerade kürzlich ist in der Straße von Singapur nach einem Blitzeinschlag eine 60-Fuß-Yacht abgebrannt.
Aber
auch, wenn scheinbar, nichts passiert ist, sollte man die elektrische Anlage
nach einem Blitzeinschlag gründlich überprüfen. Man wird unter Umständen feststellen, dass die
Isolierung von ganz ordinären Stromkabel so beschädigt ist, dass es nur noch
eine Frage der Zeit ist, bis es brennt. Auch die THALASSA hat einen Schlag
abbekommen. Aber, so hab ich damals geschrieben, außer dem Windmesser hat sich
nichts verabschiedet. Irrtum: Geraume Zeit später wollte der Motor nicht mehr
anspringen. Der Grund: Der Blitz hatte offensichtlich die Elektrik des Diesels
gestreift - siehe Pfeile. Zunächst nichts Bewegendes! Aber nach einer gewissen
Zeit verschmorte als Folge davon die Fassung des kleinen Birnchens aus der Alarmanzeige -
mit der Folge, dass der Motor erst nach der fachmännischen Reparatur und Austausch der betroffenen Teile wieder gestartet werden konnte. Die Zeiten sind
halt unwiederbringlich vorbei, wo man einen Diesel mit der Hand starten konnte.
Wo Elektrizität überflüssig war.
|
Die Lehre hieraus:
|