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BOBBY SCHENK
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Cruising - Leben auf dem Wasser


Doch, ob wir es wahrhaben wollen oder nicht, das kommt auch auf jeden von uns mal zu: Mit fortschreitendem Lebensalter fragt man sich, ob das Segeln und die damit verbundenen Unbequemlichkeiten immer noch attraktiv genug sind. Ob man gar die Freuden auf dem Wasser von einem Motorboot aus genießen sollte - ein ketzerischer Gedanke! Bei den Voigts, die zu den bekanntesten deutschen Weltumseglern zählen ( siehe hier), war es - ich plaudere aus dem Nähkästchen - Heide, die das unbequeme Seglerleben nicht mehr mitmachen wollte Was sich ja schon Jahre vorher abzeichnete. Ich zitiere Heide wortwörtlich: "Die schönste Insel ist Hamburg". Günther dagegen wollte auf das Leben auf dem Wasser keinesfalls verzichten und so kam es zwangsläufig: Die Weltumsegler Voigt wechselten die Planken. Da diese Situation vielen von uns bevorsteht, dürfte Heides erster Bericht vom Motorbootfahren recht aufschlussreich sein.


Leben nach dem Segeln - 

neues Glück auf einem Motorboot? 

von Heide Voigt

Liebe Carla und Bobby,

es ist absolut n i c h t wahr, dass Motorbootfahrer mit Seglern nichts mehr am Hut haben!

Uns geht es sehr gut. Wir genießen unser neues Spielzeug in vollen Zügen und haben auch das anfängliche Herzklopfen verloren insbesondere beim Anlegen mit dem Heck in enge Lücken verloren.

Aber der Reihe nach: Unsere Flüge nach Mallorca Ende April verlegten wir vor, weil wir noch so viel am Schiff zu tun hatten und nicht in Zeitnot geraten wollten, denn Porto di Roma war bereits für Juli, August vorbestellt und anbezahlt. Dort wollen wir unsere NUDEL direkt neben der PUSTEBLUME und deren neuen Eigner im Sommer "parken". Die letzten persönlichen Habseligkeiten müssen wir noch von Bord holen. Mehr als 1.200 kg hatten wir schon per Spedition und im Fluggepäck bei mehreren Flügen von Schiff zu Schiff befördert. 

Obwohl wir bereits im Frühling einige Wochen an Bord der NUDEL waren, um das Schiff nach unseren Vorstellungen herzurichten, hatten wir noch reichlich Arbeiten auf unserer Liste, die unbedingt vor dem Start nach Osten erledigt sein sollten. Das Schiff war, wie fast alle Motorboote, ein "Steckdosenschiff" und für den Hafen gebaut. Da wir aber meistens ankern, musste es erheblich umgestrickt werden. Dazu gehörte natürlich auch die ausführliche Beschäftigung des Skippers mit allem technischem "Kram", der teilweise neu für ihn war. Unbedingt brauchten wir auch wieder ein Amateurfunkgerät, um auf Kurzwelle Wetterkarten und Email empfangen zu können. Also puzzelte jeder von uns mehr oder weniger still vor sich hin. Für Sightseeing nahmen wir uns keine Zeit. Erst als unsere italienischen Nachbarn uns für 3 Tage besuchten, fuhren wir gemeinsam über die immer wieder wunderschöne Insel. Auf eine Ausfahrt per Boot mit ihnen verzichteten wir allerdings vorsichtshalber, weil wir An- und Ablegen lieber erst allein üben wollten, denn so ein Motorboot fährt sich total anders als ein Segelboot. Aber sie genossen den Aufenthalt auf unserem "Palazzo" (O-Ton von Angela) trotzdem sehr. 

Trotz der gleichen Länge wie unsere PUSTBLUME, nämlich 48 Fuß (= 14,75 m), haben wir jetzt eben erheblich mehr Lebensraum auf drei Etagen. Der Salon mit völligem Rundum-Blick ohne U-Boot-Gefühl ist gerade im Frühling und Herbst für uns wichtig, wenn das Sitzen oben auf der Flybridge oder hinten draußen im Cokpit zu kühl ist. Wir schließen die achteren Schiebetüren, schmeißen notfalls die Heizung an, haben es schön hell und kriegen trotzdem alles um uns herum mit. Allen, die sich in warmen tropischen Gefilden befinden, ist dieses Gefühl sicher fremd, weil man dort ja sowieso nur draußen wohnt. Aber im Revier Mittelmeer ist das anders. Da können die Nordwinde im Frühling und Herbst einen ganz schön zum Frösteln bringen, auch wenn die Sonne dazu scheint. Eine Windschutzpersennig für die Vorderseite der Flybridge beim Ankern steht deshalb schon auf der Wunschliste.

Unseren ersten Törn begannen wir am Muttertag bei absolut idealen Motorboot-Bedingungen, also völlig glattem Wasser, keinem Wind, Sonne und sommerlichen Temperaturen. Wir fühlten uns so richtig gut oben auf der Fly und - zumindest ich - sah etwas mitleidig auf die aus der Bucht von Palma motorenden Segler herab. Hatten wir es gut !!! Freuten wir uns früher immer über Wind, so wünschen wir uns jetzt möglichst Flaute und ruhige See. Die sollten wir auch noch eine Weile genießen können, als wir die Westküste im Windschatten der Insel nach Norden fuhren. 

Schlagartig aber begann an der Nordwestküste eine elendige Rollerei: Wind von achtern, Schwell von backbord vorn. Schluss mit lustig! Das Schiff rollte teilweise so stark hin und her, dass der Kühlschrankinhalt beim Öffnen vor mir auf den Fußboden rutschte. Ich hätte 10 Arme gebraucht, um alles zurück zu stopfen. Während ich fluchend gegen Käse-, Butter- und Wurstdosen kämpfte, öffneten sich plötzlich ganz unmotiviert neben mir unser Geschirrschrank und die Besteckschublade. 

Mein Schrei holte den Skipper gerade noch rechtzeitig zur Hilfe, um größeres Unheil zu vermeiden. Dafür kullerten nun auch meine schönen Kerzen und Blumen vom Schrank und brachten neue Dellen in den Teakfußboden. Der Blick des Skippers hätte töten können..... Nach 60 sm dann am ruhigen Ankerplatz auf der anderen Seite der Insel, am Kap Formentor, sahen wir uns erst einmal an und fragten ganz ehrlich, ob das wohl wirklich die richtige Entscheidung war, mit dem Segeln aufzuhören. Aber Günther wäre nicht mein Schnuper, wenn er nicht sofort begonnen hätte, Verbesserungen anzubringen. Die Schublade ist nun gesichert. Der Kühlschrank hat Schlingerleisten. Meine Vorratsdosen kann ich mit einer schnell einsteckbaren Leiste festsetzen. Alles Dekorative ist mit Spezialknete (von Bostik) festgeklebt oder muss weggeräumt werden. Das hätte ich sowieso wissen müssen, denn in 35 Jahren Segelei war mir das eigentlich in Fleisch und Blut übergegangen. - Geblieben sind die andersartigen kürzeren Rollbewegungen beim Fahren, an die wir uns gewöhnen müssen. Und die Tatsache, dass wir erst rausfahren, wenn die Segler lieber bleiben, also bei wenig Wind. Aber wir haben jetzt auch einen anderen Anspruch an unser Boot: Wir wollen ein Wohnschiff, also eine kleine, bewegliche "Gartenlaube", die wir von Ort zu Ort schippern können, wenn wir andere Umgebung brauchen. Und das dann bitte möglichst bequem.

Glücklicherweise ist das Grundkonzept des Bootes für uns ganz ideal. Zwei Seitengänge beschatten stets den Salon, so dass es bisher noch nie zu warm war. Außerdem haben wir reichlich Türen und Fenster zum Öffnen. Der Durchzug ist häufig schon fast zu kühl. Wir schlafen in einer ausreichend großen Kabine im Vorschiff, haben 4 große Bullaugen zum Öffnen und sehen durch eine Decksluke aus dem Bett den Sternenhimmel, was mir sehr wichtig war, denn das war auf der PUSTEBLUME schon immer so schön.

 
Als ganz großen Komfort empfinde ich eine richtige Duschkabine mit Schiebetüren, die ich besonders genieße, wenn wir nicht draußen duschen können, was ja nicht immer geht. An die kleinere Pantry habe ich mich auch schon gewöhnt.

Dafür hat mein Schnuper jetzt einen Motorraum mit Stehhöhe, der wunderbar überschaubar ist. Auf der Fly können wir Liegestühle aufstellen, wenn "Oma und Opa" mal ausruhen möchten. Und nun endlich nach so vielen Jahren haben wir auch kein festes Beiboot mehr sondern ein Schlauchboot (das ich mir schon so lange gewünscht hatte) mit einem starken 15-PS-YAMAHA, als Zugeständnis für den Skipper zum schnellen Gleiten, was aber auch mir inzwischen Spaß macht. Mit der Gangway als Kran (hebt 400 kg) ist das Boot blitzschnell ins Wasser zu setzen. Es muss auf  See nicht einmal verzurrt werden, sondern wird einfach mit der Gangway fest in den Bock auf der Badeplattform gedrückt.

Viele Ausführungsarbeiten der spanischen Werft sind allerdings mit unseren Ansprüchen nach 12 Jahren auf PUSTEBLUME eher als mangelhaft zu bezeichnen - welch Glück für Günther, denn nun hat er wieder eine ganz lange Liste mit ERLEDIGEN, die er zu seiner Zufriedenheit abarbeiten kann. Da wird so schnell keine Langeweile aufkommen. Und für ihn nicht so wichtige Dinge werden an das Ende der Liste gesetzt. So funktioniert zum Beispiel unsere Funkantenne noch nicht perfekt. Sie schickt zu viel Hochfrequenz in unseren Laptop und lässt ihn manchmal beim Senden abstürzen, weshalb wir auch noch nichts mit winlink werden und E-Mails über Handy und Frankfurt versenden bzw. auslesen. Aber irgendwann ist dieses Problem auch gelöst. Noch geht es so, wenn auch teurer.

Am Kap Formentor ankerten wir einige Tage wunderschön und mussten uns erst einmal an die neuen Geräusche gewöhnen, die ein Motorboot macht. Dazu gehört das typische Glucksen wegen der Aufkimmung (Halbgleiter!) am Bug. Wir erlebten an einem Vormittag ein riesiges Aufgebot an Sicherheitspolizei, Speedbooten und Hubschraubern, als direkt vor uns der spanische Kronprinz nebst Gattin anlässlich eines offiziellen Besuches der Insel mit einem Hubschrauber abgesetzt wurde. Und wir fühlten uns oben auf der Fly wie bei der ARD: Immer in der ersten Reihe.

Wir motoren immer ziemlich verhalten mit nur 8 kn, wofür wir knapp 18 l Diesel pro Stunde verbrauchen. Unsere zwei Brummis mit je 318 PS könnten uns auch doppelt so schnell voran bringen, schlucken dann aber 70 l. Die wenigen Meilen nach Mahon/Menorca bewältigten wir ohne besondere Vorkommnisse und mit schon weit weniger Herzklopfen. Erheblich mehr Bammel hatte ich da schon vor unserer ersten Nachtfahrt von 183 sm nach Alghero/Sardinien. Meinen Chef allerdings berührte mehr der Gedanke an das Anlegemanöver in der Marina dort. Aber alles klappte prima. Ich hatte Nudelsalat vorbereitet, weil man auf einem Motorboot auf See nicht kochen kann, denn wir kochen nun elektrisch und ohne Topfhalter und Halbkardanik ("Steckdosenschiff" eben). Die See war freundlicherweise sehr ruhig. Das bisschen Wind kam von achtern. Es paßte alles so gut, daß jeder von uns sogar eine kleine Mütze voll Schlaf bekam. Geschlafen wird auf dem Sofa im Salon, denn richtige Seekojen gibt es natürlich auch nicht. Ganze zwei Schiffe begegneten uns in weitem Abstand. Das Radar mit großer Antenne, die man auf Segelbooten unserer Größe kaum unterbringt, lieferte hervorragende Bilder. 

Und dann waren wir nach 25 Stunden schon auf Sardinien. Alghero ist zauberhaft. In einer kleinen privaten Marina lagen wir sehr preiswert und ruhig. Das Wetter war ideal für uns, tagsüber sonnig warm, nachts schön kühl zum entspannten Schlafen. Wir waren so richtig happy, obwohl das Wetter zum ersten Mal auch für 2 Tage richtig mies war. 

Mit uralten Freunden noch aus der Schulzeit, die schon zweimal vor 30 Jahren auf unserem ersten Boot von nur 8,50 m in der Ostsee mitgesegelt waren, verbrachten wir die nächsten 14 Tage in den an der Nordost-Küste Sardiniens und auf den Maddalenen Inseln im Nordosten. Das Wasser ist überall kristallklar. Aber auch dessen "arktische" Temperaturen von manchmal nur 16° hielten uns nicht vom täglichen Schwimmen ab. Nur der Skipper verweigerte sich energisch und dachte zum ersten Mal sehnsüchtig an die Karibik zurück. Aber wir planschten ihm was vor und genossen aus vollen Zügen noch recht leere Ankerplätze, gut geschützte Buchten und schöne Strände. Die Saison ist hier auf Sardinien so eng begrenzt auf Ende Juli und August, dass wir uns immer wieder fragten, wie Restaurants, Marinas und Hotels überhaupt auf ihre Kosten kommen können. Aber in den 1 1/2 Monaten dann ist wirklich der Bär los. Einen Platz in einer Marina zu kriegen ist fast aussichtslos und erfordert eine Anmeldezeit von einem Jahr vorher. Porto Cervo würde dann von uns 350 € pro Nacht fordern. Aber wir sind dann sowieso in Rom, denn dort ist Platz, weil die Römer auf Sardinien sind. Ist das nicht einfach?

Mit einem Mietauto sind wir natürlich auch über die wunderschöne Insel gefahren, wie schon 1994, als wir das erste Mal hier waren. Die Insel ist aber so groß, dass man immer nur einen Teil erkunden kann. Diese Zeit jetzt ist ein Blütentraum: Hecken von Oleander, Bouganville, Ginster. Die Macchia und auch viel Mohn blühen und duften. Man kann sich nicht satt sehen und kommt aus dem Staunen nicht heraus. Dazu fährt man auf hervorragend (sicher mit EU Mitteln) ausgebauten leeren Straßen. Selbst die kleinsten und kaum befahrenen sind hervorragend. Und wer sich auch kulturellen Sehenswürdigkeiten nicht verschließen will, ist hier richtig, denn überall an prägnanten Stellen haben die jeweiligen Besetzer der letzten 4.000 Jahre Ruinen hinterlassen, die teilweise liebevoll restauriert wurden und damit uns Beschauern das Verstehen erleichtern. Es ist eine wundervolle Insel für alle, die mobil etwas erkunden möchten, vor allem im Mai und Juni.

Wir haben jetzt noch einige Tage allein, die wir am Anker in einer der unzähligen gut geschützten Buchten im Nordosten der Insel verbringen,  bevor wir die 130 sm nach Rom angehen. Ab Ende Juni sind wir bis Anfang September in Hamburg, um Nachschub an Teilen für wünschenswerte Verbesserungen zu holen und den Norddeutschen Sommer zu genießen. 
Seid ganz herzlich gegrüßt von uns hier von Bord und versichert, dass es uns sehr gut geht - jetzt bei unserem Leben nach dem Segeln.

Eure
Heide und Günther




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