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Platz für das Beiboot!
von Bobby Schenk
Keine Langfahrtyacht ohne Dhingy
Wenn eine neue Yacht für eine Langfahrt angeschafft wird, spielt bei der Planung das Beiboot kaum eine Rolle. Und doch, das Dhingy, der Tender, ist einer der wichtigsten Ausrüstungsgegenstände beim Blauwassersegeln überhaupt. Ein Ankerplatz, 500 Meter von der einzigen Anlegestelle entfernt, ist durchaus nichts Außergewöhnliches. Auch nicht, dass dort ein Tidenhub von zwei Meter herrscht, der dazu führt, dass das Beiboot ein paar hundert Meter landeinwärts gezerrt werden muss, oder bei Rückkehr eben hoch und trocken liegt. Stellen wir uns weiter vor, dass in letzter Zeit einzelne Beiboote des Nachts verschwunden sind und dass gelegentlich heftige Regenfälle manches Gummidhingy randvoll aufgefüllt haben. Und, dass wir uns auf diesem Ankerplatz gleich ein paar Wochen aufhalten, weil dort die Einkaufsmöglichkeiten an Land doch sehr überzeugend sind.

Und jetzt bitte mal plastisch nachdenken, welches Beiboot sich dort am besten bewährt:
es ist "seetüchtig" auch bei leichtem Wellenschlag
mit Außenborder kommt es ins Gleiten
es ist bequem an Bord zu nehmen
es ist für zwei Personen plus Einkauf tragfähig
es kann über Fels und Korallen landeinwärts geschleift werden
es säuft nicht ab, wenn es volläuft
es ist so sonnentauglich, dass ihm UV-Licht nichts anhaben kann
es ist leicht zu manövrieren
es ist leicht und platzsparend zu verstauen
Der Leser ahnt es: So ein Beiboot gibt es nicht. Ja, mehr noch, die einzelnen Wunscheigenschaften schließen sich zu Teil gegenseitig aus. Das Resultat in der Praxis ist, dass viele Eigner nach immer besseren Seeeigenschaften und mehr Stabilität suchen, bis sie dann bei einem Wunschboot gelandet sind, das meist so pompös geworden ist, sodass es kaum noch einen guten Platz an Bord hat.
Um es vorweg zu nehmen: Es kann hier keine Ideallösung angeboten werden. Der Leser mag sich gut überlegen, mit welchen Nachteilen er sich am besten arrangieren kann.
Die Suche nach dem idealen Beiboot beginnt meist mit der Schlauchbootlüge. Danach ist ja der Hauptvorteil des Schlauchbootes die leichte Staubarkeit. Zusammengelegt - versteht sich! Nur habe ich ein zusammengelegtes Schlauchboot noch nie gesehen. Einmal aufgebaut fristet es sein Dasein meist ziemlich aufgeblasen. Der Grund ist einleuchtend: Ein Schlauchboot soll nur im trockenen und salzfreien Zustand weggestaut werden - eine recht praxisfremde Forderung. Außerdem ist das "Aufbauen" eines Schlauchbootes so arbeitsintensiv, dass man sich das gerne erspart und das Schlaucherl (wie unsere österreichischen Nachbarn es gern nennen) im natürlichen Zustand gleich beläßt - für alle Zeiten.
Hinzu kommt, dass Schlauchboote aus europäischer Fertigung um Dauerbetrieb(!) häufig enttäuschen das Caribe (ein Schlauchboot aus venezolanischer Produktion) gerade dabei ist, sich zum Standard unter den Schlauch-(Bei-)Booten auf den internationalen Ankerplätzen mausert.
Gerade eben ist ein Mail von einem Freund und Amel-Eigner hier eingetrudelt. Er schreibt:
"Wir haben in Trinidad unser altes/neues XXX-Dinghy verkauft und eines von Venezuela (2.90m) gekauft. Was für ein Unterschied ... Dinghy ist - auch bei gleicher Länge - nicht gleich Dinghy. Diese Europäischen XXXs sind einfach "dumme Schläuche". Obwohl schwerer und breiter, gleiten wir beide mit demselben 8PS Motor ohne Probleme und bei jedem Wetter."
Es
soll aber nicht verschwiegen werden, dass diese nunmehr überaus beliebten und
verbreiteten Beiboote ihre guten Gleiteigenschaften dem Umstand zu verdanken
haben, dass sie einen festen Boden benutzen und damit also noch sperriger, als
es Schlauchboote dieser Größe ohnehin sind. Sie können also nicht mal mehr
theoretisch in die Backskiste gepackt werden. Der Eigner auf dem Foto ist also
von den Vorteilen dieses Beiboots so überzeugt, dass er es in Kauf nimmt, sein
Beiboot ständig wie einen Fremdkörper an Deck spazieren zu fahren.
Ganz eindeutig: Er hat sich verkauft!
Bei der Wahl seiner Yacht.
Dass man ein Beiboot auf hoher See, auch nicht auf kurzen Strecken wie einen müden Hund an der Leine nicht hinten nachzerrt, versteht sich eigentlich von selbst. Auch nicht für ein paar Meilen. Jedes Mal, wenn ich mir das Zusammenklappen meines Beibootes (großes Banana-Boot) ersparen wollte, ist es schief gegangen, also es ist unrechter Wind aufgekommen und ich war dann eben gezwungen, noch unterwegs das Beiboot an Deck zu nehmen, um es dann zusammenzulegen. Nur eben viel unbequemer als noch am Ankerplatz und nahe an der Seekrankheit!
Man soll es nicht glauben: Ein amerikanischer
Yachtsmann, der ebenfalls die Mär von der leichten Staubarkeit eines
Schlauchbootes geglaubt hatte, beschloss nach den seinen ersten Erfahrungen, das
Schlauchboot standardmäßig auch übers offene Meer zu schleppen. Auf dem Weg
nach Süden zu den Antillen ging das noch gut, aber bei der Weiter
fahrt
über die Karibik passierte es dann: Das Beiboot war im Morgengrauen nicht mehr
da. Denn kein Festmacher, beziehungsweise dessen Fitting am Gummiboot,
kann den Belastungen standhalten, wenn sich beispielsweise das Boot unterwegs
mit Wasser füllt. Diesen Nachteil vermeidet
ein "Nachschleppen" der ganz eigenen Art. Ein deutscher (und
erfahrener) Langfahrtsegler praktiziert das mit seinem Schlauchboot und seiner
kleinen Yacht. Er nimmt das relativ übergroße Schlaucherl unterwegs,
jedenfalls über kürzere Strecken, so halb aufs achterliche Deck und vermeidet
damit die Gefahr des Vollschlagens.
Eine "schöne" Lösung ist das aber nicht, eher aus der Not des kleinen Schiffes geboren. Wenn Beiboot zur Yacht in einem vernünftigen Größenverhältnic stehen, wird es immer heißen: "Wohin mit dem Dhingy?"
Aber, viele Möglichkeiten gibt es nicht, nicht mal theoretisch:
zusammengelegt in der Backskiste
an einem Fall auf der Seite außenbords
zusammengeklappt an der Reling
auf dem Deck
in den Davids
Fall
eins hatten wir schon. Fall 2 ist gar nicht so selten, wie man meinen sollte.
Zumindest auf Ankerplätzen, auf denen gerne Beiboote "verschwinden" -
und das werden leider immer mehr - ist dies eine sehr verbreitete Methode, das
Beiboot einerseits (fast) diebstahlssicher aufzubewahren, andererseits sich das
tägliche Wegstauen zu ersparen. Aber, es kann, jedenfalls auf keiner Yacht, die
Lage schiebt, unterwegs praktiziert werden. Fall 3 - an der Reeling -
funktioniert nur bei Klappbooten, wie dem Banana-Boot (mein Favorit).
Der
häufigste Fall ist der Transport des Beiboots im umgedrehten Zustand auf dem
Deck. Und dies ist, wenn das Mutterschiff nicht allzu klein, der Tender nicht zu
groß ist, nicht mal eine schlechte Lösung. Aber es bleibt ein Kompromiss. Denn
meist werden dabei Luken, Lüfter und Lichtspender, gelegentlich auch die
Rettungsinsel abgedeckt. Dass sich auch der Windwiderstand erheblich durch
die erhöhten "Aufbauten" verstärkt, spielt in Praxis keine große
Rolle. Eher schon, dass meist der Baumniederholer im Weg ist.
Wenn
man es vor dem Mast fährt, wird garantiert die Arbeit auf dem Vorschiff
behindert. Und außerdem: Der Eigner der schnittigen Flushdeckyacht (Bild oben)
hat sich die Silhouette seines Schiffes, die ihn ja wahrscheinlich zum Kauf des
Schiffes verführt hat, ursprünglich sicher anders vorgestellt.
Bleibt die Möglichkeit, das Beiboot in Davits zu fahren. Diese Lösung ist am Ankerplatz am bestechendsten und ich würde sie auch bevorzugen, wenn ich mich vornehmlich in einem Revier aufhalte, wo man nur gelegentlich größere Schläge übers Wasser macht, jedenfalls davon ausgehen kann, dass das Meer in der Urlaubszeit friedlich ist (Türkei!). Denn auch hier besteht ansonsten die Gefahr des Vollschlagens des Beibootes durch ein nachfolgende See. Kommt selten vor, aber wenn, dann ist das Beiboot extrem gefährdet, die Davits sowieso. Und übers Aussehen lässt sich bei Davits ebenso trefflich streiten. Aber letzteres spielt heute kaum noch eine ernsthafte Rolle, denn unsere Yachten sind ja ohnehin durch durch Radar, Windgeneratoren, "Gerätemast", Überschlagsbügel und so weiter aufs hässlichste entstellt.
Bei
Katamaranen, bei denen sich Davits fast aufdrängen, gibt es ein weiteres
Problem. Die Länge des Beibootes wird durch die "Enge" der beiden
Rümpfe zueinander begrenzt, sodass ein entsprechend großes Dhingy keinen Platz
hat. Ein Kompromiss ist ein Beiboot mit Jet-Antrieb, bei dem man sich zumindest
den überstehenden Außenborder erspart. Vor dieser Lösung wird ausdrücklich
gewarnt. Nach den Erfahrungsberichten vieler Eigner eignet sich so ein
Jetantrieb wegen der schlechten Manövrierbarkeit des Tenders bei Langsamfahrt
überhaupt nicht.
Der Hauptnachteil der Davits-Lösung aber ist die Tatsache, dass man dann keine Windsteueranlage mehr fahren kann. Und diesen Nachteil würde ich auf einer Blauwasseryacht niemals hinnehmen.
Dass das Platzproblems fürs Beiboot problematisch ist, beweist schon die Tatsache, dass auch von den Werften hierzu keine brauchbare Lösung angeboten wird, wenn man mal von den Tender-Garagen auf den 30-Meter-Yachten absieht. Mehr noch, die allermeisten Werften bieten überhaupt keine Lösung an. Und wenn sie dem Kunden ein Beiboot mit dem notwendigen Außenborder andrehen, dann findet sich bei der Schiffabnahme der Außenborder, kein Problem, an der einfach zu montierenden Relinghalterung wieder und das Schlauchboot - schön verpackt in der Backskiste. Dass Werften "unserer" Yachten eigene Beiboote erst gar nicht anbieten, versteht sich von selbst, denn wie man an der Vielzahl der Beiboot-Typen ersehen kann, ist die Spezialindustrie von einer Ideallösung noch sehr weit entfernt. So kann ich dem potentiellen Schiffskäufer eigentlich nur folgenden Rat geben: Die Wichtigkeit des Dhingys beim Langfahrtsegeln kann gar nicht hoch genug eingestuft werden. Er möge deshalb seine Wahl des "idealen" Beibootes treffen und erst danach sich für eine hierfür geeignete Yacht entscheiden!
